Was macht eigentlich... Michael Hahn


Drei Tage vor der Bundestagswahl 2002 berichtete der Journalist im "Schwäbischen Tagblatt" über den Bush-Hitlervergleich der damaligen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD)

Drei Tage vor der Bundestagswahl 2002 berichtete der Journalist im "Schwäbischen Tagblatt" über den Bush-Hitlervergleich der damaligen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD)

Zur Person:

Der 41-jährige Journalist studierte in Washington Politologie, er reist noch heute einmal im Jahr in die USA, ein Land, das ihn "gleichzeitig fasziniert und abstößt". Darunter: Herta Däubler-Gmelin, "Noch"-Bundesjustizministerin, vor der Bundespressekonferenz am 20. September 2002 in Erklärungsnot

Ein halbes Jahr danach - ist das Hochgefühl über den Coup noch da?

So habe ich das nie empfunden. Ich war ja nicht Herta Däubler-Gmelins Gegenspieler - das war die CDU-Kandidatin im Wahlkreis Tübingen. Ich bin Journalist, der beobachtet, beschreibt, zitiert ...

... und damit den Rücktritt eines Regierungsmitglieds veranlasst hat.

Das war nicht absehbar: Der Fall begann als normaler Wahlkampftermin der Ministerin mit 30 Gewerkschaftern in einer Gaststätte. Ich hatte eine kontroverse Diskussion über die rot-grüne Steuerpolitik erwartet und dafür Platz auf der Wirtschaftsseite freigehalten. Ich dachte, ich geh vormittags hin, bringe die Sache am Mittag schnell in den Kasten und habe einen frühen Feierabend.

Zwei Tage später kannte auch US-Präsident George W. Bush die Frau mit dem Doppelnamen. Ahnten Sie, welche Kreise das ziehen würde?

Ich habe sechs Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt, davon drei Jahre Politologie in Washington studiert. Daher war mir klar, wie sensibel die Amerikaner reagieren würden.

Ihr Artikel stand am Anfang vom Ende einer wunderbaren Freundschaft ...

Abgesehen von einer kurzen Phase der "uneingeschränkten Solidarität" gibt es doch schon länger Spannungen - unter anderem wegen des Iraks, wegen Stahlimportquoten oder des Internationalen Gerichtshofs. Was Däubler-Gmelin gesagt hat, war nur die verschärfte Stammtischvariante.

Was hielten Sie selbst von Däubler-Gmelins Bush-Kritik?

Vieles an der US-Politik ist auch mir zuwider. Aber die Gleichsetzung mit "Hitlers Methoden" ist einfach falsch, das weiß auch eine Professorin wie Däubler-Gmelin. Außerdem ist so eine Gleichsetzung empörend, weil sie die deutsche Geschichte verharmlost.

Däubler-Gmelin will nicht gewusst haben, dass ein Journalist anwesend war.

Damit will sie anscheinend sagen, dass man als Politiker im Hinterzimmer dummes Zeug reden kann, solange keine Presse dabei ist.

Sind Sie Frau Däubler-Gmelin seither begegnet?

Nein. Wir berichten, wenn sie hier im Wahlkreis auftritt, aber als Wirtschaftsredakteur bin ich dafür normalerweise nicht zuständig. Letztlich hat sie mir Leid getan, wie sie sich mit ihrem katastrophalen Krisenmanagement selbst um Kopf und Kragen gebracht hat: Zuerst hat sie wider besseres Wissen dementiert, dann relativiert ...

... und Sie und Ihren Chef als Provinzjournalisten hingestellt. Getroffen?

Nein. Außerdem schreibe ich auch für andere Medien über die deutsch-amerikanischen Beziehungen oder die US-Außenpolitik.

Wie waren die Reaktionen in Tübingen?

Das Thema war Stadtgespräch. Es gab sehr viele Leserbriefe. Von Kollegen kamen nur lobende Reaktionen, von Nicht-Journalisten solche und solche - auch ein paar Beschimpfungen und anonyme E-Mails.

Und wenn Sie jetzt Ihre Arbeit machen, heißt es: Maul halten, der Hahn hört mit?

Selten, und wenn, dann im Spaß. Das Thema ist durch.

Bekamen Sie eine Gehaltserhöhung?

Nein, aber während der turbulenten Tage viel Schokolade als Stressnahrung und leider auch viele Zigaretten.

Interview: Stefan Scheytt

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