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Kommentar Wir hätten gern das Gleiche wie die Männer, bitte!

Demo Weltfrauentag
Immer wieder die gleichen Debatten: Seit 1921 gehen Frauen am 8. März weltweit auf die Straße und kämpfen für Gleichberechtigung
© Marcus Golejewski/Geisler-Fotopress/ / Picture Alliance
Die Forderungen sind eigentlich so simpel: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gleiche Machtverteilung in Parlamenten und Unternehmen. Schutz von Frauen gegen Sexismus und Gewalt. Ist denn das wirklich so schwer?

Eine junge Frau, zwei Kinder, steigt zur Spitzenpolitikerin auf. Sie traut sich höchste Regierungsmacht zu, reklamiert Kompetenz in Wirtschaft und Außenpolitik. Sie deutet die Welt, wie es ihr gefällt. Im Netz schlägt ihr brutalster Frauenhass entgegen, wie ihn wohl kaum eine deutsche Politikerin aushalten musste. Lügen über sie werden hunderttausendfach geteilt, ein gefälschtes Nacktbild macht die Runde. Ihre Partei muss ein Team aufstellen, das die schlimmsten Fake News abwehren soll. Sie bekommt Personenschutz. Die Frau heißt Annalena Baerbock. Das Jahr ist 2021.

Echt jetzt? Wann immer eine Frau einen öffentlichen Platz besetzt, der Männern vorbehalten schien, bricht heißer Zorn los, feuert das quicklebendige Patriarchat aus allen Rohren. Sofort zurück in deine Ecke, Abweichlerin! So war es immer, so wird es bleiben bis in alle Ekelhaftigkeit, Amen. Wirklich?

Es stimmt ja leider: Die gesellschaftliche und ganz alltägliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen ist in Deutschland nicht erreicht. Vielen, die sich seit Jahrzehnten dafür einsetzen, kommen die Debatten von heute wie die Debatten von gestern und vorgestern vor. Wir hätten gern das Gleiche wie die Männer, bitte! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gleiche Machtverteilung in Parlamenten und Unternehmen. Schutz von Frauen gegen Sexismus und Gewalt. Ach, sagen dann die reiferen Frauen unter uns. Das hatten wir doch alles schon! Ja, hatten wir. Und, das muss man sagen, es ging durchaus gut voran, seit unsere Mütter und Großmütter ab den 1970ern dafür sorgten, dass Tempo und Tiefe des Wandels deutlich anzogen.

Es gibt noch so viel zu tun

Wer die Menge an Mut, Schweiß und Tränen ermessen will, die Politikerinnen für diese vielen kleinen Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung aufgebracht haben, muss die Dokumentation "Die Unbeugsamen" sehen, die im August ins Kino kommt. Der Film porträtiert die Pionierinnen der Bonner Republik, quer durch alle Parteien. Rita Süssmuth (CDU), Herta Däubler-Gmelin und Renate Schmidt (SPD), die CSU-Abgeordnete Ursula Männle, die Grünen Christa Nickels und Petra Kelly. Wer, wie ich, in den Achtzigern noch nicht fernsehen durfte und die ungeheuerlichen Szenen noch nie gesehen hat, reißt vor Entsetzen die Augen auf: Da darf Heiner Geißler, damals CDU-Bundesgesundheitsminister, feixend in den Parlamentssaal sagen: "Wir haben nichts gegen alte Frauen, wir haben auch nichts gegen junge Frauen; Sie schauen sich ja zum Teil ganz passabel an!" Die Abgeordneten hatten Wetten laufen, ob eine Rednerin am Pult einen BH trug oder nicht; das Spiel bestand darin, ihr auf dem Rückweg über den Rücken zu streichen. Alle Frauen, die in der Doku zu Wort kommen, hatten ihre #MeToo-Momente.

Alice Schwarzer über stern-Aktion von damals: "In 50 Jahren hat sich nichts Entscheidendes geändert"

Am Ende des Films blickt eine würdevoll ergraute Ursula Männle, CSU, 77, durch ein gigantisches Fenster des Bonner Rheinhotels Dreesen auf den träge strömenden Rhein. "Es braucht halt alles seine Zeit, weil es ein Kampf um Macht ist. Natürlich haben Männer dabei etwas zu verlieren", sagt sie. "Wir müssen aber deutlich machen, dass es besser ist, wenn beide, Frauen und Männer, gemeinsam etwas tun. Dieses Bewusstsein ist schwer einzupflanzen. Vielleicht schaffen wir’s in den nächsten 25 Jahren."

Womöglich hat sie damit leider recht. Frauen haben in den vergangenen 50 Jahren mehr erreicht als je zuvor. Und doch gibt es noch so viel zu tun: Die jüngst zurückgetretene Ministerin Franziska Giffey wollte eigentlich in dieser Legislatur einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder durchsetzen. Das können wir jetzt wohl vergessen. Justizministerin Christine Lambrecht soll Giffeys Job bis zur Bundestagswahl mit erledigen, Doppelbelastung ist Frauen ja vertraut. Bei der SPD findet man offenbar, dieses Gedöns sei eben nicht so wichtig. Giffey wollte auch die Frauenquote für Unternehmen verschärfen, das "Führungspositionen-Gesetz II" liegt fix und fertig vor und ging letzten November in seltener Einigkeit durch die Koalition – nun aber hat es die Union vollbracht, das ohnehin nicht besonders ehrgeizige Vorhaben aufzuweichen und aufzuschieben.

Die Pandemie hat das Problem verschärft, vor allem für berufstätige Mütter

Weiter auf der Liste der unerledigten Dinge: Frauen verdienen für exakt gleiche Arbeit durchschnittlich noch immer sechs Prozent weniger als Männer. Abtreibung steht noch immer im Strafgesetzbuch, und auch Paragraf 219 gilt weiterhin: Er verpflichtet die Zwangsberater, die Frau "zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen", so als könne sie nicht selbst eine informierte, reife Entscheidung treffen. Das deutsche Steuerrecht subventioniert durch das Ehegattensplitting nach wie vor die Ein-Verdiener-Ehe. Mehrheitlich gilt das Standardmodell: Er verdient voll, sie nur zum Teil, weil sie zu Hause den unbezahlten Kram erledigt. Dieser sehr deutsche Automatismus ist kaum abzustellen. Auch deshalb, weil Frauen in ihren Lebensentscheidungen noch immer den alten Trampelpfaden folgen.

Die Pandemie hat das Problem verschärft, vor allem für berufstätige Mütter. Sie schultern die Hauptlast der Krise, zeigt eine frische Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der Anteil der Familien, in denen sich ausschließlich die Mutter um die Kinder kümmert, hat sich während der Pandemie etwa verdoppelt. Die Zahl der Eltern, die sich die Care-Arbeit partnerschaftlich teilen, ist hingegen gleich geblieben. Junge Paare sagen in Umfragen immer wieder, dass sie bei Erwerbsarbeit und häuslichen Pflichten halbe-halbe machen wollen. Klingt super, fühlt sich bestimmt auch super an, so etwas in Umfragen zu behaupten. "Später als Familie sieht es dann vielfach anders aus und es sind doch wieder die Frauen, die den Hauptanteil übernehmen. Häufig zählen dann nur kurzfristige finanzielle Überlegungen", sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin C. Katharina Spieß vom DIW Berlin. Frauen wollen nicht verhandeln. Zu anstrengend, zu unharmonisch. Immerhin sorgt das 2007 unter Ursula von der Leyen (CDU) eingeführte Elterngeld dafür, dass sich frisch gebackene Väter zu Hause mehr einbringen. Doch nur vier von zehn Vätern beziehen heutzutage Elterngeld, die meisten auch nur für drei Monate und dies auch noch oft gleichzeitig mit den Müttern. So bleiben Männer zu Hause in der Assistentenrolle, anstatt allein die volle Verantwortung zu tragen. Die meisten Frauen verhindern solche Automatismen noch immer nicht. Und da kann die Politik auch nur bedingt helfen. Klar, sie muss weiterhin mehr Freiräume öffnen, den Rahmen für variantenreiche Lebensentscheidungen erweitern. Aber durch das Tor ins schöne Land der gleichen Möglichkeiten muss jede Frau dann schon selbst gehen.

Mein jüngerer Sohn platzt ins Homeoffice und sagt mit unvermittelter Logik, wie nur Vierjährige sie draufhaben: "Mama, Frauen können nicht Trecker fahren."  Er hat völlig recht. Denn in seiner Welt sitzen nur sein Opa, die Bauern aus dessen Nachbarschaft, sein erwachsener Freund Nicolas und alle Bilderbuch-Helden am Steuer von Treckern. Ich klappe kurz den Rechner zu und erkläre, dass Frauen sämtliche Maschinen dieser Welt bewegen können – Kampfjets, Raketen, Darm-Endoskope und ja, auch Trecker. Da hebt er zweifelnd seinen kleinen Zeigefinger und meint: "Aber nur ganz langsam!"

Es gibt noch so viel zu tun. 


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