Bottega Veneta Das 4300-Euro-Versprechen


Eine Tasche von Bottega Veneta ist der Bentley unter den Beuteln: Kostet viel, kommt aber nie aus der Mode. Tomas Maier, der Designer des Labels, erklärt, weshalb sie das Geld wert ist.

Still, aber nicht heimlich hat sich die Luxusmarke Bottega Veneta innerhalb von sechs Jahren ganz nach vorn auf die Kreditkartenabrechnungen der Besserverdienenden geschoben. Dabei verweigert sich der Designchef Tomas Maier, 50, bewusst einigen Mechanismen des Marktes. So prangen etwa keine Logos auf den Taschen und Kleidern, die er entwirft. Bottega Veneta ist mittlerweile innerhalb des Gucci-Konzerns zum zweitgrößten Umsatzbringer geworden, noch vor dem Label Yves Saint Laurent. Der Pforzheimer Tomas Maier, der aus ästhetischen Gründen auf das "h" in seinem Vornamen verzichtet, zog bereits in den 70er Jahren nach Paris. Heute lebt er bei Miami.

Herr Maier, Sie pendeln ständig zwischen Ihrem Wohnsitz in Florida und Ihrem Arbeitsplatz in Mailand. Schmerzt es Sie als Ästhet, was sie an Flughäfen sehen? Die klobigen Lederkoffer und schlecht sitzenden Mäntel?

Ich sehe vor allem Männer, die leiden. Männer, die Hilfe brauchen. Ich könnte ihnen das Leben viel leichter machen.

Wie denn?

Das fängt mit dem richtigen Gepäck an. Sehen Sie mal, wie viele Männer sich schwere Sachen über die Schultern hängen, die dann den Anzug runterzerren.

Sie achten beim Design auf diese praktischen Probleme?

Wenn etwas nur gut aussieht und nicht richtig nützlich ist, kann ich es nicht leiden. Ein Milchkännchen, das tropft, macht mich wahnsinnig. Deswegen liebe ich Designklassiker: Wenn gutes Design sich über viele Jahre gehalten hat, dann funktioniert es eben auch. Es ist von uns allen getestet und geprüft worden - immer und immer wieder.

Ist es nicht gegen die Idee von Mode, etwas zu entwerfen, was der Zeit widersteht?

Die Menschen fühlen sich gut behandelt, wenn sie etwas kaufen und dann feststellen, dass es Zeit und Mode überdauert. Eine Frau, die in unser Geschäft kommt und die dieselbe Handtasche sieht, die sie bereits besitzt - zwei Jahre später, vier Jahre später –, ist sehr zufrieden mit ihrem Einkauf. Auch wenn er teuer war.

Und wie erreichen Sie diesen Effekt?

Jeder Schritt der Herstellung ist gleich wichtig, und jeder, der damit zu tun hat, wird gleich ernst genommen. Von der Frau, die Häute aussucht für die Ledertaschen, bis zum Experten, der weiß, wie man Leder ohne Chemikalien bleicht.

An Ihren Produkten findet man keine protzigen Aufschriften, angeblich geht Ihre Ablehnung gegenüber Logos so weit, dass Sie diese sogar privat aus Ihrer Kleidung heraustrennen.

Ich mag nicht, dass es kratzt im Nacken. Und dann finde ich es furchtbar, wenn die Leute versuchen, in meinen Kragen oder auf meine Knöpfe zu gucken, um herauszufinden, was ich trage.

Warum, glauben Sie, möchten sich so viele Menschen durch Marken definieren?

Sie wollen sich Sicherheit damit kaufen. Demonstrieren, wo sie sozial stehen. Es gibt Leute, die das brauchen – die anderen kommen zu mir! Meine Philosophie ist, dass ein Produkt sich dadurch auszeichnen sollte, wie es gemacht wird.

Man könnte diesen Ansatz für einen Marketingtrick im Luxussegment halten.

Jetzt, wo wir erfolgreich sind, sieht es vielleicht nach einem guten Trick aus - aber als ich vor sechs Jahren angefangen habe, waren sich die meisten Kollegen sicher, dass ich mit der Methode nirgendwohin kommen würde.

Sie sind einst in Pforzheim zur Waldorfschule gegangen, hat Ihnen das Spaß gemacht?

Ich habe nur gute Erinnerungen daran.

Selbst an Eurythmie und daran, dass Sie Ihren Namen tanzen mussten?

Zu der Zeit, als ich dort war, habe ich es nicht gemocht. Aber es hat mir die Augen geöffnet für alles, was ich später tun wollte. Ich habe stricken gelernt, Holzfiguren geschnitzt, Tonstatuen geformt.

Hatten Sie schon als Teenager den Wunsch, Ihre Heimatstadt zu verlassen?

Es war früh klar, dass ich wegmusste. Es wurde zu klein, aber wenn es sehr klein ist, hat das auch Vorteile. Es macht einen wach und wissbegierig. Ich habe jedes Magazin gelesen, das ich in die Hände bekam, ich bin andauernd nach München, nach Frankfurt, nach Frankreich und Italien gefahren, um Sprachen zu lernen und in Ausstellungen zu gehen.

Sie haben einmal erklärt, Ihr Designbegriff sei von Ihrer Heimat geprägt: In Deutschland komme Schönheit tatsächlich von innen.

Wenn Sie die Haube eines deutschen Autos öffnen, dann sehen Sie einen Motor, der eigentlich nur funktionieren muss. Aber alles ist schön angeordnet, jedes Motorenteil. Es entsteht eine eigene Ästhetik dadurch, dass alles so gut gemacht ist. Bei den Franzosen zählt hingegen nur die Fassade. In Paris finden Sie die schönste Architektur - aber die Appartements dahinter sind ein Desaster.

Hat sich Ihr Verständnis von Luxus geändert, seitdem Sie bei Bottega Veneta sind?

An einem hektischen Tag kann es Luxus sein, kurz aus dem Büro zu kommen, einen alten Freund zu treffen. Eine Tomate, eine Himbeere zu essen, die nach etwas schmeckt - nicht nur nach Wasser. Alles soll heute groß sein. Aber meistens ist es nur aufgepumpt, und es bleibt nichts, wenn man die Luft rauslässt.

Ihre Art des minimalistischen Luxus ist allerdings unerhört teuer.

Und man sieht nicht mal, wie viel es kostet. So soll es sein. Wenn Sie mit einer Bottega- Veneta-Tasche für 4500 Euro in die Metro in Paris steigen, müssen Sie keine Angst haben, ausgeraubt zu werden.

Die enormen Preise müssen Sie trotzdem erklären.

Sie stehen in Relation zu dem, was wir machen. Wenn man vier Lagen bestes Leder über Tage hinweg zu einer Tasche verarbeitet, die weich und trotzdem stabil ist, dann kostet das Geld. Eine unserer beliebtesten Taschen, die "Cabat", wird in Italien gefertigt. Die Haut kommt aus Neapel, italienische Frauen und Männer flechten sie zusammen. Die bekommen sehr gute Löhne. Ich muss einer Näherin in Italien schon 28 Euro pro Stunde zahlen. Und da ist noch kein Material dabei.

Die "Cabat" gilt als It-Bag - als Tasche, die jede Frau haben will, nein, haben muss!

Für mich ist die It-Bag-Hysterie totaler Mist. Das funktioniert heute so, dass Sie ein paar Stars Ihre neue Tasche schicken, damit diese damit fotografiert werden. Sie machen die Tasche ein bisschen ungewöhnlich, wegen des Wiedererkennungswerts, schalten ein paar Anzeigen und behaupten dann, es gäbe eine Warteliste. Das ist nur ein Marketinggag - ziemlich 90er Jahre. Es gibt nicht diese eine Tasche für alle Frauen. Die eine Frau hat Kinder und braucht eine praktische Handtasche, bei der sie die Hände frei hat. Die nächste Frau ist eine Verführerin, will Männer betören und braucht eine Tasche, die das für sie erledigt...

Entschuldigung, wie soll eine Handtasche bei der Verführung helfen?

Die Frau sendet ein Signal mit ihrer Tasche. Ein langer Schulterriemen lässt sie lässig an ihr baumeln, was mädchenhaft wirkt. Sie kann kokett damit umgehen oder die Tasche direkt auf den Tisch legen, um ihr Revier zu markieren - dafür darf die Tasche nicht zu groß sein. Wenn eine Frau die Tasche in der Hand hält, auf Brusthöhe, ist das sehr formell. Schon strahlt sie das Gegenteil von Verführung aus. Die Tasche dokumentiert, was in ihrem Kopf vor sich geht.

Sie können also an der Handtasche einer Frau sehen, was sie denkt?

Ja, das geht, wenn man es übt.

Interview: David Pfeifer print

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