HOME

Familienleben: Judith Holofernes im Interview

Sie galt als „Klassensprecherin der Nation“ und ging mit zwei Kleinkindern auf Tour. Judith Holofernes hat irgendwie immer alles richtig gemacht - bis sie nicht mehr konnte. Jetzt plädiert sie für weniger Perfektionismus und mehr Ehrlichkeit in der Supermutti-Maschinerie.

Viele Eltern sind sicher neidisch auf Sie.
Wieso?

Weil Sie jetzt sehr lange genau das hatten, was sich fast alle Eltern wünschen: Zeit.
Das stimmt. Nachdem Wir sind Helden aufgehört haben, habe ich einige Monate tatsächlich erst mal gar nichts gemacht – zumindest nichts Zielgerichtetes. Ich bin ein sehr aktiver Müßiggänger: Ich treffe Freunde, lese oder tanze – zur Not durch die Wohnung. Aber das vorherrschende Gefühl in dieser Zeit war schon Freiheit, und das hat sich auch noch durch das Jahr gezogen, in dem ich Songs geschrieben habe und ins Studio ging.

Und wie war’s? So toll, wie sich das viele vorstellen? Oder wird auch die Freiheit schnell wieder zum Alltag?
Ich habe vor allem gelernt, wie viel Zeit es braucht, bis sich so ein richtiges Freiheits­gefühl einstellt. Gerade wenn man kleine Kinder hat, gibt es ja diese Situationen, dass man von zwei Stunden Freizeit überrascht wird und dann in eine Schockstarre verfällt. Man steht in der Küche und denkt: Schlafen! Buch lesen! Freunde treffen! Mama anrufen! Und am Ende sind die zwei Stunden vorbei und man hat nichts gemacht. Das Tolle an der langen Pause war, dass man wieder entdeckt, was die stärksten eigenen Bedürfnisse sind. Bei mir waren es das Schreiben und Musikmachen. Deshalb gibt es das neue Album.

Sie schreiben in einem Blogtext: „So hing ich mir eine imaginäre Hängematte in meinen imaginären Garten und übte mich im Schaukeln.“ Muss man das wirklich erst wieder üben?
Ja, und es braucht dafür auch eine Portion Mut. Denn das Erste, was hochkommt, wenn alle äußeren Verpflichtungen wegfallen, ist Angst und Unruhe. Gerade dann, wenn man davor etwas gemacht hat, mit dem man sich so identifiziert wie ich mit der Band. Aber ich ahnte, dass diese kühle Welle kommen würde und habe mich gegen den Impuls gewehrt, mich in andere Geschäftigkeiten zu flüchten. Das hat natürlich nicht immer geklappt.

Das heißt, Sie haben extra große Geburtstagstorten gebacken?
Und Weihnachtskekse mit zwei Meter Durchmesser! Vergangenen Dezember habe ich dann eine sehr süße Mail von mir selbst an mich geschickt bekommen. Die hatte ich im Jahr davor verfasst und tatsächlich vergessen. Darin stand: „Dieses Jahr: nicht durchdrehen! Cool bleiben!“ Und dann Tipps, was ich dieses Jahr besser machen soll – im Sinne von weniger. Das fand ich sehr nett, dass ich so an mich gedacht habe.

Ihr Mann Pola Roy war Ihr Bandkollege. Er war also auch plötzlich zu Hause. Hat das beim Entspannen geholfen oder es eher erschwert?
Eigentlich hat das ganz gut gepasst. Wir waren beide auf einer Art Tieftauchermission und haben jeder für uns Dinge gemacht, die wir in den Jahren davor vernachlässigt haben. Ich habe Klavierspielen gelernt, Pola hat sich ein Studio eingerichtet. Schwieriger wurde es, als wir beide wieder anfingen, strukturierter zu arbeiten. In den zwölf gemeinsamen Bandjahren hatten wir zwar einen unfass­baren organisatorischen Aufwand, um dieses ganze Schiff zu steuern, aber wir waren immerhin im selben Boot. Jetzt müssen wir uns auf einmal genau absprechen.

Und wie klappt das?
Mal so, mal so. Wir nehmen uns immer mal wieder vor, uns regelmäßig zu treffen, um die Woche durchzusprechen. So eine Familie mit zwei Leuten, die arbeiten wollen, ist ein sehr komplexes Gebilde. Aber natürlich machen wir das nicht, sondern die Absprachen passieren zwischen Tür und Angel: „Ach ja, scheiße, das hast du ja auch noch und wir haben keinen Babysitter.“

Ist Ihr Beruf denn grundsätzlich einer, der sich gut mit einer Familie verträgt?
Wenn unser Kinderladen mal wieder zuhat, weil Fortbildungstag ist, dann frag ich mich schon oft, wie das Eltern machen, die fest angestellt sind. Auf der anderen Seite sind alle künstlerischen Berufe natürlich schwierig mit Kindern zu vereinbaren, weil sie keine klaren Zeitfenster haben. Wenn du ein Lied schreibst, dürftest du dich dabei eigentlich nicht an Tageszeiten halten, sondern müsstest durcharbeiten, bis es fertig ist. Aber Kinder zwingen dich zur Regelmäßigkeit. Wobei wir es hier in Berlin ja wirklich noch gut erwischt haben.

Inwiefern?
Es gibt mehr Kitas als anderswo und man gilt hier auch nicht als Rabenmutter, wenn man sie auch in Anspruch nimmt. Ein paar Freunde von uns wohnen in Süddeutschland, da ist das ganz anders. Da stehen die Kinder wieder um halb eins auf der Matte, weil der Kindergarten zumacht. Mir ist es völlig schleierhaft, wie man da arbeiten soll. Ich finde es grundsätzlich toll, wenn Kinder – wie in der Kita – mit vielen anderen kleinen und großen Menschen aufwachsen.

Sie haben mal von einer Affenfamilie gesprochen, die Sie gerne hätten.
Ja, eine Familie, die aus viel mehr Mitgliedern besteht als nur Vater, Mutter, Kind. Ich glaube, das würde vielen Eltern heute helfen. Unsere Generation macht sich so einen Druck auf allen Ebenen, ist so unsicher und krampfig und deshalb auch so fertig mit den Nerven. Da hilft es, wenn man sich klarmacht, dass es die Vorstellung, die wir heute von der Kleinfamilie haben, erst seit den Sechzigern gibt. Diese Familienblase von Vater, Mutter und zwei Kindern, die eine autarke Einheit sein sollen, die alles alleine schafft. Früher gab es zum Beispiel oft eine Cousine, die für Kost und Logis mitgeholfen hat – und alle möglichen anderen Konstrukte, die über die engste Familie hinausgingen.

Sie sind selbst in einer WG groß geworden. Nach der Trennung Ihrer Eltern begann Ihre Mutter eine Beziehung mit einer Frau. Sind Sie durch die Erfahrung einer unkonventionellen Kindheit entspannter?
Zum Teil. Ich weiß dadurch, dass es nicht nur einen Weg gibt, sondern Kinder in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen glücklich sind. Auf der anderen Seite hatte ich nie ein eigenes inneres Modell für eine Vater-Mutter-Kinder-Familie – kein erlebtes Repertoire, das ich im Familienalltag abspulen kann. Das macht es nicht immer nur leichter. Ich muss Vorschläge von außen sehr genau mit meinem Bauchgefühl abgleichen.

Ist das bei Ihrem Mann anders? Er ist schließlich in einer Durchschnittsfamilie in einem Vorort von Karlsruhe aufgewachsen.
Wie sehr uns unsere jeweilige Kindheit geprägt hat, habe ich erst begriffen, als wir Kinder bekamen. Es ist irre, wie da plötzlich die früheren Muster ziehen: dieses Gefühl, es so machen zu müssen, wie man es selbst erlebt hat – egal, ob man es damals gut fand oder nicht. Mein Mann war eigentlich glücklich in Kreuzberg, und trotzdem überlegte er auf einmal, ob es nicht besser wäre, aufs Land zu ziehen. Bei mir waren es andere Prägungen: Ich habe Rotz und Wasser geheult, als eine Freundin vor mir schwanger wurde. Nicht aus Neid, sondern weil ich meine Affenfamilie wollte und dachte, dazu müssten wir parallel schwanger sein.

Wie findet man da zusammen?
Wir sind inzwischen beide sehr froh, dass wir den Impuls rauszuziehen ausgesessen haben. Was will ich denn auf dem Land? Ich kann nicht mal Auto fahren.

Im April sind Sie mit Ihrer Solo-Platte auf Tour. Wie früher mit der ganzen Familie?
Ich gehe nicht sehr lange auf Tour, aber dafür nur noch dann mit Familie, wenn es uns gut passt. Dadurch, dass Pola nicht mit auf der Bühne steht, sind wir da jetzt freier. Sonst wären wir auch schön bekloppt, denn darum ging es ja unter anderem.

Um was?
Das größte Problem an unserem Arbeitskonstrukt war ja, dass wir da beide in dieser Band sind und deshalb auch beide abends auf der Bühne stehen. Egal, ob das Kind Ohrenschmerzen hat oder die Babysitterin krank geworden ist – und in solchen Tourbussen werden zwangsläufig alle krank. Wenn da einer anfängt zu kotzen, zählst du die Stunden, bis es bei dir ankommt. Und mit Kindern bist du meistens auch noch der Übel­täter, der das eingeschleppt hat. Das Tour­leben mit Kindern kann sehr romantisch sein – aber vielleicht nicht im November.

Und für Pola ist es in Ordnung, dass es jetzt erst mal vor allem um Ihre Karriere geht?
Auch er wird zwischendurch mit seiner Band Per Anders Konzerte spielen, und er war ja auch mit mir im Studio und hat die Platte eingespielt. Aber zumindest dieses Jahr werde ich auf jeden Fall mehr arbeiten als er. Ich finde das gar nicht so bemerkenswert, aber in unserer Gesellschaft ist so eine Rollenaufteilung immer noch ungewöhnlich.

Woran merken Sie das?
Neulich hatte ich ein langes Radiointerview und danach schrieb jemand auf meiner Facebookseite: „Was hat die denn jetzt Wichtiges erzählt – außer, dass sie ihren Mann an Heim und Herd verbannt hat?“ Ich hatte schon früher das Gefühl, dass es anders gespiegelt wird, wenn ich viel unterwegs bin, als wenn Pola das Gleiche tut. Erstaunlicherweise kommen die richtigen Tiefschläge meistens von Frauen: Eine Journalistin hat mal zu mir gesagt: „Ich finde es so bewundernswert, wie du das machst. Ich könnte das nicht – ich liebe meine Kinder zu sehr.“ Ernsthaft! Das ist doch pure evil! Und da waren meine Kinder mopsfidel im Nebenzimmer bei Papa – und nicht angebunden an einer Raststätte oder so.

Wird sich daran bald mal etwas ändern?
Es gibt Hoffnungsschimmer, wenn man sich etwas jüngere Elternpaare anguckt, finde ich. Leute, die jetzt Anfang zwanzig sind. Zum Beispiel ein Paar in unserem Freundeskreis – er arbeitet frei in einem Medienberuf und seine Frau ist eine Überfliegerin in einem Männerberuf. Für die beiden ist es immer klar gewesen, dass sie mehr arbeitet als er. Und dieser Freund reagiert vollkommen entrüstet, wenn das einer nicht als selbstverständlich empfindet. Ich glaube, wir sind die zermalmte Zwischengeneration.

Sie sagten mal, dass Sie sich als Frau nicht benachteiligt, sondern überfordert fühlen.
Frauen haben sich das Recht erstritten, alles gleichzeitig zu können – und zu müssen. Der nächste Schritt in einer feministischen Entwicklung müsste sein, dass Frauen sich erlauben, Sachen auch mal nicht 150-prozentig zu machen. Finde mal eine Frau, die sagt: Ich bin eine ganz okaye Mutter – das wäre eine totale Provokation! Wer keine Perfektion anstrebt, ist sofort suspekt. Ich finde es total wichtig, dass man sich auch erlaubt, Sachen nicht perfekt zu machen.

Warum fällt uns das so schwer?
Das liegt vielleicht auch daran, dass wir un­sere Kinder nicht mehr so jung bekommen. Ich war selbst dreißig, als ich Mutter wurde, aber kenne Leute, die viel jünger waren, und sehe, dass die mit viel mehr Selbstverständlichkeit handeln. Vielleicht ist es auch die Arroganz der Jugend. Aber es funktioniert! Natürlich ist es auch eine gute Eigenschaft unserer Generation, dass wir uns immer hinterfragen, aber gerade bei kleinen Kindern hilft es manchmal auch, einfach zu sagen: Ich mache das so, wie ich das mache. Punkt.

Lesen Sie manchmal Elternratgeber?
Wenige. Das beste Buch für mich war von meinem Lieblingsautor Tom Hodgkinson, der auch „Anleitung zum Müßiggang“ geschrieben hat. Auf Deutsch heißt das Buch „Leitfaden für faule Eltern“ und es ist extrem provokant und undemagogisch. Darin stehen auch Sätze wie: „Kinder lieben eine beschwipste Mutter.“ Das ist natürlich auch im Buch nur ein Witz – und keine Angst, ich gehe nicht beschwipst auf den Spielplatz. Aber so was zu lesen ist doch extrem wohl­tuend in dieser ganzen Supermutti-Maschinerie. Aus der muss man ausbrechen, und wenn ich in so einem Interview dazu bei­tragen kann – umso besser.

Um zu provozieren?
Ich will mich nicht hinter die Heidi Klums dieser Welt einreihen, ich bin Künstlerin und muss keine perfekte Oberfläche behaupten. Ich mag Realität, ich mag es, echtes Leben anzusprechen – in meinen Liedern, und wenn ich gefragt werde, auch in Interviews. Lieber, als leeres Promo-Gewäsch runter­zuleiern! Und mir hätte es selbst so oft gutgetan, etwas zu lesen, das einem die Ver­antwortung ein bisschen abnimmt. Die wird Frauen ja schon in der Schwangerschaft mit voller Wucht aufoktroyiert: Die Heb­amme, Freunde und zufällig vorbeilaufende Personen sagen dir Sätze wie: „Du strahlst richtig. So entspannt wie du bist, kann bei der Geburt ja gar nichts schiefgehen.“ Das klingt zwar positiv, aber es erzeugt im Gegenschluss natürlich Druck. Ich habe Freundinnen, deren Geburten nicht leicht waren, und die sich danach Vorwürfe gemacht haben, weil sie dachten, sie seien nicht entspannt genug gewesen.

Und später schläft das Kind nicht durch …
… weil du nicht entspannt genug bist – genau! Oder du bist während der Schwangerschaft unglücklich und deshalb wird dein Kind depressiv. Oder du isst zu viel Schokolade und es wird dick. Egal, worum es geht, am Ende bist du schuld. Und wenn du dann auch noch in einem Land wie unserem lebst, in dem die Frauen diese Verantwortung komplett übernehmen, dann ist es kein Wunder, dass sie unter der Last zusammenbrechen.

Haben Sie sich deshalb die Auszeit genommen ? Um nicht zusammenzubrechen?
Als die Leute von der Plattenfirma die letzte Heldenplatte zum ersten Mal gehört haben, haben sich danach alle besorgt zu mir umge­dreht. Ich liebe diese Platte sehr, aber sie ist sehr traurig. Der Titelsong „Bring mich nach Hause“ sagt eigentlich alles. Als wir sie gemacht haben, gab es einen Zeitpunkt, an dem Pola zu mir sagte, dass es für mich als Künstlerin völlig in Ordnung sei, so tief ins Dunkel zu gehen – aber nicht für mich als Mensch, wenn ich danach nichts an meiner Situation ändere und wieder das Licht anknipse. Und das stimmt: Ich bin eigentlich jemand, der sehr auf das Glück ausgerichtet ist, und Gott sei Dank bin ich auch ganz talentiert darin, glücklich zu sein. Aber zwischen all der Müdigkeit hatte ich das irgendwie vergessen.

Ging es Ihnen richtig schlecht?
Ich finde das Wort Burn-out doof, weil es so modern ist und jeder einen hat, aber ich glaube, dass viele junge Eltern in ihrer Erschöpfung sehr dunkle Momente haben. Bei mir kam noch dazu, dass ich meiner selbst in dieser Popstarrolle zutiefst überdrüssig war. Es ist wichtig, diese Momente zu erkennen und zu akzeptieren, aber dann auch Schlüsse daraus zu ziehen. Man begibt sich in dieser Überforderung oft in eine reaktive Opferhaltung und vergisst, dass man selbst verantwortlich für sein Leben ist. Als ich das erkannt hatte und mein Leben wieder in die Hand genommen habe, hat sich das auch erstaunlich schnell wieder aufgelöst. Die Entscheidung, etwas so Wichtiges wie diese Band aufzugeben, setzt enorm viel Kraft frei.

Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren