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Studie zu Terroristen: Wann wird ein Mann ein Dschihadist? Und wieso?

Warum schließen sich Menschen einer brutalen Terrormiliz an? Suchen sie Anerkennung, einen Lebenszweck oder puren Kick? Forscher untersuchen, wie ein normales Leben ins Radikale abdriften kann.

Denis Cuspert

Was trieb ihn in den Dschihad? Der Deutsche Denis Cuspert kämpfte für den Islamischen Staat - und soll Mitte Oktober getötet worden sein

Zum Beispiel Christopher Lee Cornell. Er besuchte eine High School in der Nähe von Cincinnati (Ohio), nahm an Ringkämpfen der Schulmannschaft teil, und eigentlich hatten ihn Lehrer als "typischen Schüler" in Erinnerung. 2014 konvertierte er zum Islam, ließ seinen Bart wachsen und trug zunehmend traditionelle muslimische Kleidung. Doch dann begann er, sich zu verändern. Irgendetwas hatte ihn in den Bann des islamistischen Terrors gezogen.

Der so genannte "Islamische Staat"
Was ist der Islamische Staat?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nannte sich früher Isis ("Islamischer Staat im Irak und Syrien") und wird im Arabischen und Französischen Daesh bezeichnet. Ziel der sunnitischen Kämpfer ist die Errichtung eines Kalifats oder Gottesstaates. Ursprünglich soll dies vom Irak bis zum Mittelmeer reichen, mittlerweile strebt die Organisation ganz offen die Weltherrschaft an. Relativ neu ist, dass der IS auch Anschläge auf "ausländische" Ziele wie in Paris verübt. Der selbsternannte "Kalif Ibrahim", besser bekannt als Abu Bakr al Baghdadi, gebietet je nach Quelle bis zu 50.000 Kämpfer - darunter schätzungsweise 700 Deutsche.

Wo herrscht der IS?
© Foto:stern
Wie herrscht der IS?

Unbarmherzig. Die Terrormiliz versucht eine vorgeblich "reine Form" des Islam durchzusetzen, wie sie zu Zeiten des historischen Kalifats üblich gewesen sein soll. Dazu schreckt sie auch nicht vor extremer Gewalt zurück. Die Regeln sehen unter anderem das Verbot von Alkohol, Drogen und Versammlungen vor. Der Erfolg des IS in Syrien und im Irak basiert zudem darauf, dass es ihm gelingt, Bündnisse mit lokalen Herrschern zu schmieden und eine Form von öffentlicher Sicherheit zu gewährleisten. Ehemalige IS-Kämpfer berichten von willkürlichem Terror innerhalb der Organisation.

Wen betrachtet der IS als Feind?

Im Grunde genommen jeden, der kein Sunnit nach ihrer Vorstellung ist. Der IS gilt selbst innerhalb radikalislamischer Bewegungen als (zu) extrem. Mit dem früheren Mutternetzwerk al Kaida hat sich "Kalif" Baghdadi zerstritten. Ihre ungezügelte Brutalität richtet sich gegen sämtliche "Ungläubige". Dazu zählen Christen und Jesiden vor allem aber Schiiten sowie Sunniten, die "Götzen anbeten", also etwa zu Wallfahrtsstätten pilgern. Der überwiegende Teil der muslimischen Rechtsgelehrten lehnt sowohl Ideologie als auch Vorgehen des IS als "unislamisch" ab.

Was unterscheidet Sunniten von Schiiten?

Wie im Christentum ist auch der Islam geteilt: Nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 spaltete sich die Gemeinschaft der Muslime in Sunniten und Schiiten. Die Sunniten sind mit 80 Prozent die größte Gemeinschaft. Der Hauptunterschied: Die Schiiten erkennen nur Nachkommen aus Mohammeds Familie an, die Sunniten auch ein Mitglied aus dem Stamm des Propheten. Der Großteil der islamischen Konflikte ist allerdings politisch motiviert. So ringt etwa der schiitische Iran seit Jahren mit dem sunnitischen Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der Golfregion. 

IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi
Wer ist IS-Chef al Baghdadi?

Es gibt nur wenige Bilder von ihm. Die, die es gibt, zeigen einen bärtigen, schwarzgewandeten Mann, der entfernt an Osama bin Laden erinnert. Details über Abu Bakr al Baghdadi, der sich "Kalif Ibrahim" nennt, sind nicht bekannt. Angeblich verbirgt er vor seinen Kämpfern sein Gesicht, was ihm den Namen "der unsichtbare Scheich" einbrachte. Er wurde 1971 im Irak geboren und saß vier Jahre lang in einem US-Gefangenenlager im Irak. Berichten zu Folge soll er im Frühjahr 2015 bei einem Luftschlag verletzt worden sein.

© Foto:DPA
Wie finanziert sich der IS?

Der Islamische Staat gilt mit einem Vermögen von mehreren Milliarden Dollar als reichste Terrorvereinigung weltweit. Lange haben sich die Terroristen mit Spenden aus Golfstaaten wie Katar über Wasser gehalten. Daneben erpressten sie im großen Stil Lösegelder von westlichen Staaten. Mit der Eroberung von Teilen des Irak und Syriens fielen dem IS auch Ölquellen, Banken und antike Kunstschätze in die Hände. Zudem sollen sie in ihrem Herrschaftsgebiet Kopfsteuern kassieren.

Was ist ein Kalifat?

Ein Kalif ist den meisten wohl aus der Märchensammlung 1001 Nacht bekannt. Gemeint ist damit ein Nachfolger des Propheten Mohammed. Lange nach dessen Tod wurde der Kalif zum "Stellvertreter Gottes auf Erden", der sich sowohl als Wahrer des islamischen Reichs und Religion sowie als Gesetzgeber und als weltlicher Wegweiser verstand. Zentrum des Kalifats war von 750 bis Mitte des 13. Jahrhunderts Bagdad - es war der Zeitraum, in der der Islam seine Blütezeit erlebte. 1924 löste die damalige türkische Regierung das letzte Kalifat auf.

Die Flagge des Islamischen Staats: Auch in dem bosnischen Dörfchen Osve wehen die Fahnen der Terrormiliz.
Was zeigt die IS-Flagge?

Die Fahne des Islamischen Staats ist schwarz mit weißen Schriftzeichen und verbreitet als Symbol ultrabrutaler Extremisten weltweit Schrecken. Auf Arabisch ist dort das muslimische Glaubensbekenntnis zu lesen: "Es gibt keine Gottheit außer Gott". Darunter prangt ein weißes Siegel mit den Worten "Gott – Prophet – Mohammed". Die genaue Herkunft der Fahne ist ungeklärt, angeblich soll sie in den 1950er-Jahren von Islamisten wiederentdeckt worden sein.

© Foto:STR/EPA

Cornell wurde oft wütend, isolierte sich und zog den Spott seiner Nachbarn auf sich. Und dann, eines Tages, informierte er Mitstreiter im Internet, das Kapitol in Washington angreifen und Rohrbomben zünden zu wollen. Als das FBI ihn Anfang 2015 festnahm, hatte er schon halbautomatische Sturmgewehre und 600 Schuss Munition gekauft.

Was bewegt Menschen dazu, einer barbarischen Terrorgruppe wie dem Islamischen Staat (IS) zu folgen, deren mörderische Ideologie zu verbreiten und zum Krieg in den Nahen Osten zu reisen oder Attacken in der Heimat zu planen? Welcher Schalter legt sich im Kopf um, der einen "typischen Schüler" zu einem Terroristen macht?

Durchschnittsalter: 26 Jahre

Alter, Herkunft, Bildung, sozialer Stand und familiärer Hintergrund der IS-Sympathisanten unterscheiden sich deutlich, wie die neue Untersuchung "ISIS in America: From Retweets to Raqqa" der George Washington Universität (GW) in der US-Hauptstadt feststellt. Sie befasst sich nur mit Anhängern in den USA, könnte aber durchaus als Vorlage für Rekruten aus Deutschland, Frankreich oder anderen europäischen Ländern gelten.

56 Menschen wurden wegen IS-bezogener Handlungen seit Jahresbeginn in den Vereinigten Staaten festgenommen - die höchste Zahl an terrorbezogenen Festnahmen pro Jahr seit dem September 2001, dem Monat der Anschläge von 9/11. 86 Prozent von ihnen sind männlich, gut ein Viertel war an Plänen zu Terrorattacken auf US-Boden beteiligt. Im Schnitt sind sie 26 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind US-Bürger oder haben einen ständigen Wohnsitz in den USA. Oft sammeln sie sich in Gruppen, etwa in Minneapolis oder New York.

Radikalisierung ist komplex

Politische Spannungen, etwa die Gewalt des syrischen Machthabers Baschar al Assad gegen das eigene Volk, aber auch einschneidende persönliche Erlebnisse können zur Radikalisierung beitragen. Analyst Matt Venhaus unterteilt etwa in nach Rache, Status, Identität und Nervenkitzel suchenden Dschihadisten. "Radikalisierung ist ein höchst komplexer und individualisierter Prozess, der oft durch ein schlecht verstandenes Zusammenspiel struktureller und persönlicher Faktoren geformt wird", schreiben die Forscher Lorenzo Vidino und Seamus Hughes in der GW-Untersuchung.

Eine klare Typologie lässt sich daher kaum festlegen. "Von erwachsenen Männern, die seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Kampfgeist des Dschihad flirten, über Teenager, die erst kürzlich zum Islam konvertiert sind, vom Sohn eines Polizisten aus dem Raum Boston zu einer Single-Mutter zweier junger Kinder" seien unterschiedlichste Menschen vertreten. Einige sind nur von der IS-Botschaft inspiriert, andere erreichen mittlere Führungspositionen innerhalb der Miliz.

25.000 Kämpfer aus 100 Ländern

Auch deutsche Ermittler ringen mit der Gefahr der IS-Anhänger und Heimkehrer. So ist die Zahl der aus Deutschland in Richtung Syrien und Irak gereisten Islamisten nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz im September auf 740 gestiegen - im Juni waren es etwa 700. Dazu kommen Tausende aus anderen EU-Ländern, Russland, Zentralasien und Nordafrika. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bereits mehr als 25.000 ausländische Kämpfer aus über 100 Ländern dem IS nach Syrien und in den Irak gefolgt sind, 5000 davon aus Europa.

"Das Problem ist nicht so groß wie in EU-Ländern", sagt Wissenschaftler Vidino. Doch die Zahl der IS-Anhänger in den USA sei beispiellos. Den Anstieg der Festnahmen führt sein Kollege Hughes neben der zunehmenden Propaganda im Internet auch auf die "Kreativität" der Strafverfolger zurück.

Bedenkliche Methoden der Behörden

Die gehen bei ihren Festnahmen seit 9/11 teils mit bedenklichen Methoden vor. Denn bei sogenannten "Sting Operations" werden Verdächtige zu kriminellen Handlungen angespornt. Doch wer kann versichern, ob ein mutmaßlicher Dschihadist wirklich einen Terroranschlag geplant und ausgeführt hätte, wenn ein verdeckter FBI-Agent ihn nicht per Twitter oder Facebook kontaktiert und dann zur Entgegennahme einer Bombenattrappe animiert hätte, nur damit die Handschellen klicken? 

"Das ist letztes Mittel, wenn andere Methoden nicht funktionieren", versichert Michael Downing, Kommandeur der Anti-Terror-Einheit der Polizei in Los Angeles, der Nachrichtenagentur DPA. FBI-Direktor James Comey habe in dieser Frage in den letzten zwölf Monaten einen "Sinneswandel" durchgemacht. Doch seit dem Aufstieg der Agents Provocateurs nach 9/11 dürfte auch das FBI rechtlich "Orte betreten, von denen sie nie geträumt hätten", sagt Downing.

 

Johannes Schmitt-Tegge/DPA