HOME

Was macht eigentlich...: Georg Leber

Der SPD-Politiker absolvierte eine sozialdemokratische Bilderbuchkarriere: vom Maurer zum Bundesminister. Erfolgreich war er auch als Schlichter im Tarifstreit

Zur Person:

Georg Leber in seinem Haus in Schönau am Königsee. In einem Nebengebäude hat sich der Hobby-Maler ein Atelier eingerichtet. Leber, Jahrgang 1920, ist in zweiter Ehe verheiratet. Von 1957 bis 1983 Mitglied des Deutschen Bundestages, diente er drei Kanzlern als Minister: Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und zuletzt ab 1974 Helmut Schmidt.Als Verteidigungsminister setzte er durch sein Engagement für die Truppe Maßstäbe. Leber wurde "Soldatenvater" genannt. 1978 stolperte er über eine Abhöraffäre des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und trat zurück.

Das Interview mit Georg Leber führte Klaus Wirtgen.

Früher sind Sie auf den Watzmann gestiegen und haben dabei den Müll der Touristen aufgelesen. Was machen Sie mit 83?

Bergsteigen jedenfalls nicht mehr. Das halten die Knie nicht aus. Dafür male ich heute noch mehr als früher und schreibe mir immer wieder Erinnerungen auf.

Das klingt nach Askese.

Nein, ich lebe ganz normal. Abends ein Bier, mal ein Zigarillo. Ich halte jedes Jahr die Fastentage ein, nicht aus religiösen Gründen, sondern um mir zu beweisen, dass ich nicht rauchen und trinken muss. Und außerdem reise ich gelegentlich nach Berlin.

Die Politik lässt Sie nicht los?

Politisches Denken hört ja im Alter nicht auf.

Sie waren Verkehrs- und Verteidigungsminister unter den Kanzlern Kiesinger, Brandt und Schmidt - und immer ein großer Freund Amerikas, auch des jetzigen Verteidigungsministers. Hat Donald Rumsfelds Rolle im Irak-Krieg die alte Freundschaft getrübt?

Nein, echte Freundschaften haben andere Spielregeln. Und es ist wohl nicht schädlich für Deutschland, wenn jemand wie ich, der über manche Freundschaft verfügt, den Telefonhörer nehmen und sagen kann: "Hallo Don, wie geht's? Ich möchte gerne mit dir etwas bereden."

Gab es nach Ausbruch der Irak-Krise diesen Kontakt?

Ja. Und ich kann Ihnen verraten, dass mein guter Kontakt dazu beigetragen hat, dass Verteidigungsminister Peter Struck im November 2002, auf dem Höhepunkt der Missfälligkeiten, von Rumsfeld freundschaftlich empfangen worden ist.

Sie waren bis 1966 der mächtige Chef der Baugewerkschaft, haben später einen der härtesten Metall-Tarifkämpfe geschlichtet. Dabei wurde mit 38,5 Stunden der Einstieg in die 35-Stunden-Woche vereinbart. Wie empfinden Sie den Streit um die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich?

Das ist so nicht zumutbar. Nur wenn sich alle Vorstände an einem solchen Prozess beteiligten, würde ich die Lohnkürzung auch den Arbeitnehmern zumuten.

Wie beurteilen Sie als ehemaliger Verkehrsminister die Toll-Collect-Pleite und die neuen Maut-Pläne?

Wir haben damals Autobahngebühren verworfen, weil unsere Straßen mit dem Geld der Steuerzahler gebaut wurden. Also darf der Staat dem Bürger nicht ein zweites Mal Geld abnehmen. Frankreich und Italien haben ihre Autobahnen anders als über Schulden finanziert.

Als Verteidigungsminister haben Sie den Bau des "Jäger 90" eingefädelt, heute "Eurofighter" genannt. Haben Sie Mitleid mit Finanzminister Hans Eichel?

Ich leide mit ihm. Aber der "Jäger 90" ist weder von mir erfunden noch eingefädelt worden. Ich habe meine Zweifel, ob wir unter den heutigen Bedingungen den Vogel in dieser Stückzahl brauchen. In Auftrag gegeben hat ihn übrigens Volker Rühe, von dem ich weiß, dass er ihn nie gewollt hat. Der größte Druck ging von Finanzminister Theo Waigel aus. Hinter dem stand die deutsche Industrie.

Zurzeit haben Filme und Biografien über Willy Brandt Hochkonjunktur. Die Erinnerung an Günter Guillaume, den DDR-Spion, ist wieder wach geworden. Sie hatten Guillaume ans Kanzleramt empfohlen. Hat das Ihr Verhältnis zu Brandt belastet?

Ein klares Nein. Wir blieben Freunde. Beeindruckt hat mich Brandts Reaktion nach dem Rücktritt. Er sorgte sich damals um den Sohn der Guillaumes, Pierre. Das Kind streunte herum, nachdem seine Eltern inhaftiert worden waren. Dass Brandt nach der Erschütterung dazu fähig war, zeigte seine großartige Menschlichkeit.

print