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Modemetropole Berlin: "Weg vom funny Kartoffeldruck!"

Einst Hauptstadt mittelloser Kreativer, jetzt Drehscheibe für hochwertiges Design: Berlin reift zur internationalen Modemetropole. Am vegangenen Wochenende präsentierten sich die wichtigsten Marken dort auf zwei Messen.

Von Susanne Haase, Viola Keeve, Nora von Westphalen

Beim vorigen Mal hatten sie eine Geisterbahn aufgebaut. Mit der mussten die Besucher der Fashion-Messe Bread & Butter fahren, in rumpelnden Waggons und vorbei an Schreckensgestalten. Am Ende der Fahrt hingen dann ein paar glitzernde T-Shirts und Jacken des Designers Philipp Plein herum. Grelle Fassade und viel Lärm um ein Nichts aus buntem Stoff.

Es war eben wieder mal typisch Berlin. In Modedingen seit Jahrzehnten bekannt für schlecht vernähte Kleider, so rau und unfertig wie die Stadt selbst. Jeder, der hier eine Nähmaschine besitzt, mochte sich Modeschöpfer nennen, ganz ungeniert - selbst wenn die Entwürfe über das Stadium gut gemeinter Bastelarbeiten nicht hinauskamen. "Hier war es immer gemütlich, alles dauerte sehr lange. Der Modeszene fehlte jegliche Dynamik", beschreibt Mari Otberg, 37, die das Label JustMariOt betreibt, die Stimmung.

Doch es scheint, als sei Berlin nun bereit für einen Tempowechsel. Vor allem der Bezirk Mitte macht sich Stück für Stück frei von seinem Aschenputtel-Image. Verrußte Abrisshäuser, niedrige Mieten und eine Kreativendichte, wie man sie in Deutschland sonst nirgendwo findet, bildeten die Grundlage für das berühmt-berüchtigte Berliner Hinterhof-Design, das sich jahrelang selbstverliebt inszeniert, aber wenig verkauft hat.

Ein Markt der keiner ist

Nun strömen jedes Jahr um die 300 Absolventen der insgesamt sieben Berliner Modeschulen auf einen Markt, der eigentlich gar keiner ist: Von 2002 bis 2005 sank die Kaufkraft in der Hauptstadt um 5,7 Prozent - so ein Bericht der Senatswirtschaftsverwaltung. "Wir sind arm, aber sexy", verkündet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gern. Er hätte es auch als "arm, aber einfallslos" beschreiben können. Lange Zeit gehörten T-Shirts mit Siebdrucken sowie Zerrissenes, Zerschnittenes zum Standardrepertoire vieler Boutiquen, dazu bunter 80er-Jahre-Trash, den keiner mehr sehen mochte. Doch das Angebot ändert sich: Neben den großen Streetwear-Labels wie "Levi's" und "Diesel" lassen sich in Mitte immer mehr momentan populäre Marken wie "Acne Jeans" und "Filippa K." nieder - in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Vorzeige-Shops von Andreas Murkudis, die so cool sind, wie Berlin immer sein wollte. Auch Boss hat zwei Riesenläden in Mitte eröffnet, jetzt gefolgt von einem neuen Showroom auf 2500 Quadratmetern. Firmensprecher Philipp Wolf sagt: "Berlin ist für uns ein ganz wichtiger Standort geworden." Gleiches gilt auch für das Edellabel "Agent Provocateur", einen Londoner Lingerie-Schneider. "Ich weiß, dass wir in München oder Hamburg mehr verkaufen könnten", räumt der Besitzer Joe Corre ein, "aber ich wollte meinen ersten deutschen Laden unbedingt in Berlin aufmachen." Wegen der Atmosphäre. Und natürlich fürs Markenimage.

Nicht allen gefällt der Zuzug der großen Labels, doch der neue Konkurrenzdruck führt auch bei kleinen Läden zur Professionalisierung: etwa in Szeneboutiquen wie "Eisdieler", "Goldmarie" und "LaLa Berlin". "Heute ist die Szene erwachsener geworden", sagt Klaus Metz von der Modeschule Esmod. Wer 6750 Euro Studiengebühr pro Jahr investiert, gibt sich anschließend nicht mehr zufrieden mit launigen Basteleien.

Berlin als kreatives Zuhause, aber die Mode muss weg

"Weg vom funny Kartoffeldruck" wollten auch die Esmod-Schülerinnen Alexandra Fischer-Roehler, 31, und Johanna Kühl, 26, die sich "Kaviar Gauche" nennen. Die beiden wirken so cool und kontrolliert wie ihre Mode. Die reduzierte Extravaganz in Weiß, Schwarz und Beige verkauft sich heute auch in Stockholm, Tokio und New York bestens, selbst Paris Hilton besitzt schon eine ihrer berühmten Lamellentaschen. "Ausschließlich in Deutschland zu verkaufen wäre ein teures Hobby", sagt Fischer-Roehler. Früh hat "Kaviar Gauche" begriffen: Berlin regt an, bleibt ein kreatives Zuhause, ihre Mode aber muss weg, um wahrgenommen zu werden. Zu den Pariser Schauen 2005 mieteten sie eine Wohnung gegenüber der Trendboutique Colette, hängten Lautsprecher aus dem Fenster und zeigten ihre Kollektion auf der Straße. Danach standen Einkäufer von Barneys aus New York vor ihrer Tür.

Wer in Berlin Erfolg haben will, muss einen Umweg über die internationalen Modemetropolen gehen - das hat auch Designerin Otberg gelernt. Fünf Jahre lang war sie weg, hat in London gearbeitet und in Antwerpen ihre Mode vorgeführt. Als sie dort per Zufall gemeinsam mit der Modekritikerin Suzy Menkes ein Taxi bestieg, fotografierte die Journalistin sie mit ihrer Digitalkamera und lobte anschließend in der "International Herald Tribune" Otbergs Stil - so etwas wäre ihr in Berlin nie passiert. Trotzdem kam die Designerin zurück: Das teure London war ihr zu anstrengend geworden. Heute hängt ihre mädchenhafte, leicht versponnene Mode in einer Metzgerei aus dem 19. Jahrhundert. An der Decke glitzert ein Kronleuchter, ihre bestickten Kleider und Mäntel hat sie wie Kunstwerke im Raum drapiert. Im Ausland, so sagt sie, habe sie gelernt, wie man PR in eigener Sache betreibt. Ihre Kollektion lässt sie heute von renommierten Fotografen wie André Rival oder Esther Haase ablichten. Das zahlt sich aus: "Die meisten Sachen verkaufe ich mittlerweile in Gstaad." Zu ihren Kunden zählen Sasha Waltz, Jessica Schwarz und Model Eva Herzigova.

Doch Talent allein reicht nicht mehr, um sich in Berlin als Designer halten zu können. Fast noch wichtiger, sagt Otberg, seien oft verkannte Sekundärtugenden: "Pünktlich liefern, in bestellter Stückzahl. Und saubere Verarbeitung." Wer nur "guckt und grinst", scheitere an der großen Konkurrenz - wenige Straßen entfernt buhlen schließlich die Luxustempel der Friedrichstraße, die "Galeries Lafayette", das "Quartier 206" sowie die neueste Flaneur-Adresse "The Corner" am Gendarmenmarkt um Kundschaft.

Berlin als tation innerhalb des internationalen Modezirkels

Das Ausland nimmt gespannt Notiz vom Berliner Modegeschehen: 2005 gewann im südfranzösischen Hyères mit "c.neeon" erstmalig ein deutsches Label den begehrten Nachwuchsdesigner-Preis. Die jungen Schöpferinnen Clara Kraetsch und Doreen Schulz überzeugten die Jury mit großflächigen Mustern und asymmetrischen, sportlichen Schnitten in Signalfarben. Hyères war für sie das Sprungbrett auf die London Fashion Week, sogar eine kleine Kollektion für die britische Kette Top Shop folgte. Ähnlichen Zuspruch erlebten die Betreiberinnen des schrägen Berliner Modeladens "Konk": Ettina Schultz, 26, und Sonja Lotz, 31, erhielten kürzlich den Auftrag, ihr Ladenkonzept nach Tokio zu exportieren. Dort gestalteten sie den Shop "Wut Berlin" - das Geschäft laufe blendend, berichten Schultz und Lotz.

Auch dank dieser kleinen Erfolge entwickelt Berlin sich zur festen Station innerhalb des internationalen Modezirkels. In der Regel kommen 40 Prozent der Besucher von Bread & Butter aus dem Ausland. Das schafft Selbstvertrauen: Seit Ende Mai kümmert sich das Kreativennetzwerk "create Berlin" um den Ruf der Stadt. Zu den Mitgliedern zählen das Kaufhaus "Galeries Lafayette", die Modeschule Esmod, die Universität der Künste sowie die Verantwortlichen der Bread & Butter und der Luxusmesse "Premium". Der Verbund hat Schauen mit Berliner Mode in Mailand und Tokio organisiert, bald stehen Präsentationen in Moskau und in Paris an.

"Die Zeit ist reif, aus Berliner Labels echte Marken zu machen", sagt Jörg Wichmann, einer der Vorstände des Netzwerkes. Sein Mitstreiter Norbert Tillmann, Chef der "Premium", pflichtet ihm bei: "Wenn es in Deutschland eine Stadt zur internationale Modemetropole bringen kann, dann ist das Berlin." Trotz der Geisterbahn, die schon wieder ihre Runden dreht auf der Bread & Butter.

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