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Auf die linke Tour: Undercover-Reise mit Rassisten: Ein Jahr später geht unser Autor auf die Teilnehmer zu

Vor gut einem Jahr reiste NEON-Autor Marco Maurer mit Lesern und Autoren einer der einflussreichsten rechten Seiten Deutschlands undercover durch Israel (siehe NEON 02/2017 "Auf die rechte Tour"). Jetzt versucht er nochmals mit den Teilnehmern der Reise zu reden – als Journalist. Geht das gut?

Auf die rechte Tour: Undercover-Reise mit Rassisten

Leah* geht nicht ans Telefon. Nicht in Woche eins, nicht in Woche zwei, nicht in der dritten Woche, auch E-Mails beantwortet sie über einen Monat lang nicht. 

Ich spreche daraufhin mit einer Jerusalemer Freundin. Sie bietet mir an, dass sie Leah unter ihrer israelischen Nummer anruft. Leah, eine Israelin um die 60, nimmt beim ersten Anruf ab; augenblicklich. Sie ist auch sehr freundlich zu meiner Freundin. Als diese erzählt, ein Freund von ihr, ein Journalist aus Deutschland, ich, versuche sie seit Wochen zu erreichen, sagt sie nur: "Sprechen Sie nicht mit mir, ich spreche nicht mit Ihnen, rufen Sie mich nicht mehr an", dann legt sie auf. 

Um diese Reaktion zu verstehen, ein kleiner Rückblick in den Herbst 2016. In unserem Konferenzraum debattierte ich mit der NEON-Chefredaktion, dem Herausgeber und einigen Redakteuren über eine mögliche Undercover-Recherche. Für diese müsste ich mich als Rechter ausgeben – die Haare raspelkurz rasieren, einschlägige Kleidung tragen. Wir sprachen darüber, ob wir als Journalisten in einem Milieu verdeckt recherchieren dürfen, das uns eh vorwirft, Lügen zu verbreiten. Am Ende kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir diese Art der Recherche nicht nur für notwendig halten, sondern dass sie auch für Aufklärung sorgen könnte. Wer diese Neuen Rechten wirklich sind, bleibt trotz umfangreicher Berichterstattung oft nur im Ungefähren, da sie uns Reportern von der "Lügenpresse" Antworten versagen.

Mit 17 PI-Lesern im Bus durch Israel

Zwei Monate darauf fuhr ich mit 17 Lesern und Mr. Merkava, einem Autor von "Politically Incorrect", kurz PI, in einem Bus durch Israel. Der rechte Blog gehört mit rund 100 000 Lesern pro Tag zu den einflussreichsten dieser Art in Deutschland, er gilt als Pegida- und AfD-Hauslektüre. Das Reiseziel wählte PI aus, weil sich seine Macher und seine Leser zu Israel hingezogen fühlen. Das Land muss sich seit Jahrzehnten gegen seine muslimischen Nachbarstaaten zur Wehr setzen. Die Macher von PI erklären Israel zu ihrem Freund, weil sie einen gemeinsamen Feind verorten – Araber, die sie "Invasoren", "Eindringlinge" oder "Barbaren" nennen. 

Ich gab mich als PI-Leser aus und traf auf die wirklichen PI-Leser – etwa einen AfD-Abgeordneten, einen Unternehmensberater, einen ehemaligen Vorstand eines Pharmaunternehmens, eine Psychologin, eine Standesbeamtin, einen Buchhändler, eine Landwirtin, einen Juristen, einen Lehrer, einen Ausbilder bei einer großen deutschen Luftlinie -Mr. Merkava und all die anderen, die "Mitte der Gesellschaft". Wir spazierten durch Tel Aviv und durch Jerusalem, wir streiften die Negev-Wüste, schauten uns Siedlungen nahe der palästinensischen Autonomiegebiete an, wir absolvierten Schießübungen mit ehemaligen israelischen Soldaten und blickten von den Golan-Höhen auf Syrien.

Ich war einer von ihnen geworden. Sie vertrauten mir vieles an.  Private Details, ihren Hass auf die "Invasoren", ihre Gewaltfantasien, ihre Gründe zur AfD zu wechseln, ihre Zukunftspläne für Deutschland, kurz: ihr Denken.

Für die Undercover-Recherche kleidete der NEON-Autor sich wie ein deutscher Tourist, kurze Hose inklusive. Das Haar fiel vor der Reise, die Brille ist aus Klarglas

Für die Undercover-Recherche kleidete der NEON-Autor sich wie ein deutscher Tourist, kurze Hose inklusive. Das Haar fiel vor der Reise, die Brille ist aus Klarglas

Am fünften Tag besuchten wir Yad Vashem, zentraler Gedenkort für die durch Hitler-Deutschland ermordeten Juden. Dort bemerkte ich wie zwei der Teilnehmer, die radikalsten, den Holocaust in Frage stellten; und das vor unserer jüdischen Reiseführerin, deren Großvater im KZ Buchenwald umkam – Leah.

Sie zweifelten die Zahl der von den Deutschen im Holocaust ermordeten Juden an. Deutschland, sagten sie, habe eine halbe Million Juden ermordet, nicht sechs Millionen. Außerdem tauche diese Zahl – sechs Millionen – schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Dokumenten zwischen 1920 und 1923 auf. Krude Verschwörungstheorien, der negative Höhepunkt der Reise – und eine Zäsur. 

In der Folge – vielleicht stellte ich unangenehmere Fragen, vielleicht war ich nicht mehr ganz so gelassen –  flog meine Deckung auf, sie erkannten, dass ich ein Journalist bin. Mr. Merkava, der Veranstalter der Reise, stellte mir am Abend, nachdem wir in Yad Vashem waren und er eine Menge Bier trank, unangenehm viele Fragen. Noch in der Nacht darauf – ich checkte das damals täglich – fanden ungewöhnlich viele Zugriffe aus Jerusalem auf meine persönliche Seite im Netz statt.  Ich war enttarnt.

Bevor zwei der Teilnehmer – die Holocaust-Relativierer – davon Wind bekamen, ergriff ich die Flucht. Einer der beiden hatte zuvor kundgetan, dass er sich gegen Muslime in Deutschland oder "linke Zecken" zur Wehr setzen wolle, weswegen er stets ein Klappmesser mit sich herumträgt – auch in Israel zeigte er es mir. Außerdem plante er, sich einen größeren Waffenschein zuzulegen. Der andere war ein kahlgeschorener ehemaliger sächsischer AfD-Abgeordnetenkandidat mit NPD-Positionen. Beide schätzte ich als impulsiv und gewaltbereit ein.  Nach Rücksprache mit der Redaktion beendete ich die Recherche. 

Was passierte, als die Reportage erschien

Gut zwei Monate später, die NEON und der Artikel "Auf die rechte Tour" (Ausgabe 02/2017) erscheint: Viele deutschsprachige Medien berichten über unsere Recherche mit dem Hashtag #insidePI, die Haaretz in Israel schreibt: "Maurers Schlussfolgerung sollte uns Israelis beschäftigen – vor allem die Politiker, die sich der europäischen Rechten angenähert haben unter dem Vorwand einen gemeinsamen Feindes, nämlich dem radikalen Islam, ohne zu verstehen, dass diese Menschen auch der Überzeugung sind, dass Deutschland  für den Holocaust nicht verantwortlich war”. Abgeordnete der Knesset und des Bundestags beschäftigen sich mit dem Fall. Jörg Henke, der thüringische AfD-Abgeordnete, muss sich öffentlich rechtfertigen, verliert seinen Posten als stellvertretender Bürgermeister einer thüringischen Gemeinde, sitzt aber weiterhin für die AfD im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundeslandes. 

Nach dem Abdruck der Undercover-Reportage habe ich mich gefragt: Wie geht die deutsche Öffentlichkeit damit um, dass Abgeordnete und Bürger sich mit Holocaust-Leugnern umgeben? Und wie reagieren herkömmliche Medien auf den Hass von ganz rechts außen? Ich weiß heute, dass sich in den Kommentarbereichen von welt.de, die auch über unsere Recherche berichtete, wirklich sehr viele Trolle und sogar Nazis versammeln. Bis heute steht auf der Facebookseite der "Welt" etwa ein Kommentar von einem Mann namens Norbert Seip: "Zum Thema 6 Mio. Wo sind die 6 Mio Geburtsurkunden?" Politisch ähnlich motivierte Menschen drohten mir und schrieben mir viele persönliche Mails und Briefe in denen sie mich "Bürgerdiffamierer" und "die neue Gestapo" nannten. Die deutlichste Nachricht ließ mir pflanzeinenbaum@tutanota.de zukommen: "Sollte dir der Kampf gegen Rechts wichtig sein, halt die Fresse und den Kopf unten, denn auch dein Palast wird brennen. Falls du deine Fresse nicht halten kannst, pflanz einen Baum, flechte ein Seil, schau ein letztes Mal ins Tal und beende es, denn DU BIST SCHULD!!!!"

April bis Juni 2017, ich kontaktiere nochmals die Teilnehmer der Reise, zumindest die, von denen ich die Namen kenne und Telefonnummern oder E-Mail-Adressen im Netz finde. Sie wissen nun, wer ich bin, ein Journalist der "linken Systempresse". Werden sie mit mir sprechen? Haben sie die eine oder andere Position überdacht, oder hat die Israel-Recherche sie sogar bestärkt in ihrem Denken?

Die PI-Reise-Gruppe blickt auf die Klagemauer. Hinter dem wichtigsten Heiligtum der Juden thront die al-Aqsa-Moschee. Einer der Teilnehmer will auch sie wegbomben

Die PI-Reise-Gruppe blickt auf die Klagemauer. Hinter dem wichtigsten Heiligtum der Juden thront die al-Aqsa-Moschee. Einer der Teilnehmer will auch sie wegbomben

Mein erster Anruf gilt Leah, unserer damaligen Reiseleiterin. Sie wusste im Herbst 2016 nicht genau, mit welcher Reisegruppe sie es zu tun hatte, ihr dürfte die politische Gesinnung der Personen erst nach und nach klar geworden sein. Als sie uns damals am Flughafen Ben Gurion in Israel in Empfang nahm, sagte sie, sie verstehe, warum der Organisator sich das Pseudonym Mr. Merkava zugelegt habe: "Wenn man so stark links ist, muss man vorsichtig sein." Ein Indiz dafür, dass ihr wohl die wahre Gesinnung der Gruppe verschwiegen wurde. In den folgenden Tagen erlebte ich sie dann aber immer wieder als das Korrektiv der Gruppe. Ihr Standardsatz, auch auf den antisemitischen Vorfall in Yad Vashem, lautete etwa: "Das sind überprüfte wissenschaftliche Fakten, Leute." Ihre Geisteshaltung war eine andere, sie sagte von sich auch, sie sei politisch eher links der Mitte positioniert.

Dennoch kann ich verstehen, dass sie meine Anrufe ignoriert. Wahrscheinlich hat sie Angst, dass das Reisebüro, mit dem sie zusammenarbeitet, durch den zweiten NEON-Artikel zum Thema in eine Debatte hineingezogen wird und wirtschaftlichen Schaden erleidet. Vielleicht fühlt sie sich von mir auch getäuscht, weil ich eine falsche Identität angegeben hatte. Ich habe deshalb selbst ein schlechtes Gewissen, aber Undercover-Recherchen sind anders nicht möglich, und einen Vertrauensbruch bringt diese Gattung des Journalismus eben oftmals mit sich. 

Leah ist für ein im Südwesten Deutschlands ansässiges Reisebüro tätig, welches nach eigener Angabe unter anderem für israelische Ministerien, die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) und die Heinrich-Böll-Stiftung Reisen organisiert, und – so heißt es auf seiner Seite im Netz – über "ausgezeichnete Kontakte" ins Land verfügt. Der Besitzer des Reisebüros ist mit Leah verwandt und trägt den gleichen Nachnamen wie sie. Ich rufe ihn an; er begrüßt mich nett, als ich aber meinen Namen sage, wird es sehr ruhig am anderen Ende der Leitung, dann sagt er: "Im Grunde wollen wir keine Artikel mehr darüber. Ich möchte mich nicht äußern, die Geschichte ist für alle unangenehm." Ich sichere ihm, wie zuvor auch Leah in meinen Nachrichten, Anonymität zu, seine Antwort bleibt die gleiche: "Ich möchte mich nicht dazu äußern." Nach dem Anruf schreibe ich ihm eine Mail, dass es mir leid tue, dass ich in seinem und Leahs Leben für Unfrieden gesorgt habe. Und dass mich interessiert hätte, wie sie die rechte Reisegruppe – und insbesondere die zwei Holocaust-Relativierer – selbst erlebt haben. 

Im Anschluss an die Reise hat Leah in einem Blog namens israelnetz.com Auskunft über die Reise gegeben. Sie und der Autor des Stücks kennen sich dessen Angaben zufolge lange persönlich. Dort heißt es: 

"Auf telefonische Nachfrage ordnet ‚Leah’ die Vorkommnisse ein: In jeder Gruppe gibt es einen oder zwei Idioten." Die meisten Teilnehmer seien "normal" gewesen und hätten Israel kennenlernen wollen. Politisch hätten sie "rechte Ansichten" gehegt und sich gegen die muslimische Flüchtlingswelle nach Deutschland ausgesprochen. Doch zugleich habe sie schon zahlreiche "linke" Touristengruppen aus Deutschland erlebt, die mit vorgefassten Meinungen über die "Verbrechen" der Israelis an den Palästinensern ins Land gekommen seien und offen antisemitische Sprüche geäußert hätten. Sie habe getreulich ihres Auftrags der Gruppe das Land Israel gezeigt und "neutral" erklärt. Teilnehmer, die einige schlimme politische Äußerungen von sich gaben, habe sie schnell zum Schweigen gebracht.

Der Vertrauensbruch durch die journalistische Rolle

Vieles davon würde ich ähnlich wie Leah bewerten. Doch so komisch und falsch es klingt: Der Vertrauensbruch, den meine journalistische Rolle mit sich brachte, scheint für Leah gewichtiger zu sein als das Leugnen des Holocausts in Yad Vashem. 

Wie es Leah und ihrer Familie damit geht, dass sie eine rechte Truppe durch diesen zentralen Gedenkort führte, kann ich daher nur vermuten. Im Anschluss an meinen ersten PI-Artikel schrieb mir Elisheva Damkani eine Mail. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann Jacob das Hotel Gilgal in Tel Aviv. Dort hatte sich die PI-Reisegruppe mehrere Tage lang einquartiert. "Ich fasse es nicht!", schreibt sie. "Die Gruppe war bei uns! Schade, dass ich nicht wusste, wer da unter unserem Dach wohnte. Mit den Teilnehmern hätte ich mich gerne auseinandergesetzt." Sie fühle sich "missbraucht", sagt sie. Ähnliche Gefühle der Gruppe gegenüber dürfte auch Leah hegen, denn die deutsche PI-Reisegruppe hat Juden und Israelis hinters Licht geführt. Etwa ehemalige israelische Soldaten dafür benutzt, zwei Antisemiten in ihren Reihen an der Waffe auszubilden – die Gruppe hatte ein Schießtraining absolviert. 

Im Kleinen wie im Großen: PI umarmt Israel für seine Zwecke, den Kampf gegen die Muslime in Deutschland – und nutzt so ein Land aus. 

Elisheva Damkani, die Hotelbesitzerin sagt übrigens auch am Telefon, sie hätte mit der Reisegruppe sprechen wollen. Dann lässt sie den schönen Satz fallen: "Ich hätte versucht, sie mit Liebe und guten Argumenten zu erobern."

Ob das so einfach möglich ist?

Nach Leah kontaktiere ich die Teilnehmer der Reisegruppe. Der Griff zum Hörer fühlt sich etwas seltsam an, ich habe davor Respekt. Ich bleibe deswegen vorsichtig und habe mir eine Prepaid-Nummer zugelegt, von meinem privaten Anschluss aus möchte ich sie nicht kontaktieren. Zunächst rufe ich Leute an, die mir moderat erschienen waren – Bernhard, einst Vorstand eines Pharmaunternehmens, und Werner, einen langjährigen Unternehmensberater. Beide fand ich vergleichsweise angenehm im Umgang, nur politisch liegen wir weit auseinander. Sie, zwei von der FDP ernüchterte Wähler, die nach der Bambiverleihung an Jogi Löw für seine Integrationsleistung mit der Nationalmannschaft den Tag darauf am Frühstückstisch sagten: "Multikulti, widerlich" und "lauter Flüchtlingsmenschen". Und ich, der stets grün oder rot wählt.

Auf die rechte Tour: Undercover-Reise mit Rassisten

Bernhard, Kölner Stimmfarbe, ist von meinem Anruf überrascht, gibt sich erst gesprächsbereit, vertröstet mich aber bei weiteren Anrufen mehrfach. Beim letzten Versuch simuliert er – so klingt es zumindest – eine schlechte Verbindung und legt auf; Slapstick-Charakter. 

Nächster Versuch: Karl, Mitte 80, ein promovierter Maschinenbau-Ingenieur, mit dem ich Segway durch Jaffa fuhr und der mich danach sogar zum Mittagessen eingeladen hatte. Karl unterstellte damals den etablierten Parteien eine "Klimalüge" und ist ein vom Atomausstieg und der Klimapolitik der CDU/CSU enttäuschter Rentner, der für die Atomindustrie tätig war, jahrzehntelang einem großen deutschen Wirtschaftsverband vorstand und im In- und Ausland als Lobbyvertreter mit hochrangigen Politikern zu tun hatte, im Tross mit ihnen durch Afrika und Asien reiste. Zudem sagte er, sei er gut bekannt mit Bernd Lucke. Dessen Wirtschaftskurs habe ihm gefallen, sagte er; Karl dürfte so zwischen dem moderaten AfD- und dem stark konservativen CDU/CSU-Lager stehen. Ich nahm ihn als einen intelligenten und lebensweisen Mann wahr, der viel erlebt hat. Karl war so etwas wie der Alterspräsident der Gruppe; wenn andere Teilnehmer Stuss redeten und Verschwörungstheorien verbreiteten, versuchte er einzuordnen. Wurden sie rassistisch, sagte er schon mal: "Wenn du das glaubst, bist du ein Antisemit." Dann war für eine Sekunde lang Ruhe am Tisch. Ich rechne mir daher Chancen aus, dass er mit mir spricht. Aber auch Karl lässt mir eine Mail zukommen. Er wolle den Kontakt mit mir "nicht erneuern". Ich fürchte, auch er ist zu enttäuscht. 

Zwischen Konservatismus und Rassismus

Ich wüsste zu gerne, wo für die Reiseteilnehmer die Linie zwischen Konservatismus und Rassismus verläuft. Aber bisher kann ich diese Debatte nur mit mir selbst führen. Vielleicht wird das ja bei Björn anders. Björn lebt in Baden-Württemberg und arbeitet dort als freiberuflicher Reporter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und als Fotograf für eine größere Lokalzeitung. Zu Beginn der Reise war ich irritiert, dass Björn Teil der Gruppe ist. Vielleicht ein anderer Reporter, der über PI schreibt, nur eben nicht verdeckt wie ich? Diese Frage klärte sich schnell, als ich Björn länger zuhörte:  Offensichtlich war er Mitglied der PI-Community Er sei kein herkömmlicher Journalist, sagte er den anderen. Vielmehr empfinde er die überregionale Presse "als eine einzige Katastrophe, da würde er nie arbeiten wollen." Später sprach er von einer Systempresse, die an die in der ehemaligen DDR erinnere. Außerdem sei der Verleger seines Arbeitgebers mit "Merkel im Bett" und "alle  seine Kollegen" dächten wie er. "Die Berliner Presse ist scheiße", sagte er dann. Sein Verhalten und seine Aussagen irritieren mich bis heute. Eine mitreisende Freundin von ihm nannte Journalisten einmal  "Medienhuren", Björn saß daneben und nickte zustimmend.

Björn führt wie viele andere in der Gruppe ein Doppelleben. Über genau diesen Umstand möchte ich gerne mit ihm reden. Warum fühlt er sich von der, wie er sagte, "Mehrheitsgesellschaft" ausgeschlossen? Ich würde ihn auch gerne – unter "Berufskollegen" – fragen, warum er so über die Medien denkt. Und wie ein echter Austausch zwischen Menschen mit so unterschiedlichen politischen Standpunkten aussehen könnte. Ob wir uns irgendwie annähern können?

Als Björn meinen Namen am Telefon hört, sagt er extrem freundlich: "Na, Servus, ja klar, ich weiß noch wer du bist." Auf meine Gesprächsanfrage antwortet er, er sei gerade auf einem Job, habe viel zu tun. Aber ein anderes Mal könnten wir uns gerne treffen. Björn spricht ruhig, hat eine angenehme Stimme, wir verabreden, dass ich mal bei ihm vorbeikomme. Wenig später schickt er mir eine E-Mail ("Machen wir, sobald ich Zeit und einen freien Kopf habe, Grüßle Björn"), zwei Stunden darauf eine weitere. Im Anhang ein Link mit einem Dokument, das wohl nachweisen soll, dass er ehrenamtlich für einen jüdischen Kulturverein arbeitet und schon oft in Israel war. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass er nicht als Antisemit dasteht. Glaube ich auch nicht, er hasst "nur" – so hatte ich ihn in Israel kennengelernt – Muslime.

Nach unserem Telefonat sende ich ihm noch zwei weitere E-Mails. Sie bleiben bis Redaktionsschluss dieses Textes unbeantwortet. In unserem gut vierminütigen Telefonat hatte er gesagt: "Bei mir hat sich eigentlich nichts geändert, meine Positionen sind immer noch dieselben."

Sprachrohr der Parallelgesellschaft

Politically Incorrect ist Sprachrohr und Aggregator dieser medialen Parallelgesellschaft. "Guten Morgen, Deutschland" heißt es auf der Seite – und man solle "Flagge zeigen gegen linke Gewalt" und "gegen die Islamisierung Europas." Mr. Merkava, ein Pseudonym, benannt nach einem israelischen Kampfpanzer, war der Veranstalter der Reise und damals regelmäßiger PI-Autor. Ob er noch immer für PI News schreibt, kann ich letztlich nicht herausfinden. Sein letzter Eintrag auf PI stammt aus dem Sommer 2017, dort schrieb er über angeblich nicht integrationsbereite "Zigeuner" in Litauen und über Flüchtlinge, die "von Frau Merkel eingeladene Millionen von moslemischen und schwarzafrikanischen Goldstücken (Merkelgold)" seien. Auf der Reise in Israel selbst sprach er von "Eindringlingen mit negroidem Aussehen." Im Anschluss an den NEON-Artikel erschienen zwei PI-Einträge, in denen mir der Autor, vermutlich Mr. Merkava, Lügen unterstellte, etwa von einem "herbeifabulierten Denunziantenwerk" schrieb, und dass ich ein Vertreter der "postfaktischen Gesinnungs-, Erziehungs- und Mietjournaille (Lügenpresse)" wäre.

Als ich ihn anrufe, meldet sich Mr. Merkava unter seinem bürgerlichen Namen. Im Netz finden sich adrette Fotos von ihm. Er trägt einen Anzug, ist gut frisiert und rasiert. Auf der Reise hatte er immer etwas abgestanden ausgesehen, so ein bisschen nach Rockerkneipe. Im Netz heißt es nach wie vor, dass er als Senior Trainer einer großen deutschen Fluglinie arbeitet, den Nachwuchs für sie ausbildet. Ich habe viele Fragen an ihn: Wie hat er nach fünf, sechs Tagen erkannt, dass ich ein Journalist bin? Nach dem NEON-Artikel hieß es auf PI, dass das Portal nun eine zweite Reise nach Israel plane, weil die Reise so erfolgreich gewesen sei. Hat diese zweite Reise wirklich stattgefunden? Merkava sprach damals von seinem Plan, ein offizielles Reisebüro für AfD-Mitglieder zu eröffnen. Hat er das weiterhin vor? Oder habe ich diese Pläne durchkreuzt? 
Seine Stimme erinnert mich an damals, klingt aber am Telefon sonorer, mehr nach großer Luftfahrt als nach dem mir vertrauten oft krächzenden Reiseleiter. Als er mich erkennt, sagt er fünf Mal mit den gleichen vier Worten: "Gibt nichts zu besprechen." Im Hintergrund höre ich die vertrauten Hamburger U-Bahn-Ansagen.

Der thüringische AfD-Abgeordnete Jörg Henke, Jahrgang 1961, und sein Büro in Eisenberg reagieren gar nicht erst auf meine Gesprächsanfrage. Auf der Reise sagte er mir, dass er zum Schluss gekommen sei, dass Journalisten eh nicht die Wahrheit berichten. Einmal schrie er, als sich die Stimmung gegen Journalisten aufschaukelte, einfach "Lügenpresse" durch den Bus. Unwissend, dass ein Pressevertreter an Bord war, der alles notierte. Auf lokaler Ebene hatte seine Reise mit PI Konsequenzen, er verlor seinen Posten als zweiter Bürgermeister einer kleinen thüringischen Gemeinde. Überregional geriet er zwar unter Beschuss, sogar der Deutschlandfunk berichtete über Henke. Räumen musste er aber weder seinen Abgeordnetenposten noch seinen Sitz im thüringischen NSU-Untersuchungsausschuss. Ein Mitglied dieses Ausschusses sagt heute, er verhalte sich wie eh und je. Zur Aufklärung der NSU-Verbrechen trage er nicht bei. Meistens schweige er, und stelle er doch Fragen, seien diese meist unqualifiziert. 

Auf der Reise verstand Henke sich sehr gut mit Fabian. Ein Saarländer, wohnhaft in Zürich, der auch mal über Nacht mit dem Auto auf Pegida-Veranstaltungen nach Leipzig fährt – und einer der beiden Holocaust-Relativierer ist. Ich habe zwar seinen kompletten Namen, aber es findet sich keine Spur von ihm, nicht in einem Telefonverzeichnis, nicht im Netz. Er erzählte mir auf der Reise, dass er darauf bedacht ist, möglichst keine Daten zu streuen, weswegen er Pseudonyme und finnische Sim-Karten benutzt, die man namentlich nicht registrieren muss und es der "Gestappo", er meinte Polizisten und Richter, schwer mache ihn "aufzuspüren"; eine wohl erfolgreiche Strategie – auch gegen Journalisten wie mich.

Anders ist es beim zweiten Holocaust-Leugner, bei Udo aus der Nähe von Bautzen, einem der Zentren des deutschen Rechtsextremismus. Er ist AfD-Mitglied, seine E-Mail-Adresse finde ich im Netz. Die Antifa hatte einmal über 2000 Namen und persönliche Daten von AfD-Mitgliedern geleakt; darunter auch die von Udo. Ich finde heraus, dass er als Vorstandsmitglied der AfD Vogtland zurückgetreten ist. Der Grund waren, so heißt es in der "Freien Presse"aus Chemnitz, Flügelkämpfe im Ortsverband, der den rechts außen positionierten Richter Jens Maier von Höckes völkisch-nationalistischer Gruppierung "Der Flügel" einladen wollte. Maier hatte in der Vergangenheit sowohl für Anders Breivik Verständnis geäußert als auch Sympathien für die NPD gezeigt. Zuletzt sorgte er mit rassistischen Aussagen über den Sohn von Boris Becker für Aufsehen, die seinem Twitteraccount zugeschrieben werden.

Klar, denke ich, dass Udo an der Kontroverse im AfD-Ortsverband beteiligt war. Ich fühle mich ein wenig unwohl dabei, ihn zu kontaktieren - er und Fabian waren schließlich der Grund für meine Flucht. Aber die Distanz einer E-Mail gibt mir genug Schutz; mein Anschreiben, ob wir einmal sprechen können, erwidert aber auch er nie.  

Undurchdringliche rechte Szene. Jeder Anruf wird abgeblockt, Mails bleiben unbeantwortet.  Ist eine Undercover-Recherche womöglich wirklich der einzige Weg, um ehrliche Antworten zu erhalten? 
Nach vielen Versuchen erreiche ich schließlich einen bayerischen Buchhändler namens Markus, AfD-Mitglied, langjähriger PI-Leser und aufgrund seiner offen geäußerten rechten Positionen umstritten in seinem Wohnort; außerdem lud er auch fragwürdige Autoren zu sich in die Buchhandlung ein. Zu meiner Überraschung spricht Markus rund 20 Minuten mit mir. Er habe sich schwarz geärgert über mich, sagt er. Und er empfinde mich aufgrund meiner geäußerten Positionen als "Hardcore-Menschen", der "verblendet" ist, eine naive Sicht an den Tag lege. Er habe eine gänzlich andere Einschätzung von der Reise und dem Leben in Deutschland.

"Welche ist das?", frage ich Markus.

"Das Risiko, bald einen Bürgerkrieg in Deutschland zu erleben, ist, seit wir zuletzt miteinander zu tun hatten, viel größer geworden", erwidert er. Und spricht dann von den Vorfällen in der Flüchtlingsunterkunft in Ellwangen. Im Frühjahr 2018 wehrten sich dort Mitbewohner eines Flüchtlings aus Westafrika erfolgreich gegen Polizisten, die diesen abschieben wollten. Daraufhin sprachen Politiker von einer "Kapitulation des Rechtsstaates", CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt nannte Anwälte, die Menschen wie den Flüchtling aus Westafrika vertreten, Teil einer "Anti-Abschiebe-Industrie". Während Markus glaubt, dass wir damit dem Bürgerkrieg nun ein weiteres Stück nähergekommen sind, denke ich, dass Deutschland sich nach und nach ein klein wenig mehr spaltet.

Dann ist das Gespräch schnell vorbei. Er habe kein Vertrauen zu mir, ich würde ihn nur "in die Pfanne hauen", sagt Markus noch und beendet freundlich aber bestimmt unser Telefonat.

Volker Becks Brief an den DIG-Präsidenten

Ich hätte ihn gerne noch gefragt, wie die Israel-Reise mit den Holocaust-Leugnern zu seiner Arbeit im Vorstand einer bayerischen Ortsgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) passt. Die DIG ist, so sagt sie von sich selbst, "die zentrale Organisation in der Bundesrepublik Deutschland, in der sich Freunde Israels in überparteilicher Zusammenarbeit zusammenfinden, um in Solidarität mit dem Staat Israel und seiner Bevölkerung zu wirken." Markus hatte sogar im Bus Werbung für die DIG gemacht. Eine Handvoll der PI-ler war bereits Mitglied der altehrwürdigen Institution. Im Anschluss an den Artikel in NEON sprach ich auch mit Volker Beck, damals Mitglied des Deutschen Bundestags für die Grünen. Er hatte dem DIG-Präsidenten im Vorfeld der Reise einen Brief zukommen lassen. Beck hatte durch eine kleine Meldung im "Spiegel" mitbekommen, dass eine PI-Reise nach Israel stattfinden würde und ein Reisebüro aus dem Südwesten von Deutschland daran beteiligt war. NEON liegt der Brief Volker Becks an den DIG-Präsidenten vor, in dem es heißt: "Ich finde, diese Veranstaltung (Anmerkung der Redaktion: die PI-Reise nach Israel) schadet der DIG enorm und kann nicht folgenlos bleiben. (...) Es genügt beispielsweise bei PI-News den Begriff "Beschneidung" zu suchen und die rassistischen Artikel samt ihrer Kommentare zu lesen. Ich kann deshalb nur vor jeder Zusammenarbeit mit PI-News warnen." Im Telefonat sagte mir Volker Beck, die PI-Reise habe der "deutsch-israelischen Freundschaft" sehr geschadet. "Für solche Deutsche kann man sich nur schämen, das kann man nur verurteilen." 

Der einzige der Teilnehmer, von dem ich ausführliche Antworten erhalte, ist Werner. Jahrgang 1943, Unternehmensberater aus Frankfurt, langjähriges Mitglied der Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt. Nach mehreren Wochen erreiche ich ihn unter einer Frankfurter Nummer. Knapp zwei Stunden telefonieren wir. Der Gesprächsauftakt ist miserabel, er siezt mich plötzlich und sagt, ich hätte 70 Prozent Lügen verbreitet mit meinem "denunziatorischen stasiähnlichen Spitzelverhalten".
Nachdem ich enttarnt worden war, sei die Gruppe aufgeschreckt gewesen – und hätte mir eine Unterlassungserklärung auf mein Hotelzimmer zugestellt, mit der sie mir die Veröffentlichung der Recherche untersagen wollte. Besagten Brief habe ich nie erhalten, da ich zwei Nächte vor dem regulären Check-Out aus dem Hotel flüchtete.

Dann sagt Werner, er sei übrigens nur durch Zufall in die Gruppe hineingeraten, er spiele doch mit dem einen oder anderen hochrangigen FDP-Politiker Golf, sei sogar mit einem ehemaligen deutschen Außenminister gut befreundet. Dass es eine "AfD-Veranstaltung" ist, sei ihm erst in Israel aufgefallen, er sei ein "normaler Mensch mit normalen, demokratischen Vorstellungen." Und zur Reise, er finde sie auch heute noch "ganz toll", alles habe doch im demokratischen Spektrum gelegen.

"Eine Holocaust-Leugnung ist nicht demokratisch", erwidere ich.

"Ich bin gegen alles Linke"

Die beiden Personen seien zwei Ausnahmen mit einer merkwürdigen Geschichtsauffassung gewesen, sagt er. Wenn er mir zuhöre, denke er wieder, dass sich medial "linksfaschistische Tendenzen" durchgesetzt haben. "Sie denken, bestimmte Sachen darf man nicht sagen. Das ist Meinungsterror, Sie sind latent rassistisch. Sie sind ein Nazi", beschimpft er mich wütend. Dann sagt er, er sei ein ehemals von der Stasi bespitzelter DDR-Flüchtling. "Ich bin daher natürlich gegen alles Linke." 

Ich kann verstehen, dass er aufgrund seiner Ost-Biografie auf meine Undercover-Rolle noch dünnhäutiger reagierte als andere. Er glaubt mir auch nicht, dass ich wirklich Angst vor Fabian und seinem Klappmesser hatte, wirft mir vor, ich hätte die Sache hochstilisiert, um die Wirkung des Textes zu vergrößern. Ich sage, dass ich damals wirklich besorgt war.

Er glaubt mir nicht.

Dennoch, ich rechne es Werner trotz all dieser Differenzen hoch an, dass er heute mit mir redet.  

Wir sprechen dann kurz über die DIG (auch er ist dort Mitglied), seine "muslimische Putzfrau mit Kopftuch" und seine Einschätzung, dass "Moscheen hochgefährlich" sind und der Islam die Welt muslimisieren möchte, die Weltherrschaft anstrebe. Das klänge wie eine AfD-Position, sage ich. "Ich war damals überwiegend mit der FDP einverstanden und bin es bis heute", antwortet er.

"Ich bin so was von enttäuscht von Ihnen, weil ich den Eindruck hatte, dass wir einen Draht zueinander hatten, auch intellektuell", sagt er dann. Ich verstehe, dass Werner sich hintergangen fühlt. Er hatte mir, einem angeblich älteren Germanistik-Doktoranden, der seinen Berufsweg noch nicht ganz gefunden hat, damals sogar Karriereratschläge gegeben. "Ich machte mir Sorgen um Sie", sagt Werner väterlich am Telefon. "Das habe ich damals vernommen und fand es auch sehr nett", erwidere ich ihm. Allerdings war einer dieser Ratschläge auch dieser hier: "Treten Sie doch im Anschluss an Ihr Studium eine Parteikarriere bei der AfD an. Nach der Bundestagswahl gibt es dort massiv Plätze. Wenn ich noch jünger wäre, würde ich das machen."

Zum Abschluss des Gesprächs sagt er mir, dass er mich nicht treffen möchte, ich würde nur alles hinbiegen, wie ich es bräuchte. "Sie werden mir was reintun", sagt er und meint eine Lüge. "Ich vertraue Ihnen nicht." Dann legt er unvermittelt auf.

Das Ergebnis nach gut zwei Monaten Nachrecherche: wütende Stille. Mit zwei Ausnahmen sagen die ermittelbaren PI-Reiseteilnehmer nichts; entweder weil sie mich als Vertreter der linken Lügenpresse verorten. Oder, weil ich sie durch die Art meiner Recherche bestärkt habe in ihrem Ressentiment gegenüber Journalisten. 

Hinbiegen, beschönigen, Fakten verdrehen, lügen - all das wird uns Journalisten vorgeworfen. Das Fake-News-Zeitalter. Tatsächlich fällt mir auf, dass die Teilnehmer selbst die Reise schönreden. Alle haben Angst. Vor dem politischen Gegner. Vor den Konsequenzen der Reise. Vor der Zukunft dieses Landes. Werner streitet, so mein Eindruck, seine Annäherung an die AfD, deren Höhepunkt womöglich die PI-Reise war, ab. Vermutlich, weil er Angst um sein Image, das seiner Kinder, seiner Unternehmensberatung  und die Bewertung seiner ganzen Biografie hat. Vielleicht könnte er auch nicht mehr mit einem ehemaligen Außenminister Golf spielen, wenn klar würde, dass er Gedankengut äußert, dass auch AfD-Hardlinern nicht fremd ist.

Verein in Dresden: "Wir nehmen Migranten-Kindern die Angst vor Pegida"

Diese zweite NEON-Recherche hatte das Ziel, das Verständnis zwischen ihnen und mir, zwischen Mehrheits- und Parallelgesellschaft zu vergrößern. Aber ich fürchte, der Graben zwischen uns ist eher tiefer geworden.  Dennoch glaube ich noch immer, dass unser verdeckter Rechercheweg damals gerechtfertigt war, unbedingt sogar.  

Durch die Bundestagswahl 2017 hat sich bestätigt, was ich zuvor über die PI-Reiseteilnehmer geschrieben hatte: "Jeder in der Gruppe hatte einen Moment, in dem er sich vom bisherigen Fünfparteiensystem abgewandt hat. Karl entdeckte mit dem Atomausstieg die AfD für sich. Für den ehemaligen SPD-Wähler Fabian verlor die SPD mit dem Strukturprogramm Agenda 2010 ihren Status als linke Volkspartei. Er wechselte zunächst zur Linken und fand dann bei der AfD seine neue politische Heimat. Auch Jörg Henke sympathisierte mit der Linken, bevor er AfD-Abgeordneter wurde. Den Unternehmensberater und den Ex-Pharmavorstand hat der Crash der FDP nach rechts getrieben und alle hier eint das Unverständnis über den Linkskurs der CDU, der für sie 2014 in der Flüchtlingspolitik gipfelte. In den Biografien der PI-Leser tritt die Macht, die der AfD innewohnt, zutage. Sie schafft es, Menschen aus völlig unterschiedlichen Richtungen ein politisches Zuhause zu bieten und sie zu mobilisieren. Jeder der Menschen an diesen zwei Tischen wird bei der Bundestagswahl sein Kreuz machen; und wohl auch die 100.000 anderen Menschen, die täglich PI-News lesen." 

PI ist somit ein zentrales Organ der AfD-Wähler, und in der zurückliegenden Bundestagswahl konnten wir die Wählerwanderung Prozent für Prozent erleben. Die SPD verlor an die AfD rund 500.000 Wähler, die CDU über eine Million, und auch die FDP musste rund 50.000 Wähler an die AfD abgeben, darunter vielleicht auch Werner.

Die AfD hat sich bisher nicht entzaubert

Heute, im Juli 2018, glaube ich manchmal, dass wir lernen müssen, mit diesen tektonischen Verschiebungen auf der politischen Karte Deutschlands und den damit aufgerissenen neuen Gräben zu leben. Sie dürften nämlich bleiben. Auch wenn es Bestrebungen der bisherigen Parteien gibt, Wähler aus dem AfD-Lager wieder an sich zu binden, leben wir doch in einer modernen Zeit, in der sogar die CDU/CSU auf den Atomausstieg, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Diversität setzt – und sei es nur aus ökonomischen Zwecken. Deswegen glaube ich, dass sich die AfD leider durchsetzen wird mit ihrem rückständigen Parteiprogramm.

Denn auch wenn ich es gerne anders hätte, die AfD hat sich bisher nicht entzaubert, sie findet Zuhörer wie Wähler. Vielleicht steuern wir einfach auf Schweizer Verhältnisse zu? Dort ist viele Jahre vor der AfD in Deutschland die Schweizerische Volkspartei, die SVP, mitten in die Gesellschaft gerammt; heute ist sie in der Schweiz genauso zu Hause wie das Matterhorn. Sie stört zwar noch ähnlich denkende Menschen wie mich – Freunde von mir etwa –, aber die echauffieren sich nicht mehr so stark über diese Partei wie viele von uns es mit der AfD in Deutschland tun.

Nach dem Telefonat mit Werner glaube ich auch, wir – beide Seiten – müssen wieder lernen, mehr Differenzen auszuhalten, dickhäutiger zu sein. Den Ruf nach strikteren Asylgesetzen nicht gleich zu verurteilen, sondern nach den Gründen dieser Position zu fragen. Lediglich Rassismus und am Grundgesetz vorbeizielende Positionen – egal ob sie von Nazis, der Antifa oder Muslimen kommen – zu sanktionieren, strafrechtlich wie persönlich, mit einer Anzeige oder einem Kontaktabbruch. Diesen Menschen damit zeigen, dass sie nicht mehr zu Deutschland dazugehören, sollten sie diese Ansichten weiter behalten. Ansonsten muss es uns aber auch wieder leichter fallen verschiedene Meinungen zuzulassen, auch wenn sie uns nicht gefallen. Und die Politik muss es schaffen, bei schwierigen Themen einen Minimalkonsens herzustellen. Passiert das nicht, spaltet sich die Gesellschaft weiter.

Ich hätte daher – sollte es nicht zu rassistischen Kommentaren seinerseits kommen – keine Probleme, mit Werner eine Runde Golf oder Tennis spielen zu gehen. Politische Themen könnten wir ja auf dem Platz erst einmal ausklammern, über die haben wir vorerst genug gesprochen.


*Alle Namen der PI-Reiseteilnehmer sind bis auf das Pseudonym Mr. Merkava und den AfD-Abgeordneten Jörg Henke von der NEON-Redaktion geändert