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Politik: Philip zieht in den Krieg

Ein Deutscher kämpfte in Syrien gegen den IS

Protokoll: Barbara Opitz | Fotos: Privat; Google

»Ob ich glaube, das Richtige getan zu haben? Nach Syrien zu gehen, um zu kämpfen? Puh. Meine Güte. Aber ja. Doch, ich bin mir sogar sicher. Als ich zurückkam nach Deutschland, wusste ich das ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Viele meiner Freunde sind dort unten umgekommen, wurden einfach abgeknallt. Oder mit einer Bombe in die Luft gejagt. Ich habe überlebt. Das muss man erst mal verkraften. Ich war vor allem wütend. Auf den Krieg, auf den IS, auf die Kurden, auf mich. Das Morden, die ganzen Plünderungen, Vertreibungen, nicht nur von­seiten des IS – sondern auch von uns, den Kurden. Wir mussten Menschen aus ihren Häusern jagen, weil das Dorf strategisch wichtig war. Mit diesen Sachen wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Ein kurdischer Kämpfer auf der Ladefläche eines Transporters. Philip hat diese Fotos mit seinem Handy gemacht.

Vielleicht rede ich es mir auch einfach nur schön, aber ich sehe all das, worüber ich wütend war, heute etwas nüchterner. Es ist Krieg. Diese Dinge gehören dazu. Schlechte Ausrüstung, wenig Logistik, diese alten Trucks. Und jeden Tag ein paar gekochte Kartoffeln, ein paar Gurkenscheiben, Tomaten und, wenn es gut lief, diese scheißekelhafte Schoko­creme. Da muss man sich eben Dinge, die man braucht, holen, aus den Häusern. Es liegt ein Unterschied darin, ob man sich bereichert oder sich Dinge holt, die man dringend braucht. Aber klar, hat man es einmal gemacht, macht man es weiter. Vor allem nachts frage ich mich oft, hätte ich etwas besser machen, etwas verhindern können?

Kämpfer aus Philips Einheit hissen die Antifa-Flagge. Aus Deutschland beteiligen sich auffallend viele Linke am Kampf gegen den IS.

Entschieden, zu kämpfen, habe ich mich auf einer Demo im Oktober 2014 in Düsseldorf. Das wirkte alles so verlogen, diese gespielte Be­troffenheit. Weit weg, im sicheren Deutschland. „Solidarität mit Kobani« hieß das Motto. Das war die Zeit, als Kobani vom IS überrannt wurde und der Rest der Welt dabei zusah. Kobani liegt in Rojava. Die meisten Menschen hier wissen kaum etwas darüber. Rojava ist ein Gebiet im Norden Syriens, das die Kurden für autonom erklärt haben. Ein politisches Projekt, für ein friedliches Zusammenleben, in dem jeder Mensch die gleichen Rechte hat. Sie haben dort Räte eingeführt, jede Ethnie, Jesiden, Kurden, Araber, muss in der Regierung vertreten sein, die Frauen werden gleichbehandelt, ziehen genauso in den Krieg, um die Idee von einem besseren Leben zu verteidigen. Gegen den IS, der mordet, vergewaltigt, den Frauen ihre Rechte nimmt und Minderheiten unterdrückt. Eine Idee wie die von Rojava ist einzigartig. Ich wollte mehr tun, als zu demonstrieren, etwas beitragen. Helfen. Nicht einfach mein kleines Leben einrichten. Wie es mein Vater von mir verlangte. Schule, Studium, Job, Familie, Auto. »Du musst egoistischer werden«, hat er gesagt.

Vielleicht ist es ja sogar der pure Egoismus, der mich angetrieben hat. Ich funktioniere anders. Bei der Vorstellung, mich breitzumachen auf Kosten anderer, habe ich mich selbst nicht mehr gespürt. Schon als Kind bekam ich immer dieses flaue Gefühl, wenn ich mit meinen Großeltern in die Stadt fuhr. Sie hatten ein großes Auto. Da waren Bettler. Die hatten kein so großes Auto, noch nicht einmal ein Bett. Ich dachte: Das ist nicht gerecht. Ich habe doch nichts dafür getan, in so einem Auto zu sitzen. Später lernte ich Leute von der Antifa kennen. Dort hab ich mich aufgehoben gefühlt.

Nach Syrien zu kommen, war einfach, ich musste nur eine Nachricht auf Facebook schreiben, an die »Lions of Rojava«, ausländische Freiwillige, die die kurdischen Milizen (YPG) unterstützen, und ihnen eine Kopie meines Reisepasses schicken. Ein paar Wochen später flog ich nach Sulaimanija, Irak, stieg in ein Taxi. Der Mann vor dem Motel war freundlich. Er sagte nur »Welcome« und brachte mich zu den anderen. Drei Wochen später fuhren wir mit ei­nem Schlauchboot über den Tigris.

Klar wusste ich, dass ich in Syrien würde schießen müssen. Dass ich sterben könnte, auch. Ich habe versucht, mich gedanklich darauf vorzubereiten. Aber man kann sich auf Krieg nicht vorbereiten. Ich hatte Todesangst. In Syrien ist der Krieg besonders blutig, mit einem Einsatz der Bundeswehr nicht zu vergleichen. Bei uns kam kein Hubschrauber, um die Verletzten abzuholen. Das Schlimmste war, dass es keinen Rückzugsort gab. Man fährt abends eben nicht zurück ins sichere Basislager und spielt Xbox. Unsere Belohnung für einen Siebzehnstundenkampf war, dass wir 500 Meter hinter der Front Pepsi trinken durften. Der Krieg war allgegenwärtig. Alltag. Es ging so weit, dass trotz Wasserknappheit die weiblichen Milizen nicht darauf verzichten wollten, sich die Beine zu rasieren. Ich habe eine Frau gesehen, die sich, während wir unter Beschuss waren, an einem Wassertank die Haare wusch. Es ist eine eigenartige Normalität, die sich da breitmacht.

Waffenruhe: In einer Pause zwischen Gefechten nehmen die Kämpfer im syrischen Ort ­Suluk eine Mahlzeit ein.

Es fühlt sich falsch an, hier zu sein, schäbig. Ich habe die Menschen in Rojava im Stich gelassen. Sie können es sich nicht aussuchen. Ich schon. Ich musste dem Kommandanten nur sagen: »Ich will nach Hause«, und zwei Wochen später saß ich im Flieger auf dem Weg nach Deutschland. Wie bequem. Ein Teil von mir will zurück. Ein anderer will hierbleiben. Vor allem wegen meiner Freundin. Ich will ihr nicht wehtun. Sie ist der Mensch, den ich am meisten liebe. Der einzige Mensch, zu dem ich von Syrien aus Kontakt gehalten habe. Als Freunde von einer Autobombe erwischt wurden, habe ich den Krieg plötzlich persönlich genommen. Ich wusste, wenn ich weiter dort bleiben würde, würde ich nicht mehr zurückgehen, würde in Rojava bei den anderen bleiben. Und wir würden sterben wie die Fliegen.

Fest steht, ich finde schon jetzt nicht mehr ganz in dieses Leben in Deutschland, das sichere, satte Leben, zurück. Ich habe Menschen getötet, das werde ich nicht mehr los.

Mit dieser Ausrüstung kämpfte Philip gegen den IS. Der ist deutlich moderner ausgestattet, zum Beispiel mit Nachtsichtgeräten.

Nachts schlafe ich nicht mehr. Ich treffe kaum noch Freunde, gehe nicht mehr feiern. Ich kann mir das einfach nicht reinziehen. Dieser verdammte Hedonismus. Für einige meiner alten Freunde bedeutet es das größte Glücksgefühl, ihren Wodka Energy zwei Euro billiger zu bekommen. Ich ertrage das nicht. Weil ich weiß, dass in demselben Moment wahrscheinlich der größte Teil der Menschheit in einer Situation ist, in der es um so viel mehr geht.

Sonnenuntergang in Syrien. Die Natur lässt sich in ihrer Schönheit von dem schon jahrelang andauernden Krieg nicht beeindrucken.

Ich stehe nach wie vor hinter Rojava. Obwohl ich nicht mehr euphorisch bin. Ich sehe es differenzierter, unterteile nicht mehr nur in schwarz und weiß, gut und böse. Beim IS haben auch Kinder gekämpft. Und auf unserer Seite gab es Kämpfer, die ohne Not Hunde erschossen haben, weil ihnen langweilig war. Auf Rojava bezogen: Was ist beispielsweise, wenn nicht alle Kurden die Idee von Rojava leben wollen? Wird das dann eine Parteiendiktatur von oben? Das ist nicht das Rojava, das ich verteidigt habe.

Inzwischen habe ich meine Eltern gesehen. Klar waren sie heilfroh, dass ich zurück bin. Aber ich brauche noch Abstand. Gerade habe ich eine Zusage für einen Studienplatz bekommen: Soziale Arbeit. Ich will mich für Menschen einsetzen, die sich wieder in die Gesellschaft einfinden müssen. Das hat schließlich auch etwas mit mir zu tun. Leute, die im Gefängnis waren, Obdachlose. Ich werde damit Geld verdienen, mich also doch breitmachen. Vielleicht sogar Vater werden, ein Auto kaufen? Ich versuche eben, es so schmal wie möglich zu halten. Und vielleicht kann ich hier, in dieser Welt, auch ein ganz klein wenig dazu beitragen, dass sie gerechter wird. So könnte es gehen, es ist ein Kompromiss.

Womit ich werde leben müssen: Ich habe viel gesehen. Viel Leid, viele tote Menschen. Und ich habe diese toten Menschen angefasst, habe sie gerochen. Das war real, nicht irgendein Filmset. Ich weiß jetzt, dass es viele verschiedene Realitäten gibt, sie existieren parallel. Mit diesem Wissen muss ich klarkommen. In der Zeit, in der ich hier im warmen Bett liege, halten die Kurden aus meinen Einheiten in Syrien weiterhin Wache. Ich weiß, dass wieder Autobomben hochgegangen sind, dass Menschen sterben. Das ist genauso real wie das Bett, in dem ich liege.«

»Auf den Krieg kann man sich gedanklich nicht vorbereiten« – Eine der zerstörten Hauptstraßen von Kobani. Der Kampf um die Stadt endete mit der Vertreibung der IS-Einheiten. Die flächen­deckende Zerstörung geht auch auf die US-geführten Luftangriffe ­zurück.

Warum freiwillig in den Krieg?
Auch junge Deutsche schließen sich den kurdischen Milizen an, um gegen den IS zu kämpfen.

Das Konzept Rojava (sprich: Roschawa) gleicht einer Utopie im instabilen Nahen Osten: basisdemokratisch, gleichberechtigt, multikulturell und multireligiös. Etwa drei Millionen Kurden leben im Norden Syriens, sie hatten das Gebiet nach Beginn des Bürgerkriegs im Land für autonom erklärt. Verteidigt wird die Region von den Milizen YPG und der Fraueneinheit YPJ. Sie sind der syrische Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK aus der Türkei. Innerhalb der internationalen Allianzen im Syrienkrieg haben Rojava und die YPG/YPJ eine sonderbare Stellung inne: Die Milizen stehen der PKK nahe, die weltweit als Terrororganisation gilt und die vor allem von der Türkei bekämpft wird. Europa und die USA hingegen unterstützen die Kurden in Nordsyrien und im Nordirak unter anderem mit Waffen- und Munitionslieferungen, weil diese wichtige Verbündete im Kampf gegen den IS sind. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International kritisieren, dass es auch von Seiten der YPG in Syrien zu Kriegsverbrechen gekommen sei.

Im Kampf gegen den IS getötete deutsche
Am 7. März 2015 starb eine Schülerin aus Duisburg in Syrien – etwa 200 Kilometer von Kobani entfernt. Die 19-jährige Ivana Hoffmann ist die erste Deutsche, die im Kampf gegen den IS getötet wurde. Ivana war in Deutschland Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation »Young Struggle«, die der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) nahesteht und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Im Juni 2015 starb ein weiterer deutscher Linker in Nordsyrien, der 21-jährige Kevin Joachim aus Karlsruhe.

Wer kämpft in Rojava?
Den kurdischen Milizen (YPG) schließen sich immer mehr Ausländer an, darunter Dänen, Amerikaner, Brasilianer, ­Norweger, Franzosen und Deutsche, die an die Idee des autonomen Staates glauben oder gegen den IS kämpfen wollen. Wie viele freiwillige Re­kruten es genau sind, weiß man nicht. Der deutsche ­Verfassungsschutz vermutet die Zahl deutscher Kämpfer im zweistelligen Bereich. Darunter sind kurdischstämmige Deutsche, Linksaktivisten und auch viele Frauen. In der Facebook-Gruppe »Lions of Rojava«, deren Titel­foto drei lachende Frauen in Kampf­montur zeigt, sammeln sich Anfragen wie die eines 26-jährigen Russen, der gegen den IS kämpfen möchte und als ­Referenz auflistet, mit welchen Waffen und Militärfahrzeugen er umgehen könne, weil er das bereits im Donbass gelernt habe. Auf der Webseite der »Lions of ­Rojava« steht: »We want serious people to come. This is a revolution, not a Facebook event.« Kämpfer ­sollen für mindestens sechs Monate nach Syrien kommen, Kurdisch lernen und eine mili­tärische Grundausbildung vor Ort durchlaufen. Wer sich den YPG anschließt, riskiert allerdings, sich ­dadurch in Deutschland der »Unterstützung ausländischer terroristischer Vereinigungen« schuldig zu machen.


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.