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Fehlende Frauen: Die Tech-Branche hat ein Testosteronproblem (und wir alle sind schuld daran)

Das Silicon Valley beeinflusst unsere ganze Gesellschaft, wir alle nutzen Smartphones, Apps und soziale Netzwerke. Doch entwickelt werden sie häufig fast nur von Männern. Das ist ein Problem, an dem wir alle eine Mitschuld tragen.

Lange Schlangen vor dem Einlass zur WWDC-Keynote. Und es fällt auf: Hier stehen ziemlich viele Männer ...

Lange Schlangen vor dem Einlass zur WWDC-Keynote. Und es fällt auf: Hier stehen ziemlich viele Männer ...

Die Technikbranche sieht sich gern als Vorreiter der Gesellschaft. Sie vernetzt die ganze Welt, entwickelt selbstfahrende Autos, animiert uns zu einem gesünderen Lifestyle und setzt sich für Erneuerbare Energien ein. Doch in mancher Hinsicht herrscht seit Jahren Stillstand. Das fällt an einem ganz alltäglichen Ort auf: vor den Toiletten einer Messehalle, mitten in der amerikanischen Millionenstadt San José. 

Hier findet derzeit Apples alljährliche Entwicklerkonferenz WWDC statt. Mehrere Tausend Menschen diskutieren hier eine Woche lang über die Trends der Zukunft und entwickeln gemeinsam ihre Apps. Eröffnet wurde die Konferenz am Montag mit einer großen Keynote. Auf der Bühne gibt sich der Konzern, der sich öffentlich für Diversität stark macht, sichtlich Mühe, ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern abzubilden. Mal führt ein Mann durch die Produkt-Demo, dann strampelt eine Frau auf dem Fahrradtrainer und zeigt neue Features für die Apple Watch. Die Botschaft ist klar: Vielfalt ist wichtig, je bunter desto besser.

Im Publikum herrscht jedoch eine andere Realität. Als die Präsentation nach knapp zwei Stunden vorbei ist, leert sich der Saal, Hunderte strömen in Richtung Toiletten. Und hier zeigt sich ein skurriles Bild: Die Männer stehen in langen Schlangen, die Frauen können schnurstracks aufs Damen-WC durchmarschieren. Frauen und Technik, das scheint auch im Jahr 2018 noch kompliziert zu sein. Unter Entwicklern dominieren nach wie vor Männer

Die WWDC ist hierbei kein Einzelfall, auch bei Googles I/O, Microsofts Build oder Branchenmessen wie der Ifa (Berlin) oder dem Mobile World Coness (Barcelona) sieht es nicht anders aus. 

Sandra Grujovic nimmt an der diesjährigen Entwicklerkonferent teil

Sandra Grujovic nimmt an der diesjährigen Entwicklerkonferent teil

Nur eine Handvoll Frauen

Doch woran liegt das? Eine, die es wissen muss, ist Sandra Grujovic. Sie studiert Informatik in München und programmiert derzeit eine App für BMW. Grujovic ist eine von knapp 30 deutschen Stipendiaten, die von Apple nach Kalifornien eingeladen wurden. Darunter sind jedoch nur eine Handvoll Frauen. 

Nicht, weil der Konzern keine Frauen dort haben will, ganz im Gegenteil. Es bewerben sich einfach zu wenige. Viele Stipendiaten gehen noch zur Schule oder haben gerade mit dem Studium begonnen, in technischen Fächern dominieren die Männer. "Das Problem lässt sich an den Zahlen erkennen: Bei den Medizinern sind an der Universität mehr als 50 Prozent Frauen. Bei uns sind es gerade einmal 15 bis 20 Prozent. Das ist eindeutig zu wenig", erklärt die 22-Jährige.

Den einen Schuldigen gibt es für dieses Problem nicht, es ist eine Melange aus mehreren Faktoren. Da ist zum einen die gesellschaftliche Komponente: Jungs bekommen von den Eltern selbstverständlich Lego und Roboter geschenkt, bei Mädchen kommt fast niemand auf diese Idee. Das Problem beginnt früh, in der Schule geht es weiter. Viele Lehrer scheinen das Problem nur unzureichend auf dem Schirm zu haben, es fehlen die nötigen Strukturen. Junge Frauen, die in der IT-Branche Fuß fassen wollen, werden kaum unterstützt. Im Gegenteil: Grujovic wird immer noch als Kellerkind abgestempelt, sobald andere erfahren, dass sie Informatik studiert. “Dabei sind wir kreativ”, empört sie sich.

Verena Pausder während einer Medienkonferenz

Verena Pausder während einer Medienkonferenz

Die Politik verschläft das Problem

Wenn sich die Strukturen nicht ändern, wird sich an dieser Situation auch in den kommenden Jahren wenig ändern, glaubt Verena Pausder. Die 39-Jährige ist für viele in der Branche ein Vorbild: Pausder ist dreifache Mutter, international erfolgreiche App-Entwicklerin und setzt sich für starke Frauen ein. 

Ihrer Meinung nach ist die Nachwuchsförderung in Deutschland völlig unzureichend. "Außer dem Girls Day gibt es keine Initiative in den Schulen, die sich wirklich darauf fokussiert, Mädchen an die Themen IT und Coding heranzuführen." Die Politik verschlafe das Problem völlig, resümiert Pausder.

Die Frauen, die trotz aller Hindernisse einen Weg in technische Berufe einschlagen, wird das alles andere als leicht gemacht. Häufig herrsche an den Unis ein soziales Umfeld, mit dem junge Frauen wenig anfangen können, sagt Pausder. "Es gibt kaum Teamarbeit. Man redet wenig miteinander. Jeder hockt vor seinem Rechner. Es ist das Gegenteil von dem, wie Frauen bevorzugt lernen." Am Ende werden weibliche Programmierer häufig aussortiert, weil sie nicht so gut sind wie die männlichen, dabei habe man sich überhaupt nicht auf sie eingestellt. So herrscht Stillstand.

Fitness, Kochen und Kameras: Diese Frauen haben einige der bekanntesten Apps entwickelt
YOU  Nelli Lähteenmäki und Nora Rosendahl aus Finnland entwickelten die enorm erfolgreiche YOU-App, die Menschen dabei helfen soll, durch kleine, realisierbare Handlungen ein gesünderes und besseres Leben zu führen. Die App wurde in Zusammenarbeit mit dem britischen Starkoch Jamie Oliver veröffentlicht.

YOU

Nelli Lähteenmäki und Nora Rosendahl aus Finnland entwickelten die enorm erfolgreiche YOU-App, die Menschen dabei helfen soll, durch kleine, realisierbare Handlungen ein gesünderes und besseres Leben zu führen. Die App wurde in Zusammenarbeit mit dem britischen Starkoch Jamie Oliver veröffentlicht.

Deshalb ist jede Frau in Führungspositionen sehr wichtig. Frauen wie Gillian Tans, die das Buchungsportal “booking.com" leitet. Apples Verkaufs-Chefin Angela Ahrendts. Ex-Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Den besten Job aber mache Facebooks CO-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, meint Pausder. Immer wieder thematisiert sie die Rolle von Frauen. “Und das verändert was: Wenn man sieht, dass da eine Frau ist, die Kinder hat und trotzdem einen Software-Konzern führt, eröffnet das erst den Glauben daran, dass man das auch kann.”

Bozoma Saint John war früher bei Apple, jetzt arbeitet sie beim Fahrdienst Uber.

Bozoma Saint John war früher bei Apple, jetzt arbeitet sie beim Fahrdienst Uber.

“Dieses System bröckelt"

Ähnlich sieht es auch Bozoma Saint John. Die 41-Jährige betrat vor wenigen Jahren als erste schwarze Frau die Bühne einer Apple-Keynote. Im pinkfarbenen Kleid spielte sie den Song "Rapper’s Delight" und wollte das Publikum zum Tanzen animieren. Jetzt arbeitet sie als Chief Brand Officer bei Uber und soll dem Fahrdienst, der mit einer sexistischen und homophoben Machokultur für Negativschlagzeilen sorgte, ein gutes Image verpassen. Zusätzlich fördert sie junge, programmierwillige Frauen finanziell.

Bei Uber sind nur 22 Prozent der Führungskräfte mit Frauen besetzt. In vielen Silicon-Valley-Firmen sieht es nicht anders aus. Für Saint John liegt die Erklärung auf der Hand: Es liegt "an Systemen, die dafür sorgen, dass ähnlich denkende Menschen an die Spitze kommen". Sie meint damit weiße, heterosexuelle Männer. "Aber dieses System bröckelt, weil jetzt Licht darauf fällt." 

Vor allem jene weißen Männer müssen nun mit anpacken, um diesen Missstand zu beheben: "Gucken Sie sich doch um an Ihrem Arbeitsplatz! Wenn Sie nur weiße Männer sehen, kaum Diversität, sollten Sie zu Ihrem Chef gehen und sagen: Ich fühle mich hier nicht wohl. Uns fehlt es an Vielfalt. Wir müssen etwas ändern", so Saint John.

Frauen rücken in den Vordergrund

Dass wenige Frauen in diese Branche einsteigen, könnte noch einen weiteren Grund haben: Die Geschichte der technischen Berufe wurde lange Zeit überwiegend als Männergeschichte erzählt. Erst in den vergangenen Jahren rückten zunehmend die Frauen, die an wesentlichen Entwicklungen beteiligt waren, in den Vordergrund: Im "Steve Jobs"-Film wird Joanna Hoffmann von Kate Winslet gespielt. Hoffmann war eine der engsten Jobs-Vertrauten und prägte das Image der Marke. Der Film "Hidden Figures" erzählt von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die entscheidend am Apollo-Programm der Nasa beteiligt waren, aber für ihre Leistungen keine Anerkennung erfuhren.

Ein Ende der Klischees ist noch längst nicht in Sicht. Die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, halten das für ein Generationenprojekt. Doch die Unternehmen sollten daran arbeiten, die Geschlechterklischees schnell über Bord zu werfen, wenn sie auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben wollen. Durch die zunehmende Digitalisierung und den daraus resultierenden Fachkräftemangel steigt der Bedarf an Informatikern, Softwareentwicklern, und anderen technischen Berufen zunehmend.