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Schulschließung: Deutschlands Klassenzimmer bleiben zu – für Eltern eine Katastrophe, für andere eine große Chance

Kinderzimmer statt Schulklasse: Wegen der Corona-Epidemie schließen ab Montag beinahe alle Bundesländer ihre Schulen. Für Schüler, Eltern und Lehrer wird das zur Herausforderung – und für einige Firmen die große Chance. 

Ab Montag bleiben viele Klassenzimmer leer. Dann schlägt die Stunde der E-Learning-Plattformen.

Ab Montag bleiben viele Klassenzimmer leer. Dann schlägt die Stunde der E-Learning-Plattformen.

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Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren viele Branchen umgekrempelt. Das Taxi wird per App bestellt, die Musik aus der Cloud gestreamt, der Fitness-Coach turnt im Online-Kurs vor. In vielen deutschen Klassenzimmern ist die Welt dagegen noch wie vor zwanzig Jahren. Weil viele Schulen über Digitalisierung vor allem gesprochen, sie jedoch nicht vorangetrieben haben, ist die Herausforderung nun umso größer. Denn wegen der Corona-Epidemie schließen ab Montag beinahe alle Bundesländer flächendeckend für mehrere Wochen ihre Schulen. Elf Millionen Schüler, 700.000 Lehrkräfte und Millionen Eltern müssen nun gemeinsam auf einen digitalen Unterricht umschwenken. Deutschlands Schulsystem springt gewissermaßen ins kalte Wasser. 

"Wir bekommen im Minutentakt Mails von Schulleitern"

Nun schlägt die Stunde von Stephan Bayer. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Sofatutor, einer der hierzulande größten E-Learning-Plattformen. Das Portal bietet mehr als 10.000 Lernvideos, 41.000 Übungen und 36.000 Arbeitsblätter für alle Fächer und Klassenstufen, außerdem gibt es einen 24-Stunden-Chat, in dem sich Schüler bei Problemen an Fachlehrer wenden können. 

Schon ohne Coronakrise nutzten mehr als 1,5 Millionen Schüler pro Monat seine Lern-Plattform. Seit vergangenem Donnerstag, als die ersten Städte und Bundesländer Schulschließungen bekanntgegeben haben, explodiert die Zahl der Nutzer: "Wir registrieren derzeit das Drei- bis Vierfache der üblichen Nachfrage", sagt Bayer im Gespräch mit dem stern. "Wir haben am Freitag im Minutentakt Mails erhalten von Schulleitern, die Lizenzen für ihre Schulen erwerben wollen."

Sofatutor kostet bis zu 20 Euro je Schüler pro Monat. Obwohl das ganze Land nun händeringend nach guten digitalen Unterrichtslösungen sucht, will Bayer die Zugänge zu seiner App nicht an Schulen verschenken. "Wir sind ein mittelständisches Unternehmen mit 250 Mitarbeitern und haben reale Kosten, die uns bei der Nutzung entstehen. Angesichts der riesigen Nachfrage weiten wir etwa den Hausaufgaben-Chat aus. Regulär haben wir 60 Mitarbeiter, derzeit versuchen wir die Zahl zu verdoppeln."

Einige Städte hält das nicht davon ab, Lizenzen für ihre Schulen zu erwerben. Als erste Stadt in Deutschland ersetzt Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt den klassischen Unterricht mit Sofatutor. Damit der Unterrichtsausfall abgefedert werden kann, haben alle Schüler und Lehrkräfte einen Zugang über spezielle Schullizenzen erhalten. "Es gibt keine Corona-Ferien", erklärt Torsten Kleine vom Schulamt Sachsen-Anhalt. "Wir wollen, dass Lernen und Bildung weitergehen."

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18-Jähriger entwickelt Schulorganisations-App

Von der Ausnahmesituation profitiert auch Nils Reichardt. Er ist als 18-jährige Schüler, der mitten im Abitur-Vorbereitungsstress steckt, Betroffener – und bietet zugleich eine Lösung an. Gemeinsam mit zwei Freunden entwickelt er seit zwei Jahren eine App namens Sharezone, die eine Art digitaler Schulplaner mit Hausaufgabenheft, Infozettel, Stundenplan und Terminplaner ist. Der große Vorteil: Trägt ein Schüler seine Hausaufgabe ein, taucht die bei allen Mitschülern im Plan auf.

Pro Tag verzeichnet seine App plattformübergreifend etwa 300 bis 500 neue Nutzer. "Seit der Bekanntgabe der deutschlandweiten Schulschließungen hat sich die Zahl der Downloads verfünffacht, denn viele Schulen müssen jetzt herausfinden, wie sie sich digital organisieren", sagt Reichardt. "Wir freuen uns über das Wachstum, hätten uns aber gewünscht, dass wir dies auch ohne die aktuelle Notlage geschafft hätten. Mit meiner App wollte ich einen kleinen Beitrag zur Digitalisierung des deutschen Schulsystems leisten."

Die App funktioniert unabhängig von der Schule und ist komplett kostenlos und werbefrei – finanziert wurde sie ausschließlich aus Preisgeldern, die das Trio mit der App gewonnen hat. Er selbst muss jetzt wie Millionen Mitschüler die nächsten Wochen zu Hause verbringen. "Ich werde die Schulschließungen nutzen, um die App weiterzuentwickeln. Und danach fange ich an, für das Abitur zu lernen."

E-Learning: Von der Nische in den Mainstream

Die Digitalexpertin Verena Pausder beschäftigt sich bereits seit Jahren mit Themen rund ums digitale Lernen. "Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahren über die Dringlichkeit und Wichtigkeit spreche, unsere Schulen zu digitalisieren, um Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten und ihnen die Werkzeuge an die Hand zu geben, Gestalter der Zukunft zu werden. Eine Situation wie diese hatte ich dabei natürlich nicht im Kopf, aber genau jetzt wird offensichtlich, wie viel leichter es wäre, wenn Lernmaterialien online wären und zwar nicht nur in Form digitalisierter Bücher, sondern in Form eines interaktiven Unterrichts", sagt sie.

Ihr sei klar, dass viele Lehrer in den kommenden zwei Wochen ihren Schülern die Hausaufgaben per E-Mail schicken und ihnen mitteilen, welche Kapitel sie in ihren Büchern durcharbeiten sollen. "Da die meisten Eltern aber ebenfalls von zu Hause arbeiten werden und keine Vollzeit-Lehrkräfte sein oder den Stoff gar nicht mehr selber vermitteln können, brauchen Eltern und Kinder digitale Hilfe." Welche Apps, Programme und Tools sie empfiehlt, können Sie hier nachlesen.

Stephan Bayer, Geschäftsführer von Sofatutor, sieht in der Sondersituation auch Chancen. Indem sich alle nun mit digitalen Unterrichts-Materialien auseinandersetzen, hofft er, "nicht nur die 20 Prozent Digital-Enthusiasten zu erreichen, die E-Learning-Programmen gegenüber sowieso aufgeschlossen sind, egal ob ihr Direktor oder das Fachkollegium dafür oder dagegen ist. Jetzt haben wir die Chance, mit solchen Programmen in den Mainstream zu springen."

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