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Denis Cuspert: Dieser Berliner will den IS-Terror nach Deutschland bringen

Er ist Deutschlands bekanntester Dschihadist: Denis Cuspert, alias Deso Dogg, alias Abu Talha al Almani. Mehrfach wurde der Berliner totgesagt - und lebt wohl immer noch. Wer ist der Mann, der den IS-Terror nach Deutschland bringen will?

Von Marc Drewello

Denis Cuspert ist Deutschlands bekanntester Dschihadist. Der IS-Terrorist droht in Video- und Audio-Botschaften mit Attentaten gegen sein eigenes Land und ruft zu Terroranschlägen auf. In einem dreiminütigem Film des Islamischen Staates aus dem Jahr 2015 begleitet Cuspert mit einem Kampf-Naschid, einem Lied, in dem die Taten der Dschihadisten verherrlicht werden, Bilder von grausamen Hinrichtungen, Kampfszenen und Aufnahme der Attentäter die im Januar 2015 die Anschläge in Paris verübten. Wörtlich singt der Berliner, der in dem Video nicht selbst zu sehen ist: "In Frankreich folgten Taten, die deutschen Schläfer warten" und "Auch wenn Du in Europa bist, mache deinen Dschihad".

Cuspert, der es als Gangsta-Rapper Deso Dogg in Deutschland zu mäßiger Bekanntheit brachte, soll in Syrien direkten Zugang zum Führungszirkel um den Chef der Terrormiliz Islamischer Staat, Abu Bakr al-Bagdadi, haben. Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes ist er unter dem Namen Abu Talha al Almani (al Almani = "der Deutsche") als Propagandist für den IS aktiv und hat vor allem die Aufgabe, radikalisierte Salafisten in Deutschland zu mobilisieren. Er genieße "eine exponierte Stellung", heißt es. Viele Experten sehen in ihm den Kopf hinter "Al-Hayat", dem Medienkanal des IS. Bei einer gefilmten Schneeballschlacht im eingeschneiten Syrien ruft der 39-Jährige: "Hier kann man leben und hat Spaß, ich lade euch ein zum Dschihad!"

FBI stellt Cuspert "Honigfalle"

Anfang Februar 2015 setzten die USA Cuspert auf ihre Terrorliste. Er sei aktives IS-Mitglied und werde als "globaler Terrorist" eingestuft, teilte das US-Außenministerium mit. Grundlage dafür sollen die Erkenntnisse aus einer sogenannten "Honigfalle" sein. Eine Undercover-Agentin des FBI habe zu Cuspert eine intime Beziehung aufgebaut und ihn sogar nach islamischem Ritus geheiratet, berichtete die "Bild am Sonntag" im Februar unter Berufung auf deutsche und amerikanische Sicherheitskreise. Nachdem es zu einer "konkreten Gefährdungslage" gekommen sei, sei die Frau zurück in die USA geflohen.

Cuspert gilt damit für Washington als jemand, der einen Terrorakt begangen hat oder ein ernsthaftes Risiko für die nationale Sicherheit darstellt. US-Bürger und Firmen dürfen fortan keine Geschäfte mit ihm machen. Er stehe außerdem auf der Terrorliste der Vereinten Nationen, was Reiseverbote und das Einfrieren von Konten in allen Mitgliedsländern nach sich ziehen kann, hieß es.

"Wir liebten, was gegen das Gesetz verstößt"

Denis Mamadou Gerhard Cuspert wurde im Oktober 1975 in Berlin-Kreuzberg als Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers geboren. Sein Vater sei wenige Jahre nach seiner Geburt aus Deutschland abgeschoben worden, sagt der Dschihadist. Laut Berliner Verfassungsschutz hatte er die Familie aber vermutlich bereits weit vor der Abschiebung verlassen. Zu seinem Stiefvater, einem Amerikaner und Angehörigen der US-Armee, habe Cuspert ein problematisches Verhältnis gehabt.

Cusperts Jugend war alles andere als behütet: Seine Mutter habe behauptet, ihre im Haus von der Polizei gefundenen Drogen gehörten dem eigenen Sohn, schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 2013. Wenn sie keine Lust auf Denis hatte, habe sie den Sohn einfach aus der Wohnung geworfen. "Er hat das immer als coole Nummer verkauft und mich dazu gebracht, ebenfalls nicht nach Hause zu gehen - oft wochenlang", zitiert die "FAZ" den Rapper Charnell, einen früheren Freund von Cuspert. "Denis war immer ein Verrückter, immer am Machen, am Tun, nie der Typ, der rumsitzt und kifft oder Playstation spielt. Ich habe ihn eine Zeitlang bewundert für seine Radikalität."

Cuspert gerät ins Berliner Gang-Milieu. Er wird kriminell, begeht Drogen-, Eigentums- und Gewaltdelikte, fällt wegen unerlaubten Waffenbesitzes auf und sitzt in der Justizvollzugsanstalt Tegel ein. "Wir liebten alles, was gegen das Gesetz verstößt", sagt Charnell der "FAZ". Er sei etwa elf Jahre alt gewesen, als Cuspert vor seinen Augen einen Mann niedergestochen habe. Sein Freund sei in den Knast gekommen, habe aber erzählt, er ginge für ein Jahr nach Afrika. "Sein Vater kam ja daher, also haben wir es ihm irgendwie geglaubt."

Posieren als Gangsta-Rapper: Denis Cuspert 2005 als Deso Dogg in Berlin.

Posieren als Gangsta-Rapper: Denis Cuspert 2005 als Deso Dogg in Berlin.

Im Jahr 2002 steigt Cuspert über einen befreundeten Rapper und Produzenten in ein Musiklabel ein und startet seine Karriere als Gangsta-Rapper. Er nennt sich jetzt Deso Dogg - Deso steht für "Devil Son". In Liedern wie "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" singt er auch über persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung:

Saß in meiner Haut fest wie Tooki Williams in San Quentin
Keine Identität wie sollte es denn enden?
In einer weißen Welt voll Hass und Illusion war die letzte Option
nur Gewalt und Emotion
Auf dem Schulhof war ich nur der kleiner Nigga-Junge
mit kaputter Jeans, dem bösen Blick und ner frechen Zunge.

Cuspert bringt es zu einer gewissen Bekanntheit in der deutschsprachigen Gangsta-Rap-Szene, der große Durchbruch gelingt ihm aber nicht.

Mehrfach wird über Cusperts Tod spekuliert

Seit 2007 präsentiert sich Cuspert laut Verfassungsschutz als gläubiger Muslim. Von 2010 an trat er als radikaler salafistischer Prediger in Erscheinung. Cuspert hatte Kontakt zur Berliner Al-Nur-Moschee und zur berüchtigten und mittlerweile geschlossenen Moschee Millatu Ibrahim (Gemeinschaft Abrahams) in Solingen. Nach dem Verbot der Salafistengruppe verließ er Mitte 2012 Deutschland und reiste über Ägypten nach Syrien.

Mehrfach wurde seither über Cusperts Tod spekuliert. Etwa im September 2013, als er vermutlich durch einen syrischen Luftangriff schwer am Kopf verwundet wurde. Nach eigener Aussage lag er zunächst in einer türkischen Klinik im Koma. In den Folgemonaten soll er in Nordsyrien Kontakt zu hochrangigen IS-Terroristen gefunden haben. Im April 2014 kamen erneut Meldungen auf, Cuspert sei tot. Abu Talha al Almani sei unter den Opfern eines Selbstmordanschlags der verfeindeten Al-Nusra-Front, hieß es in mehreren islamistischen Internetforen. Auch die den Aufständischen nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, der Deutsche sei getötet worden. Eindeutige Belege dafür gab es nicht.

Stattdessen trat Cuspert im Juli 2014 erneut in einem Video auf. Es zeigt ihn laut Berliner Verfassungsschutz nach einem Angriff des IS auf ein Gasfeld östlich der syrischen Stadt Homs bei der Schändung einer Leiche. Ein Großteil der sichtbaren Toten ist nicht uniformiert. Es dürfte sich nach Einschätzung der Verfassungsschützer um zivile Mitarbeiter des Gasfeldes handeln, die mit Kopfschüssen getötet wurden. Auffällig sei, dass die Leichen in Gruppen auf einer relativ kleinen Fläche teils übereinander lägen. Die Berliner Behörde wertet das als einen weiteren möglichen Beleg für die Praxis des IS, Zivilisten und Gefangene systematisch hinzurichten. Sollte dies zutreffen, könnte sich auch Cuspert an diesen völkerrechtswidrigen Taten beteiligt haben.

Im Intenet kursieren neben dem nun veröffentlichten Kampf-Naschid mehrere Filme von Cuspert, in denen er dem Westen droht, den IS feiert und mit getöteten Feinden posiert. Anfang November 2014 tauchte ein Video auf, das Cuspert mit anderen IS-Kämpfern zeigt, die mehrere Männer umbringen. Es ist nicht erkennbar, ob Cuspert selbst Opfer tötete. Er hält aber einen abgeschnittenen Kopf in der Hand.

Im August 2015 veröffentlichte der IS ein weiteres Video mit Cuspert: In dem Propagandafilm wirbt der Berliner gemeinsam mit fünf weiteren IS-Terroristen um Rekruten aus den Unruhegebieten im Nordkaukasus. Das Video wurde offensichtlich in Al Tabqa aufgenommen, oberhalb der Tabqa-Talsperre, die im Hintergrund zu sehen ist. Der Ort liegt etwa 35 Kilometer westlich der IS-Hochburg Rakka in Syrien.

Denis Cuspert tot? Auch Pentagon rudert zurück

Im Oktober 2015 wurde Cuspert erneut für tot erklärt, diesmal vom US-Verteidigungsministerium: "Ich kann bestätigen, dass Denis Cuspert bei einem Angriff nahe Rakka am 16. Oktober getötet worden ist", verkündete Pentagon-Sprecherin Elissa Smith in Washington. Cuspert sei nicht das vorrangige Ziel des Angriffs gewesen, sagte ein weiterer Ministeriumsmitarbeiter.

Doch auch diese Nachricht erwies sich als falsch. Schon kurz nach der Todesmeldung berichtete der auf die Beobachtung der islamistischen Szene spezialisierte Internet-Blog "Erasmus Monitor" unter Berufung auf mehrere IS-Anhänger sowie den IS-Propagandakanal "Al Mourabitoun Media", Cuspert sei am Leben, habe bei dem Luftangriff allerdings schwerste Verletzungen erlitten und liege im Koma.

Im Frühjahr 2016 wurde im Internet ein Naschid veröffentlicht, in dem Cuspert zu Terroranschlägen in Europa aufruft und von "Bomben in Berlin" singt. Der Terrorist ist in der Aufnahme nicht zu sehen, doch seine Stimme ist gut zu erkennen und auch Geheimdienstler ordnen sie dem Deutschen zu. Das Kampflied könnte auch eine Konserve sein, doch im Juni 2016 widersprach schließlich auch der Berliner Verfassungsschutz der Todesmeldung des Pentagon. Cuspert sei zwar bei Kampfhandlungen verletzt, aber nicht getötet worden, erklärte Behördenchef Bernd Palenda nach Angaben des Rundfunks Berlin-Brandenburg, als er den Verfassungsschutzbericht 2015 vorstellte. In dem Bericht selber heißt es: "Mehrfach kursierende Informationen über den Tod Cusperts, zuletzt im Oktober, konnten bislang nicht bestätigt werden."

Anfang August revidierten dann auch die Amerikaner ihre Meldung vom Ende Abu Talha al Almanis: "Es scheint nun, dass diese Einschätzung inkorrekt war und Denis Cuspert den Luftangriff überlebt hat, zitiert die "New York Times" einen Pentagonsprecher. 

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