Lee Passmore fühlt seine Füße nicht mehr. Sein rechtes Bein ist so steif wie seine Bügelfaltenjeans. Beim Gehen wirkt es, als würde er es mit der Hüfte nach vorn wuchten. Außerdem zittert er – seine Brust bebt, seine rechte Hand flattert. Aber Passmore hat großes Glück gehabt, wie er jedem bestätigt. Denn er ist noch am Leben.
Im November 2011 war Passmore süchtig nach Opiaten auf Rezept. Sie betäubten den Schmerz, der von seinem unteren Rücken aus in beide Beine ausstrahlte. Eine Operation, so dachte er, würde ihm Linderung verschaffen, sein Bedürfnis nach Medikamenten beseitigen und damit zwei Probleme gleichzeitig lösen. Sein Schmerztherapeut riet zunächst von einem Eingriff ab. Doch dann gab er Passmore die Karte eines Neurochirurgen names Christopher Duntsch.
Duntsch war erst sein ein paar Monaten in der Gegend von Dallas. Er war über 1,80 Meter groß, mit Stupsnase, akkurat getrimmtem Haar, hellblauen Augen und einer Einstellung, die ihn bei Patienten ebenso wie bei überweisenden Ärzten beliebt gemacht hatte: Ich bin der Beste, erzählte er allen. Er hatte stets einen Plan, jederzeit einen Vorschlag, immer einen Weg, jemanden zu behandeln. Kollegen aus der Neurochirurgie hielten ihn für einen überheblichen Schwätzer, einen Einzelgänger. Und trotzdem sagen fast alle, die ihm begegnet sind, dass er ihnen vom ersten Moment an sympathisch war.
Hin und wieder gab Duntsch verstörende Äußerungen von sich wie: „Alle machen es falsch. Ich bin der einzige sauber minimalinvasiv arbeitende Arzt im gesamten Bundesstaat.“ Das jedenfalls erzählt Dr. Mark Hoyle, der bei der OP von Passmore leitender Chirurg war. Er lernte Duntsch an jenem Tag in der Ärzte-Lounge des Baylor Regional Medical Center in der texanischen Stadt Plano kennen, wo der Eingriff durchgeführt wurde. „Ich dachte, er ist entweder wirklich, wirklich gut oder wirklich, wirklich arrogant und hält sich bloß für gut“, sagt Hoyle heute.
Es sollte das erste und letzte Mal sein, dass Hoyle neben Duntsch am OP-Tisch stehen würde. Hoyles Job war es, Passmore aufzuschneiden und wieder zuzunähen. Am 30. Dezember 2011 machte er einen winzigen Schnitt oberhalb der Leiste des damals 36-Jährigen und schob Blutgefäße und Organe zur Seite, sodass Duntsch freien Zugang zu unteren Wirbelsäule hatte, um den Bandscheibenvorfall zu beheben. Die Bandscheibe drückte auf einen Nerv – die Ursache für Passmores Schmerzen. Doch während Duntsch am Patienten arbeitete, sah Hoyle bei einem Seitenblick sehr viel Blut und sonst nichts. Es strömte aus Epiduralgefäßen und sammelte sich um die Bandscheibe. Duntsch machte trotzdem weiter – als würde er nachts in einem Teich fischen – und sagte, er würde nach Gefühl und nicht auf Sicht arbeiten. Dann erklärte er, als nächstes das Band, das die Bandscheibe vom Wirbelkanal trennt, zu entfernen. Dieses hintere Längsband ist einer der beiden Hauptstabilisatoren der Wirbelsäule und weniger als einen Millimeter