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Schuh-Trend: Im Namen der Sohle

Spitz oder rund? Plateau oder Keil? Die Einkäufer großer Luxusgeschäfte wissen schon heute, welche Schuhe wir im Frühling und Sommer nächsten Jahres tragen werden. Der stern begleitete zwei Trend-Jägerinnen bei ihrer Spurensuche in Paris.

Wehe dem Schuh, der in Claire Bödekers Hände gerät. Ihm wird kräftig das Leder gerubbelt und der Absatz geschlagen, seine Sohlen werden gebogen, seine Riemchen gezerrt - "denn Schuhe, die ein paar hundert Euro kosten", befindet die Praktikerin, "müssen auch was aushalten".

Claire Bödeker ist Einkäuferin des Handelsunternehmens Breuninger, des exklusivsten Modekaufhauses Deutschlands mit Stammsitz in Stuttgart. Egal, welcher Schuh dort verkauft wird, ohne ihre Billigung schleicht sich kein Paar ins edle Sortiment. Das wurde jetzt um ein ganzes Stockwerk nur für Luxusschuhe erweitert: 750 Quadratmeter voll mit Diors, Jimmy Choos, Tod's und Fendis, was europaweit konkurrenzlos ist. Die betuchten Schwäbinnen müssen also nicht mehr zum Shoppen nach Paris oder Mailand reisen - ab sofort reicht ein Bummel zum Stuttgarter Marktplatz.

Die Suche nach den Trendschuhen der kommenden Saison wird ihnen von Bödeker und der Einkaufschefin Jutta Blüthner abgenommen - Ordertermin in der Avenue Percier, achter Pariser Bezirk. Die Entwürfe des Modehauses Chloé gelten als hochmodisch, die Chloé-Kundinnen als stilsicher, Chloé-Schuhe machen Trends. "Wir können nicht die schönsten vier Paare aus den Regalen pflücken und hoffen, dass die sich irgendwie zusammenfügen", meint Blüthner. Es gilt, den eigenen Geschmack auszuschalten und taktisch zu erwägen: Pro Saison haben etliche Trendthemen das Potenzial, zu einer kommerziellen Straßenmode zu werden, erklärt sie. "Die Frage ist bloß, welche suchen wir für uns aus?"

Ein paar Sieger des nächsten Frühjahrs und Sommers stehen nach den ersten Terminen fest: Mokassins und Espadrilles zum Beispiel. Plateauabsätze werden gut laufen, ebenso Lack, Kork, Kordeln und Riemchen. Dicke Keilabsätze werden - nach einer furiosen Herbstsaison - abschlaffen, Stilettos lahmen, spitze Schuhformen gehen kaum noch.

Warum welcher Schuh zu einem Must-have wird? - schwer zu sagen. Hilfreich, meint Jutta Blüthner, sei ein Blick auf die Kleidermode: Weil Leggings gerade mit Karacho aus den Achtzigern zurückkehren, marschieren auch die Ballerinas, das fordert die Silhouette so. Sind die Kleider schreiend auffällig, erklärt Claire Bödeker, dann müssen schlichte Accessoires gegensteuern. Vor allem der Erfolg einer Tasche, so heißt es in der Branche, zieht die Schuhe mit. Seit Chloé mit seiner "Paddington" einen echten Kracher hinlegte, reißen sich die Kundinnen auch um die Schuhe im passenden Look - sichtbare Nähte und Retro-Anmutung -, denn "im Luxusgenre werten Frauen ihr Outfit zurzeit über die Tasche und die Schuhe auf".

Kein Schuh wird gutgläubig aus dem Regal gekauft. Claire Bödeker geht alle aussichtsreichen Modelle Probe. Was dem Plateauschuh namens "Udaipur" zum Vorteil gereicht. "Sieht nach echten Qualen aus, ist aber wahnsinnig bequem", urteilt sie beim Ordertermin im Showroom von Yves Saint Laurent. Wer nicht in die Prototypen hineinpasst, ist auf Schuhmodels angewiesen, die in den Showrooms ihren Dienst versehen: junge Frauen mit schmalen Füßen (Größe 37) und langen, langen Beinen, die fast jeden Schuh zum Fetischistentraum werden lassen.

Wie viele Schuhe hat eine Schuheinkäuferin in der eigenen Garderobe stehen? "So viele wie jede andere Frau auch", antwortet Claire Bödeker, und Jutta Blüthner nickt, "zu viele". Etliche Frauen haben, das ist hinlänglich bekannt, einen Schuhtick. Aber wer legt deswegen gleich 400 Euro für ein Paar Slingpumps hin? Die Branche steht seit Jahren unter Druck, ihre Umsätze sind insgesamt rückläufig, auch für 2006 wird kein nennenswertes Wachstum erwartet. Abgesehen von ebenjenen zehn Prozent des Marktes, die zum Luxussegment zählen, dessen Umsätze laut Expertenprognosen in den kommenden fünf Jahren um bis zu sechs Prozent jährlich wachsen sollen. Dass sich Breuninger mit seinen derzeit elf Häusern und 4000 Mitarbeitern ein Stockwerk voller Luxusschuhe gönnt, hat seine Gründe in der so genannten Premium-Strategie, zu der auch eine prunkvoll ausgestattete Fashion-Abteilung gehört.

Was passiert, wenn Einkäufer irren? "Voll daneben hauen wir eigentlich nie", meint Blüthner. Eher geschehe es, "dass die Branche einen Trend ausruft, den aber kein Verbraucher hören will". Wie vor einigen Saisons, als teure Designergummistiefel als letzter Schrei galten, dann aber bloß die Lagerregale zum Ächzen brachten.

Und droht jetzt etwa eine ähnliche Blamage? Oder ist es ein Trend, wenn die beiden Frauen auffallend viele Kork- und Holzabsätze ordern, die lederbezogenen Exemplare aber hartnäckig ignorieren? Ach was, meint Bödeker, "dem Leder setzt bloß das Stuttgarter Kopfsteinpflaster so fürchterlich zu".

Dirk van Versendaal / print