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Schiffsunglück vor 30 Jahren: Fähre mit 300 Passagieren auf dem Weg nach England – plötzlich ist Blut auf der Tanzfläche

Trotz stürmischer Nacht hoffen die Passagiere an Bord der "Hamburg" auf eine sichere und bequeme Schiffsreise nach England. Doch plötzlich erschüttert ein mächtiger Stoß die Fähre. Kurz vor dem Fall der Mauer kommt es zu einer Tragödie auf der Nordsee.

Mit schweren Beschädigungen, aber aus eigener Kraft, erreicht die "Hamburg" am Morgen des 9. November 1989 Bremerhaven

Mit schweren Beschädigungen, aber aus eigener Kraft, erreicht die "Hamburg" am Morgen des 9. November 1989 Bremerhaven

DPA

Es ist eine klare, aber stürmische Nacht auf der Nordsee, als die England-Fähre "Hamburg" am 8. November 1989 von einem Frachter gerammt wird. Bei dem Unglück vor 30 Jahren kommen drei Passagiere ums Leben: zwei 38-jährige Briten und ein 28-jähriger Hamburger. Acht weitere Menschen auf der "Hamburg" werden schwer, zwölf leicht verletzt. 

Der Zusammenstoß um 22.16 Uhr ist so heftig, dass in die Außenwand der Fähre ein mehr als 20 Meter langes Loch gerissen wird. Ein Passagier der "Hamburg" wird bei dem Aufprall auf das Vorderdeck des Frachters geschleudert, wie die Hamburger Wasserschutzpolizei später berichtet. Die Zerstörung reicht bis in den luxuriösen Musiksalon. Auf der Tanzfläche sind nach dem Unglück große Blutlachen zu sehen. 

Blick in den zerstörten Musiksalon der "Hamburg"

Blick in den zerstörten Musiksalon der "Hamburg"

DPA

Die Hauptschuld liegt bei der "Hamburg"

Die 165 Meter lange Fähre war mit rund 300 Passagieren auf dem Weg von Hamburg nach Harwich in England unterwegs. Nach dem Zusammenstoß helfen Schiffe der Bundesmarine und ein Seenotrettungskreuzer bei der Bergung der Opfer. Rettungshubschrauber starten von Helgoland und Sylt und fliegen die Verletzten ins Krankenhaus. 

Trotz des großen Schadens kann die Fähre noch Bremerhaven erreichen, weil das Loch über der Wasserlinie liegt. Auch der eingedrückte, am Bug sogar aufgerissene Frachter "Nordic Stream" kann weiterfahren und erreicht sein Ziel Hamburg. Das Schiff hatte im schwedischen Göteborg abgelegt. 

Warum der Frachter mit voller Fahrt die Fähre rammte, war für die Behörden zunächst unerklärlich. Beide Schiffe seien mit Radar überwacht und über Funk auf die Kollisionsgefahr hingewiesen worden, sagt ein Polizeisprecher. Knapp drei Monate später gibt das Bremerhavener Seeamt die Hauptschuld der Schiffsführung der "Hamburg". 

Zum Unglückszeitpunkt seien weder der Kapitän der Fähre noch der Schiffsführer des Frachters auf der Brücke gewesen. Der dänische Wachoffizier der "Hamburg" habe nicht mit allen verfügbaren Mitteln auf die mögliche Gefahr geachtet und die Radaranlagen nicht richtig gebraucht, heißt es. Außerdem sei die England-Fähre ihrer Ausweichpflicht nicht nachgekommen. Gegen den Wachoffizier wird ein einjähriges Fahrverbot verhängt. 

Die Nachricht vom Schiffsunfall geht etwas unter – weil zeitgleich der Mauerfall stattfindet?

Eine Mitschuld trifft auch das Wasserschifffahrtsamt Wilhelmshaven. Der diensthabende Nautiker habe die "Hamburg" zwar über Funk gewarnt, aber zunächst den Kanal gewechselt. Vielleicht liegt es am Fall der Berliner Mauer nur einen Tag nach dem Unglück auf der Nordsee, dass das Ereignis keinen besonders großen Niederschlag in den Medien findet. 

Nach der Reparatur kann die Fähre kurz vor Weihnachten 1989 wieder den Dienst aufnehmen. Sie bleibt nicht von weiteren, kleineren Unglücken verschont. Im Februar 1991 rammt sie ein Küstenmotorschiff auf der Elbe vor Hamburg-Teufelsbrück, im August 1992 streift sie bei Stade (Niedersachsen) einen Poller. Ursache ist in beiden Fällen ein Ausfall der Maschine. Im Oktober 1991 stirbt beim Anlegen in Altona ein 58 Jahre alter Festmacher.

1997 nennt die Reederei DFDS ihr Schiff in "Admiral of Scandinavia" um. Die Zahl der Passagiere geht zurück. Am 28. Februar 2002 legt es das letzte Mal in Hamburg ab. Kurze Zeit fährt das Schiff noch von Cuxhaven aus nach Harwich. Doch auch diese Verbindung, zuletzt noch mit dem neuen Schiff "Duchess of Scandinavia" betrieben, stellt die DFDS am 6. November 2005 ein - fast genau 16 Jahre nach dem verheerenden Unglück bei Helgoland.

mik / DPA