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"Sanctum": Hollywoods sündiger Club

"Sanctum", Heiligtum nennt sich das Etablissement in Holmby Hills. Hier trifft sich eine illustre Schar zu Spielchen besonderer Art. Sogar Gwyneth Paltrow empfiehlt den Swinger-Treff der Oberklasse.

Von Jochen Siemens

Sanctum

Wo und wann genau die Burlesque-Events stattfinden, erfährt nur, wer eingeladen ist.
Eingeladen wird nur, wer reich oder einflussreich ist, schön oder berühmt. Am besten, alles gleichzeitig. Oberste Maxime des Clubs: "Anfassen darf nur, wer vorher fragt"

Die Adresse ist geheim. Und es nützt auch wenig, dem geflüsterten Tipp eines Alleswissers zu folgen und in den Straßen von Holmby Hills bei Hollywood nach einem Parkplatz mit auffällig vielen Maybachs, Porsches oder Ferraris zu suchen. In Holmby Hills gibt es abends fast nur Porsches und Ferraris. Wenn irgendwo ein paar mehr davon parken, könnte es auch Housewarming Party, Mädchenabend oder Kindergeburtstag bei irgendeinem millionenschweren Filmproduzenten sein.

Holmby Hills liegt in der Gegend, durch die sich Touristen von Star-Tours-Agenturen fahren lassen und staunen, wenn sie hinter hohen Mauern das Haus von Elvis Presley, Humphrey Bogart oder Michael Jackson vermuten, die hier mal gelebt haben. Oder jeden halbwegs blonden Mann auf der Straße anstarren, es könnte ja Brad Pitt sein, der seinen Müll rausbringt. Man kann die Häuser gar nicht sehen, sondern nur die geschlossenen schmiedeeisernen Tore, hinter denen lange Kieswege irgendwohin führen. Aus der Luft sieht man nur die Pools als türkisfarbene Ornamente.

Ruhm hilft immer, Schönheit auch

Hier also. Einmal im Monat. Wann genau, erfährt nur, wer eingeladen ist. Und um eingeladen zu werden, muss man sich online bewerben und ausfragen lassen. Sehr hoher Kontostand ist behilflich; genauso wie eine gewisse Bedeutung. Ruhm hilft immer, Schönheit auch, denn man muss drei Fotos mitschicken und auch noch die Frage beantworten, was denn passiert, wenn man seine Fantasien auslebt. Ziemlich viel Bohei um eine Sache, die man in dieser Stadt ein paar Straßen weiter südlich schneller und billiger bekommt und aus der diese Stadt eigentlich besteht: Sex.

Aber weil das so ist und hier fast jeder mit jedem schläft, wenn es der Karriere nützt und die Langeweile vertreibt, weil also Sex jedermanns Ware ist, muss man sie künstlich verteuern. Sie veredeln und verdammt exklusiv machen, damit sie wieder heiß wird. Genau das machen sie hier einmal im Monat im "Snctm", ausgesprochen "Sanctum", dem zurzeit elitärsten und geheimnisvollsten Sexclub Hollywoods. Obwohl, na ja, geheim: Snctm-Betreiber Damon Lawner, 46, will natürlich von sich reden machen, er transpiriert Eitelkeit, wie alle hier, und sein Laden bliebe ja unbekannt, wenn nicht ab und zu etwas über ihn zu hören oder – wie hier gerade – zu lesen wäre.

Damon Lawner

Damon Lawner ist der Mann, der Sanctum erfand und führt. Einmal im Monat treffen sich bei ihm handverlesene 99 Gäste zum Zeitvertreib. Der 46-Jährige sagt, es gehe darum, "die eigene Wahrheit anderen zu öffnen". Das hat seinen Preis: bis zu 50.000 Dollar im Jahr.


Lawners Marketing ist eigentlich simpel: Mache aus banalem Sex einen burlesquen Event, suche alle Teilnehmer der Orgie persönlich aus, rede ihnen ein, dass es nicht um Sex geht, sondern darum, "die eigene Wahrheit anderen zu öffnen" , um "die höchste Vibration, die wir zusammen erreichen können" . Hinter solchen esoterischen Girlanden inszeniert der Impresario dann ein erotisches Theater für eine Nacht, zu der die Männer im Smoking und die Frauen im Abendkleid oder leicht bekleidet erscheinen müssen, alle maskiert. Ziemlich schwitziger Karneval also.

Und damit der Anfang nicht zu schwerfällt, turnen auf den Erotik-Dates ein paar angeheuerte Pornoprofis vor, japanische Fesselspiele inklusive. Hier kommen ja viele aus der Welt des Kinos und können sich einmal fühlen wie in "Fifty Shades of Grey". Oder wie in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut", ein Film, der Damon Lawner am meisten animierte, wie er sagt. Und so sieht ein angestrengt geheimnisvolles Video auf der Website von Snctm auch aus, wie Kubrick in Rotlicht.

Anonymität höchstes Gut?

Natürlich gilt das olle Swinger-Motto: "Alles kann, nichts muss" , und so berichten Teilnehmer, man müsse nicht und dürfe sowieso nur, wenn der und die andere es gestattet. Und man könne in diesen Nächten auch nur so zwischen Kopulierenden flanieren, die Wäsche am Leib lassen, Drinks von den Rücken nackter gebückter Frauen nehmen, die als Tischchen herhalten müssen, und hinter Masken den oder die ganz große Hollywood-Nummer vermuten. Auch wenn Lawner versichert, Anonymität sei das höchste Gut in seinem Fummelclub, macht er keinen Hehl aus der monetären Flughöhe seiner Gästeliste.

Da sei ein mehrfacher Hotelbesitzer aus New York, ein Moskauer Milliardär, einige sehr vermögende Ehepaare, die seit Jahren verheiratet seien, der Produzent einiger sehr erfolgreicher TV-Shows, der 21-jährige Sohn eines bekannten Filmproduzenten, einige berühmte Models, ein sehr reiches Boutiqenbesitzer-Paar aus Beverly Hills und, ja, diese Schauspielerin, die auf der Datenbank "IMDB" eine sehr lange Filmliste habe.

Ob Zufall oder nicht, die sehr bekannte Schauspielerin Gwyneth Paltrow, Patentochter von Steven Spielberg, einst die Frau des Coldplay-Sängers Chris Martin, über 40 Filme bei "IMDB" und Betreiberin eines esoterisch-edlen Blogs namens "Goop", empfiehlt auf einer Geschenkeliste nicht nur einen merkwürdigen "Sex-Staub" und allerlei anderen Erotikkram, sondern auch eine Mitgliedschaft bei Snctm, Preis auf Anfrage. Seit Paltrow, die in Hollywood als eine Art Florence Nightingale vergeistigter Nachhaltigkeit gilt, auf ihrem Blog Damon Lawner ausführlich interviewte, vermutet Hollywood die Paltrow ganz sicher auf der Gästeliste.

Gwyneth Paltrow

Hollywood-Star Gwyneth Paltrow im kleinen Schwarzen. In ihrem Blog "Goop" nennt sie den verschwiegenen Swingerclub der Oberklasse.

Der Thrill des Unerhörten

Denn würde ausgerechnet die Anspruchsvolle Werbung für etwas machen, was sie nicht auch probiert hat? Gwyneth in Strapsen und Maske, Fantasien haben es immer eilig. Und ist sie nicht mit dem blendend aussehenden TV-Produzenten Brad Falchuk ("Schönheit hat ihren Preis") zusammen? Ist sie. Beweise für Gwyneth in Strapsen gibt es bisher keine, gesehen hat sie niemand. Wie auch? Tragen ja alle Masken.

Und so verpufften auch Gerüchte wieder, ein jüngst geschiedenes Power-Paar aus der ersten Liga, das zurzeit ums Sorgerecht für die Kinder streitet, sei unter den Gästen gewesen und hätte auch mit anderen zusammen ... Denkbar? Nein, sagen die einen. Wer sein Gesicht sein halbes Leben lang auf Filmplakaten verkauft, wird doch nicht glauben, mit einer albernen venezianischen Minotaurus-Plastikmaske im Gesicht unerkannt zu bleiben. Einerseits.

Andererseits unterschätzt man den Thrill, den Kitzel, den das Unerhörte auf Menschen hat, die eigentlich alles haben können. So wie bei Hugh Grant, der 1995 auf dem ersten Gipfel seines Ruhmes war und sich die Mädchen hätte pflücken können. Aber in einer Seitenstraße des Sunset Boulevards mit der Prostituierten Divine Browne beim Oralverkehr im Auto erwischt und verhaftet wurde. Genau mit diesem Kick, mit der Simulation einer klandestinen Sex-Soiree, handelt Damon Lawner, der in Paltrows Blog versicherte: "Ich habe eine sehr starke sexuelle Energie seit meiner Jugend, die im direkten Gegensatz zum gleichfalls starken Wunsch, monogam zu sein, steht."

Den inneren Traum ausleben

Er ist ein Hippie-Kind aus Kalifornien, früher mal Model und gelegentlicher Fotograf, ein Beau und Maschinist in Hollywoods Nachtleben. Er betrieb Restaurants und Bars und ging pleite, wanderte mit seiner Frau nach Bali aus und wurde dort zu einem Partyveranstalter der reichen Gesellschaft, die irgendwann nicht nur zuschauen, sondern auch anfassen wollte. Aber natürlich nicht gierig, sondern "sinnlich" , den "inneren Traum ausleben" , und was Frauen-Flüsterern sonst so einfällt, wenn Seelen massiert werden sollen. Mit diesem Konzept eines "spirituellen und erotischen Utopias" kam Lawner 2012 zurück nach Los Angeles.

SNCTM

Erotisches Theater für eine Nacht, getreu dem alten Swinger-Motto: Alles kann, nichts muss.

Und dann war es zunächst nur eine Facebook-Seite, auf der er für seine gelegentlichen Masken-Partys warb, die aber zu seinem Erstaunen großen Zulauf hatte. Aus den gelegentlichen Treffen in wechselnden Nightclubs von Beverly Hills entwickelte der Sex-Gastgeber dann seinen Snctm-Club; die umständliche Konsonantenfolge ist wie gesagt eine kondensierte Form von Sanctum, was übersetzt etwa "Heiligtum" bedeutet.

Und weil in Hollywood etwas nur gut sein kann, wenn es teuer ist, passte Lawner die Preisliste den Gepflogenheiten an. 2500 Dollar kostet heute ein Tisch pro Paar, Drinks inklusive. Wer noch einen Platz am Pool zusätzlich bucht, zahlt weitere 950 Dollar. Eine Jahreskarte für alle Sanctum-Feiern liegt bei 10.000 Dollar, und wie überall gibt es auch hier eine First Class: Sie nennt sich "Dominus", bietet für 50.000 Dollar bessere Plätze und mehr Beinfreiheit. Zurzeit arbeitet der Impresario daran, mit Sanctum auf Tour zu gehen; in New York sollte die Sause auf einer Yacht steigen, Paris und Moskau hat er auch auf dem Zettel.

Die Teilnehmerzahl ist streng auf 99 limitiert, und das sind natürlich nicht die Irgendwers, die zu viel Geld haben, sondern vom Meister handverlesene Gäste. Gecastet auch "nach ästhetischen Kriterien". Ein männlicher Gast wurde einmal nach so einem Abend mit dem Satz zitiert: "Du kannst nicht glauben, was du da siehst." Der Versuchung erlag dann auch der Chef selbst. Nach über 20 Jahren verließ ihn seine Partnerin, die Mutter seiner Kinder, Melissa Bernheim, weil Lawner eben nicht Veranstalter blieb, sondern Teilnehmer seiner eigenen Feste wurde.

Dafür steht nun aber ein nagelneuer Aston Martin Vantage GT in seiner Garage. Wohl um sich über den familiären Crash hinwegzutrösten. In Hollywood versteht man das als guten Tausch.

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