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Schiffskatastrophe: Auch 30 Jahre später gibt der "Mordbrand" auf der "Scandinavian Star" Rätsel auf

Am 7. April 1990 bricht auf der Fähre "Scandinavian Star" ein Feuer aus. 159 Menschen kommen ums Leben. Die Ursache: Brandstiftung. Bis heute ist unklar, wer das Feuer gelegt hat. Manche spekulieren, es sei die Besatzung gewesen.

Die qualmende "Scandinavian Star" im Hafen von Lysekil in Schweden

Die qualmende "Scandinavian Star" im Hafen von Lysekil in Schweden

Picture Alliance

Es soll eine Routinefahrt werden. Die "Scandinavian Star" ist mit 99 Besatzungsmitgliedern und 383 Passagieren an Bord auf dem Weg von Oslo in Norwegen in das dänische Frederikshavn. Doch für 159 Menschen wird die Fähre in der Nacht zum 7. April 1990 zur Todesfalle, als mehrere Brände auf der "Star" ausbrechen. Zwei offizielle Untersuchungsberichte zeichnen später den Verlauf der Katastrophe nach:

"Wir werden direkt in die Hölle fahren!"

Nach jahrelangem Einsatz als Kasinoschiff in der Karibik verkehrt die "Skandinavian Star" seit gerade mal einer Woche für die Reederei DaNo auf der Nordsee, als sie am 6. April gegen 21.45 Uhr in Oslo ablegt. Die Fähre, Baujahr 1971, verlässt den Hafen mit Verspätung, wie Überlebende später aussagen. Kapitän in dieser verhängnisvollen Nacht ist Hugo Larsen, ein erfahrener Seemann.

Zwischen 1.45 Uhr und 2 Uhr nachts nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Vor einer Kabine auf Deck 4 beginnt Bettwäsche zu brennen. Das Feuer kann jedoch schnell gelöscht werden. Um kurz nach 2 Uhr wird im hinteren Teil eines Korridors auf Deck 3 ein weiteres Feuer entdeckt. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Brand absichtlich gelegt wurde, so das Ergebnis der späteren Untersuchungen. Es ist dieses Feuer, das als Beginn des "Katastrophenbrandes" angesehen wird.

Kurz danach breiteten sich Flammen und giftiger Rauch sehr schnell in den Kabinenabschnitten von Deck 4 und Deck 5 und darüber hinaus im Schiff aus. Die Rezeptionistin Solveig Ekerhovd erinnert sich in der Dokumentation "Sekunden vor dem Unglück": "Drei Jungen kamen auf mich zu gerannt und sie schrien 'Es brennt!' (…) Ich sah, wie es hinter ihnen qualmte. Der Rauch war so dicht, dass ich sie kaum erkennen konnte. Und ich stand da und dachte: Damit kommen wir nicht klar! Wir werden direkt in die Hölle fahren!" Daraufhin verständigt sie die Brücke. Diese Aussage deckt sich mit den Untersuchungen.

Rauch dringt in Kabinen der "Scandinavian Star"

Gegen 2.15 Uhr ist die Brücke über den Brand informiert. Gleichzeitig werden mit dem Anruf von Ekerhovd auf den Decks 4 und 5 manuelle Feuermelder betätigt, die Alarm auf der Brücke schlagen. Kapitän Larsen gibt sofort Alarm auf dem ganzen Schiff. Die Brücke hat zu diesem Zeitpunkt zwar unvollständige Informationen über den Brand, aber diese zeigen dennoch, wie ernst die Lage ist.

Das Feuer frisst sich weiter über die Korridore auf der Fähre bis auf die Backbordseite, das Autodeck und Deck 6. Auch das Heck wird vom Brand eingenommen. Da das Lüftungssystem währenddessen abgeschaltet wird, dringt der Rauch auch in die Kabinen, wo viele Menschen schlafen. Gleichzeitig werden die Brandschutztüren von der Brücke aus aktiviert, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

"Wir hörten schreiende Menschen"

Um 2.24 Uhr funkt der Kapitän erstmals "Mayday", das internationale Notsignal auf See, und stoppt die Maschinen. Um 2.50 Uhr erreicht das Schiff "Stena Saga" die Unglücksfähre. Ein Besatzungsmitglied der "Saga" filmt die brennende "Star". Die Dokumentation "Sekunden vor dem Unglück" zeigt das Originalvideo. Es ist zu sehen, wie meterhohe Flammen aus der "Star" schlagen. Lennart Nordgren, Kapitän der "Stena Saga", beschreibt in dem Film die Szenerie: "Wir sahen, dass das gesamte Heck in Flammen stand. Wir hörten schreiende Menschen und sogar des Geräusch des Feuers selbst." Sowohl die "Stena Saga", als auch andere Schiffe, beginnen sofort mit einer Rettungsaktion.

Knapp drei Stunden später erreichen Rettungskräfte die brennende Fähre und starten mit einer Such- und Rettungsaktion. Um 6.30 Uhr folgt der Löscheinsatz. Gegen Mittag wird schließlich damit begonnen, das immer noch brennende Schiff in den schwedischen Hafen Lysekil zu schleppen. Als die Fähre dort um circa 21.20 Uhr ankommt, brennt sie noch immer. Immer wieder flammen die Feuer neu auf. Erst am Sonntag, den 8. April, gegen 16 Uhr ist die "Skandinavian Star" vollständig gelöscht – nach 38 Stunden.

Ein Feuerwehrmann schildert in "Sekunden vor dem Unglück", was er innerhalb der brennenden Fähre gesehen hat: "Es war wie der Vorhof zur Hölle. Überall auf den Fluren lagen Menschen herum. Wir traten Türen ein, um noch in andere Räume zu gelangen. Da lagen Menschen in ihren Betten, in den Toiletten, in den Duschräumen. Wir haben dort 71 Opfer gezählt."

Von den insgesamt 159 Toten starben 125 an einer Kohlenmonoxidvergiftung. 

Die abgebrochene Bugklappe der "Estonia"

Hochentzündliche Wände, Alarm zu leise

Wie konnten sich Rauch und Feuer so schnell ausbreiten? Eine Ursache waren die Wandverkleidungen im Inneren des Schiffes. Diese bestanden aus Kunststofflaminat oder aus PVC. "Während des Brandes entwickelte das Kunststofflaminat große Mengen Rauch, die die Sicht behinderten, und giftige Gase – was dazu führte, dass eine große Anzahl von Passagieren nicht entkommen konnte", so das Untersuchungsergebnis. Die Ermittler stellten zudem fest, dass die Wandverkleidungen und die Farbe hochentzündlich waren.

Zudem waren laut der Dokumentation "Sekunden vor dem Unglück" nicht alle Brandschutztüren, die manuell aktiviert werden mussten, geschlossen. Außerdem soll eine offene Brandschutztür zum Wagendeck – auf dem sich Ventilatoren zur Belüftung befunden hätten – den Brand buchstäblich durch die Treppen und Korridore gesogen haben. Das Abstellen der Belüftung im Schiff habe das nicht mehr Verhindern können, heißt es in dem Film. Auch die Alarmsignale an Bord sollen für viele Menschen, die sich in ihren Kabinen befanden, zu leise gewesen sein. Ebenso soll die Anordnung der Flure und Kabinen im Heck bei fliehenden Passagieren womöglich für Verwirrung gesorgt haben. 

Hat die Besatzung das Feuer gelegt?

Erschwerend soll den Filmemachern zufolge hinzugekommen sein, dass nicht ausreichend kompetentes Personal auf der "Scandinavian Star" arbeitete und viele Besatzungsmitglieder weder Englisch noch eine skandinavische Sprache beherrschten. Die Fähre sei auch zu früh für den Liniendienst eingesetzt worden, heißt es. Das Personal auf dem Schiff sei unter anderem nicht ausreichend ausgebildet gewesen, urteilten Experten. 

Zur Ursache der Katastrophe stellten die Untersuchungsberichte fest: Es war Brandstiftung. In Norwegen und Dänemark wird im Zusammenhang mit dem Feuer von "Nordeuropas größtem Mordbrand" gesprochen. Die norwegische Polizei identifizierte zuerst einen dänischen Lastwagenfahrer als möglichen Täter, wie der dänische Sender TV2 berichtete. Insgesamt gab es nach Angaben der Ermittler sechs Brände. Letzterer sei sogar nach der Ankunft des Schiffes in Lysekil ausgebrochen, höchstwahrscheinlich durch Brandstiftung. Der Lkw-Fahrer soll demnach schon beim zweiten Brand gestorben sein. Daher könne er nicht die anderen Brände gelegt haben. Es sei sogar unwahrscheinlich, dass er die ersten beiden Brände gelegt habe. Die Vorwürfe gegen ihn wurden später fallen gelassen.

Eine Theorie besagt, dass die Besatzung den Brand gelegt oder das Schiff sabotiert haben könnte. Laut einem Bericht der norwegischen Zeitung "VG" aus dem Jahr 2013 war die "Scandinavian Star" mit 24 Millionen US-Dollar versichert – mehr als doppelt so hoch wie der Kaufpreis. Dies sorgte für Spekulationen, dass es sich um einen Fall von Versicherungsbetrug gehandelt haben soll.

2014 wurden in Norwegen wieder Ermittlungen aufgenommen, wie die Nachrichtenseite "The Local" berichtete. 2015 entschied das norwegische Parlament, die Verjährungsfrist für Brandstiftung mit Todesfolge ("Mordbrand") aufzuheben, um zukünftige Ermittlungen möglich zu machen. Nur ein Jahr später wurde der Fall der "Scandinavian Star" wieder zu den Akten gelegt. Es habe keine neuen Beweise gegeben, die zu Anklagen wegen Brandstiftung hätten führen können, hieß es. 

"Das war Sabotage!"

Ein ehemaliger Ermittler nährte die Vorwürfe gegen die Besatzung noch weiter: Flemming Thue Jensen behauptete in einem Fernsehinterview im Jahr 2016, es habe Sabotage an Bord gegeben: "Daran gibt es keinen Zweifel. Das war eine absichtliche Handlung." Und sie sei nicht nur absichtlich, sondern auch geplant gewesen, so Jensen. So seien seinen Angaben nach Türen derart sabotiert worden, dass sie sich nicht hätten schließen lassen. Seiner Meinung nach, hätten zwei Crewmitglieder die Brände gelegt.

Vorwürfe, wonach Hydraulikrohre sabotiert wurden und Diesel als Brandbeschleuniger benutzt wurde, wurden jedoch entkräftet. Die norwegische Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass das Feuer an Bord weder durch Öl aus einer sabotierten Leitung noch durch Diesel befeuert wurde. Die Kommission fand auch keine Anhaltspunkte für eine Sabotage von Löschpumpen oder der Löscharbeiten durch Schließen der Türen durch die Besatzung.

Auch wenn der oder die Schuldigen bis heute nicht gefunden wurden, hatte der Brand Konsequenzen für die Schifffahrt im Allgemeinen. Die "International Maritime Organization" verabschiedete 1992 neue Brandschutzregeln für Schiffe, wie etwa Sprinkler- und Rauchmeldesysteme und verbesserte Brandschutztüren. So konnten aus der Katastrophe von 1990 wenigstens Schlüsse gezogen werden, die solche verheerenden Brände wie auf der "Scandinavian Star" verhindern sollen.

Quellen: Untersuchungsbericht "'Scandinavian Star'- ulykken, 7. april 1990" (1991), Untersuchungsbericht "Rapport til Stortinget fra Stortingets granskingskommisjon for brannen på Scandinavian Star" (2017), Sweco-Bericht (2009), norwegisches Parlament, Dokumentation "Sekunden vor dem Unglück", TV2 (Dänemark), TV2 (Norwegen), "VG", International Maritime Organization, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "The Local"