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Fußball-Fanatismus: Morddrohungen, Pöbeleien, Hetze: Wenn die WM an die niedersten Instinkte appelliert

Fußball ist nur ein Spiel? Natürlich nicht, erst recht nicht zu WM-Zeiten. Aber selten schossen Spieler, Trainer und Fans so oft übers Ziel hinaus wie in diesen Turniertagen von Russland.

WM: Schwedens Jimmy Durmaz

Einer der "Buhmänner" der WM: Schwedens Jimmy Durmaz nach der Niederlage gegen Deutschland

Für 90 Minuten macht der Fußball die Welt schöner als sie ist: So lautet eine These in der aktuellen Ausgabe des "Spiegel". Und einerseits stimmt es ja: Ist die WM erstmal in vollem Gange, scheinen alle politischen Nebenschauplätze rund um das Milliardengeschäft - vom Doping bis zu Menschenrechtsverstößen - vergessen. Stattdessen brennen sich Bilder jubelnder Menschen auf Fanmeilen ins kollektive Gedächtnis, Bilder der Verbrüderung und bunter Multikulti-Partys.

Einerseits.

Andererseits brechen sich auf, aber vor allem abseits des Platzes immer wieder Hass und Hetze Bahn - und selten so geballt wie in den Tagen der Vorrunde des aktuellen WM-Turniers in Russland. Der erste Fall, der Aufsehen erregte, rief gleich ganz böse Erinnerungen an die Vergangenheit hervor: Nach seiner frühen Roten Karte im ersten Spiel gegen Japan erhielt der kolumbianische Nationalspieler Carlos Sanchez über die sozialen Medien Morddrohungen.

WM: Böse Erinnerungen in Kolumbien

In seiner Heimat haben solche Ausfälle, auch wenn sie bloß Pöbeleien irgendwelcher Halbstarker im Schutz des anonymen Internet sein sollten, einen besonders bitteren Beigeschmack. Schließlich war Abwehrspieler Andres Escobar wenige Tage nach dem Scheitern seiner kolumbianischen Nationalmannschaft bei der WM 1994 in seiner Heimatstadt Medellín auf offener Straße erschossen worden. Bis heute wird vermutet, dass Escobars Eigentor im Vorrundenspiel gegen die USA der Auslöser war und die kolumbianische Wettspielmafia das Verbrechen in Auftrag gab.

Auch Schwedens Nationalspieler Jimmy Durmaz wurde nach dem Spiel gegen Deutschland im Netz ähnlich übel bepöbelt: Der eingewechselte Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln wurde wegen seines Fouls, das den Freistoß von Toni Kroos zur Folge hatte, rassistisch beleidigt und ebenfalls mit Morddrohungen belegt. 

"Einfach nur peinlich", nannte sein Teamkollege Emil Forsberg den Hass gegen seinen Mitspieler. Der schwedische Verband erstattete wegen der Drohungen sogar Anzeige bei der Polizei. "Wir dulden es nicht, dass ein Spieler Bedrohungen und Verletzungen ausgesetzt ist", begründete Generalsekretär Håkan Sjöstrand diesen Schritt.

Derweil muss sich auch Abwehrspieler Hyun-Soo Jang vom letzten deutschen WM-Vorrundengegner Südkorea in der Heimat heftigen Mobbings der Fans erwehren. Auf der Seite des Präsidialamtes sind mehr als 300 Petitionen gegen den Außenverteidiger eingegangen. Sie tragen Namen wie "Vertreibt Jang und seine Familie aus Korea". Die Zeitung "JoongAng Ilbo" beschreibt die Aktion als regelrechte "Hexenjagd".

Fußball: Mobbing und "Hexenjagd" in Südkora

Jang hatte beim 1:2 im zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko mit einem Handspiel den Elfmeter zum 0:1 verursacht. Nach Informationen von "JoongAng Ilbo" haben nach zahlreichen Zwischenfällen in den sozialen Medien seit WM-Beginn bereits mehrere Spieler und deren Familienmitglieder ihre Accounts gelöscht.

Ein Sprecher des Verbandes KFA nannte die Reaktionen auf Jangs Leistung "zu hart" und stellte klar, dass der Verband ihm den Rücken stärke: "Wir haben nicht vor, Jang aus dem Team zu nehmen. Jang ist der beste Verteidiger, den Korea hat." Ob der 26-Jährige vom FC Tokio am Mittwoch gegen Deutschland spiele, wisse er aber nicht. Das sei Entscheidung des Trainers. 

Aber auch Trainer und Spieler haben sich bei der WM in Russland schon daneben benommen. Besonders übel vergriff sich dabei der serbische Nationaltrainer Mladen Kristajic im Ton. Angesprochen auf die Leistung des deutschen Schriedsrichters Felix Brych sagte Kristajic: "Ich würde ihm weder Gelb noch Rot geben, sondern nach Den Haag schicken, damit sie ihm den Prozess machen, wie sie ihn uns gemacht haben." Mit Den Haag bezieht sich der frühere Bundesligaprofi auf den Sitz des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien.

Kristajics Aussagen kamen im Anschluss an eine Partie, die ohnehin für eine üble Vermischung von Fußball und Politik stand. Auf der Tribüne trugen ein paar serbische Fans auf ihren Pullis ein Bild des serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Auf dem Platz bejubelten die Schweizer Spieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ihre Treffer zum 2:1-Sieg mit dem „Doppeladler“, dem Symbol der albanischen Flagge. Hintergrund: Xhaka und Shaqiri haben kosovo-albanischen Wurzeln und wurden von serbischen Fans, die die Unabhängigkeitserklärung ihrer überwiegend von Albanern bewohnten einstigen Provinz Kosovo nicht anerkennen, während des Spiels offenbar wiederholt provoziert. Ihr provokanter Jubel ist also als böses Revanchefoul zu werten.

Geldstrafen für Kristajic, Xhaka und Shaqiri

Der Fußball-Weltverband Fifa entschied sich übrigens dafür, die Aktiven nicht mit Sperren zu bestrafen. Shaqiri und Xhaka müssen stattdessen je 10.000 Schweizer Franken (8700 Euro) bezahlen. Kristajic wurde für seine Aussage gegen Brych mit einer Geldstrafe von 5000 Schweizer Franken belegt. Der serbische Verband muss zudem 54.000 Franken für "diskriminierende Banner" und Schlachtrufe von seinen Anhängern zahlen.

Einerseits macht der Fußball die Welt in diesen Tagen wirklich schöner als sie ist. Andererseits zeigt er uns zwischendurch aber doch immer wieder, wie sie wirklich ist.