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Matteo Thun: Die gethunte Welt

Seit 25 Jahren gibt er großen und kleinen Dingen ihre Form, doch nun predigt der Gestalter Matteo Thun das Ende des Designs.

Von Oliver Creutz

Heute entwirft Matteo Thun Slogans. "Echo statt Ego", lautet einer, ein anderer: "No Design for Everybody", ein dritter: "Vom High Tech zum High Touch". Er hat diese Sprüche eingeübt, und wenn er sie ausspricht, ist es, als stellte er sie auf ein Podest, damit sie herausragen aus dem Fluss seiner Rede. Dann hält er inne, um ihnen hinterherzuschauen. Sie kommen gut an - wie vieles von dem, was Matteo Thun, Designer, Architekt und Verkäufer, in die Welt setzt. Thun hat sich zurückhaltend gekleidet an diesem Tag: dunkler Anzug zum roten Hemd. Er bittet in einen Konferenzraum seines Büros, in einem Winkel eines Mailänder Hinterhofes. Auf dem Tisch stehen Gläser von Ikea. Thuns Haare fallen in Locken bis zum Nacken, er trägt eine Lesebrille - eines der wenigen Zeichen seines Alters: 54 Jahre. Thun hat etwas vorbereitet, ein Papier, von dem er zu Beginn des Gesprächs abliest. So, als wolle er sich verteidigen. "Ich habe ein wenig Ordnung in meine Arbeit gebracht", erklärt er. Vielleicht musste er sich selbst einmal einen Überblick verschaffen über das, was er seit 25 Jahren in Form bringt: alles von der Espressotasse bis zum Hotelkomplex.

Design als Auslaufmodell

Er hat Brotkörbe für Alessi entworfen, Leuchten für Artemide und für Flos, Besteck für WMF, Armbanduhren für Swatch, Tassen für Illy und Lavazza, Waschbecken, Duschköpfe, Vasen, Bürostühle, Reihenhäuser. Hat dem Hamburger Pasta-Schnellrestaurant Vapiano, aus dem derzeit eine europaweite Kette erwächst, die Einrichtung verpasst, inklusive eines kleinen Olivenbaums. Hat das Interieur der Münchner Edeldiskothek P1 aufgefrischt. Hat sich ein Konzept für die Ladenfilialen von Porsche Design ausgedacht. Und hat außerdem einige der meistbestaunten Hotels der vergangenen Jahre entwickelt: 2001 den Glas- und Stahlkomplex "Side" in Hamburg; 2003 das Bergrefugium "Vigilius" oberhalb von Meran; jüngst das "Nhow" in Mailand, das an jeder Ecke eine neue optische Sensation bietet, ganz so, als habe man einer Abschlussklasse von Meisterschülern die Anweisung gegeben: einmal austoben, bitte!

Jeder halbwegs aufgeschlossene und mobile Zentraleuropäer ist also schon mal mit Thun-Produkten in Berührung gekommen - man könnte durchaus von einer gethunten Welt sprechen.

Dem Südtiroler Thun wäre dies gar nicht recht. "Ich glaube nicht an den Nährwert des signierten Objektes", sagt er und meint damit: Designer sind out, das mit dem Design ist ein Auslaufmodell, kurz: "Ich kann meinen Söhnen nur raten, niemals eine Designschule zu besuchen." Dazu muss man wissen, dass Thun selbst 13 Jahre lang als Designprofessor in Wien unterrichtet hat, "die schlechteste, ineffizienteste Zeit meines Lebens", wie er nun sagt. "Ich hätte das nie machen sollen."

Matteo Thun, geboren in Bozen, geschult in Florenz, Salzburg und Los Angeles als Architekt und Bildhauer, hatte es bereits vor seinem 30. Geburtstag zu Ruhm gebracht. Anfang der 80er Jahre heuerte er bei dem italienischen Design-Großmeister Ettore Sottsass in Mailand an. "Sottsass hat gesagt, du machst jetzt ein paar Metallobjekte. Für eine Firma, die damals niemand kannte." Die Firma hieß Alessi. "Und ich habe mich hingesetzt und das heute noch erfolgreichste Edelstahlprogramm für Alessi mitgestaltet." Darin enthalten: ein Brotkorb, ein Weinkühler, Tabletts sowie Essig- und Ölflasche im Ständer. "Das sind Evergreens, die mit dem Namen von Sottsass verbunden sind, aber von mir entwickelt wurden." So viel Ego muss dann doch sein.

Unter Sottsass bildete sich das Ensemble Memphis, eine Supergroup von aufstrebenden Entwerfern, die sich Möbelstücke ausdachten, die möglichst weit weg waren von der Idee der guten Form. Sie beklebten Regale, die aussahen wie übergroße Spielzeugfiguren, mit bunten Laminaten; gestalteten Vasen, die an mehrbäuchige Wasserpfeifen erinnerten. "Wir landeten in kürzester Zeit in fast allen Museen." Sie arbeiteten gegen die Gesetze. "Doch in Wirklichkeit verlangt die Gesetzlosigkeit sehr große Disziplin." Das sei wie beim Autofahren in der Altstadt von Rom: "Sie respektieren kein Vorfahrtsrecht, keine Einbahnstraße, keine rote Ampel. Das bringt Sie schneller zum Ziel, aber Sie müssen sehr gut aufpassen."

Thun war jung und, wie er sagt, "im Museum hoffnungslos an der Realität vorbeigeschossen". 1984 hatte er genug von der Raserei und gründete sein eigenes Studio. Sechs Jahre später übernahm er die Gestaltung der Swatch-Uhren. Hier ging er seinen ersten Schritt zum Dienstleistungsdesign: Entworfen wird, was dem Auftraggeber nützt. Und was er verlangt. 1990 erhielt er von dem Unternehmer Ernesto Illy neben dem Auftrag, eine Espressotasse zu gestalten, ein Dossier von 75 Seiten: "Er beschrieb detailliert, wie die Tasse beschaffen sein muss, damit die Espressotemperatur nicht unter die 82-Grad-Grenze falle." Doch auch den Illy-Becher hat er gethunt: "Normalerweise ist in einer Untertasse eine Kuhle, damit die Tasse nicht verrutscht. Doch ich habe die Tasse auf ein Höckerchen gestellt, damit das Objekt des Genusses nicht in der Untertasse absäuft."

Zur Demonstration hält Thun eine Illy-Tasse in die Höhe, befühlt mit seinen Fingern die Erhebung in der Untertasse, immer noch so begeistert, als sei ihm die Eingebung gerade in diesem Augenblick gekommen. "Design muss den Menschen glücklich machen", lautet einer von seinen Merksätzen. Jetzt gerade wirkt Thun tatsächlich beglückt. Er erzählt von einer Tasse für die Firma Lavazza, bei der er den Henkel weggelassen hat - "man hält sie in der Hand wie ein Küken". Er schwärmt von den Salz- und Pfefferstreuern "Max und Moritz", die der Gestalter Wilhelm Wagenfeld in den 50er Jahren für WMF entwarf: "Das hat Erotik, denn die Form erlaubt Greifen und Durchsehen zur gleichen Zeit." Er nimmt sich eines der unscheinbaren Ikea-Gläser vom Konferenztisch: "Fantastisch, fabelhaft. Es ist stapelbar, nutzt sich nicht ab, kostet wenig und hat einen wunderschönen Lippenrand."

Jetzt ist Matteo Thun bei seinem neuen Lieblingsthema angelangt, dem No-Design. Der Antwort auf die Welt, in der immer mehr Produkte durch die angebliche Handschrift eines Entwerfers veredelt und gleichzeitig banalisiert werden: Duftwasserflaschen von Karim Rashid, Duschkabinen von Jette Joop, Wasserkocher von Jasper Morrison.

Chefentwickler der Design-Hotels

Diesem Trend setzt Thun das No-Design entgegen. Er streckt sein Handgelenk in die Höhe: "Diese Matteo-Thun-Uhr hat kein Logo, kostet in der Herstellung acht Euro, ist wasserdicht und hält jahrelang." Steht auf und greift sich ein weiteres Demonstrationsobjekt, einen Stuhl aus durchsichtigem Kunststoff, der gehalten wird von verchromtem Metall. Von der Form her eine Abwandlung eines klassischen Eames-Stuhls. "Liegt um die 70 Euro - das ist wirklich Design für jedermann." Gefertigt komplett in Fernost. Das macht Thun in seinem Land fast zu einem Aussätzigen; die italienische Möbelindustrie, die ihre teilweise exorbitanten Preise rechtfertigen will, fährt gerade eine Imagekampagne, in der gepriesen wird, dass ihre Stücke alle "Made in Italy" seien. Thun ersetzt dieses Etikett durch ein neues: "Italian Style".

"Ich will nicht unbedingt bei Lifestyle-Kunden bekannt sein", sagt er, "mir genügt es, dass mein Name geläufig ist bei den Finanzvorständen." In seinem Büro arbeitete früher ein Maschinenbauer aus Aachen, der die verborgenen Dinge in Badezimmern und Automobilen entwarf: "Er hat sich selbstständig gemacht und ist inzwischen bei Insidern ein Star - vermutlich der bestverdienende meiner Ex-Mitarbeiter."

Man ist versucht, Thuns Demut als eitle Pose des Erfolgreichen zu interpretieren. Schließlich hat er mit seinen Hotelprojekten dafür mitgesorgt, dass gerade an jeder Ecke der Welt kostspielige Designhotels eröffnen. Ein Aufenthalt etwa im Nhow in Mailand ist vieles, nur eines sicherlich nicht: für die Allgemeinheit erreichbar. Die wird nie erleben, dass die Zimmerflure mit ihren Stahlstreben wirken wie ein U-Bahn-Tunnel. Dass der Betonboden geschliffen und lackiert wurde. Dass die Wände mit gefräster Eiche getäfelt wurden.

Das nächste Erlebnis entsteht bald in Davos: Dort lässt Thun ein zwölfstöckiges Hotel in einen Berg hineinbauen; es soll aus der Ferne betrachtet der auf- und untergehenden Sonne gleichen. Der passende Slogan hierfür wäre: "High Design not for Everybody".

Ohne in sein Verteidigungspapier vom Anfang des Gesprächs zu schauen, pariert Thun diesen Vorwurf mit einer kühnen Idee: "Wir arbeiten am Zero-StarKonzept." Hotels, die auf geräumige Zimmer und Frühstücksbüfetts verzichten. "Nächste Woche bin ich in Hamburg, werde vermutlich um Mitternacht ins Bett gehen und muss am Morgen um sieben Uhr zum Flieger. Was soll ich mit einem 25 Quadratmeter großen Zimmer machen? Warum soll ich 300 Euro zum Fenster rauswerfen? Ich brauche eine gute Matratze, eine gute Dusche, beim Check-out einen Espresso. Basta, finito." Aktuell seien solche Zero-Star-Häuser in Neapel und Palermo geplant, die Übernachtung soll zwischen 60 und 90 Euro kosten. Abschließend führt Thun durch sein Büro: An weißen Tischen zwischen vielen Stapeln, die nach noch mehr Arbeit aussehen, entwerfen und planen seine insgesamt 50 Mitarbeiter, stille Japanerinnen neben Brasilianern mit Hang zum kreativen Chaos. Der Weg führt zu einem Prototypen. Thun ist ein wenig aufgeregt, so als öffnete er gleich eine Schatzkammer. Wir bleiben stehen an einer Toilette, die gleichzeitig als Bidet fungiert, also: ein Klo mit eingebauter Brause. Er schwärmt so wort- und gestenreich, dass man die Frage stellt: Ist es diese Toilette, deretwegen man sich einmal seiner erinnern soll? "Wenn man in 20 Jahren sagt, da hat ei-ner ein WC entwickelt, das die Intimhygiene besser und für jeden zugänglich macht É" Es scheint, als hätte Matteo Thun, Designguru, Superarchitekt, Ideenverkäufer, wirklich nichts dagegen einzuwenden, von seinen Enkeln eines Tages als der Mann bezeichnet zu werden, der das Klo neu erfunden hat.

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