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Zwei Nächte pro Woche: Eine Disco-Toilettenfrau über ihrem Alltag: "Entweder du triffst die Schüssel oder zahlst mir 20 Euro"

Helga Bauermann arbeitet in einer Diskothek zwei Nächte pro Woche als Toilettenfrau. Dabei ist sie auch Kummerkasten, Modeberaterin - und Erzieherin.

"Viele haben schon vorgeglüht, dann drückt das erste Mal die Blase." Eine Disco-Toilettenfrau erzählt aus ihrem Alltag (Symbolbild)

"Viele haben schon vorgeglüht, dann drückt das erste Mal die Blase." Eine Disco-Toilettenfrau erzählt aus ihrem Alltag (Symbolbild)

Getty Images

Ihre Putzhandschuhe streift Helga Bauermann pro Nachtschicht zwei- bis dreimal außerplanmäßig ab - um tröstend über einen Teenager-Rücken zu streicheln. "Besonders die Mädels sind teilweise sehr anhänglich und schütten mir weinend ihr Herz aus", sagt sie. Die 62-Jährige arbeitet seit acht Jahren jeden Freitag und Samstag in der Straubinger Diskothek "Stars" als Toilettenfrau. Sie ist dann auch Kummerkasten, Beziehungsratgeberin, Modeberaterin - und ab und an Erzieherin. 

Angenommen hat sie den Job damals wegen der guten Bezahlung. Dabei bleibt sie vor allem wegen der Kollegen und wegen des Kontakts zu den Feiernden. "Ich verdiene an zwei Abenden das, wofür manche eine ganze Woche arbeiten müssen. Und mir macht es viel Spaß mit den jungen Leuten", sagt sie. 

Die dreifache Mutter und zehnfache Oma ist gelernte Kinderpflegerin. Auch wenn sie dabei mit viel jüngeren Semestern zu tun hatte: Ihre Erfahrungen kann sie in den Disco-Nächten gut gebrauchen. Denn sie kümmert sich nicht nur um zwölf Kabinen und zehn Pissoirs, sondern ebenso um den Herz-Schmerz der Gäste. "Die meisten kennen mich schon. Am häufigsten klagen die Mädchen, dass der angehimmelte Bub mit einer anderen tanzt", sagt die 62-Jährige. "Ich nehme sie dann in den Arm und sag: "Wisch dir mal die Augen aus - am meisten kannst du ihn ärgern, wenn du so tust, als wäre nix."" 

"Das erfordert ein ganz besonderes Feingefühl" 

Dass Putzen in Feier-Locations die eigentliche Jobbeschreibung deutlich erweitern kann, weiß auch Simon Plechinger, Geschäftsführer der Bamberger Glas- und Gebäudereinigungsfirma H. Hoffmann und Mitglied im Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks. "Nicht selten geht die Tätigkeit der Servicekraft weit über die eigentlichen Aufgaben hinaus. Seelsorger, Eheberatung, Auskunft, Styleguide und das mit Kunden, die sich zu den unmöglichsten Uhrzeiten in den unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Verfassungen befinden", sagt er. "Das erfordert ein ganz besonderes Feingefühl." 

Richtig rund geht es für Bauermann ab etwa 1.00 Uhr. "Viele haben schon vorgeglüht, dann drückt das erste Mal die Blase." Hinter den Gästen herzuwischen mache ihr nichts aus. "Ich trage ja Handschuhe." Ohnehin habe sie sich die Arbeit schlimmer vorgestellt. "Man darf halt nur nicht auf den Mund gefallen sein. Die Jugend kann man teilweise noch erziehen." Sehe sie einen Mann, der sich übergeben wolle, sage sie ihm: "Entweder du triffst die Schüssel oder zahlst mir 20 Euro." Die Allermeisten träfen dann. 

Weniger treffsicher findet Bauermann die Kleiderauswahl. "Die Röcke werden kürzer, die Klamotten enger - auch bei denen, wo es nicht schön aussieht", sagt sie. Ab und an könne sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. "Die allermeisten waren über den Tipp dankbar."

Elena Koene / DPA
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