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Ausgabe 11/2015: Steinreich

Ein Dresdener Onlinehändler verschickt Monat für Monat eine Tonne gebrauchte Lego-Steine in alle Welt. Für viele Fans ist er wichtiger als der Großkonzern aus Billund. Willkommen im Warenlager eines Weltmarktführers.

Text: Marcus Jauer | Fotos: Carlito Schilirò

Unser Sohn spielt nicht mehr mit . Er ist jetzt zwölf. Er will eine X-Box. Alle spielen X-Box. Trotzdem wühlt er in einem Haufen Plastiksteine. Er sucht ein Lichtschwert. Das blaue Lichtschwert von Luke Skywalker. Die Figur ist da. Das Schwert ist weg.„Bestimmt habt ihr es weggeworfen“, schimpft er. Seit unser Sohn heute Morgen im Internet entdeckt hat, dass Leute auf Ebay gebrauchtes Lego verkaufen, ist Hektik ausgebrochen. Für den „Star Wars X-Wing Fighter“, den wir ihm vor Jahren unbedingt kaufen mussten und der jetzt auf seinem Schrank verstaubt, kann man bis zu fünfzig Euro bekommen. Fünfzig Euro! Wenn er noch seine anderen Bausätze vertickt, könnte das die X-Box sein! Leider geht der Plan nur auf, wenn das Set komplett ist – also mit Originalkarton, Anleitung, Figur und Lichtschwert. Aber das ist ja nun weg. „Immer werft ihr alles weg!“, sagt er. „Mein schönes Lego!“ Das Lego-Lichtschwert sieht aus wie ein Plastikstreichholz. Es hat einen Griff, mit dem die Figur das Schwert in die Hand nehmen kann. Der Griff ist auch weg. Alle in unserer Familie wissen um die Wichtigkeit eines Lichtschwerts. Jeder Jedi-Ritter braucht sein eigenes. Es gibt keine Ersatzschwerter. Gleichzeitig sind diese Teile so unglaublich klein. Womöglich haben wir es aus Versehen weggesaugt. Möge die Macht mit uns sein. „Meinen Sie etwa das hier?“, fragt Christoph Blödner.Er steht – mit einer Stapelbox voll kleiner blauer Stäbchen in der Hand – in einem riesigen Raum, der bis unter die Decke mit Lego gefüllt ist. Im Moment besitzt er etwa fünf Millionen Teile. Aber wenn er ein Lichtschwert sucht, dann findet er es auch. „Oder brauchen Sie zwei?“

Ein Sortierer muss 32 Teile in der Minute schaffen, damit der Lego-Handel profitabel ist.

Christoph Blödner ist ein freundlicher Mann Anfang dreißig – und, laut eigener Aussage, Weltmarktführer im Handel mit gebrauchtem . Seine Firma heißt bricksy.com und befindet sich in Dresden in einem unfassbaren Labyrinth aus Regalen und Nischen, in denen lauter Menschen sitzen, die aus Stapelboxen heraus Lego sortieren. Steine, Platten, Räder, Türen, Fenster, Figuren, Werkzeuge, Waffen. Ein Chaos aus Farben und Formen, das in einer Ameisenarbeit auf ein Ordnungssystem aus 130 Regalen und 2500 großen und kleinen Pappkartons verteilt wird. Gang für Gang, Meter für Meter, mannshoch gestapelt, sauber beschriftet und mit Fotos versehen breitet es sich im Raum aus.

Jeden Monat kauft Blödner aus ganz eine Tonne gebrauchte Lego-Steine an. Jeden Monat verschickt er eine Tonne sortierte Lego-Steine nach Asien, Amerika, Australien und Europa. Etwa jedes zehnte gebrauchte Einzelteil, welches online den Besitzer wechselt, stammt von ihm.

Es existiert ein Weltmarkt für gebrauchtes ?

„Wussten Sie das nicht?“

Natürlich hat Blödner als Kind mit Lego gespielt. Aber als Kind der DDR kam er an die Steine nur, wenn sie ihm die Verwandten von drüben schickten. Dazwischen lernte er Lego-Kataloge auswendig. Als die Familie nach dem Mauerfall das erste Mal in den Westen fuhr, seine Brüder und er hinten im Trabant, bekam er die große Ritterburg. Das weiß er noch. Aber es war keine Sentimentalität, als er mit Anfang zwanzig im Keller seines Elternhauses noch einmal die alten Sets aufbaute. Nur Mathematik.

Damals studierte er Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften, er hatte Praktika bei einem Elektrokonzern und einem Versand gemacht und danach gewusst, dass so ein Angestelltenjob nichts für ihn war. Er wollte sich selbstständig machen. Er hatte kein Startkapital, aber es war die Zeit, in der Leute begannen, Dinge über das Internet zu verkaufen. Ein Freund hatte einen Weinhandel aufgezogen, der ganz gut lief. Blödner selbst bemalte Leinwände mit simplen geometrischen Figuren, sodass sie ein wenig nach Kunst aussahen, aber das brachte nicht viel ein.

Eigens entwickeltes Operationsbesteck: Mit dieser Zange werden Arme an Körper montiert.

Da entdeckte er, was unser Sohn an diesem Morgen auch gesehen hatte; dass es auf Ebay Leute gab, die gebrauchtes Lego anboten. Manche ganze Bausätze, manche lose Steine.

„Der Rest war Rechnen“, sagt Blödner.

Der Ankaufspreis für gebrauchte Steine lag bei zehn Euro pro Kilo. Der Verkaufspreis für einen gebrauchten Originalbausatz lag bei mindestens fünfzig Euro. Jemandem, der nie mit Lego gespielt hatte, sagte der Unterschied vielleicht nichts. Blödner aber erkannte darin mehr als ein Kinderspiel – er sah eine Gewinnspanne.

Die 500 Euro, die er mit den Bausätzen seiner Kindheit und der seiner Brüder einnahm, wurden sein Startkapital. Er investierte es in mehrere Dutzend Kilo lose Steine, die sich bald säckeweise im Keller seiner Eltern stapelten, sowie in jede Menge Stapelboxen aus dem Baumarkt, in die er die Steine sortierte. Er machte aus einem Haufen Steine wieder Originalbausätze, so wie man sie im Laden kaufen konnte – einschließlich der original Anleitung. Nur, dass sie bei ihm gebraucht und deshalb billiger waren. Hatte er ein Set verkauft, kaufte er von dem Geld mehr Steine, aus denen er noch mehr Sets machte.

Es begann mit ihm allein im Keller seiner Eltern. Heute hat er zwanzig Mitarbeiter, sitzt in einem 600 Quadratmeter großen Raum und macht eine Million Euro Umsatz im Jahr. Er hat zwischenzeitlich viel darüber gelernt, wie und wo er seine Kunden bedienen muss. Das Tagesgeschäft aber ist dasselbe geblieben: einkaufen, sortieren, verkaufen.

Auch das blaue Lichtschwert hat einmal auf einem der Arbeitsplätze gelegen, an denen vorsortiert wird, was neu ankommt. Im Moment sitzt hier ein Mädchen, das Musik über Kopfhörer hört, während sie scheinbar ohne zu überlegen das Durcheinander auf die vierzehn Stapelboxen und drei Löcher im Tisch verteilt. Da sind die 2er-Steine, 3er, 4er, 5er, 6er, 8er, die Platten, die runden Teile, die unregelmäßigen – und rechts unten steht die Box für den Müll, in der alles landet, das kaputt oder nicht Lego ist.

Blödner kauft die gebrauchten Steine meistens über Ebay an. Er kauft nur von privaten Anbietern, nicht von gewerblichen, weil diese seltene und wertvolle Steine oft schon vorher heraussuchen und einzeln anbieten und den Rest irgendwo untermischen. Deshalb gibt er seinen Müll auch zum Recyceln und verschenkt ihn nicht.

Göttliche Mission: Christoph Blödners Geschäftsmodell erfordert, Ordnung ins Chaos der Steine zu bringen.

„Er würde sonst früher oder später sowieso wieder bei mir landen“, sagt er.

Im nächsten Schritt kommen die Steine in eine handelsübliche Waschmaschine, werden gereinigt und zum Trocknen ausgelegt, bevor man sie auf die einzelnen Arbeitsplätze verteilt, wo sie in immer feinere Kategorien unterschieden und geordnet werden, bis sie in jeder Hinsicht – sowohl in Form als auch Farbe – sortenrein sind. Die Firma Lego hat ein Universum aus Plastik erschaffen. Blödner sortiert es in seine Einzelteile zurück.

Die Lego-Welt besteht heute aus über 3500 verschiedenen Elementen in mehr als sechzig verschiedenen Farben. Während früher nur alle paar Jahre eine neue Linie auf den Markt kam – Ritter, Piraten, Wikinger, Pharaonen, Star Wars – werden heute, da Lego der zweitgrößte Spielzeughersteller der Welt ist, die Abstände, in denen es ein neues Set gibt, immer kürzer. Die Kinder kommen kaum noch hinterher.

„Man sieht es an den Steinen, die wir kaufen“, sagt Blödner, „mit den meisten davon wurde kaum gespielt.“

Jedes Set besteht zu einem Großteil aus Standardsteinen, wie es sie auch in anderen Sets gibt. Es enthält aber immer auch ein paar Spezialsteine, die nur in diesem einen Set vorkommen, und ohne die es niemals vollständig sein wird. Natürlich sind das oft genau die Steine, die fehlen. Oder nach denen die Sucherei ewig dauert, weil sie so selten sind. Es sind die Diamanten unter den Steinchen, die Stecknadeln im Heuhaufen, die blauen Lichtschwerter, für die am Ende ein ganzes Kinderzimmer auf den Kopf gestellt wird.

Blödner merkte schnell, dass es nicht effektiv war, Set für Set zu sortieren, weil er am Ende dann immer nach diesen Spezialsteinen suchte. So kam er kaum über einen Stundenlohn von einem Euro hinaus. Also fing er mit mehreren Bausätzen einer Art gleichzeitig an. Das verringerte die Sortierzeit, löste aber nicht das Problem mit den Spezialsteinen, von denen es immer zu wenige gab. Selbst wenn er zehn Sets auf einmal begann, hatte er am Ende oft nur vier komplett. Ohne Spezialsteine keine Sets, ohne Sets kein Verkauf, ohne Verkauf kein Ankauf, ohne Ankauf keine Spezialsteine. Blödner drehte sich in einem Teufelskreis – sein Geschäft hob nicht ab.

Arme für Armeen: Manche Fans bestellen einfach nur Dutzende Teile für Minifiguren. Von Dresden aus gehen Versandpakete in fünfzig Länder auf allen Kontinenten.

Er wäre nie so groß geworden, wenn er nicht irgendwann aufgehört hätte, Originalsets zu sortieren und dafür immer nach den Steinen zu suchen, die ihm fehlten. Stattdessen fing er an, die Steine zu verkaufen, die er hatte – einzeln, in riesigen Stückzahlen.

Heute bietet er fast ausschließlich über die Internetplattform namens bricklink.com an. Sie ist, so Blödner, die größte Börse für gebrauchtes Lego auf der Welt. Hier gibt es alles, was die Firma jemals hergestellt hat. Natürlich verkauft Lego seinen Kunden auch Einzelteile, wenn sie verloren gegangen sind, aber eben bei Weitem nicht alle, außerdem nur neu und sehr viel teurer. Auf bricklink. com wurden 2014 circa 55 Millionen Legosteine gehandelt. Jeden Monat gehen etwa 90 000 Bestellungen ein. Jedes Teil wird einzeln gehandelt. Der Preis kann zwischen einem Cent und mehr als fünfzig Euro liegen – je nach Angebot, Nachfrage und Händler.

Zunächst bietet Blödner seine Steine zwanzig Prozent teurer als der Markt an, das kann er sich leisten, er ist der größte Anbieter, er hat einfach alles. Bei ihm sparen die Kunden die Versandkosten, die sie hätten, wenn sie ihre Bestellungen auf verschiedene Anbieter verteilen würden. Natürlich findet ein verzweifelter Junge bei ihm auch ein Lichtschwert, um ein Set zu komplettieren. Aber die meisten Kunden sind keine Kinder mehr, sie bauen auch nicht nach einem Bausatz. Sie erschaffen eigene Modelle.

Blödner geht zu dem Schreibtisch, auf dem die Bestellungen von heute liegen – aus Spanien, den Niederlanden, Belgien, England, Südkorea. Ein Japaner will dreißig graue Brückenbögen kaufen. Ein Italiener Dutzende Figurenköpfe, Helme und Waffen.

„Da baut wohl jemand an einer Armee“, sagt er.

Am Ende des Sortierprozesses sind alle etwa fünf Millionen Steine im Lager sortenrein.

Sie nennen sich AFOL für „Adult Fan of Lego“ oder ELF für „Erwachsener Lego-Fan“ und leben in allen Ländern, in die Blödner Steine verkauft, auch in Deutschland, wo es 20 000 von ihnen geben soll. Manche bauen Dinge aus der Wirklichkeit nach, manche aus ihrer Fantasie, manche sind Künstler wie Nathan Sawaya, der die Mona Lisa oder den David von Michelangelo mit Lego zusammengesteckt hat. Sie gestalten Szenen aus Filmen, Tiere in Lebensgröße, Großstädte im Kleinformat, Eisenbahnzüge, Raumschiffe, Turnschuhe oder einen ganzen Dschungel, der aus hunderttausend Steinen besteht. Man muss im Internet nur nach Lego und MOC für „My Own Creation“ suchen und findet Ausstellungen, Wettbewerbe für das Modell des Monats, Halls of Fame. So sieht das also aus, wenn Erwachsene sich ein Kinderspielzeug kapern.

Für jemanden, der Lego bisher nur originalverpackt und aus dem Laden kannte, ist diese Erkenntnis so peinlich wie fundamental. Man muss also gar nicht nach der Anleitung bauen? Man kann zusammenstecken, was immer man will?

„Ja“, sagt Christoph Blödner, „man braucht nur die passenden Steine dafür.“

Er hat in den letzten Jahren ein Ordnungssystem entwickelt, das schnell zu erlernen ist, weshalb er überhaupt Mitarbeiter einstellen konnte. Sein Mikromanagement ist so gut, dass er weiß, wie viele Teile seine Sortierer pro Minute schaffen müssen, um in der Gewinnspanne zu bleiben – nämlich 32 bis 33 Teile – und er kann das auch überprüfen. Der nächste Schritt wäre, eigene Modelle zu entwerfen und eigene Baukästen anzubieten, das Designmonopol von Lego zu brechen. Darüber denkt er nach. Aber er ist kein Künstler, und es ist unklar, ob seine Kunden so etwas überhaupt wollen – jemanden, der ihnen wieder eine Bauanleitung schreibt, wo sie sich davon doch gerade befreit haben.

Als unser Sohn auf bricklink.com geht, hat er sein blaues Lichtschwert nach wenigen Sekunden gefunden. Eins kostet 8,5 Cent. Man kann aber auch zehn Stück kaufen oder hundert oder fünftausend. Genauso wie von all den anderen Steinen, Platten, Rädern, Türen, Fenstern, Figuren, Werkzeugen, Waffen. Das ist der Moment, in dem auch unser Sohn begreift, dass sich seine Fantasie an keine Bauanleitung halten muss.

Für ein paar Euro könnte er jetzt alle seine Baukästen vervollständigen, verkaufen und aussteigen – oder eine Welt betreten, in der die Steine wahrhaft frei sind.


Dieser Text ist in der Ausgabe 11/15 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.