Ist Howard Carpendale ein Schlagersänger? Wer das von ihm wissen will, dem schlägt heftiger Protest entgegen. "Die Frage mit dem Schlagersänger verfolgt mich seit 60 Jahren", entrüstet sich der Musiker, der mit Songs wie "Hello Again" oder "Deine Spuren im Sand" berühmt wurde.
Und er erklärt, warum seine Musik anders ist. Bei Schlagern gehe es oft darum, Party zu machen. "Das ist etwas, was ich für mich ablehne. Ich möchte Emotionen wecken", sagte der in Starnberg lebende Sänger der Deutschen Presse-Agentur anlässlich seines 80. Geburtstages am Mittwoch (14. Januar).
Mehr als nur ein paar Hits
Seine Fans lieben ihn dafür - und viele sind ihm seit Jahrzehnten treu. "Wenn ich vor 10.000 oder 20.000 Menschen Konzerte gebe, kenne ich vom Gesicht her alle, die in den ersten zwei, drei Reihen sitzen", sagt Carpendale. Das sei eine Freude - und eine Verpflichtung, sein Bestes zu geben. "Da steckt mehr dahinter als nur ein paar Hits."
Dass er dennoch oft als Schlagersänger gehandelt wird, hat seine Gründe in der Vergangenheit, wie aus seiner Autobiografie "Unerwartet" hervorgeht. Seine frühere Plattenfirma habe ihn als solchen aufgebaut. "Manche Melodien finde ich auch schön. Ich schäme mich nicht, sie zu singen", notiert er. Doch es gibt ein Problem in Deutschland: Wer Schlager hasse, halte die Schlagersänger für dumm. Ein Vorurteil, das er nicht auf sich sitzen lassen will.
"Irgendwie schon immer da"
Mit 19 verlässt er Südafrika und geht nach England und dann weiter nach Deutschland, hat immer wieder kleine Auftritte als Musiker. 1966 erscheint seine erste Single "Lebenslänglich", weitere Songs folgen - und bald sucht der Musiker nach neuen musikalischen Wegen. Als die Beatles 1968 das "White Album" herausbringen, ist er begeistert. Er darf einige der Popikonen sogar persönlich treffen und bringt wenig später die deutsche Version des Songs "Ob-La-Di, Ob-La-Da" heraus, die ein Erfolg wird.
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Mehr als 65 Millionen Tonträger hat Carpendale nach Angaben von Universal Music seitdem verkauft und sich damit im kollektiven Gedächtnis verankert. "Howard Carpendale? Klar, den kenn ich seit meiner Kindheit, war irgendwie schon immer da", scherzt er in seinem Buch über die Tatsache, dass er seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne steht.
Jugend als cooler, großer Spaß
Seine Kindheit in Durban war schön - mit einigen Schatten, etwa einem Bekannten seiner Eltern, der sexuell übergriffig wurde und ihn berührte, wie Carpendale in seiner Autobiografie beschreibt. Ansonsten genießt er das Leben, ist als Jugendlicher ein erfolgreicher Sportler (Rugby und Kugelstoßen) und hat viele Freunde, feiert Strand-Partys und macht Musik. "Mein Leben ist Rock ’n’ Roll. Ein cooler, großer Spaß", hält er über diese Jahre fest.
Böse Saat des Rassismus
Erst als er nach England geht, fällt ihm die Enge seiner alten Heimat auf, in der die Apartheid die Schwarzen zu Menschen zweiter Klasse herabstufte. "Rassismus ist eine böse Saat", findet er heute. Schwarz und weiß - "Es wäre schön, wenn diese beiden Adjektive eines Tages gar keine Bedeutung mehr hätten, wir Hautfarben gar nicht mehr beachten würden".
Dramatische Krisen
Und so bleibt sein Leben nicht dauerhaft ein "cooler, großer Spaß". "Keiner geht durch 80 Jahre ohne dunkle Flecken, das ist ein Teil des Lebens von Drogensucht bis Depression", räumt er im dpa-Interview ein. Knicke in der Karriere zählen ebenso dazu wie der Alkoholismus seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Donnice. Einige Jahre lebt er mit der US-Amerikanerin in ihrer Heimat und bekommt mit ihr einen Sohn, Cass. Doch die Idylle trügt. "Wenn ich nach Hause komme, ist Donnice meist betrunken und schläft", schreibt er über diese Zeit. Es ist ein Auf und Ab mit Streit, Versöhnung, Trennung, Rückkehr und dann wieder Alkoholsucht.
"Ich hasse es, im ganzen Haus nach versteckten Vorräten zu suchen, denn egal, wie viele ich finde, ich weiß, irgendwo stehen andere Flaschen, Flaschen, die ich nicht gefunden habe", notiert er. "Oft packt mich auch die Wut: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Kiffen verteufelt, aber den Alkohol verharmlost. Dabei tötet Alkohol mehr Menschen, als illegale Drogen es tun."
Mit Sohn Wayne aus der Depression
Ein vertrackter Kreislauf, der auch bei ihm Spuren hinterlässt. Irgendwann fällt Carpendale in ein tiefes Loch, verliert viel Geld durch schlechte Investitionen und zockt Online-Poker. Er gerät in eine schwere Depression. Schließlich ist es sein Sohn aus seiner ersten Ehe, der Schauspieler Wayne Carpendale, der ihn schließlich dazu bringt, in eine Klinik zu gehen und sich behandeln zu lassen.
Die glücklichste Zeit
Eine Entscheidung, die Carpendale schließlich zu seiner Frau zurückführt, die es geschafft hat, dem Alkohol zu entsagen. In seinem Buch bezeichnet er Donnice als "Mensch meines Lebens" und im Interview blickt er gelassen auf diese Zeiten zurück.
"Ich sehe das als Dinge, die man durchmachen muss. Meine Frau und ich hatten 18 Jahre lang eine sehr schwierige Zeit. Im Moment erleben wir unsere glücklichste Zeit zusammen, es hat sich gelohnt, durch diese schwierige Phase gemeinsam zu gehen", resümiert er heute.
Ist er nach all den Höhen und Tiefen stolz auf sein Leben, seine Karriere? "Stolz ist ein Wort – das klingt ein bisschen, wie ein Pfau", merkt Carpendale an. "Wir haben verdammt hart gearbeitet und haben viele gute Entscheidungen getroffen, manche nicht so gut. Aber das gehört zum Leben. Mein Glück war, dass ich sehr schnell gelernt habe, frage nicht, was will dein Publikum, sondern was willst du deinem Publikum geben."
Der Typ ist 80?
Grund genug, den Geburtstag groß zu feiern, doch Carpendale winkt ab. "Ich versuche, es zu vermeiden. Der Geburtstag ist unwichtig, das ist keine Leistung", findet er. "Ich werde mit meiner Familie irgendwo schön sitzen und Abendessen machen. Die Zahl 80 ist nicht etwas, was mich wahnsinnig tangiert." Ab März geht er auf seine Abschiedstournee, die mit Verlängerung bis in den September dauern soll. Selbstbewusst ergänzt er: "Ich habe junge Menschen um mich rum, die würden nie sagen, der Typ ist 80."