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Internationale WG: Wie es wirklich ist, mit drei Nationalitäten unter einem Dach zu leben

Alle reden von interkultureller Verständigung, in der WG unseres Autors wird sie jeden Tag gelebt. Dort wohnen ein Deutscher, ein Afghane und ein Sambier zusammen, jeder von ihnen lernt dadurch eine neue Welt kennen. Das ist manchmal kompliziert, meistens schön – und eigentlich immer ziemlich lustig.

Die drei Bewohner der WG

Internationale WG auf Tour: Unser Autor (M.) mit seinen Mitbewohnern

Manchmal, wenn wir alle gleichzeitig mit unseren Eltern telefonieren, schwirrt es in der Wohnung wie auf einer UNO-Konferenz. Aus dem Zimmer am Ende des Flurs hört man Farsi, aus dem auf der linken Seite einen afrikanischen Dialekt. Und in der Mitte eben Deutsch. Die Leitungen gehen von Hamburg aus nach Afghanistan, nach Sambia und nach Ostwestfalen.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015 redet ganz Deutschland von interkultureller Verständigung und Integration, vom Miteinander der verschiedenen Kulturen in unserem Land. In unserer WG im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg werden diese Schlagworte jeden Tag gelebt – das ist manchmal schwierig, meistens sehr schön und eigentlich immer ziemlich lustig.

Deutschland, Sambia, Afghanistan – auf 50 Quadratmetern

Alles begann mit George, der aus Südafrika nach Deutschland zog, als mein damaliger Mitbewohner die WG verließ. George ist in Sambia aufgewachsen, hat aber viele Jahre in Kapstadt gelebt und wurde im März 2016 mein neuer Mitbewohner. Einige Monate später kam Asad dazu. Er ist aus Afghanistan geflüchtet – die Taliban versuchten, ihn umzubringen, weil er dort als Übersetzer für die Bundeswehr arbeitete.

Asad zog nach einem Jahr im Flüchtlingsheim erst einmal übergangsweise bei uns ein – in ein Neun-Quadratmeter-Zimmer, das wir bis dahin als eine Mischung aus Abstellraum und Gästezimmer genutzt hatten. Nach einigen Monaten hatte er noch nichts anderes gefunden, also blieb er länger. Noch ein paar Wochen später hatte er immer noch nichts, also blieb er noch länger. Da fanden wir das Zusammenleben allerdings schon so cool, dass wir ihn ohnehin nicht mehr hätten gehen lassen. Das ist jetzt fast ein Jahr her.

Therapiestunden in der WG-Küche

Okay, es ist alles enger, aber auch alles spaßiger. In der WG-Küche wird über Dinge geredet, über die Männer nun mal reden, dort spielen sich Therapiestunden und Comedy-Shows ab, manchmal bis einer vor Lachen auf dem Boden liegt. Aber natürlich verlief vor allem der Anfang nicht immer reibungslos. Drei junge Männer aus drei sehr unterschiedlichen Kulturen, die sich aufeinander einstellen mussten – klar, dass das etwas dauert. Mittlerweile muss man wohl sagen, dass jeder etwas vom anderen übernommen hat.

Unser Afrikaner George weiß jetzt, dass man an Türen klopft, bevor man in fremde Zimmer stürmt. Unser Afghane Asad fragt in seiner unendlichen Höflichkeit nicht mehr jedes Mal vor dem Kochen, ob er mein Geschirr benutzen kann. Dafür musste ich lernen, dass es für ihn geradezu eine Beleidigung war, als ich darauf bestand, die Kosten für unsere WG-Party allein zu übernehmen – obwohl ihm das Geld dafür fehlt. Und ich, der Deutsche, bilde mir ein, spontaner, lockerer und gastfreundlicher geworden zu sein.

Die größten Integrationshürden: die Sprache, das Wetter und Helene Fischer 

Jeder von uns hat zwei sehr gute Freunde dazugewonnen, aber vor allem lernen wir in unserer WG auf sehr komprimierte Art und Weise auch andere Welten kennen. Für meine Mitbewohner ist das klar: Sie leben in einem fremden Land (und um das auch mal zu sagen: Sie lieben Deutschland!) und müssen sich daran anpassen. Ein Knackpunkt ist natürlich die Sprache: Mit Asad – unserem Sprachgenie, das fünf Sprachen fließend kann – rede ich Deutsch. Offizielle WG-Sprache ist aber Englisch. George lernt Deutsch und auch das ist ein Gemeinschaftsprojekt – auch wenn es manchmal nerven kann, nach der Spätschicht noch Fragen zum Genitiv beantworten zu müssen. Meine Grammatikkenntnisse haben sich dadurch aber noch mal ein ganzes Stück weiterentwickelt. Und mein Bewusstsein für das Glück, Deutsch nie als Fremdsprache lernen zu müssen, wenn George verzweifelt fragt: "How did you learn all those articles?"

I have a dream that one day the dishes will be done not by those who need them but by those that have created them

Martin Luther King mahnt über der Spüle

Dann natürlich das Wetter. Es war eine herzzerreißende Szene, als dieses Jahr im Januar einmal die Sonne herauskam und George sofort im T-Shirt rausging – nur um gleich wieder enttäuscht und bibbernd hereinzukommen. Auch das gehört eben zum Integrationskurs, der sich Leben nennt. Beide geben sich mächtig Mühe, Deutschland zu verstehen. Nur als einer mal "deutsche Musik" googelte und die WG dann tagelang mit Helene Fischer beschallte, war es etwas zu viel des Guten.

"Ich habe so viele Leichen gesehen ..."

Für mich ist es spannend, wie meine WG-Kollegen mir ein Leben nahebringen, das für einen Deutschen schlicht nicht vorstellbar ist. Insbesondere Asad, der Flüchtling aus Afghanistan. Dort hat er Jura studiert, hier arbeitet er bei einem Pizzalieferdienst und für sein C1-Sprachzertifikat, damit er in Deutschland weiterstudieren kann. Viele der Dinge, die in diesem Land im Zusammenhang mit Geflüchteten allgemein und seinem Heimatland im Besonderen die Nachrichten dominieren, bringt er in die Wirklichkeit.

Als in Hamburg während des G-20-Gipfels der Schwarze Block marodierend durch die Straßen zog und sich alle in ihren Häusern verkrochen, reagierte Asad betont gelassen: "Ich habe schon so viele Leichen gesehen, ein paar brennende Autos interessieren mich nicht." Auf ihn ist geschossen worden, zwei seiner engsten Freunde sind in Afghanistan bei Anschlägen der Taliban ums Leben gekommen. Asad redet nicht gern darüber. "Tot ist tot", sagt er dann. Nur ganz zu Anfang seiner Zeit in unserer WG sagte er einmal: "In Afghanistan sind Bomben wie Regen in Hamburg. Du gehst morgens raus und weißt nicht, ob es heute passiert. Und wenn es passiert, dann wunderst du dich nicht." 

Sätze, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt haben. Mit Menschen zusammenzuleben, die Tod, Krieg und Armut nicht nur aus dem Fernsehen kennen, weitet den eigenen Horizont ungemein und ermöglicht eine andere Sicht aufs Leben. Eine, die wir in unserem sicheren Luxus nicht kennen.

Gastfreundschaft ist die einzige Regel

Von George bekomme ich, der geborene Melancholiker, immer mal etwas afrikanische Lebensfreude und Optimismus ab. Vor allem aber habe ich von ihm gelernt, was es bedeutet, gastfreundlich zu sein. Neulich hatten wir eine Woche lang ein Paar aus den USA zu Besuch, das beruflich in Hamburg war und keine bezahlbare Wohnung für den Zeitraum gefunden hatte. Zu fünft in einer 2,5-Zimmer-Wohnung – ja, auch das geht. Und es macht sogar Spaß. Dass unsere Wohnung stets für Übernachtungsgäste auf der Durchreise oder in Not offen ist, gehört für uns zur WG-Philosophie. Schließlich ist unsere WG-Konstellation erst so entstanden. 

Das ist aber auch so ziemlich die einzige Regel, die es bei uns gibt. Kein Putzplan, keine Verpflichtungen. Das ungeschriebene Gesetz lautet: Wer es zuerst nicht mehr aushält, räumt auf – oder der, der Besuch bekommt. Zugegeben, wir sind alle drei recht schmutztolerant ...

Teddybär mit Bierflasche

WG-Maskottchen Riffo hat alles im Griff


Ein Experiment, das es viel öfter geben sollte

Geplant war unsere WG so nie. Sie war von Anfang an ein Wagnis, ein Risiko, ein Experiment. Aber eines, das sich gelohnt hat und das es so viel öfter geben sollte. Drei Nationalitäten in einer Wohnung – das kann funktionieren, und zwar ziemlich gut. Wichtig ist allerdings, wie in jeder anderen WG auch, ein Mindestmaß an Kompromissbereitschaft, Verständnis und einigermaßen kompatible Vorstellung von Wohn- und Lebensstil.

Und eigentlich sind wir ja sogar zu viert. Unser WG-Maskottchen Riffo, ein Teddybär, heißt so, weil er von der spanischen Insel Teneriffa kommt. 

Wohnung in Trümmern: 30 Partygäste feiern – und dann stürzt der Boden ein