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Neue Romantik Zurück ins Kleidchen

Es hat lang gedauert, doch nun zeigt sich endlich der Look der nuller Jahre: Die Frauen tragen wieder Kleid. Was Designer als neue Romantik bejubeln, lässt Händler und Frauenrechtlerinnen verzweifeln.

Würde Hollywood seine Filme nur noch mit Gwyneth Paltrow besetzen? Die Autoindustrie ausschließlich den Mini bauen? Nein, niemals, undenkbar. Die Modemacher dagegen machen die süße Eintönigkeit neuerdings zu ihrem Programm und begeistern sich in ihren aktuellen Kollektionen für das Kleid - in allen Varianten: Hemdblusenkleid, Schürzenkleid, Trägerkleid, Abendkleid. Konsequent hat etwa die Mailänderin Miuccia Prada alle Hosen aus ihrer Kollektion für den nächsten Frühling und Sommer verbannt. Total ungerecht geht es auch bei Calvin Klein zu (36 Kleider und 2 Hosen), bei Burberry (50 Looks/eine Hose) und Lanvin (52 Kleider/2 Hosen). Dolce & Gabbana verstecken immerhin 5 Hosen in 84 Looks.

Es ist keine drei Jahre her, da schickte Prada die Frauen noch in streng geschnittenen Anzügen auf den Laufsteg, während Karl Lagerfeld bei Chanel schwarzlederne Motorradbräute präsentierte. "Die feminine Form steht nun im Vordergrund", säuselt er heute und lässt auf Chanels Cocktailkleidern salatkopfgroße Rosen blühen.

"Geist ewiger Weiblichkeit"

Vor allem Jungdesigner sind wild auf zarte Frauengestalten und florales Zierwerk. Der US-Darling Zac Posen hat sich vom "Geist ewiger Weiblichkeit" inspirieren lassen, was immer das sein mag. Olivier Theyskens begeistert sich in einem beinahe ungesunden Maß für die Schleppe und für die Trachten Queen Victorias. "Warum all die Kleider? Weil Hosen mich langweilen!", erklärt die scheidende Chloé-Designerin Phoebe Philo, nachdem sie ihren Laufstegknicks absolvierte, in Jeans übrigens.

"Wer soll all die durchsichtigen Schwangerschaftskleider anziehen?", zitiert die Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" einen verzweifelten deutschen Händler. Da haben sich gerade alle an den Girlie-Glamour gewöhnt, schon ist wieder Schluss mit Kaugummirosa und Nabelschau. Sechs Jahre nach dem Jahrtausendwechsel kommt die modische Form unserer Dekade zum Vorschein: "Es ist die friedliche Weiblichkeit, und das Kleid ist ihr Sinnbild", konstatiert "Herald Tribune".

Frau als Gefühlswesen

Woran liegt's? "Wir brauchen Romantik in unserem Leben", glaubt Burberry-Designer Christopher Bailey. "Es gibt viel Härte in der Welt, da wollen wir es doch alle ein bisschen weicher haben." Kein Wunder also, dass David Hamilton, ein Großmeister der weichgezeichneten Fotografie, derzeit liebste Inspirationsquelle etlicher Designer ist. "Sie hat keine Angst, ihre Gefühle zu zeigen", beschreibt die Französin Martine Sitbon ihre Idealfrau. "Deswegen verwende ich alte, handgearbeitete Spitze. Sie soll an die Materialien der vorletzten Jahrhundertwende erinnern, als die Frau vor allem ein Gefühlswesen war."

Feminismus im Rückwärtsgang

Nicht alle finden Gefallen an den vielen Signalen verträumter Sinnlichkeit. Amerikanische Frauenrechtlerinnen deuten die Flut von Volants und Rüschen bereits als Zeichen für einen Feminismus im Rückwärtsgang. Susan Faludi, Autorin des Buches "Backlash. Die Männer schlagen zurück" erkennt einen Zusammenhang zwischen den Angriffen auf das World Trade Center und der Wiederkehr der mädchenhaften Eleganz: "Es scheint, als formuliere der Zeitgeist in Momenten nationaler Unsicherheit Sätze wie diesen: Wenn die Frauen sich nur ein wenig traditioneller benehmen würden, dann steckten wir nicht in solchen Schwierigkeiten."

"Hole Sex in die Mode zurück"

Propagieren die Modeschöpfer mit ihrem Heimchen-Chic also ein antiquiertes Hausfrauenmodell? Ist das Verschwinden der Hose ein Zeichen für das Bröckeln der Gleichberechtigung? Dass manche Frauen in Zeiten von Krise und Dauerarbeitslosigkeit gern an den häuslichen Herd geschickt und ins Kleidchen gesteckt werden, ist bekannt. Und auch eine Bundeskanzlerin im tristen schwarzen Sakko sorgt noch lange nicht für den Vollzug der Gleichberechtigung.

Doch nicht gleich traurig werden! Wenn es stimmt, dass Modemacher gesellschaftliche Entwicklungen frühzeitig formulieren, dann kommen bewegtere Zeiten auf uns zu. Für die nächste Saison hat sich der Brite Alexander McQueen Besserung vorgenommen: "Power Dressing. Ich hole den Sex wieder in die Mode zurück."

Dirk van Versendaal print

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