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Weinstein-Skandal: Grapschern soll der finanzielle Ruin drohen - wie Hollywood Sextäter verhindern will

Harvey Weinstein ist ein Paradebeispiel dafür, wie in Hollywood Opfer zum Schweigen gebracht wurden. Doch die Angst vieler Firmen vor Imageschäden könnte Sextätern künftig das Handwerk legen - mit millionenschweren Schadensersatzansprüchen.

Von Andreas Renner, Los Angeles

Harvey Weinstein: Chronologie der Vorwürfe sexueller Belästigung und mutmaßlicher Vergewaltigung

Es vergeht kaum ein Tag, an dem keine neuen Enthüllungen aus dem Sex-Sumpf Hollywood auftauchen. Seitdem der Missbrauchs-Skandal um den Produzenten Harvey Weinstein, 65, bekannt wurde, trauten sich selbst Stars wie Angelina Jolie, 42, Gwyneth Paltrow, 45, und zuletzt auch die Oscar-Gewinnerinnen Reese Witherspoon, 41, und Jennifer Lawrence, 27, mit ihren ganz persönlichen Opfer-Geschichten an die Öffentlichkeit. Die Sex-Gier der Mächtigen in Hollywood ist lange bekannt - nun aber geht ein gewaltiges Beben durch die Vorstandsetagen der Filmstudios, der großen Managementfirmen und der Casting-Agenturen. So mancher wird nervös ob der immer mächtiger werdenden Gegenwehr der Frauen, die sich mittlerweile unter dem Hashtag "MeToo" auch im Internet auf ganz andere Bereiche als nur die Filmindustrie ausweitet. Bleibt die Frage: Wird sich wirklich etwas ändern?

Skandale gab es schon viele im Umfeld der Filmhochburg. Doch das Ausmaß, das der Weinstein-Skandal erreicht, ist einzigartig. Die "Academy of Television Arts and Sciences" hat in der 90-jährigen Geschichte der Oscar-Organisation bislang nur ein Mitglied verbannt - weil es Filmkopien unerlaubt ins Internet stellte. Weinstein ist erst der Zweite, der unehrenhaft aus jener Gemeinschaft flog, die er viele Jahre mit teuren Marketingtricks für seine Filme geschickt manipulierte. Die Sex-Enthüllungen über den schwergewichtigen Produzenten scheinen ein Umdenken in Hollywood in Gang zu setzen.

Täter wie Harvey Weinstein kamen meist glimpflich davon

Im Nachbeben des Weinstein-Skandals sah sich mit dem Chef des Amazon-Studios Roy Price nun ein weiterer Mann wegen sexueller Vorwürfe gezwungen, seinen Hut zu nehmen. Weinstein und Price, da sind sich viele Insider sicher, werden nicht die einzigen bleiben, die für ihre Sünden der Vergangenheit mit öffentlicher Schmach und dem Verlust des Jobs zahlen müssen. Gloria Allred, eine Anwältin spezialisiert auf Frauenrechte, sagt dem People-Magazin: "Die Angst hat die Opfer bisher zum Schweigen gebracht. Lange haben die Täter ihre Opfer unterschätzt. Aber nun ist diese Waffe der Angst für die Täter als Druckmittel nicht mehr verfügbar. Ich bin sicher, viele Täter werden die zu lange gemachten Fehler nun neu überdenken".

Die Täter kamen bislang meist glimpflich davon. Viele kauften sich von einem Prozess frei, indem sie den Opfern viel Geld boten und sich außergerichtlich einigten. Auseinandersetzungen mit der Firma wurden oft durch millionenschwere Abfindungen gelöst - Hauptsache alle Beteiligten schweigen. Das, so glaubt der kalifornische Anwalt David Diamond, wird sich in Zukunft ändern. "Firmen können sich das nicht mehr leisten. Die Weinstein Company etwa könnte nun Pleite gehen wegen dieser Sache. Man wird sich vor solchen Situationen besser schützen. Bislang sind die mächtigen Power-Player stets mit einem goldenen Fallschirm davon gekommen, weil sie Millionen von Dollars an Abfindung kassierten, wenn sie wegen sexueller Übergriffe gehen mussten." Der Anwalt geht davon aus, dass die Arbeitsverträge der Zukunft Abfindungen aussetzen, wenn sexueller Missbrauch nachgewiesen ist. Und man sogar Schadenersatzansprüche der Firma einbinden könnte. "Das wird abschrecken", glaubt Diamond.

Harvey Weinstein: Chronologie der Vorwürfe sexueller Belästigung und mutmaßlicher Vergewaltigung

Schadensersatzansprüche gegen Sexualstraftäter könnte Wunder bewirken

Nicht Moral, Anstand und Gesetz, sondern das Geld könnte den Tätern in Hollywood das Handwerk legen. Die Angst, Millionen Dollar Vertragsstrafe an seinen Arbeitgeber zahlen zu müssen, falls ein Sexualdelikt ans Licht kommt, könnte wahre Wunder bewirken. Eben auch, weil die aktuelle "MeToo"-Kampagne den Frauen der Industrie auch langfristig eine Plattform für das direkte Benennen von Tätern verleihen wird. Die Hemmschwelle über sich als Opfer zu outen schwindet, wenn selbst Oscar-Gewinnerinnen über ihren Missbrauch sprechen.

Angst vor den Tätern soll gelindert werden, indem künftig eine Ethik-Kommission über Hollywood wacht. Das schlägt jedenfalls Kathleen Kennedy vor, Präsidentin von "Lucafilm". Schauspielerinnen wie Jennifer Lawrence und Reese Witherspoon unterstützen diesen Gedanken. "Alles was hilft, Sexualstraftätern künftig das Handwerk zu legen, hat meine Unterstützung", sagt Witherspoon, die im Alter von 16 Jahren selbst sexuell belästigt wurde.

Kritiker sind jedoch skeptisch - und äußern sich derzeit lieber anonym. Sie glauben nicht an ein Ende von "Casting Couches" oder dem Missbrauch von Machtpositionen zugunsten eigener sexueller Fantasien. Das Argument: Wer noch keinen Oscar gewonnen hat wie Kidman & Co, der lässt sich leichter einlullen von den großmundigen Versprechungen der mächtigen Filmbosse. Wo immer Hollywood, Macht und Geld aufeinander treffen, wird auch in Zukunft der sexuelle Missbrauch nicht weit sein. Oder wie Weinstein-Opfer Ashley Judd sagt: "Nicht solange wir einen Präsidenten im Weißen Haus haben, der vorlebt, dass Frauen Freiwild sind."