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Aus dem Leben einer Mutter

"Bienvenue chez les Chleus": Hilfe, die Austauschschüler kommen! Wie ich auf die harte Tour lernte, was Pizza mit Entenconfit ist

Wenn französische Austauschschüler im Anmarsch sind, überkommt uns deutsche Mütter schnell ein kulinarischer Minderwertigkeitskomplex.

Von Andrea Müller

Mann mit Frankreich-Flagge

Bei unserer Autorin ist der französische Austauschschüler eingezogen – und mit ihm seine seltsamen Essenswünsche

Unsplash

Abgesehen vom azurblauen Himmel über Hamburg war es kein würdiger Staatsempfang. Acht Mütter in acht Kleinwägen verstopfen den Parkplatz vorm S-Bahn-Tunnel, alle wollen ganz vorn die Tricolore schwenken, wenn ihr Austauschschüler aus dem Tunnel schreitet. Wir sehen aus wie eine Frauengruppe beim Autoscootern, wo die Steuerung des Stromnetzes in der Oberleitung ausgefallen ist. Nix geht mehr. Rien ne va plus.

Unsere 14-Jährigen schieben sich durchs mütterliche Parkchaos, während eine Handvoll schmaler Kinder mit Cabin-Size-Rollis über das Ende der Rolltreppe stolpert. "Das können sie wohl nicht sein, unsere sind ja viiiel größer!" rufe ich quer ins Gewühl. Da klatscht Caspar auch schon High-Five mit einem Jungen, der neben ihm aussieht wie Timon neben Pumbaa. "Gutön Tak Madame, isch bin Jean-Baptiste, die Austoschschülör von Gaspaaach," sagt eine glockenhelle Knabenstimme. "Kanns misch nennen Jean."

"Dein Maman at gösagt Kleine zu misch?"

"Willkommen in Hamburg", sage ich zu Jean, bussle ihn ordnungsgemäß links-rechts-links, streiche ihm kurz über die hübschen, dunklen Locken. "Mama, er ist 14!" maßregelt mich Caspar, als wäre man mit 14 voll erwachsen und jenseits der  Midlife-Crisis. Sehe ich anders. 1500 Kilometer weg von Mama und Papa sei "der Kleine" nun gereist und sicher froh über eine herzliche Gastmutter. "Dein Maman at gösagt Kleine zu misch?" fragt Jean.

Ich verstaue Jeans Cabin-Size-Rolli im Kofferraum meines französischen Kleinwagens und warte, dass das Klein-Thema und die ambitionierten Französischklassen-Mütter langsam abschieben. Alle hupen und winken, es geht zu wie auf dem Busparkplatz vor Notre Dame.

Auf dem Heimweg erkläre ich Jean alles mehrfach langsam und in deutsch – wir sollen deutsch mit ihnen reden, laut Lehrerin. Nach dem dritten mal "Fru Mülläär, pardon, isch verschteh disch nischt", spreche ich halt französisch. Caspar, nicht nur in schulischen Inhaltsangaben auf minimale Wortanzahl bedacht: "Mama, krass deutscher Akzent".

Der Austauschschüler will kein Schnitzel – er will Ente

Zur Feier des Tages essen wir heute typisch deutsch, Wiener Schnitzel mit Gurken-Salat und Bratkartoffeln, sage ich und auf Nachfrage: Nein, Österreich sei kein deutsches Bundesland, trotzdem sei Wiener Schnitzel ein typisches Essen im deutschsprachigen Raum. Schließlich kommen "French fries" auch nicht aus Frankreich, sondern aus Belgien.

Beim Abendessen trennt Jean-Baptiste die Panade seines Schnitzels präzise ab und stapelt sie holzbeigenartig am Tellerrand. Wir versuchen herauszufinden, was unser Gast sonst noch essen will, die nächsten Tage. "Canard, s'il vous plait".

Oh, okay. Auch wenn "Ente" bei uns eher zur Weihnachtszeit oder süß-sauer beim Thai verspeist wird, frage ich: "Canard... à l'orange?"

"À l'orange? Ah non!" ruft Jean und verzieht den Mund zum schiefen Halbmond. Orangen-Ente käme ursprünglich aus Italien! Als wäre die italienische Küche im Vergleich zur französischen zweitklassige Pasta-Pampe, was wir Krauts in unserer kulinarischen Kreisliga als Sauerkraut-mit-Würstchen-Fresser, keinesfalls beurteilen könnten. So verstehe ich das.

Sei's drum, denn ich bin Jeans Familie zu tiefem Dank verpflichtet: Zehn Tage lang präsentierten sie meinem Junkfood-Sohn in Toulouse mit Gemüse-Gratin und Bœf bourguignon jeden Abend die Kultiviertheit französischer Küche. Und er hat mitgegessen! Was einem Wunder gleichkommt. (Zitat Caspar: "Ich hatte keine Wahl, ich musste höflich sein!")

Und falls ich keine Ente bekomme, schiebt Jean großzügig nach, könne ich zur Not "Autruche" kaufen. Laut Google-Translate : Vogelstrauß!

Der Metzger in meiner Shopping-Mall schaut mich an, als hätte ich nach einem Kilo Katzenschnitzel gefragt: Strauß sei zwar lieferbar, jedoch nicht vorrätig, Kostenpunkt: 40 Euro das Kilo. Ich verlasse den Laden mit Hühnerschenkeln. Geflügel ist Geflügel, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, basta!

Caspars Bruder will später einen englischen Austauschschüler

Zu den krossen Hühnerbeinen am nächsten Abend gibt es Reis und Ratatouille "aus Bio-Gemüse". Ich sage das so, als müsste ich den fehlenden Vogelstrauß rechtfertigen. "Bio, oha, une marotte allemande..." sagt Jean. Der Franzose zieht die Haut des Hühnerbeines ab, pult zwei, drei Ministreifen weißen Fleisches heraus und isst einen Teelöffel Reis. Im Ratatouille fehle übrigens die Aubergine, die ich immer weglasse, weil meine Kinder sie "schleimig" finden.

Wenn er dran ist mit Austauschschüler, sagt Caspars kleiner Bruder, will er einen Engländer. Fish&Chips gäbe es fertig bei Aldi in der TK.

Ich erinnere mich nicht genau, wann meine glühende Frankophilie entflammte, welcher Caspar unter anderem seinen Aufenthalt in der Franz-Klasse verdankt. Doch langsam beginnt sie zu bröckeln. Ich soll meine Base chillen, sagt Caspar, Jean sei "mega nett", und was kann der dafür, dass ich nicht so gut koche wie seine Familie in Toulouse. Immerhin, er trage Teller raus, habe stets einen flotten Deutschen-Witz auf der Pfanne. Und wie er seine Klamotten deponiert, das könne ich ihm kaum übel nehmen! Auf einem großen Haufen halt, wie auch er selbst, zuletzt in Toulouse. Einen Platz im Schrank oder einen Kleiderständer hatte Jean dankend abgelehnt.

Am Morgen nach dem fast perfekten Dinner zieht Jean eine verknitterte Jacke aus besagtem Haufen. Ob ich sie bügeln könne. Ich weiß dummerweise nicht, wo das Bügeleisen ist, noch ob ich überhaupt eines habe – seit Jahren kaufe ich nur noch bügelfreie Kleidung. "En france, il n'ya pas des mères sans un fer à repasser", sagt Jean-Baptiste. (In Frankreich gibt es keine Mütter ohne Bügeleisen.) Muss er wohl im Knitter-Look nach Lübeck ins Thomas-Mann-Museum.

Nicht mal das Camembert-Baguette isst er

"Madame, nischt Gurkö auf Baguette mit Camembert!" sagt Jean, als ich seine Lunch Box für den Lübeck-Ausflug packe. Nebst Obst und Müsli-Joghurt schmuggle ich heimlich einen der Hähnchenschenkel rein (in Frischhaltefolie). Bringt er abends unangetastet wieder mit. Warum er nicht wenigstens das Camembert-Baguette gegessen hat? "Mais Madame, der Unn (Huhn) at berührt la Baguette".

Derweil mault Caspar: "Weißt du eigentlich, wie göttlich meine Lunch-Box in Toulouse war! Die haben mir jeden Tag Chips, Fanta und Schokocrossies mitgegeben!". Nein, wusste ich nicht, allerdings liegt bei uns sofort eine Abmahnung in der Schülermappe, wenn ein Kind derartige Nahrung in die Schule bringt.

Pizza mit Entenconfit? Ein Sakrileg!

Am letzten Abend bestellen wir Pizza bei Freunden, klar, dass Jeans Wunsch alles toppte, was den libanesischen Pizzabäckern je zu Ohren kam. Er bestellt "Pizza au Confit de Canard". Pizza mit Entenklein. Der Pizzamann ist ratlos. Wir auch. Klingt wie Pizza mit Steak oder Pizza mit Burger, pervers amerikanisch. Auch Jeans Alternativbestellung, Pizza Boston, mit Räucherlachs, Broccoli und Honig-Senf-Sauce blieb fast vollständig in der Pappschachtel zurück. Schätze mal, es hat ihm nicht geschmeckt, in Deutschland.

Erst die französischen Eltern aus Caspars Klasse stellen meinen Glauben  an die französische Esskultur wieder her: Sie kennen Niemanden in ihrer Heimat, der Pizza mit Entenconfit ißt. "Zu eklig, um wahr zu sein", sagt ein Vater, ein anderer meint, das sei nichts weiter als ein Sakrileg  – die Entweihung eines nationalen Heiligtums.

Besser kann man es kaum sagen.

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