Die Sarden lauerten auf die Frau, die sie liebten oder auch nicht. Sie warteten nahe dem Friedhof, an einem Feldweg, versteckt in einem Streifen von Schilf. Die Nacht lag warm über dem alten Städtchen, ein paar Kilometer östlich von Florenz in den Hügeln der Toskana.
Ein weißes Auto bog auf den Feldweg ein, rollte heran, am Friedhof vorbei. Vor dem Schilf blieb es stehen. Zwei Menschen saßen vorn in dem Auto, ein Mann und die Frau, er setzte sich auf den Beifahrersitz, sie stieg auf seinen Schoß.
Das Schilf raschelte.
Der eine, die Ehre verloren, drückte siebenmal ab. Vier Schüsse auf den Mann, drei auf die Frau. Alle zerrissen Organe. Der Mann und die Frau waren tot.
Der andere, einen Verstand nie besessen, drückte einmal ab. Er traf den Arm einer Toten. Es genügte, ihn zum Mörder zu machen.
Nach dem letzten Schuss gellte eine hohe Stimme aus dem Auto. „Die Waffe“, schrie sie, „hat Mamma getötet!“ Auf der Rückbank saß ein Junge.
Der Mann, der mit einem Schuss alle Schuld auf sich geladen hatte, hob den Jungen auf die Schultern, wandte sich um und ging los. Er sang ein Lied, damit der Junge sich beruhige. Vor einer Haustür, im Schein einer Lampe, setzte er ihn ab und klingelte. Dann verschwand er in der Nacht.
Zweieinhalb Kilometer entfernt, beim weißen Auto, in dem der Mann und die Frau starben, als sie sich liebten, lagen acht kleine Metallteile in der Dunkelheit. Patronenhülsen der Marke Winchester, auf dem Hülsenboden ein „H“ eingestanzt, Kaliber 22, abgefeuert von einer halb automatischen Beretta-Pistole, Long Rifle.
Es war die Nacht des 21. August 1968.
Nachts hat man von den Hängen eine traumhafte Aussicht auf Florenz. Pärchen ziehen sich gern hierhin zurück. Man ist so ungestört
Mirko Viglino
*
Am 14. September 1974, einem Samstag, gehen Stefania Pettini und Pasquale Gentilcore aus. Sie feiern im „Teen Club“, einer Disco in der kleinen Stadt Borgo San Lorenzo, etwa 30 Kilometer nördlich von Florenz. Stefania, 18, und Pasquale, 19, sind verlobt, sein Haar wächst dicht und schwarz, ihre Haut schimmert wie Porzellan. Noch vor Mitternacht verlassen sie die Disco, steigen in einen dunklen Fiat 127 und fahren in die Finsternis. Es ist Neumond.
Stefania und Pasquale wollen nicht warten. Sie wollen entkommen, nur für eine Weile, in die Nacht und in die Einsamkeit, wo keine Mutter und kein Vater sie sieht, kein Priester und kein Nachbar. Alle machen es so. Die Hügel rund um Florenz sind voll von jungen Menschen, die sich lieben wollen, aber nicht lieben dürfen, voll von Pärchen, in engen Autos auf der Flucht vor den alten Sitten und den Augen Gottes.
Stefania Pettini & Pasquale Gentilcore: † 14. September 1974
Mirko Viglino
Auf einem dunklen Feldweg halten Stefania und Pasquale an.
Als die Carabinieri am nächsten Tag eintreffen, liegt die Leiche Pasquales auf dem Fahrersitz, zerschunden von Schüssen und Messerstichen. Der tote Körper Stefanias, Arme und Beine gespreizt, liegt neben dem Auto auf dem Rücken: vier Schusswunden, 96 Stichwunden, vor allem im Bereich der Scham und der Brüste. Ein knorriger Ast, der Trieb einer Weinrebe, steckt in Stefanias Vagina.
Die Leiche von Stefania Pettini
Mirko Viglino
Es ist wenig Blut geflossen.