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Tödlicher Kick Die Deoschnüffler


Judith Evers starb mit 13, weil sie Treibgas aus Deoflaschen inhalierte. Ihre Eltern ahnten nichts von ihrer Sucht. Sie konnten die vielen Alarmzeichen nicht deuten.
Von Nina Poelchau

Dieses Stück erschien erstmals im stern Heft Nr. 16/2015.

Wenn Judith sich für ein paar Sekunden in eine andere Welt schießen wollte, ging sie in den Supermarkt. Die 13-Jährige kaufte Deospray. Legal, spottbillig. Sie nahm zu Hause eine Plastiktüte, sprühte hinein, inhalierte das Gas. Zuerst kam Übelkeit. Dann der Rausch. Und dann platzte ein Gefäß in ihrem Hirn.

Heute sehen Ramona und Marco Evers überall Warnhinweise. Heute, Wochen zu spät. Der intensive Parfümgeruch in Judiths Zimmer. Oder dieser Kassenzettel aus einem Discounter vom 4. März, der in Judiths Tasche steckte: "Nivea Deo Spray 2 x. Axe Deo Bodyspray." Am Morgen des 5. März fanden ihre Eltern sie tot im Kinderzimmer. Sie lag seitlich auf dem Boden, hielt eine Hand am Mund und in der Hand eine Plastiktüte. Ihre Nase war blutig, an ihrem Mund klebte Erbrochenes.

Nicht Crack oder Heroin brachten sie um, sondern Deosprays

"Wir haben mit unseren Kindern über Haschisch gesprochen, über Crack, über jeden Scheiß – und dann stirbt sie an Deospray", sagt Marco Evers, der Vater. Seine Stimme ist laut. Die Mutter spricht sehr leise, sie hat das so oft gesagt in den letzten Tagen, zur Polizei, zu den Nachbarn: "Klar haben wir gemerkt, dass es bei Judith oft so stark nach Deospray riecht. Wir dachten: Sprüht sie jetzt ihr Zimmer damit aus?" Sie sitzen in der Küche ihres Hauses in Kronshagen bei Kiel, um sie herum welkende Blumen und viele Beileidskarten, an den Wänden hängen gerahmte Fotos, die eine lebenslustige Familie zeigen: die Eltern, Judith, ihre drei Geschwister, 21, 19 und 4 Jahre alt. Am Strand, auf der Straße, sich eng umarmend, meistens lachend.

Schnüffeltode werden oft als Unfälle registriert

Essen, Oldenburg, Überlingen. Rostock. Jetzt Kronshagen. Ungefähr zweimal im Jahr wird in Deutschland ein Todesfall durch Schnüffeln bekannt. Es hängt vom Zufall ab, ob die Todesursache in die Öffentlichkeit gelangt, denn in der Statistik wird diese Todesart nicht extra geführt. Schnüffeltode werden oft als Unfälle oder Suizide registriert. Der Drogenexperte und Mediziner Heinrich Elsner aus Bochum warnt seit Jahren beim Kongress der deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin vor einer enormen Dunkelziffer.

Es ist immer dasselbe: Meist sind die Betroffenen nicht älter als 15. Die Eltern haben nicht den Hauch einer Ahnung, dass sich ihre Kinder an Deospray oder Haarspray berauschen. Der Sauerstoff wird dabei durch das Gas aus der Lunge verdrängt.

Das Gehirn schlägt sofort Alarm, es funkt Lebensgefahr, höchste Mengen an Adrenalin werden ausgeschüttet. Das sorgt nach einer Phase von Übelkeit für einen – meistens nur Sekunden dauernden – Rauschzustand. Bereits das erste Experimentieren kann tödlich sein. Das "sudden sniffing death syndrome", der plötzliche Schnüffeltod, ist noch nicht vollständig erforscht, man geht aber davon aus, dass dabei auf ein Herzkammerflimmern der Herzstillstand folgt. Andere Schnüffler werden ohnmächtig, ersticken an Erbrochenem. Oder der Sauerstoffmangel führt zu Bluthochdruck, es kommt zur Hirnblutung – so war es, wie die Obduktion ergab, bei Judith.

Unterschiedliche Studien zur Verbreitung

Rainer Thomasius hat schon 1988 zum Thema Schnüffeln promoviert und leitet heute das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters. Er geht davon aus, dass zehn Prozent der Jugendlichen in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Treibgase oder flüchtige Lösungsmittel inhalieren.

Die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist zwar nur eine Quote von 0,1 für das Jahr 2011 aus. Thomasius hält andere Studien aber für aussagestärker. Die europaweit erstellte Schülerstudie ESPAD ergibt: 10,6 Prozent der deutschen Jugendlichen in neunten und zehnten Klassen haben bereits einmal in ihrem Leben geschnüffelt. Eine aktuelle Untersuchung, die sich allein auf die Stadt Frankfurt bezieht, kommt sogar zu noch dramatischeren Ergebnissen: 15 Prozent der 15- bis 18-Jährigen haben danach mindestens einmal Inhalantien probiert.

Wie es zu solchen Unterschieden bei den Studienergebnissen kommen kann? Heinrich Elsner sieht die Probleme in der Art der Befragung. Die Drogenaffinitätsstudie wird über Festnetztelefon-Interviews recherchiert. Bei der ESPAD-Schülerstudie werden im direkten Kontakt an Schulen Fragebögen verteilt. Möglich, dass Jugendliche am Telefon, im Haus der Eltern, nicht ganz so gern mit der Wahrheit herausrücken, vermutet Elsner.

Schnüffeln ist eine Art Mutprobe

Das Schnüffeln ist eine Mode, eine Art Mutprobe, sagt Thomasius. In der Drogenprävention müsste es sehr viel mehr Bedeutung bekommen, da kommt es bisher nämlich so gut wie überhaupt nicht vor. Es taucht irgendwo auf wie ein Happening – an allen Schultypen, keinesfalls nur bei benachteiligten Jugendlichen. Einer fängt damit an. Andere ziehen mit. Dann klingt die Bewegung wieder ab. Weil die Nebenwirkungen – Übelkeit und Kopfschmerzen – schwerer wiegen als der kurze Rauschzustand. Oder weil andere Drogen wie Cannabis entdeckt werden. Oder vor Schreck: weil einer aus der Gruppe plötzlich einen schweren Hirnschaden hat oder stirbt.

Wann fing Judith an, Deogas einzuatmen? Vor einem Jahr schon? Damals begann sie schwierig zu werden. Sie hatte Ärger mit Mitschülerinnen, sie zog sich zurück, war oft aggressiv. Die Evers’, die 150 Meter von ihrem Zuhause ein Friseurgeschäft führen, sind eine Familie, in der man gut aufeinander aufpasst. Sie suchten bald Rat bei einer Psychologin im Jugendamt. Die gab Entwarnung: typisch Pubertät. Judith müsse ihre Rolle finden. Als Judith über Kopfschmerzen und Schwindel klagte, schickten die Eltern sie zu unterschiedlichen Ärzten. Nichts zu finden. An den Augen nicht. Auch sonst nicht. Wahrscheinlich eine Hormonstörung. Auf Schnüffeln kam niemand.

Marco Evers dreht sich Zigaretten. Ramona Evers holt den zerknitterten Kassenbon heraus, sie sieht verzweifelt aus. Drei Deos an einem Tag. Ihnen fallen jetzt viele merkwürdige Situationen ein. Sie erinnern sich an die Fenster im Dachgeschoss. Wenn Judiths zwei Jahre ältere Freundin zu Besuch gewesen war, war es öfter mal aufgerissen, die ganze Nacht über, sogar wenn es kalt war. Die Freundin versichert jetzt, sie habe nichts gewusst. Oder das andere Mädchen, das bei ihnen ein und aus ging: Sie taumelte ihnen an einem Abend entgegen und lallte. Sie roch aber nicht nach Alkohol. Als Ramona Evers sie erschrocken ansprach, sagte sie: "Ich bin vorher eingeschlafen."Schnüffeln? Nie davon gehört, sagt sie heute.

Forderung nach Warnhinweis auf Deospraydosen

Die Evers müssen nicht nur mit dem Tod ihrer Tochter fertig werden. Sie fühlen sich außerdem hingestellt wie Außenseiter.

Einer, der das kennt, ist Burkhard Nachtigall. Vor fünf Jahren fand der Historiker seinen 15-jährigen Sohn, einen Gymnasiasten aus Überlingen mit guten Noten, tot in seinem Zimmer, Fabian lag auf dem Boden, hatte eine Plastiktüte über dem Kopf. Danach gab es einige andere Todesfälle in Deutschland, Fabians Vater aber war der Einzige, der die Öffentlichkeit suchte. Er vermutete: Fabian konnte wohl kaum allein darauf gekommen sein. Er war ein geselliger Typ. Der Vater lud Fabians Freunde nach Hause ein. Schweigen. Je mehr er in die Öffentlichkeit ging, umso weiter wichen seine Bekannten vor ihm zurück. 13 Tage nach dem Tod seines Sohns saß er bei Johannes Kerner und sagte, andere zu warnen, das sei das Letzte, was er für seinen Sohn tun könne. Er verklagte – erfolglos – den Hersteller des Deos, durch das Fabian zu Tode kam. Und auch Aldi Süd, den Discounter, der es verkaufte. Er wollte erreichen, dass ein Warnhinweis auf alle Deospraydosen kommt, so wie in den USA üblich. Heute ist er ein kranker Mann, der sich nur mithilfe seiner Frau verständlich machen kann. Hätte er mehr erreicht, vielleicht würde Judith noch leben, lässt er sie sagen.

Den Eltern bleiben nur Erinnerungen an ihr Kind

Die letzten Bilder, die die Familie Evers mit Judith verbinden, als sie noch lebte, sind schön. Daran halten sie sich fest. Zu Mittag aß sie zusammen mit dem Vater, der ihr Kartoffelbrei mit brauner Sauce servierte und dazu, auf einem Extrateller, so wie Judith das gern hatte, eine große Portion Bratkartoffeln. Sonne war angekündigt, Judith alberte herum, sie wollte am Wochenende an den Ostseestrand. Ramona Evers schaute am Nachmittag in dem Blumenladen vorbei, in dem Judith ein Praktikum machte. Sie winkte ihr zu, Judith winkte zurück.

Judiths Mutter sagt: Hätten sie nur einen einzigen Hinweis bekommen, sie hätten sie doch von diesem Teufelszeug abgebracht. Judith liebte das Leben, sie liebte aber auch verrückte Sachen, so eine war sie. Das Risiko konnte sie oft überhaupt nicht einschätzen. Sie war doch fast noch ein Kind.

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