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Familienleben: Christiane Paul im Interview: "Ich bin keine Mutter, die schöne Salate macht"

Wie schaffst du das nur? - die Frage hört Christiane Paul, Schauspielerin, Ärztin und alleinerziehende Mutter, sehr oft. Im Interview erzählt sie, warum sie diese Frage verunsichert, und dass ihr Kindergeburtstage bis heute schlaflose Nächte bereiten.

von David Pfeifer

Christiane Paul

Frau , Sie waren Ärztin, sind alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und in Ihrem neuen Film "Eltern" spielen Sie eine Ärztin, Mutter von zwei Kindern, deren Ehe in die Krise gerät. Da drängt sich die Frage auf: Wie viel von Ihrem eigenen Leben fanden Sie in dem Drehbuch?

Natürlich kenne ich die Situation, dass man zwei und einen Job hat, in diesem Spagat zwischen Beruf und Familie steht und zusehen muss, wie man sich da irgendwie durchlaviert. Aber ein großer Unterschied zu anderen Filmen ist das nicht. Ich arbeite ja immer mit mir und nähere mich der Figur irgendwie an.

Eine Besonderheit des Films: Er zeigt seine Charaktere ambivalent, so wie es die meisten Menschen nun mal sind. Und es wird kein Erklärtext dazu gesprochen.

Stimmt. Das Drehbuch war schon etwas Besonderes. Mein Kollege , der meinen Mann spielt, sagte: Dafür muss man das Spielen fast noch mal neu lernen. Weil sonst die Gefahr besteht, in so eine Gewöhnlichkeit abzurutschen. Im Fernsehen findet Familie ja meistens nur als Unterhaltungsthema statt, in Überforderungskomödien mit Windel-Slapstick.

Es wird recht ungerührt von einem Paar erzählt, das zu Eltern mutiert ist. Die Grundlage war mal , aber nun betreiben sie eine funktionstüchtige WG.

Ist das nicht ein bisschen zu negativ interpretiert?

Die von Ihnen gespielte Ärztin macht Karriere, während der Mann sich zu Hause um die Kinder kümmert. Sie liebt ihn vielleicht noch, hat aber eine Affäre mit ihrem Arbeitskollegen - ein Klassiker des Ehelebens, nur mit verteilten Rollen.

Ich habe mit Robert Thalheim, dem Regisseur, der auch das Drehbuch geschrieben hat, viel darüber diskutiert, wie lange sie ihren Mann betrügt. Er sagte: zwei Jahre. Das erschien mir zu lang.

Vergehen zwei Jahre in so einer Lebenssituation nicht sehr schnell?

Ich bin jetzt 39 und man erlebt vieles, was man sich früher nicht vorstellen konnte, aber so was ginge für mich nicht. Wenn jemand zwei Jahre ein Verhältnis hat, ist das kein Fehltritt, sondern eine bewusste Entscheidung, und das finde ich echt schlimm.

Andererseits: Wie attraktiv bleibt ein Hausmann, wenn er sich mit einer Ritterrüstung aus Pappe auf dem Kindergeburtstag ins Zeug legt, wie Charly Hübner in "Eltern"?

Als Mutter und damit auch als Frau finde ich es auf jeden Fall attraktiv, wenn der Vater - oder ein Mann ganz allgemein - sich um Kinder bemüht. Wie bei allem geht es da um Verhältnismäßigkeit. Die Ritterrüstung ist vielleicht ein Tick zu viel.

Wirkt es nicht abstoßend, wenn Männer ihr Vatersein als Performance inszenieren?

Ich glaube, man kann das durchaus als liebenswert empfinden. Irgendwann kennt man doch die Grundstruktur des anderen Charakters, mitsamt allen weniger angenehmen Seiten. Wenn jemand eitel ist und sich Bestätigung woanders holt, dann wird es ein Problem. Wenn er das Geltungsbedürfnis aber in liebenswerte Handlungen umlenkt, dann kann man dafür geliebt werden. Dann ist die Ritterrüstung auch nicht unsexy.

Sie würden also nicht sagen, dass man die Liebesbeziehung zumindest zum Teil der Elternschaft opfern muss?

Die Frage kann ich nicht beantworten.

Warum nicht?

Um ehrlich zu sein, weil ich es nie habe ausprobieren können. Meine Beziehungen zu beiden Vätern meiner Kinder waren zu Ende, bevor wir in diese Abnutzungsgefahr geraten konnten. Was aber auch keine wünschenswerte, sondern eher eine traurige Lösung ist.

Haben Sie einen Schlussstrich gezogen, bevor es mühsam wurde?

Nein, das hatte andere Gründe. Obwohl es natürlich schon so ist, dass Kinder und Familie eine Belastungssituation erzeugen. Aber sie können die Beziehung eben auch bereichern. Ich glaube, man muss akzeptieren, dass sich der Fokus verändert, wenn man Kinder hat. Die Liebe dabei zu erhalten, ist eine Herausforderung. Ich hatte immer das Traummodell einer Beziehung im Kopf, die mit Kindern funktioniert, und obwohl der Versuch bisher nicht aufgegangen ist, finde ich diese Vorstellung noch immer schön und erstrebenswert. Es ist einfach schwieriger geworden beieinander zu bleiben, in der heutigen Zeit.

Sie halten das für ein Zeitphänomen?

Kinder heute zu haben, kann einem Vollzeitjob gleichkommen. Die Anforderungen im Alltag werden immer mehr und dichter. Auch für die Kinder - sie brauchen die Unterstützung der Eltern in der Kita oder in der Schule. Oft sind zum Beispiel Hausaufgaben kaum alleine zu bewältigen. Meine Tochter soll Kurzvorträge halten und im Internet dafür recherchieren, da braucht es - auf jeden Fall zu Anfang - einen Erwachsenen, der da dabei ist. Wenn beide Eltern arbeiten und sich verwirklichen wollen, wird es problematisch. Das ist auch im Film die Bruchstelle, als der Mann wieder zu arbeiten beginnt.

Die Familie versinkt im Chaos ...

Manchmal denke ich, eine Familie benötigt so eine Art Familienmanager. Selbst wenn ich nicht auswärts auf Dreharbeiten bin und nur normale Verpflichtungen habe, merke ich als Alleinerziehende sofort, dass immer jemand da sein muss, der zu Hause alles koordiniert. Wandertag, Schulfest, wer kümmert sich um die Kinder, wenn ich zwar in Berlin bin, aber noch einen längeren beruflichen Termin habe? Zu meinem großen Glück habe ich eine Kinderfrau, die mich, wenn es nötig ist, zu großen Teilen entlastet und unterstützt. Ohne sie wäre vieles sehr viel schwieriger.


Man muss akzeptieren, dass sich der Fokus verändert, wenn man Kinder hat


Kennen Sie Paare, bei denen die Arbeitsteilung harmonisch abläuft?

Leider nur wenige. Und auch bei denen frage ich mich manchmal: Stimmt das überhaupt? Häufig ist es der zweite oder dritte Beziehungsanlauf, bei dem es dann klappt. Womöglich ebenfalls ein Abbild unserer Zeit. Es ist ja sehr viel passiert in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die ganzen Anforderungen an Mobilität und Flexibilität, der Druck auf dem Arbeitsmarkt, der Chancenverlust, das bringt Unruhe in die Lebensentwürfe.

Ist das Problem nicht auch, dass beide vom Gas müssen, sobald ein Kind da ist - und sich das gegenseitig übel nehmen?

Das hat aber mit der Grundeinstellung zum Leben zu tun, wie man sich selber sieht: allein oder in einer Partnerschaft? Begreift man Kinder als Teil der Lebensaufgabe? Die heute 30- bis 45-Jährigen sind in einer Phase des Selbstverwirklichungswahnsinns aufgewachsen, denen fällt es manchmal schwer, von sich abzusehen. Ich habe auch Phasen gehabt, in denen ich dachte: Oje, ich gebe auf, ich ziehe aus! Dass Kinder ihren Tribut fordern, ist klar.

Letztendlich sind meine Kinder aber das größte Glück, das mir zuteil werden konnte, und mit nichts anderem aufzuwiegen.

Die Glücksforschung sagt ja nüchtern, Kinder seien ein Nullsummenspiel. Sie machen gleich unglücklich wie glücklich.

Ich weiß nur, dass die Momente nach der Geburt jeweils etwas Neues in mir freigesetzt haben. Eine natürliche Bindung, die alles andere übertrifft. Ich würde alles für meine Kinder geben, sogar für sie sterben, wenn es unumgänglich wäre. Natürlich bringen sie mich auch manchmal an meine Grenzen, wenn sie mich immer wieder mit unzähligen Fragen konfrontieren. Ich denke dann häufig: Woher soll ich das denn alles wissen? Ich fühle mich manchmal selbst noch wie zwölf und soll all diese Dinge entscheiden. Andererseits würde mir sicher etwas fehlen, auch wenn es manchmal an meine Grenzen geht.

Sie erzählen das so, als würden Sie sich wundern, dass es klappt.

Ich musste mich über die Jahre schon ein bisschen in die Rolle der Mutter hineinfinden. Kindergeburtstage sind jedes Mal ein Schrecken für mich. Ich bereite die Party minutiös vor, aber in der Nacht davor kann ich trotzdem kaum schlafen, habe Angst und Schweißausbrüche: Wie viele Kinder kommen, was brauche ich? Ist die Schnitzeljagd gut? Es gibt Frauen und Männer, die viel entspannter sind und daran echten Spaß haben. Ich habe dafür ein bisschen gebraucht. Meine Tochter ist elf, mein Sohn sechs, also bekomme ich langsam Routine.

Würden Sie sagen, Sie hatten keine natürliche Mutterbegabung?

Vielleicht. Ich wollte immer Kinder haben.

Trotzdem bin ich keine Mutter geworden, die zum Schulfest Selbstgebackenes mitbringt oder schöne Salate macht. Vielleicht auch, weil die Arbeit einen großen Stellenwert in meinem Leben hat. Im Bastelladen bei uns um die Ecke sehe ich manchmal Mütter - was die alles können und machen - und denke: Wie bekommen die das hin? Obwohl, ich habe mich gesteigert!

Inwiefern?

Ach, ich habe zum Beispiel ein Origamibuch und so Bastelkartons gekauft, und so sitze ich auch schon mal mit meinen Kindern morgens um sieben in der Küche und falte Papier. Und als wir zum letzten Weihnachtsfest gemeinsam Geschenke gebastelt haben, konnte ich mich sogar selber dabei entspannen.

Aber ist es nicht ein Leistungsprofil unserer Zeit, nicht nur Mutter zu sein, sondern auch die Karriere weiterzutreiben?

Bei mir ist das kein Leistungsgedanke, sondern Teil meiner Sozialisation. In der DDR gab es eben die berufstätige Mutter, die ihren Weg ging und eine eigene Karriere hatte.

Bemerken Sie noch in anderen Punkten, dass Ihre Sozialisation bis heute wirkt?

Das wurde ja alles rasend schnell Vergangenheit. Aber mir fiel auf, dass ich merkwürdig angesehen wurde, als ich meine Kinder sehr früh in die Kita gegeben habe. Da hatte ich fast das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich arbeite. Es scheint unter Frauen das Muster zu geben, sich gerade bei diesem Thema gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Das geschieht gar nicht bewusst. Aber man fragt sich doch sowieso die ganze Zeit: Mache ich alles richtig? Da braucht es gar niemanden, der ausspricht, dass er dich für eine Rabenmutter hält. Es genügen kleine Bemerkungen: Wie schaffst du das nur? Verpasst du nicht das Wichtigste? Ich ertappe mich allerdings selber dabei, dass ich mich umgekehrt frage: Wieso gibt eine Mutter ihr Kind nur für drei Stunden in die Kita? In der Zeit schafft man doch gerade mal den Einkauf und ein bisschen aufzuräumen! Dabei ist es auch total in Ordnung, wenn eine Frau die ersten Jahre mit dem Kind verbringen will.

Haben Sie eine Ahnung, woher diese passivaggressiven Fragen kommen?

Vermutlich, weil Eltern aus jeder Richtung verunsichert werden. Das geht schon bei der Pisa-Studie los. Dann sollen die Kinder möglichst früh möglichst viel lernen, am besten ein Instrument und zwei Fremdsprachen. Dabei muss man manchmal einsehen: Es gibt Stärken und Schwächen, und ich kann das alles nur bedingt beeinflussen. Die Kinder suchen sich schon selber, was sie interessiert.

Doch diese Normalität, dass man Kinder hat und die einfach groß werden - so oder so -, die ist verloren gegangen.

Sie haben selber einen Ratgeber geschrieben, über ihren ökologischen Lebenswandel: "Das Leben ist eine Öko-Baustelle".

Aber das Buch ist nicht als dogmatisch zu sehen, und gerade bei der Ernährung bleibe ich eher gelassen. Die Kinder gucken sich das ab, was man vorlebt, und da ich nicht andauernd zu McDonald's gehe, bleibt es im Rahmen.

Meine Kinder kriegen Süßigkeiten, es gibt Nudeln und Brot und sie essen Fleisch, wenn sie es möchten. Ich habe, während ich das Buch schrieb, in einer Art Selbstversuch probiert, ihnen die Wurst auszutreiben, das hat aber nicht geklappt. Und das ist auch okay so. Es regelt sich vieles von selbst, wenn man nicht immer gleich aus dem Häuschen gerät.

Weil man die Kinder sonst verrückt macht?

Vor allem sich selber. Ich habe mich letztens mit einer Mutter unterhalten, deren Sohn gerne mit einer Spielzeugpistole schießt. Die Mutter war wie erlöst, als ich sagte: Ich habe damit kein Problem, ich glaube, so eine Phase ist normal. Solange der Kleine nicht den ganzen Tag Ego-Shooter spielt und anfängt, sich auffällig zu verhalten, gehört das zum Entwicklungsprozess. Jungs kämpfen mit Holzschwertern und schießen mit Pistolen. Ich glaube, es wäre falsch, ihnen das zu verbieten. 

Überschätzen Eltern die Einflussmöglichkeiten auf Kinder ganz generell?
Es kommen fertige Charaktere auf die Welt, scheint mir oft. Ich sehe es ja an meinen Kindern, die sind beide so eigen geblieben, wie sie geboren wurden, dann denke ich manchmal, das Einzige, was ich ihnen mitgeben kann, ist: Sag Entschuldigung, sag danke, sag bitte. Hier hast du ein Buch.

Reagieren Sie als Ärztin eigentlich besonders gelassen oder ängstlich darauf, wenn Ihre Kinder krank sind?

Es gab Situationen im Leben meines Sohnes, die sehr problematisch waren, kurz nach seiner Geburt, aber ich doktere nicht an meinen Kindern herum, nur weil ich das studiert habe. Ich kann eine Schnittwunde versorgen, aber von Pädiatrie habe ich keine Ahnung.

Andere Eltern googeln Symptome und kommen mit fertigen Diagnosen zum Arzt.

Komischerweise habe ich totales Vertrauen in die medizinische Maschinerie, obwohl ich auch Probleme und alle Nachteile einer riesigen Klinik kenne. Aber es wird häufig übersehen, auf welchem Niveau wir uns heute Sorgen machen.

Verschlechtert sich die Versorgung durch die vielen Sparmaßnahmen nicht?

Sicher, die Ärzte haben weniger Zeit, hohen Kostendruck. Aber allein, wenn man daran denkt, wie alt wir inzwischen werden, weil es zum Beispiel Herzmedikamente gibt. Wir sind gut versorgt mit sauberem Wasser, mit Grundnahrungsmitteln, deswegen gibt es keine nennenswerte Kindersterblichkeit mehr. Das wird als selbstverständlich angesehen, obwohl man nur die Nachrichten anschalten muss, um zu wissen, dass es nicht allen so gut geht. Neuerdings wird als Trend von Impfungen abgeraten, weil Medikamente starke Chemie sind. Da wird die Ökoneurose für mein Empfinden zu weit getrieben. Wenn wir Kinder gegen Masern impfen, bekommen sie keine Gehirnhautentzündung, so einfach ist das. Wir klagen auf echt hohem Level.

Hat Ihnen das Studium diese pragmatische Perspektive auf das Leben eröffnet?

Für mich war vor allem verblüffend, plötzlich zu verstehen, wie froh man sein kann, dass das alles überhaupt funktioniert. Vor ein paar Jahren habe ich "Im Anfang war der Wasserstoff" von Hoimar von Ditfurth gelesen, ein Buch, das die Entstehung der Welt vor Millionen von Jahren beschreibt, vom Urknall bis zur Entstehung des Lebens. Wenn man sich damit beschäftigt, ist es schon schwer zu begreifen, was da alles zusammenkommen musste, was für Zufälle! Es haben sich Moleküle verbunden, es entstand Wasser, dann haben sich Zellen entwickelt, Bakterien und irgendwann kam der Mensch raus. Bei mir hat sich dadurch eine positive Demut eingestellt: Das Leben an sich ist ein absolutes Wunder.


Dieser Text ist in der Ausgabe 11/2013 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.