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Auftritt im Ganzkörperanzug Turnerin Sarah Voss: "Wenn jemand eine gewisse Intention hat, bringt auch ein langer Anzug nichts"

Auftritt im Ganzkörperanzug: Turnerin Sarah Voss: "Wenn jemand eine gewisse Intention hat, bringt auch ein langer Anzug nichts"
Sehen Sie im Video: Mit einem Ganzkörperanzug setzt die 21-jährige Kunstturnerin ein bemerkenswertes Zeichen.




"Ich bin Sarah Voss, 21 Jahre alt und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Kunstturnen. Und ich will zu den Olympischen Spielen nach Tokio." Das ist schon eine an und für sich ambitionierte Ansage. Doch für weltweites Aufsehen sorgte Sarah Voss jüngst tatsächlich mit ihrem Outfit. Denn die Sportlerin trug bei der Turn-EM in Basel im April wie hier beim Training in Köln einen Ganzkörperanzug - im Gegensatz zu den sonst üblichen, deutlich stoffärmeren Outfitvarianten ihrer Mitstreiterinnen. Den Hintergrund der Initiative erklärt sie so: "Ja, eine Turnerin hat dann gesagt, dass sie sich vielleicht nicht immer ganz wohlfühlt, wenn wir in kurzen Anzügen trainieren bzw. auch Wettkämpfe turnen. Oft hat man das Gefühl, dass das halt verrutscht oder verrutschen könnte und dass vielleicht auch unter anderem Kameras, Fotografen diese unschönen Momente einfangen könnten. Und aus diesem Anlass ist dann sozusagen dieser Anzug entstanden, einfach um auch zu zeigen, hey, es gibt eine Möglichkeit. Und seit 2012 ist es auch erlaubt, dass man eben eine passende Hose tragen kann. Aber wir haben es eben so gemacht, dass wir halt direkt einen ganzen Anzug entworfen haben." Überrascht, aber tendenziell positiv, so beschreibt Sarah Voss die Resonanz anderer Athletinnen und des Trainerstabes. Als Zielgruppe der Aktion nennt sie vor allem jüngere Sportlerinnen. "Weil auch oft gesagt wurde, dass ein paar Athletinnen gerade wegen dem Dresscode, sage ich jetzt mal, nicht unbedingt gerne die Sportart weiter ausführen wollten in der Pubertät. Und denen wollen wir vor allen Dingen auch zeigen, hey, auch wir oder wir Leistungssportler, wir, wir tragen auch so was. Oder wir wollen uns auch so präsentieren können, uns so präsentieren." Alle sollten sich, über kurz oder lang, frei entscheiden können: eben für kurz oder lang, so das Credo von Sarah Voss. Sie selbst schließt das Tragen kürzerer Anzugsmodelle für sich ohnehin nicht aus. Denn beim Wettkampf komme es nur auf eines an: die sportliche Leistung. Und allein auf diesem Ticket will die Turnerin nach Tokio reisen und bei den Olympischen Spielen punkten.
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Schmale, sehr elegante Mädchen, die im kurzen Anzug grazil über das Parkett springen – dieses Stereotyp wollen einige Kunstturnerinnen wie Sarah Voss aufbrechen. Und mit einem Anzug ein Zeichen setzen: für den Schutz von minderjährigen Turnerinnen und gegen Sexualisierung.

Sarah Voss kommt ursprünglich aus Frankfurt und tritt jetzt, mit 21 Jahren, als Kunstturnerin bei Wettkämpfen in der ganzen Welt an – aktuell bei den Olympischen Spielen in Tokio. Die deutschen Turnerinnen um Voss machten dabei nicht zuletzt mit ihrer Kleiderwahl weltweit von sich reden – und erregten viel größere Aufmerksamkeit als das gesamte Team erwartet hätte. Heute berichten Medien wie die BBC oder die "Washington Post" über sie, wir haben im Mai mit ihr gesprochen.

Frau Voss, bei der Turn-EM in Basel hat Ihr Auftritt ziemliche Wellen geschlagen, und das wegen eines Anzugs. Hätten Sie damit gerechnet?
Sarah Voss:
Wir haben uns schon auf eine Reaktion vorbereitet, aber natürlich habe ich dieses enorme Ausmaß nicht für möglich gehalten. Ich hätte eher gedacht, dass das Interesse in der Turnwelt größer ist, aber es hat sich gezeigt, dass das einfach ein aktuelles und wichtiges Thema ist, das für alle Altersklassen hinweg wichtig ist, auch für alle Geschlechter.

Gerade auf Social Media waren viele Menschen begeistert, dass Sie einen langen Anzug getragen haben, obwohl das im Turnsport eher unüblich ist. Dabei hatten die meisten davon mit Turnen so gar nichts zu tun.
Das stimmt!

War das bestärkend oder eher merkwürdig?
Also ich muss sagen, dass mich schon überrascht hat, wie viele Leute darüber gesprochen haben. Alle Altersgruppen und Geschlechter, auch viele Männer, haben gesagt, dass sie sich freuen, dass wir Frauen uns da so selbstbestimmt repräsentieren. Aber auch, dass sie es schade finden, dass einige Menschen, die den Sport schauen, andere Intentionen haben und wir uns dadurch unwohl fühlen. Auch Frauen und junge Mädels haben mir gemailt, die schon mit dem Turnen aufgehört haben. Die haben mir geschrieben, dass sie gerne so eine Option gehabt hätten und sich gefreut hätten, wenn das früher möglich gewesen wäre. Deshalb fanden die das toll, dass wir diesen langen Anzug getragen und damit demonstriert haben, dass jeder das tragen kann, egal ob Leistungs- oder Breitensport. Damit kann jeder bestimmen, was er oder sie tragen möchte und wie er oder sie aussehen möchte. 

Greift das Thema Selbstbestimmung vielleicht einen sehr starken Zeitgeist auf?
Ich finde schon. Teilweise wurde auch mehr hinein interpretiert, als wir mit diesem Anzug aussagen wollten. Jedoch habe ich das Gefühl, dass, je mehr positive Resonanz wir bekommen, desto mehr Menschen sich dadurch auch bestärkt fühlen.

Turnerin Sarah Voss springt im Spagatsprung auf dem Balken und trägt dabei einen langen Anzug
Turnerin Sarah Voss, 21, bei den diesjährigen Europameisterschaften in Basel
© Georgios Kefalas / Picture Alliance

Inwiefern wurde da mehr hinein interpretiert?
Uns ging es vor allem darum, ein Vorbild für jüngere Athletinnen zu sein. Mir wurde schon öfter gesagt, dass es viele Athletinnen gab, die gerade wegen des Dresscodes oder dadurch, dass sie sich nicht immer zu 100 Prozent wohlgefühlt haben, mit dem Sport aufgehört oder gar nicht erst angefangen haben. Und wir wollten vor allem diesen Mädels zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, andere Anzüge zu tragen und man sich deshalb auf keinen Fall schämen muss. Natürlich wurde das auch negativ aufgegriffen, indem gesagt wurde, dass Athletinnen, die das zum Beispiel aus religiösen Gründen schon vorher getan haben, nicht so einen Zuspruch erhalten hätten, wie wir. Aber wir hatten keinesfalls die Intention, andere damit zu verärgern.

Eigentlich hatte man ja schon vorher die Wahl, auch einen langen Anzug zu tragen. Warum hat das niemand getan?
Genau, seit 2012 ist es erlaubt, eine passende Hose zum kurzen Anzug zu tragen. Es wurde aber nicht explizit gesagt, dass man einen langen Anzug tragen kann, das haben wir ins Leben gerufen.

Also durfte man vor 2012 nur einen kurzen Anzug tragen?
Ja, das war vorher gang und gäbe.

Wissen Sie, warum das so war? Denn eigentlich verändert es ja nichts an der Ausführung der Übungen, ob man einen kurzen oder langen Anzug trägt, oder?
Den Ganzkörperanzug zu tragen ist weder ein Vor- noch ein Nachteil. Manche haben natürlich im Internet gesagt, wenn man einen Anzug mit schwarzen Beinen tragen würde, würde das auf Grund des schwarzen Hintergrunds beispielsweise bei den Europameisterschaften Fehler kaschieren – das war nicht der Fall. Das hatten wir vorher auch mit den Kampfrichtern abgesprochen. Was ich denke, ist, dass es vorher einfach nicht präsent genug war. Man wusste schon, dass solche Anzüge zum Beispiel aus religiösen Gründen erlaubt sind, aber man hat es einfach mit der Religion verbunden und nicht für sich selbst gesagt, dass das eine Möglichkeit für alle wäre. Deshalb wollten wir mit den langen Anzügen ein Zeichen setzen: Es gibt diese Option für alle, jeder kann frei entscheiden. Damit wollten wir auch mehr Leuten Mut machen, die sich in den kurzen Anzügen vielleicht nicht wohlfühlen oder gerne eine Alternative hätten.

Der lange Anzug wurde medial vielfach als Zeichen gegen Sexualisierung gewertet, auch als Zeichen für mehr Selbstbestimmung. War das auch so gemeint?
Ich bin es ja vom Training gewöhnt, auf unseren kurzen Anzügen auch eine längere Hose zu tragen. Allerdings war es unter Wettkampfbedingungen eine andere Situation. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, habe mich elegant gefühlt. Ich hatte auch beim Turnen eben nicht die Angst, dass etwas verrutschen könnte, was sich beim kurzen Anzug nicht immer vermeiden lässt. Ich würde mich aber trotzdem in Zukunft nicht auf diese Art von Anzug einschränken lassen. Denn auch da liegt die Selbstbestimmung, bei zukünftigen Wettkämpfen den passenden Anzug von meinem Gefühl abhängig zu machen.

Gerade als junge Turnerin ist es ja schon normal, dass man einen kurzen Anzug trägt. Wann ging es denn los, dass Sie sich darin unwohl gefühlt haben?
Im jungen Alter habe ich mir über alles andere Sorgen gemacht als darüber, wie ich aussehe. Im Wettkampf war es einfach üblich, im kurzen Anzug anzutreten. Was mir dann allerdings irgendwann aufgefallen war, besonders bei den älteren Mädels, dass sie die Hosen angelassen haben. Und als ich dann selbst in die Situation kam, mich weiterentwickelt habe, meine Tage bekommen habe, da gab es natürlich Faktoren, die einem im Leistungssport nicht immer das beste Gefühl geben. Man ist sowieso während der Periode nicht unbedingt in Top-Form, fühlt sich nicht so toll. Im Trainingslager haben wir aber oft in den kurzen Anzügen trainiert, um uns auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Da hat eine Athletin auch gesagt, dass sie gerne im Training eine Hose tragen würde, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob der Anzug richtig sitzt. Auch, um keinen Blicken ausgesetzt zu sein. Natürlich ist das keine böse Absicht, aber dennoch fühlt man sich beobachtet und könnte dem mit einer Hose schon entgegenwirken.

Mehrfach liest oder hört man, dass besonders Turnerinnen immer wieder übergriffig angefasst wurden, Turnen ist ja auch eine Sportart mit mehr Körperkontakt als zum Beispiel Fußball. Gab es da für Sie Situationen in der Vergangenheit, die Ihre Kleiderwahl jetzt bestärkt haben?
Ich persönlich habe solche Erfahrungen nicht gemacht und da bin ich auch sehr froh darüber. Aber dabei kann ich natürlich nicht für alle Athletinnen sprechen. Vielleicht wäre der lange Anzug eine Möglichkeit für jüngere Athletinnen, dass man zum Beispiel bis zu einem gewissen Alter diese langen Turnanzüge tragen kann, einfach auch zum Schutz der Kinder und dass die Eltern sich vielleicht sicherer fühlen. Aber auch da muss man leider sagen, wenn jemand eine gewisse Intention hat, bringt natürlich auch ein langer Anzug nichts. Da muss an anderen Stellen noch viel mehr passieren: Dass man Trainer schult, aufpasst, dass die Turnerinnen in einem guten Umfeld aufwachsen und dass sie sich wohlfühlen beim Training.

Woher kam diese Unsicherheit, wenn es eigentlich erlaubt ist? Hatten Sie vorher Angst, schlechter bewertet zu werden?
Nein, die Bewertung war es nicht. Wir wussten ja, dass es vom Reglement her erlaubt ist. Es war eher die Frage: Wie kommt das generell an? Im Turnerkreis war man diese eine Art von Anzug gewöhnt und keine andere. Und wir waren uns nicht sicher, ob Leute das lächerlich finden, wie allgemein die Resonanz ist. Das konnten wir nicht einschätzen. Wir wussten nur aus unserem deutschen Team, dass auch einige anderer Meinung waren und den langen Anzug nicht tragen möchten, das ist ja auch jedem freigestellt. Und international konnten wir gar nicht einschätzen, was auf uns zukommt.

Wie war denn dann das Echo bei den Turnerinnen und Turnern?
Persönlich sind sehr viele Mädels und Trainer zu mir gekommen und fanden den Anzug sehr schön. Vor allem der ästhetische Aspekt wurde sehr unterstrichen. Aber sie haben auch gefragt, wie wir uns fühlen, ob der Anzug stört. Einige haben gesagt, dass sie vielleicht sogar selbst mal einen langen Anzug tragen wollen.

Möchten Sie auch bei den Olympischen Spielen mit langem Anzug auftreten?
Wir halten uns beide Optionen offen. Wir werden natürlich als Team antreten, aber auch hoffentlich an individuellen Geräten und dafür wollen wir uns beides offenhalten.


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