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Interview

Säure-Opfer Vanessa Münstermann: Vom Ex-Freund mit Säure überschüttet: "Das Attentat hat mein Leben gerettet"

An einem dunklen Morgen im Februar 2016 schüttete ihr Ex-Freund Vanessa Münstermann Schwefelsäure ins Gesicht. In ihrem neuen Buch schildert die 30-Jährige nun die Zeit nach dem Attentat. Mit NEON spricht sie über Hass in Social Media und ihr Spiegelbild.

Vanessa Münstermann Säure Opfer Attentat

Ihr Ex-Freund schüttete Vanessa Münstermann vor drei Jahren Säure ins Gesicht. Über ihre Zeit nach dem Attentat hat die 30-Jährige nun ein Buch veröffentlicht.

Picture Alliance

Sie will sich nicht verstecken, sagt Vanessa Münstermann. Im linken Auge der 30-Jährigen glitzert eine silberne kleine Scheibe, ihr halbes Gesicht ist mit großen Narben übersäht, die wie nach einer Verbrennung aussehen. Im Februar 2016 schüttete ihr Ex-Freund Daniel der damals 27-Jährigen nach ihrer Trennung Säure ins Gesicht. Später im Prozess wird er sagen, dass er sie hässlich machen wollte, weil sie einen hässlichen Charakter habe. Die Flüssigkeit verätzt Vanessas linke Gesichtshälfte, ihr Dekolleté und ihre linke Hand; sie verliert ihr linkes Auge. Sie muss unzählige Operationen über sich ergehen lassen und leidet noch heute seelisch und körperlich unter dem Attentat. Ihr Ex-Freund bekam eine Gefängnisstrafe von zwölf Jahren und muss 250.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Heute ist Vanessa Münstermann 30 Jahre alt, verlobt und Mutter einer kleinen Tochter. Sie hat den Verein "AusGezeichnet e.V." gegründet, der Opfer von Entstellungen und deren Angehörige betreut. Ihre Erfahrungen im Krankenhaus, in der Reha und die vielen Gedanken und Fragen um die Tat, hat Vanessa in ihrem Tagebuch aufgeschrieben und nun in Kooperation mit einer Ghostwriterin veröffentlicht. Mit NEON spricht sie über die Bedeutung von Äußerlichkeiten und die Angst um ihre Familie.

Dein Buch beschreibt das erste Jahr, nachdem dein Ex-Freund Daniel ein Säure-Attentat auf dich verübt hat. Wie hat der Angriff dein inneres und äußeres Bild auf dich verändert?
Diese Zeit hat mich komplett verändert. Ich bin nicht mehr die Kosmetikerin, die jeden Tag eine halbe Stunde vor dem Spiegel steht und sich schminkt, weil sie denkt, dass sie sonst nicht geliebt wird. In meinem Job ging es nur um Makellosigkeit. Ich würde sogar sagen, dass das Attentat mein Leben gerettet hat. Früher hatte ich Suizidgedanken, die aus vielen Gründen entstanden sind. Ich bin adoptiert, meine leibliche Mutter hat versucht, mich mit Tabletten und Alkohol abzutreiben; ich war quasi das ungeliebte Kind. Dann bin ich immer an die falschen Männer geraten, vor Daniel zum Beispiel an einen Kreditkartenbetrüger. Und irgendwann fragst du dich natürlich, ob das alles an dir liegt.

Wen siehst du, wenn du heute in den Spiegel schaust?
Ich sehe mich. Ich sehe beim Blick in den Spiegel nicht die alte oder die neue Vanessa. Im Endeffekt habe ich mich innerlich nicht so sehr verändert, dass ich eine neue Person bin. Natürlich ist mein Leben ein anderes als vor dem Attentat. Mein Ex-Freund Daniel begleitet mich nun quasi mein Leben lang und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an das Attentat denke. Daniel sitzt noch für zehn Jahre im Gefängnis, aber ich frage mich natürlich, ob mein Kind und mein Partner sicher sind, wenn mein Ex-Freund wieder auf freiem Fuß ist.

Vanessa Münstermann Säure Opfer

Das Buch "Ich will mich nicht verstecken" von Vanessa Münstermann erscheint im Rowohlt Verlag. Es ist ab dem 19. Februar 2019 für zehn Euro im Handel erhältlich.

Auf Instagram und Co. spielt ein makelloses Aussehen eine große Rolle. Du hast dich bewusst entschieden, deine Narben offen zu zeigen. Wie sind die Reaktionen?
Es kommt sehr auf die Altersgruppen an. Vor allem die Männer in meinem Alter schauen eher weg und die Frauen haben immer einen Ausdruck des Mitleids. Viele versuchen, nicht hinzugucken, sind aber doch zu neugierig. Aber das kann ich ihnen gar nicht verübeln – ich würde wahrscheinlich genauso reagieren. Doch viele Menschen suchen auch das Gespräch mit mir – richtig negative Resonanz habe ich noch nicht bekommen. Die Ärzte haben mir gesagt, dass man mein Gesicht fast wieder so herstellen könnte wie früher – aber ich habe mich entschieden, diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen. Was hat mir mein Aussehen denn gebracht? Ich war vielleicht hübsch, aber hatte Minderwertigkeitskomplexe.

An einer Stelle im Buchs sagst du "Ich wollte einen starken Mann, der abends zu mir nach Hause kommt". Haben deine Erwartungen an den Partner das eigene Verhalten und die Beziehung bestimmt?
Natürlich möchte ich einen starken Partner – meine kleine Tochter und mein Job sind zurzeit eine große Herausforderung. Dann möchte ich jemanden an meiner Seite, der mich unterstützt. Aber man darf davon nicht sein persönliches Glück abhängig machen. Sein eigenes Glück auf den anderen zu projizieren macht nur unglücklich. Wenn du unglücklich bist im Leben, bist du die Veränderung – niemand anders kann dir helfen. Ich bin früher dumm gewesen, wenn ich heute mein Tagebuch lese. Hätte ich logisch gedacht, hätte ich Daniel früher verlassen sollen. Heute würde ich skeptischer sein und mich nicht bevormunden lassen. Daniel wollte zum Beispiel nie, dass ich meine Freunde treffe oder meinen Hobbys nachgehe. Da hätte ich schon eingreifen müssen. Aber da ich von Minderwertigkeitskomplexen geplagt war, habe ich mich darauf eingelassen.

Vor dem Angriff hat dein Ex dich gestalkt und deinen Arbeitsplatz im Netz veröffentlicht. Solche oder ähnliche Erfahrungen nach Trennungen machen viele Frauen und auch Männer. Wie sollte man sich verhalten? Und wie geht man mit so einem Vertrauensverlust in eine Person um?
Das ist wirklich schwierig, denn das Netz ist einfach so groß. Ich bin damals zur Polizei gegangen, weil Daniel auch Daten meiner Familie veröffentlicht und sie terrorisiert hat. Die Polizei hat in dem Maße reagiert, wie es ihr möglich war. Aber die Gesetze sind immer noch viel zu schwach, um die Opfer zu schützen. Und gegen den Vertrauensverlust kann man einfach nichts machen. Du kannst den Schutz nur bei dir suchen und das Beste draus machen, sonst zerstört es dich.

Du bist seit ein paar Monaten Mutter, seit kurzem verlobt. Wie hast du wieder in einen Alltag zurückgefunden?
Erst durch die Geburt meiner Tochter habe ich in einen Alltag zurückgefunden. Säureopfer zu sein hat seit dem Attentat 2016 80 Prozent meines Lebens bestimmt. Ich habe ständig darüber geredet und ich denke bis heute noch, dass ich 27 Jahre bin – die Zeit ist quasi für mich stehengeblieben. Doch nach der Geburt war ich zu Hause und habe ein bisschen unter Wochenbettdepressionen gelitten. In dieser Zeit hatte ich nichts zu tun, außer Windeln zu wechseln und konnte an gar nichts anderes denken. Und momentan fällt es mir sogar schwer, wieder in das Säureopfer zurückzufinden. Ganz ablegen werde ich es nie können, aber meine Tochter ist die Normalität, die ich wieder erlangt habe.

Du hast den Verein "AusGezeichnet e.V." gegründet, bei dem du Opfer von Entstellungen und ihren Angehörigen und Freunden hilfst. Warum war dir das ein Anliegen?
Es ist leider nötig in unsere Gesellschaft, so eine Betreuung zu gewährleisten. In jeder Schicht unserer Gesellschaft gibt es Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben wie ich. Und es hat mich wirklich schockiert zu sehen, dass viele Betroffene noch ganz andere Dinge erleben. So gibt es auch Männer, die von ihren Frauen vergewaltigt werden. Natürlich tut mir jeder dieser Fälle leid und auf der anderen Seite gibt mir der Verein das Gefühl, nicht allein mit meinem Schicksal zu sein. Ich bin nicht die Einzige, die unterdrückt, die eingeschüchtert wurde. Viele Opfer gehen nicht in die Öffentlichkeit und erzählen, denn sie haben Angst aufgrund ihrer Geschichte oder ihres Aussehens, angegriffen zu werden. Auch ich erhalte über Social Media Shitstorms – aber das geht nur, wenn sich die Leute hinter einer virtuellen Fassade verstecken können. Öffentlich sagen würden sie das nie.

Wie gehen deine Familie und Freunde damit um, dass du deine Geschichte nun als Buch veröffentlichst?
Meine beiden besten Freundinnen sagen, dass sie sich an die Zeit vor dem Attentat gar nicht mehr erinnern können. Die Zeit hat auch an ihnen gezehrt, weil sie jeden Tag bei mir im Krankenhaus waren. Und natürlich hat mein Schicksal sie zum Nachdenken gebracht. Das Buch ist mein Tagebuch und man macht sich komplett nackt. Daher bin ich aufgeregt, wie meine Freunde und Familie reagieren werden.