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Buch "Achtung Baby": "Lasst die Kinder miteinander kämpfen!" - Amerika streitet über deutsche Erziehung

Nach den Tiger-Müttern propagiert das Buch "Achtung Baby" nun den deutschen Erziehungsstil in den USA. Hinter markigen Formulierungen wie Kampf und Chaos steht ein fast unbegrenztes Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder, sich selbst zu organisieren.

Nach der China-Dressur erreicht nun das deutsche Chaos die Kinderzimmer.

Nach der China-Dressur erreicht nun das deutsche Chaos die Kinderzimmer.

Die Welt sehnt sich nach Erziehungsrezepten. Vor sechs Jahren machte die Juristen Amy Chua weltweit Furore mit ihrem Konzept der "Tiger-Mutter". Anstatt Laissez-Fairez stand konsequente Förderung auf dem Stundenplan – Kritiker könnten auch vom Ideal des permanenten Drills sprechen. Dafür absolvierten beide Töchter in Harvard.

Nun ist es Zeit für etwas Neues: Nach der China-Methode rollt jetzt die deutsche Pädagogik an die Erziehungsfront. Sara Zaske plädiert in ihrem Buch darauf, Kinder wie die Deutschen zu erziehen. In ihrem Gastbeitrag für das "Wall Street Journal" erklärt die Amerikanerin schon im Titel, was das ihrer Meinung nach vor allem bedeutet: "Lasst die Kinder kämpfen!"

Erziehung mit dem Knobelbecher?

Wo Tiger-Mütter ihre Kinder drillen, setzt die German-Mum auf die Erziehung mit dem Knobelbecher. Schon der Titel des Buches ist so Deutsch wie nur irgend möglich gehalten. Die US-Ausgabe titelt nämlich in deutscher Sprache "Achtung Baby". Eine deutliche, wenn auch nicht jedermann bekannte Anspielung an das Buch "Achtung Panzer!" eines berühmten deutschen Generals.

Schaut man in das Buch, merkt man schnell, dass es sich nicht um Blitzkrieg-Erziehung handelt. Das Spiel mit den Deutschland-Stereotypen dient wohl eher dem Verkaufserfolg. Sara Zaske kommt aus Oregon und lebte sieben Jahre in Berlin. Ein Schock für die Amerikanerin. Sie war ein Lern- und Förderungsprogramm im Kindergarten gewohnt und lernte dann den Dschungel deutscher Kitas kennen. "Keine Lesestunden, keine Mathearbeitsblätter. Da herrschte reine Gesetzlosigkeit. Kinder liefen herum und schrien und spielten, was sie wollten und mit wem sie wollten." Das Ganze erinnerte Zaske nicht an die Hitlerjugend, sondern an die gefährliche Insel-Anarchie im "Herr der Fliegen".

Deutsche lieben die Anarchie

Sie hatte befürchtet, die Deutschen wären sture Pedanten, doch sie musste das Gegenteil erleben. "Kinder sind wirklich wunderbar, wenn sie die Dinge selbst in die Hand nehmen", versicherte eine Kitamitarbeiterin der geschockten Frau. Anstatt die Dinge in vorbestimmte Bahnen zu zwingen, würden die Deutschen vor allem beobachten. Nur manchmal nehmen sie ein Kind beiseite und gelegentlich sprachen sie mit der ganzen Gruppe über Fairness und Freundlichkeit

Die Idee hinter der Chaos-Pädagogik: Kinder müssen lernen, eigenständig mit Herausforderungen umzugehen. Am Besten lernen sie es, wenn die Kinder eigenständig miteinander interagieren und nicht indem ein Erwachsener als Gott im Hintergrund die Dinge richtet. Dafür müssen die Kinder aber einen eigenen Lebensraum bekommen. Die Kitas bieten auf ihre Art einen wenig kontrollierten Raum, so wie ihn Kinder früher auf Parks, Hinterhof und Straße erlebt haben.

An ihrer eigenen Tochter Sophia und deren Freundinnen lernte Sara Zaske die deutsche Methode kennen. Die Kinder verband eine enge Freundschaft, aber das war keine Idylle. Es gab Dramen und Auseinandersetzungen. Die Erzieher konfrontierten die Kinder gelegentlich mit Fragen wie "Was glaubst du, wie sie sich dabei fühlt?" oder: "Was würdest du tun, wenn du sie wärst?" Aber sie moderierten den Ausgang nie – das war Aufgabe der Mädchen. "Die Kämpfe dauerten länger, als mir lieb war, aber meine Tochter lernte mit diesen Auseinandersetzungen wichtige Lektionen. Als sie in die Grundschule kam, war sie als Friedensstifterin bekannt. Bis heute hat sie nur selten ein Problem mit einem 'gemeinen Mädchen', sei es als Opfer oder als eine von den Bösen."

Mehr Freiheit für die Kinder

In vielen würden die Deutschen ihre Kinder so behandeln, wie es die Amerikaner vor der Helikoptererziehung gemacht haben, meint Zaske. Generell würden Kinder mehr Zeit im Freien verbringen. "Es ist unglaublich toll zu sehen, wie viel Freiheiten deutsche Eltern ihren Kindern einräumen. Sie gehen oft alleine zur Grundschule, dürfen schon in jungen Jahren mit Schnitzmessern, Streichhölzern und Herdplatten umgehen", sagt Sara Zaske.

In den USA undenkbar: In den USA führt so etwas dazu, dass besorgte Polizisten die Kinder stoppen und zu Hause nachfragen. "US-Eltern fürchten, dass an jede Ecke ein Kidnapper lauert. Kein Kind geht in den USA alleine zur Schule." Eltern und Kitas achten darauf, dass Kinder nicht in Spielzeug ertrinken. Teilweise wird das Spielzeug wochen- oder monatelang aus den Kita-Räumen entfernt.

Nun plädiert Zaske für die moderne deutsche Pädagogik. Sie glaubt: "Deutsche Eltern trauen ihren Kindern Dinge zu und behandeln sie auf Augenhöhe. Wir erziehen nur dann freie und verantwortungsbewusste Kinder, indem wir ihnen Freiheit und Verantwortung geben".
Also doch nicht: Achtung Panzer!

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