HOME
#NeonEuropa

Meinung: Dieser Spot des Europäischen Parlaments zeigt, wie Wahlwerbung nicht aussehen sollte

Mit einem kurzen Spot für Fernsehen und Kino wirbt das Europäische Parlament für die Europawahl am 26. Mai. Unsere Autorin wird wählen gehen – aber ganz sicher nicht aufgrund dieses Werbespots.

Am 26. Mai ist Europawahl – yeah! Zumindest medial kann man dem großen Wahltag in knapp vier Wochen kaum noch entkommen. Auf Instagram machen sich Menschen Anträge, um gemeinsam zu Wahl zu gehen, Politiker tragen blaue Pullis mit gelbem Sternenkreis und die ersten Wahlplakate hängen offline an Laternenpfählen und Ampeln. Doch auch wenn on- und offline deutlicher für die EU getrommelt wird als bei der letzten Wahl vor fünf Jahren, hält sich die Begeisterung bei den meisten wohl noch in Grenzen. Um Europas Bürger, von denen 2014 gerade einmal mickrige 43 Prozent abgestimmt haben, zu begeistern, hat das Europäische Parlament nun einen Werbespot veröffentlicht.

Das dreiminütige Video mit dem Titel "Wählen Sie Ihre Zukunft" ist auf Youtube und Facebook zu finden und soll im Fernsehen und Kino zu sehen sein. Um das zugegeben ziemlich unemotionale Thema Europawahl an den Mann und die Frau zu bringen, holten sich die Verantwortlichen die Hilfe von Regisseur Frederic Planchon – der Franzose ist zwar mehrfacher Gewinner der Goldenen Palme, aber dürfte Nicht-Cineasten wohl kaum ein Begriff sein. Doch dass er unemotionale Produkte verkaufen kann, bewies er unter anderem mit Werbespots für die Möbelkette Ikea.

Klavierklänge und Kinderschreie

Dass das rein handwerklich auch bei der EU-Wahl funktioniert, beweist der Wahlwerbespot in Reinform: Zu getragenen Klavierklängen, die an die fabelhafte Welt der Amelie erinnern, erfährt der nichts ahnende Zuschauer die Geschichte zukünftiger EU-Bürger, die gerade das Licht der Welt erblicken oder es noch erblicken werden und an alle Wahlberechtigten appellieren, die Zukunft der Jugend bitte nicht an die Wand zu fahren.

Zur Illustration sehen wir werdende Mütter, die über ihren Bauch streichen, Familien, die sich auf den Nachwuchs vorbereiten, aufgebrachte Männer und schreiende Frauen im Kreissaal. Großaufnahmen von Gesichtern verzerrt von Schmerz oder Freude, Tränen, liebevolle Blicke zum Nachwuchs und zum Partner. Und als wäre das nicht genug, erzählt uns eine glockenreine Kinderstimme aus dem Off, dass uns das Leben manchmal das Gefühl gibt "zerbrechlich und allein zu sein", wenn wir wissen, dass eine Veränderung ansteht. Und das in einer Welt, in der wir uns "unsicherer denn je fühlen“. Aber ein Glück: Wir sind nicht allein, teilt uns die Stimme der Zukunft mit. Grund genug also, "für jedes neu geborene Kind, die Welt zu verändern und eine Zukunft zu schaffen."

Die ganz große Nummer: Klimawandel, Terrorisums, Grenzsicherung

Nach etwas mehr als zwei Minuten dürften die meisten Zuschauer die Lunte zwar schon gerochen haben (und zumindest im Kino kann man ja auch nicht abschalten), doch bis zu diesem Punkt haben wir weder erfahren, dass es um die Europawahl geht, noch kommt irgendeine Art von Inhalt zur Sprache. Das holt unsere Zukunft in Form der Mädchensprecherstimme umgehend nach: "Den Klimawandel abbremsen, die Grenzen sicher machen, Terrorismus bekämpfen." Wahrscheinlich passen diese hären Ziele besser zum Pathos der vorherigen Minuten – denn Themen, die den kleinen EU-Bürger betreffen, finden keinen Platz.

Ok, mag man sagen, das hier ist ein Werbespot und keine Bürgersprechstunde. Und die Idee, den Fokus auf die folgende Generation zu richten, ist ja auch löblich. Nur leider setzt der Spot in jeder Hinsicht genau an der falschen Stelle an. Statt Themen und Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen werden hier die großen Gefühle beschworen. Um auch wirklich jeden mitzunehmen kommen Protagonisten vor, mit denen wirklich jeder mitfühlen kann: kleine, süße, unschuldige Kinder. Und damit der Inhalt nicht zu kurz kommt, werden nochmal die ganz großen Themen gedroschen, die die meisten EU-Bürger aber gar nicht so sehr interessieren, glaubt man Umfragen des EU-Parlaments. Denn danach stehen nicht Migration und Klima, sondern die wirtschaftliche Lage und (Jugend-)Arbeitslosigkeit auf dem Zettel.

Der falsche Ansatz

Damit beschwört der Spot einen emotionalen Pathos, der die meisten Bürger beim Thema EU mittlerweile eher  abschreckt als begeistert  Denn die Themen wie Frieden und Sicherheit sind für eine Generation, die teilweise nur offene Grenzen und eine einheitliche Währung kennt, nicht unbedingt mehr das, was sie mit der EU verbinden. Hinzu kommt, dass die Macher eine Zukunft beschwören, die eigentlich längst Gegenwart ist – denn die EU sollte sich nicht nur für die Zukunft um die Jugend kümmern, sondern um ihre Probleme im Hier und Jetzt. Ob drei Minuten Emotionalität im Stil von Weihnachtswerbespots mit Edeka-Opa oder gemeinsamen Coca-Cola-Momenten ausreichen, um Wähler für die EU zu begeistern, darf bezweifelt werden.