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Seeleute werden zu Flüchtingsrettern "Unsere Besatzungen sehen Menschen sterben"


Seeleute an Bord von Handelsschiffen erleben, wie schlimm die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer wirklich ist. Tagtäglich müssen sie Schiffbrüchige retten. Die Männer geraten an ihre Grenzen.

Bloß nicht das südliche Mittelmeer! Es ist eine eindringliche Bitte, die immer häufiger an deutsche Reeder gerichtet wird. So mancher Seemann weigert sich inzwischen schlicht, die Handelsrouten vor der nordafrikanischen Küste zu befahren. Die Männer wissen, was sie dort erwartet: Menschen in kaum seetüchtigen Booten; ausgezehrt, hungernd, dehydriert, unterkühlt. "Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben; sie ertrinken vor unseren Augen oder erfrieren an Bord", berichtet der Hamburger Reeder Christopher Opielok. Viele der Seeleute sind am Ende ihrer Kraft. Sie suchen sich einen anderen Job.

Denn auf das, was sie tagtäglich leisten müssen, sind die Seemänner nicht vorbereitet: Rettungseinsätze, die die Behörden seit dem Ende des italienischen Marinenotprogramms "Mare nostrum" nicht mehr leisten können. Rettungseinsätze, zu denen die Handelsschiffer daher von offizieller Seite herangezogen werden und zu denen sie nach dem Seerecht verpflichtet sind. Nicht weniger als 40.000 Flüchtlinge haben Handelsschiffe im vergangenen Jahr aus akuter Seenot gerettet. Die Reederverbände befürchten einen dramatischen Anstieg - und die jüngsten Ereignisse im Mittelmeer scheinen ihnen Recht zu geben. Allein die beiden Schiffe, die Reeder Opielok vor der libyschen Küste regelmäßig im Einsatz hat, haben rund 1500 Flüchtlinge aus untergehenden Booten gerettet - seit Dezember!

Zwölf Mann Besatzung, Hunderte Flüchtlinge

Kein Wunder, dass die europäischen und Weltverbände der Reeder sowie die Gewerkschaft der Seeleute an die 28 EU-Regierungen einen dramatischen gemeinsamen Appell gerichtet haben. Wenn Tausende weitere Opfer vermieden werden sollten, müssten die EU-Staaten zusätzliche finanzielle Mittel bereitstellen und die finanzielle Bürde teilen, heißt es da. In einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte der Verband Deutscher Reeder (VDR) als Soforthilfe eine Art Luftunterstützung für seine Schiffe, durch die medizinische Einsatzkräfte den Seeleute bei den Rettungsaktionen helfen könnten.

Eine verständliche Forderung angesichts der Situationen, in die die ungeschulten Seemänner derzeit immer wieder geraten. Die Handelsschiffe sind im Mittelmeer mit im Schnitt zwölf Mann Besatzung unterwegs. Diese Schiffe müssen zum Teil Hunderte Flüchtlinge aufnehmen, wollen sie nicht etliche Menschen in höchster Not zurücklassen. Es fehlt an allem: Platz, sanitären Einrichtungen, Proviant, Medizin, Essen und Trinken und Erster Hilfe. "Manche Flüchtlinge erfrieren innerhalb von Minuten an Deck, nachdem wir sie unterkühlt aus dem Wasser gezogen haben", berichtet Reeder Opielok.

Dass die Seeleute so häufig auf Schiffbrüchige treffen, ist nicht nur der schieren Masse an Flüchtlingen geschuldet. Die Schlepper steuern ihre Boote gezielt in die Öl- und Gasfelder vor der libyschen Küste. "Dort ist der Schiffsverkehr am dichtesten", berichtet Reeder Opielok. Dann alarmieren die Flüchtlinge die italienische Küstenwache, die das nächstgelegene Schiff zu den seeuntüchtigen Booten dirigiert. "Das sind echte Notrufe, denn die Menschen sind in Lebensgefahr", sagt Opielok. Schlepper und Fluchthelfer machen sich also die zivile Schifffahrt zunutze. Eine einzelne Rettungsmission kann bis zu 24 Stunden dauern. Zeit, in der die Reeder ihren eigentlichen Vertragspflichten nicht nachkommen können. Im konkreten Fall beeinträchtigt das auch die Versorgung und Sicherheit der Ölplattformen vor der afrikanischen Küste.

"Unsere Seeleute und die italienische Küstenwache leisten großartige Arbeit, indem sie täglich Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten", stellt Ralf Nagel, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Reederverbandes, fest. "Die Reedereien treffen Vorsorge, etwa durch zusätzlichen Proviant, Decken und Medikamente an Bord. Aber das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe ist so dramatisch, dass unsere Seeleute an ihre körperlichen und psychischen Grenzen stoßen." Die EU-Regierungschefs müssten mehr staatliche Rettungsmittel einsetzen und schnellstmöglich Lösungen finden, um des Flüchtlingsstroms über das Mittelmeer Herr zu werden. Darüber, wie das konkret geschehen soll, debattiert Europa angesichts des Dramas vom vergangenen Sonntag trefflich.

dho/mit DPA

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