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Der Papst und die Deutschen: Ein Wechselbad der Gefühle

Mit seinem streng konservativen Kurs und vielen umstrittenen Entscheidungen rief Johannes Paul II. Unverständnis bei den deutschen Katholiken hervor. Erst seine ablehnende Haltung zum Irak-Krieg brachte ihm die Sympathien zurück.

Eine Woge der Sympathie schlug Johannes Paul II. entgegen, als der erste Papst seit fast 200 Jahren deutschen Boden küsste. Am 15. November 1980 um 08.51 Uhr landete Karol Wojtyla auf dem Köln/Bonner Flughafen. Rund 1,5 Millionen Menschen strömten zu seinen Gottesdiensten. Sieben Jahre später, bei der zweiten Deutschlandreise, war das Interesse schon spürbar geringer, die Kommentare bereits kritischer. Beim dritten Besuch im Juni 1996 schließlich war die Atmosphäre umgeschlagen - in Berlin verdüsterten gar aggressive Proteste die Szene.

Später sank die Popularität von Johannes Paul II. in Deutschland vorübergehend fast auf den Nullpunkt. Das Machtwort des Papstes 1999, die Kirche müsse sich aus der Schwangerschafts-Konfliktberatung zurückziehen, stieß weitgehend auf Unverständnis.

Respekt für Friedensaufrufe

Doch jenseits von Sexualmoral und konservativer Theologie zollen sogar "linke" Papst-Gegner Johannes Paul Respekt für seine deutlichen Friedensaufrufe, zuletzt gegen den Irak-Krieg. Auch seine Kritik an einer neokapitalistischen Globalisierung und sein Nein gegen Manipulationen am menschlichen Erbgut bringen ihm Anerkennung in Kreisen, die sonst wenig mit der Kirche zu tun haben - das Bild dieses Papstes bietet viele Facetten.

Kirchliche Reformgruppen in Deutschland kämpfen seit Jahren für einen anderen Kurs im Vatikan. Beim Kirchenvolksbegehren 1995 forderten mehr als eine Million Katholiken die Abschaffung der Ehelosigkeit für Priester (Zölibat), die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und mehr Mitsprache der Ortskirchen bei Bischofsernennungen. Doch Gehör in Rom fanden sie damit nicht.

Die anfängliche Sympathie hatte auf der menschlichen Wärme und Offenheit Johannes Pauls basiert. Der erste Schock kam bereits 1979, als der Vatikan dem Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis entzog. Dasselbe Schicksal ereilte Uta Ranke-Heinemann (1987) und Eugen Drewermann (1991). Als obersten Glaubenshüter hatte der Papst ausgerechnet Kardinal Joseph Ratzinger zum Vorsitzenden der Glaubenskongregation berufen (1981); der Konservative lässt modernen theologischen Strömungen kaum Platz.

Machtwort des Papstes

Bischofsernennungen gegen den Willen des Kirchenvolkes machten den Papst nicht gerade beliebter. Proteste gab es 1988, als er den Konservativen Joachim Meisner als Kölner Erzbischof durchsetzte. Zu einer Zerreißprobe führte schließlich das Machtwort des Papstes an die Bistümer, keine Schwangeren-Beratungsscheine mehr auszustellen. Die Scheine, Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung, seien Beihilfe zur Tötung, hieß es im Vatikan. Nach langem Lavieren beugte sich die deutsche Kirche. Unverständnis erregten im Zentralkomitee der deutschen Katholiken im September angebliche Vatikanpläne, die Regeln für Gottesdienste zu verschärfen, etwa nicht mehr Mädchen als Messdiener zuzulassen, Tänze oder Applaus zu untersagen.

Im Land Martin Luthers hat die Ökumene eine historische Dimension. Zwar setzte der Pole im Vatikan positive Zeichen. Doch Unverständnis erregte 2000 das Dokument "Dominus Iesus": Darin beharrte Ratzinger auf der Vorrangstellung der katholischen Kirche vor allen anderen Glaubensgemeinschaften. In seiner letzten Enzyklika, ausgerechnet einen Monat vor dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin, verbot Johannes Paul II. im April wegen der theologischen Unterschiede ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken.

Deutsche Kirche spürbar gestärkt

Ein Wechselbad der Gefühle erregte der Papst auch im Umgang mit dem wegen seiner Aufgeschlossenheit und Intellektualität geschätzten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann. Nach jahrelangem Zögern ernannte er den Mainzer Bischof schließlich doch noch zum Kardinal. Unter Johannes Paul II. wuchs die Zahl der deutschen Kardinäle auf neun - der Papst stärkte damit die deutsche Kirche spürbar.

Matthias Hoenig / DPA