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Aus dem Leben einer Mutter

Olivenöl? Nein danke!: Nieder mit den Bio-Terroristen: Bei Läusen sind chemische Waffen total legitim, finde ich

Nach den Sommerferien kommen Schüler nicht nur frisch gebräunt, sondern auch frisch verlaust zurück ins Klassenzimmer – zur Freude für uns Mütter.

Von Andrea Müller

Kind kratzt sich den Kopf

Läuse haben ist nicht nur für die betroffene Person eine Tortur

Getty Images

Am ersten Schultag nach den Sommerferien kam Ben vom Fußballtraining und sah aus wie Lady Gaga auf ihrem letzten Instagram-Post, die ihren Look noch eben per Handgriff in die Steckdose perfektioniert hat. Aus Bens hellblonder, in alle Richtungen abstehender, leicht verfilzter Haarpracht, rieselte massenweise Sand, weil "Linus, der Lappen", ihn wohl auf dem Sandplatz gefoult hatte.

Nur Spaß, na klar, doch dann haben sie sich gegenseitig im Sand geduckert und ihre Köpfe aneinander gerieben.

"Ätsch jetzt hast du auch Läuse!", sagte Ben zum Abschied, was Linus cool fand, weil er mit Läusen nicht zur Schule muss.

Und jetzt ruft mich Linus Mutter natürlich an, ob ich meinen Sohn ernsthaft verlaust zum Training geschickt hätte!?

Ich versichere Linus Mutter, dass Bens Läuse direkt am Tag ihrer Erscheinung in der Woche zuvor den (laut meiner Hautärztin) einzig effizienten Läusetod durch Ersticken starben: an "Nyda". Linus, (der Lappen), heult laut im Hintergrund, dass er nun doch zur Schule muss.

Denn ich gehöre nicht zu den Müttern, denen es egal ist, ob ihr Kind juckende Mikro-Blutsauger auf dem Kopf spazieren trägt, Motto: Läuse? Tja, Pech für die anderen.

Das ist in meinen Augen Bio-Terrorismus!

Bei der Läuse-Debatte vor dem Schultor prallen Weltanschauungen aufeinander

Pünktlich zum Schulanfang liegt schon der Läuse-Zettel in Bens Wichtig-Mappe. Ausfüllen ist Pflicht, unten der Abschnitt zum Abschneiden und Unterschreiben: "Ja, ich habe mein Kind gründlich auf Läuse untersucht und nichts gefunden."

In dieser Sache bin ich auf Seite der Gesetzestreuen, der SUV-Mütter und Saubermänner, die ich eigentlich sonst nicht leiden kann. Kopfläuse gelten als Infektionskrankheit, (Paragraf 34, Abs 5 des Infektionsschutzgesetzes), es besteht gesetzliche Meldepflicht von Schulen beim Gesundheitsamt, und von Eltern bei der Schule. Die Zahl der Neu-Infizierten erreicht laut Wikipedia in der 37. Kalenderwoche ein Maximum.

Bei der Laus-Debatte vor dem Schultor prallen wie immer Weltanschauungen aufeinander, vor allem Abwesende werden in der üblichen Stigmatisierungs-Euphorie der Unsauberkeit, Schlampigkeit, Ignoranz bezichtigt.

Ökologisch korrekte Fahrrad-Mütter wettern gegen solche, die mal eben mit ihrem Ableger im SUV in den (einzigen deutschen Läuse-Salon) nach Berlin düsen, um ihm das Gekrabbel per Heißluft mit einem "Lousebuster" vom Kopf pusten zu lassen. Die "Ich-hab-vier-Kinder-ne-Nanny-und-mein-Mann-zahlt-eh-alles-Mütter" wettern gegen Spar-Fuchs-Mamas, die das Ende der Laus erstmal mit Goldgeist oder Lavendelöl versuchen, weil billiger. (Unter uns: Nicht nötig. Auch Kinderärzte verschreiben Nyda.)

Am schlimmsten traf es den Spross einer militanten Demeter-Mutter aus Bens Parallelklasse. Der Junge musste eine Nacht mit einer Haarmaske aus Bioladen-Mayo, Essigwasser und Olivenöl schlafen, weil seine Mutter aus Prinzip gegen chemische Keulen ist. Gegen weißen Zucker, Tütensuppe, Dosenravioli, überhaupt Gift in Lebensmitteln und menschlichem Lebensraum – selbst Mikro-Parasiten sollen nicht durch chemische Waffen verenden. Ihrer Meinung nach. Sie will die Welt wie vor 5,6 Millionen Jahren bei unseren hominiden Urahnen, die auch damals schon gemütlich und voll belaust in Höhlen hausten.

Man fragt sich: Wird der Junge je wieder einen stinknormalen Beilagen-Salat essen können?

Mama, hast du jetzt etwa auch Läuse?  

Am Abend nach der lausigen Debatte am Schultor fühle ich ein Krabbeln und Kribbeln, erst links, dann rechts hinter meinem Ohr. Oh Mist, es juckt. "Mama, hast Du Läuse, oder warum kratzt Du dich wie die Paviane im Zoo?" fragt Ben.

Einbildung, sage ich. Wenn man den ganzen Tag über Läuse redet, juckt es eben. Panisch beginne ich die übliche Läuse-Vernichtungs-Attacke:

Betten abziehen und Gefrierfächer leeren, weil sonst die Sofakissen und Kuscheltiere nicht herein passen! (Wobei die Einfrier-Theorie neuerdings als überholt gilt!). Haarbürsten abkochen, abends unsere Häupter mit silikonhaltigem Entlausungsmittel einölen, was riecht wie ein verdammter Imprägnierungslack für Gartenmöbel. Am nächsten Morgen Haare waschen, mit Conditioner einweichen und mühselig Strähne für Strähne mit dem Scheiß-Nissenkamm auskämmen.

Dann verfluche ich die Bio-Terroristen.

Würden alle Eltern, Erzieher und Lehrer an einem Strang ziehen, ohne Scham, Ignoranz und Bio-Dressing im verlausten Kopf-Salat, wäre der Parasit auf den Köpfen unserer Kinder längst ausgestorben, bestätigt ein Mikrobiologe des Hamburger Gesundheitsamtes. Aber viele Eltern verschweigen den Befall nicht nur aus Faulheit, sondern aus Angst vor Stigmatisierung! 

Dabei gehören Schultor-Zitate wie: "Also die Rosi mit ihrem Schmuddelhaushalt, bei der klebt immer die Sch… am Klodeckel. Logisch haben die Läuse!" genauso in die Mottenkiste wie die Annahme, Läuse seien ein Arme-Leute-Phänomen, wie noch im 19. Jahrhundert, wo in mittellosen Familien mehrere Familienmitglieder ein Bett teilten und sich deshalb immer wieder gegenseitig infizierten.

Scham ist in dieser Sache echt fehl am Platz. Denn Läuse sind überall dort, wo Kinder sind. Sobald ein Kind sie hat, haben sie (fast) alle anderen auch. Sie vermehren sich am liebsten in Kindergärten, Zeltlagern, Schullandheimen.

Zur Faktenlage

Die drei Millimeter kleinen, flügellosen Insekten namens Pedikulus Humanus Capitis parasitieren ausschließlich Menschen. Sie hüpfen nicht, sondern gelangen nur bei Kopf-an-Kopf Berührung von einem zum anderen. Eine weibliche Kopflaus lebt bis zu 30 Tage und kann ohne Befruchtung durch ein Männchen bis zu 300 (!!!) Eier legen. Die Eier (Nissen) werden mit einem Sekret an den Haarschaft direkt über der Kopfhaut geklebt. Sobald sie erwachsen sind, saugen sie Blut aus der obersten Hautschicht, die sie vorher einritzen. Wie Vampire, nur eben in klein.

Dann spritzen sie ihren Läusespeichel in die Wunden, welcher vom menschlichen Immunsystem als fremd erkannt wird. Und deshalb juckt. Auf der Kopfhaut entstehen Papeln (Schwellungen), die über längere Zeit auch zu Geschwüren werden können und ideale Eintrittspforten für Eitererreger sind. Bei einer länger nicht behandelten, bakteriellen Infektion schwellen die Lymphknoten an. Neueren Studien zufolge wurde die Pest des Mittelalters nicht durch Rattenflöhe, sondern durch Kopf- und Kleider-Läuse übertragen. Also gesund klingt das nicht!

Auch wenn Mikrobiologen sie generell immer noch als ungefährlich einstufen: Kein Mensch braucht Läuse!

Neulich stieg ich mit den Kindern am Bahnhof Altona in einen Zug in Richtung Süden. Wir ergatterten ein Familien-Abteil, sechs Plätze zu dritt, nicht reserviert. Jedes Mal, wenn jemand durch die Scheibe schaute, um zu sehen, ob noch ein Platz frei ist, raufte Ben sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Haare. Ich fragte, was das soll. "Wir wollen das Abteil für uns alleine behalten!" sagte Ben. "Er simuliert Bio-Terrorismus", sagte sein Bruder. Wollte ich nur noch eben klarstellen – falls jemand uns gesehen hat.

Fanny H.