„Sie denken sich Unfälle aus oder sie verniedlichen, was sie getan haben“

© Marcus Simaitis

©
Puppen in Banaschaks Untersuchungszimmer. Mit ihnen können die Kinder vorführen, was wirklich passiert ist

//Expertinneninterview „Sie denken sich Unfälle aus oder sie verniedlichen, was sie getan haben“

Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln, versuchen sie häufig, es danach zu vertuschen. Rechtsmedizinerin Sibylle Banaschak kennt etliche Formen der Lüge – und Wege, sie zu enthüllen

    Interview: Felix Schröder

Frau Banaschak, als Rechtsmedizinerin untersuchen Sie seit über 20 Jahren die Verletzungsbilder misshandelter Kinder. Viele Eltern versuchen zu vertuschen, was sie ihren Kleinen angetan haben, und lassen sich Aus­reden und Lügen einfallen. Wann sind blaue Flecke verdächtig?

Ich werde hellhörig, wenn die Hämatome sehr großflächig ausgebreitet sind oder sich an außergewöhnlichen Körperstellen befinden. Auch geformte Verletzungen brauchen eine Erklärung. Beispielsweise, wenn sich im Gesicht ein streifiger Abdruck befindet. Oder das gesamte Gesäß ist blau und nicht nur die eine Hälfte. Ein Mädchen darf eine Genitalverletzung haben, nachdem es im Sport auf einen Schwebebalken gefallen ist. Aber es darf dabei keine Verletzung am Jungfernhäutchen haben. Das wäre ungewöhnlich.

Ist ein verspäteter Arztbesuch immer auffällig?

Natürlich. Auf der einen Seite wird beklagt, dass Eltern ständig wegen Nichtigkeiten in die Notaufnahme kommen. Und dann wird ein Kind mit großflächiger Verbrennung erst drei Tage später in die Klinik gebracht? Das ist schon komisch.

Zur Person: Dr. Sibylle Banaschak, 50, studierte Medizin in Bochum. Sie ist leitende Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln und begutachtet Fälle von Kindesmisshandlung. Seit 2019 führt die zweifache Mutter dort auch das neu gegründete „Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen” und berät Ärzte, wenn ihnen Verletzungen verdächtig vorkommen

Marcus Simaitis

Seit diesem Jahr leiten Sie das „Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen“. Dort beraten Sie Ärzte aus Nordrhein-Westfalen, die den Verdacht haben, dass einer ihrer minderjährigen Patienten misshandelt oder missbraucht wurde.

Die Ärzte können uns kontaktieren, wenn ihnen Zweifel an dem Verletzungshergang gekommen sind. Mit unserer Erfahrung können wir bei der Klärung helfen. Wir bieten vor allem auch die Möglichkeit, dass sie uns über unser digitales Portal anonymisierte Falldarstellungen und Bilder zukommen lassen.

Warum anonymisiert?

Sonst müssten sie sich durch die Eltern von der Schweigepflicht entbinden lassen und den Grund dafür nennen. Das ist ein schwerwiegender Schritt. Ärzte sollen ja nicht zu Ermittlern werden. Das Bundeskinderschutzgesetz sieht zwar vor, dass sie ihre Bedenken hinsichtlich der geschilderten Verletzung immer offen ansprechen sollten, sofern kein Nachteil für das Kind befürchtet wird. Aber der Patient muss in erster Linie gut versorgt werden, Ungereimtheiten sollten zunächst hingenommen werden. Anschließend kann der Arzt je nach Schwere des Falls Jugendamt oder Polizei verständigen. Viele Ärzte sind froh, wenn sie erst einmal unsere Einschätzung einholen können, bevor sie ihren Verdacht an die Behörden herantragen.

Kommt es häufig vor, dass der erste Verdacht trügt?

Das passiert immer mal wieder. Vor einiger Zeit habe ich als Gutachterin ein Mädchen mit einer massiven äußeren Genitalverletzung untersucht. Das Mädchen sagte, dass es mit gespreizten Beinen auf einem Skateboard sitzend gegen einen Begrenzungsreifen gefahren sei. Der Fall war verdächtig, auch weil die Mutter mit ihr erst drei Tage später zum Arzt ging. Eine Freundin hatte jedoch den Unfall tatsächlich auf einem Foto festgehalten. Es gibt auch ungewöhnliche Verletzungen, bei denen keine Misshandlung vorliegt. Ich muss aber jede einzelne

  • Erschienen in stern Crime 28/2019