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Anden-Absturz: "Wie Tiere am kältesten Ort der Welt"

Der Uruguayer Nando Parrado stürzte 1972 zusammen mit seiner Rugbymannschaft im Flugzeug über den Anden ab. Er und die anderen überlebten nur, weil sie das Fleisch anderer Opfer aßen. Jetzt kommt Parrado zu Vorträgen nach Deutschland. Im stern.de-Interview spricht er über seinen Überlebenskampf.

Sie kommen Ende November nach Deutschland. Haben Sie Angst vorm Fliegen?

Nein, es macht mir Spaß.

Ist das Ihr Ernst?

Ja, ich bin ein Technikfan, ich habe den Pilotenschein, ich bin für Alfa Romeo Autorennen gefahren. Maschinen, die eine große Kraft haben, imponieren mir.

Sie haben einen Absturz überlebt und machten danach weiter, als wäre nichts gewesen?

Der Absturz liegt 36 Jahre zurück. Man muss nach vorne schauen.

Damals waren Sie Student und Mitglied einer Rugbymannschaft, die zu einem Spiel nach Chile fliegen wollte.

Wir waren an jenem 13. Oktober 1972 ein Haufen junger Leute, die gut drauf waren, die sich unsterblich fühlten, als wir abflogen. Uns interessierte unser Sport, Mädchen, Autos, wir wollten Spaß. Zwei Stunden später fanden wir uns zwischen Trümmern in 4000 Metern Höhe wieder.

Sie selbst waren schwer verletzt.

Ich war bewusstlos, als ich nach ein paar Tagen aufwachte, erfuhr ich, dass meine Mutter und meine beiden besten Freunde den Absturz nicht überlebt hatten. Meine Schwester lag im Sterben.

Heute halten Sie Vorträge darüber, warum?

Ich habe bis vor zehn Jahren nicht darüber gesprochen, die Arbeit hat mich abgelenkt, meine Firmen, die Familie, die Autorennen. Dann bat mich ein internationaler Verband von Jungunternehmern, darüber zu sprechen. Danach bekam ich jede Menge Einladungen.

Was nützt einem, der im Büro sitzt, Ihre Erfahrungen?

Ich mache ihm klar, dass Menschen über ihre Grenzen hinaus wachsen können, ganz normale Menschen.

Leben Sie von diesen Vorträgen?

Nein, ich habe mehrere Firmen, darunter eine eigene Fernsehproduktion.

Hollywood hat aus Ihrem Schicksal einen Film gemacht: "Überleben". Ist er realistisch?

Die Wirklichkeit war noch viel härter. Der Film kann in eineinhalb Stunden nicht zeigen, was wir in den 72 Tagen erlebt haben, als wir an einem absolut menschenfeindlichen Platz bei bis zu dreißig Grad Minus verzweifelt auf Hilfe warteten.

Nach Ihrer Rettung hatten Sie verschwiegen, wie Sie überlebt hatten: Indem Sie das Fleisch der Toten aßen.

Stimmt nicht, schon in den ersten Wochen hatten wir bei einer Pressekonferenz absolut alles erzählt.

Wie kam es zu diesem Entschluss?

Darüber sprachen wir zum ersten Mal etwa zwei Wochen nach dem Absturz. Wir hatten übers Radio erfahren, dass die Suche nach uns aufgegeben worden war, sie hielten uns für tot. Sämtliche Vorräte waren aufgezehrt. Wir hatten nur eine Alternative: zu sterben.

Stimmt es, dass es Ihre Idee war?

Ja, ich sprach eines Nachts mit einem Freund darüber, dass wir das Fleisch des Piloten essen würden.

Wie konnten Sie den Ekel überwinden?

Wir durften nicht daran denken, dass das Menschen waren. Wissen Sie, die Schicht der Zivilisation ist sehr dünn. Wenn man in solch einer Todesangst lebt, erreicht man gedankliche Dimensionen, die man sich unter normalen Bedingungen nicht vorstellen kann.

Die "Sunday Times" hatte damals die bizarre Szenerie an der Absturzstelle beschrieben. "Teile gefrorener Körper lagen im Schnee, im Innern des Flugzeugs hingen dünne Fleischfetzen, bereit zum Verzehr."

Manche Journalisten neigen zur Übertreibung, ich bin ja selbst Journalist. Das hört sich alles schrecklich an, wenn man zuhause vor dem Fernseher sitzt. Aber man muss sich unsere Situation versetzen. Wir hatten den Absturz mit Mühe überlebt, wir hausten wie die Tiere an einem der kältesten Orte der Welt, wir hatten nichts mehr zu essen und dann erfuhren wir, dass die Suche nach uns aufgegeben worden war. Das war für uns, als stünden wir vor einem Erschießungskommando. Es gab keine Möglichkeit zum Entrinnen.

Sie sagten mal, die Toten wurden zu Nahrung.

Sie spendeten uns ihre Körper. Wie viele Menschen spenden anderen Blut oder ihre Organe?

War es der Hunger, der Sie am meisten quälte?

Nein, viel schlimmer war die Gewissheit, dass wir definitiv sterben würden, wenn wir nichts unternahmen.

Sie entschieden sich, mit einem Freund die Gruppe zu verlassen und Hilfe zu suchen.

Das war eine Entscheidung zwischen der einen Hölle und der anderen. Wir waren anfangs 33 Überlebende. Die Berge töteten einen nach dem anderen, sie starben an Entkräftung und Infektionen und einige von uns wurden unter einer Lawine begraben. Mir war klar: Ich wollte nicht im Sitzen sterben.

Was hat Ihnen geholfen, das Drama seelisch unbeschadet zu überstehen?

Mein Vater. Als ich nach Hause kam, sagte er: "Nando, es hat keinen Zweck, zurück zu schauen. Du hast so um dein Leben gekämpft, jetzt nutze es und arbeite, heirate, bezahle Steuern, mache Fehler. Wenn du zurückschaust, wirst du nur einen einzigen großen Schmerz empfinden." Er hatte recht. Die Leute gehen zum Psychologen und fragen: "Warum ist mir das passiert?" Ein Psychologe hat darauf keine Antwort.

Haben Sie eine?

Ja. Es ist passiert, weil der Pilot einen Fehler gemacht hat. Ganz einfach.

Interview: Ingrid Eißele