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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Gut, dass auch Politiker um die Absturzopfer trauern

Ohne symbolische Gesten geht es in schwerer Stunde nicht. Es ist richtig, dass die Kanzlerin zur Absturzstelle des Germanwings-Airbus reist.

Von Axel Vornbäumen

Kanzlerin Angela Merkel wird am Nachmittag an der Unglücksstelle in den französischen Alpen eintreffen

Kanzlerin Angela Merkel wird am Nachmittag an der Unglücksstelle in den französischen Alpen eintreffen

Ein Land steht unter Schock. Und es scheint, als ob auf einen Schlag eine andere Zeitrechnung begonnen hätte. Als ob ein tiefer Riss durch unser aller Agenda gegangen wäre - die Dinge haben sich verschoben seit der Nachricht vom Absturz von Flug 4U9525.

Für ein paar Tage wird das so sein. Alles verändert sich. Was eben noch wichtig war, scheint nichtig und klein, hat Reinhard Mey einmal gesungen in seinem Lied "Über den Wolken". Nun ist es genauso. Doch es ist nicht die Freiheit über den Wolken, die uns alles anders sehen lässt. Es ist der Horror auf dem Boden, an den Steilhängen der französischen Seealpen. Es sind die Bilder des Trümmerfelds. Griechenland und seine Finanzkrise? Der Konflikt in der Ukraine? Nicht so wichtig. Nicht heute.

Gesellschaft unter Schock

Irgendwann wird der Alltag die allermeisten von uns wieder eingeholt haben, auch die Politik. Weil es weitergehen muss. Und weil es noch immer weitergegangen ist.

Was aber hält eine Gesellschaft zusammen, die unter Schock steht? Die Frage ist zuallererst auch an jene gerichtet, die sich diese Gesellschaft an ihre Spitze gewählt hat.

Bundespräsident Joachim Gauck bricht seinen Staatsbesuch in Peru ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt alle ihre Termine ab und wird heute Nachmittag gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande und Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy zur Absturzstelle des Germanwings-Airbus in die französischen Seealpen reisen. Abends hätte sie eigentlich ins Deutsche Theater gehen wollen, Shakespeare, Macbeth. Es wäre einer der wenigen Abende gewesen, in denen sie mal Zerstreuung von ihrem Regierungsalltag gefunden hätte. Sie wird es nachholen, irgendwann.

Gesten der Anteilnahme

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt waren bereits gestern vor Ort, um sich ein erstes Bild von dem Unglück zu machen, das ein ganzes Land mit voller Wucht getroffen hat. Auch Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, wird heute an der Unglücksstelle sein. Ihr Bundesland hat es besonders getroffen, wenn man solch eine Wertung überhaupt vornehmen will, weil unter den Absturzopfern auch 16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus dem nordrhein-westfälischen Haltern waren.

Gauck, Merkel, Steinmeier, Dobrindt, Kraft - ihnen allen war in ersten Stellungnahmen die Erschütterung anzumerken, ihre Ohnmacht auch; der Bundespräsident rang sogar sichtlich mit seiner Fassung. Sie haben in diesen Stunden der Trauer nichts anderes zu bieten als diese symbolischen Gesten der Anteilnahme. Doch ohne diese Gesten geht es nicht. Es ist gut, dass es sie gibt. Sie sorgen für den Zusammenhalt in schwieriger Stunde. Ja, man kann sagen: Sie sind alternativlos.

Axel Vornbäumen hält Rituale in schweren Stunden für wichtig. Man kann dem Autor unter Twitter unter @avornbaeumen folgen