HOME

Leise rieselt die Vier…: Schlechte Noten: Wieso will mein Kind nicht lernen?

Im Süden Deutschlands steht das Zeugnis vor der Tür – für viele Schüler in Bayern oder Baden-Württemberg bedeutet das: Auftakt zur Ehrenrunde. Wir Mütter in Hamburg und Berlin sind froh, denn bei uns bleibt keiner mehr sitzen. 

Von Andrea Müller

Kind mit Zeugnis

Das Zeugnis ist nicht in allen Familien ein Grund zur Freude

Getty Images

Für viele Familien ist dieser Tag ein Fest. Das der pubertären Brut wird mit Ungeduld erwartet, man reserviert traditionell einen Tisch: "Bei Luigi", oder jedenfalls irgendwo, wo man sich als gut gelaunte Familie blicken lassen kann. Motto: wir haben das Klassenziel erreicht. Der Auftakt in die Sommerferien ist gerettet, sowie der vermeintliche Freifahrtschein in die Zukunft. Ein paar Lehrbücher werden im Reisekoffer verstaut, ja auch in den Ferien ruft ab und an die Pflicht. Alles soll schließlich bleiben, wie es ist. 

Bei uns ist dieser Tag kein Fest. Bei uns kann alles nur noch besser werden. Schulbücher im Reisegepäck finde ich pädagogisch unter Null. Sobald die Giftblätter an Bord sind, fotografiere ich sie per und schicke sie unkommentiert per WhatsApp an den Vater, damit er sich mental darauf vorbereiten kann. 

Dann gehe ich drei, vier Stunden nicht ans Telefon. Ich fühle mich wie damals, nach der Achten, als mein Zeugnis unterwegs "in eine Pfütze gefallen war." An manchen Stellen musste ich meinen Eltern verlaufene Zahlen erörtern: Eine Fünf nach Pfütze kam optisch verdammt nah an eine Drei heran. 

Manchmal fällt der Apfel nah am Stamm

Mein Sohn Caspar (14) hat sich keine Mühe mit Verwässerungen gemacht. Er legt das zweifelhafte Dokument auf den Tisch, schaut ernst und sagt: "Jaja, Mama, ich weiß..." Nicht schimpfen, denk ich. Klar, was kann er dafür, dass der Apfel manchmal nah am Stamm fällt. Andererseits: Was hält ein geistig fittes Kind so sehr vom Lernen ab? Wieso schreiben manche Kinder trotz erwiesen stabiler IQ-Verhältnisse einfach keine guten Noten?

Klar bin ich sauer. Wo, verdammt, wo sind sie, die teuren Nachhilfestunden? Was tat mein Sohn, ehe der Kunstlehrer beschloss, ihm ein "mangelhaft" hinter dieses wunderbare Fach "Bildende Kunst" zu setzen, wo jeder Pennäler mit minimal-kreativen Moves jenseits des Tiefschlafes zumindest eine Drei ergattern kann? 

Warum kann Caspar, der bei "Rainbow-Six" unterm Headset mit Gleichgesinnten fließend Englisch spricht, sich nicht wenigstens mit Dreiwortsätzen in dieser leichten, omnipräsenten Sprache, einen mündlichen Ausgleich "ertalken"? Und was, zur Hölle, ist mit , wo man in nur zwei Minuten Zuhören weiß, auf welchem See Jesus übers Wasser ging? (Antwort in der Religionsarbeit: Silbersee!) 

Okay, ich verstehe schon, dass Winnetou in seiner Jungswelt gewissermaßen Religion ist. Aber! 

Mein Sohn ist ein bisschen wie ein Riesenpanda

Die mündlichem Leistungen haben ihn voll runter gezogen, sagt mein Sohn. In einigen fühle er sich immer, als säße er in einer Unterrichtseinheit in Süd-China. Da könne er sich verdammt null darauf konzentrieren, was Lehrer erzählen. 

Er ist ein bisschen wie ein Riesenpanda, der 14 Stunden am Tag fressen muss, sich von wenig nahrhaften und schwer verdaulichen Dingen ernährt und sogar noch zu faul ist, um sich fortzupflanzen. Aus diesem Grund sind Riesen-Pandas vom Aussterben bedroht. Klartext: Mit diesem Zeugnis in Bayern oder Baden-Württemberg wäre der Sohnemann schlichtweg "pappen" geblieben.

 Was in Bundesländern wie etwa Hamburg oder Berlin kaum noch möglich ist. Dort heißt es, Schüler sollen gefördert und nicht bestraft werden, Kritiker behaupten, das habe mit Kosten zu tun, denn gesammelte deutsche Sitzenbleiber kosteten den Staat bis vor Einführung diverser Schulreformen rund 800 Millionen Euro jährlich. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe sagt, Sitzenbleiben sei nicht mehr zeitgemäß, in Bayern kontert Heinz-Peter Meidinger, ehemaliger Studienrat und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, man solle Schülern die Zeit einräumen, die sie eben brauchen: "Wiederholen ist kein Stigma sondern eine Chance." 

Kann man so sehen. Für mich wäre es Stigma gewesen. Als Schülerin Baden-Württembergs war ich zwar dauerhaft "vesetzungsgefährdet", wäre jedoch ungerne dorthin zurückgestuft worden, wo Mädchen einen und Jungs zwei Köpfe kürzer waren als ich. Abgesehen davon hätte ich ein Jahr mehr Schule als ein Jahr Knastverlängerung empfunden. Ich glaube kaum, dass mich vorübergehende Déjà-Vu-Effekte im Unterricht nachhaltig motiviert hätten, im Gegenteil. 

Früher hatte das Zeugnis wenigstens noch eine klare Tendenz

Alles in allem gleicht das Zeugnis meines Sohnes einer Tüte Jellybeans. Einige sind schlichtweg ungenießbar – und zwar sind nicht jene, von denen man es erwartet hätte! Anhand der, ich sag mal "kreativ flexiblen" Benotung der Lehrer sind ein paar Killernoten nach oben ins Mittelfeld verrutscht. Andere haben ihre Benotung aus dem Mittelfeld gnadenlos ins Nirwana purzeln lassen – wahrscheinlich haben sie keine Lust mehr, pubertäre, schläfrige Riesenpandas zu unterrichten.

Nach meiner Erinnerung wiesen Zeugnisse früher zumindest klare Tendenzen auf: Man gehörte entweder in Mathe oder in Deutsch zu denen, wo immer Nacht war. Sprachliches oder naturwissenschaftliches Talent ließ sich in Nord- oder Südpol kategorisieren, außer bei denen, die halt überall gut waren, also den Strebern.

Sprich, letztes Jahr schwächelte Caspi noch in Deutsch, seit neuestem steckt er sogar in Mathe im, ich sag mal zweiten UG, wenn man das Erdgeschoss als Mittelwert nimmt. Noten-Schwankungen mit ständig neuen Einschlägen sehen aus, als würden ständig Gehirnzellen absterben, bislang ganz ohne den Genuss diverser Rauschmittel.

Caspars Vater hat mir mit sofortiger Wirkung den Lehrauftrag entzogen  

Der Junge ist sportlich, kennt 10.000 Fußballer-Namen und genausoviele Fischsorten. Er liest ab und an einen Agententhriller am Stück und gehört "safe" zu den Jahrgangs-Besten in "Fortnite".  Die Anzahl Stimmbrüchiger, die ständig in mein Handy krächzen, wenn sie seines nicht erreichen, lassen schlussfolgern, dass er sogar Kumpels hat! Aber die Schule! 

Als ich zuletzt mit ihm Geo paukte, dachte ich noch, Hut ab, er beherrscht die Topographie Russlands und die Erstellung eines Klimadiagramms in französischer Sprache, was mir trotz Google-Maps, Google-Translate und Diercke-Weltatlas nicht einmal auf Deutsch gelang. Für seine letzte Geo-Klausur paukten wir bis 23 Uhr, inklusive lauter Zwischenrufe wie "Biiiiitte, Mama wir haben genug gelernt!" Das fand ich dann auch. Fazit: wieder eine Fünf! Caspars Vater entzog mir mit sofortiger Wirkung den Lehrauftrag für Geo.

Inzwischen haben wir die Fächer zwischen uns aufgeteilt. Ich habe nur noch zwei Fächer. Drei wenn man Spanisch mitrechnet, wo ich mit Vokabeln abhören auf der idiotensicheren Seite bin. Sein Vater hat mehrere Fächer inne, für den Rest gibt es Nachhilfelehrer und Mitschüler. Wenn Caspar eine Zwei in Physik heimbringt, simse ich seinem Vater: "Wow, toll gemacht!". Bringt er im Gegenzug eine Fünf in "meinen Fächern" mit, bekomme ich einen Rüffel. "Müller, setzen, sechs!" 

Oft denke ich daran, wie ich in der Oberstufe etwa sieben Mal "Wallenstein" gelesen hab –  ohne ihn je zu kapieren. Das gelbe Reclam-Heftchen hab ich neulich gefunden, zerknüllt, vergilbt, mit dreierlei Leuchtmarkern. Ich habe so ziemlich alles anders verstanden, als die Sekundärliteratur vorgab. Im Deutschkurs sagte ich: "Wieso denn, Interpretation ist Interpretation!" Der Lehrer sagte: "Nein, Quatsch ist Quatsch!" 

Auch wegen Wallenstein war das knapp, mit dem Abi. Aber zumindest ohne Ergo-Therapie, ohne Jugend-Psychiater, ohne Ritalin, was mir vielleicht auch geholfen hätte. Ich weiß nur: Es ist verdammt erwachsen, sich auf Dinge zu konzentrieren, für die man sich einen Scheiß interessiert. Ich hoffe mal, dass irgendwann der verhedderte Knoten in seinem Kopf platzt. Gestern hab ich gefragt, ob ich ihn mal Spanisch-Wörter abfragen darf. (Nur im Gepäck, weil wir gerade in Spanien sind!) Seine Antwort: "Mama, hoff nicht!"