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Überlebender berichtet: Schlepper sperrten Flüchtlinge im Laderaum ein

Es ist wohl die bisher schlimmste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. 950 Menschen sollen beim jüngsten Schiffsunglück vor Libyen gestorben sein, berichtet ein Zeuge. Viele seien eingesperrt worden.

Rettungsoperation vor der libyschen Küste: Zahl der Opfer könnte deutlich höher sein als vermutet

Rettungsoperation vor der libyschen Küste: Zahl der Opfer könnte deutlich höher sein als vermutet

Im Mittelmeer reiht sich eine Tragödie an die nächste: Bei dem neuerlichen Untergang eines Flüchtlingsboots sind nach Angaben eines Augenzeugen womöglich noch mehr Menschen ums Leben gekommen als bislang angenommen. Wie die Staatsanwaltschaft von Catania auf Sizilien mitteilte, sprach ein Überlebender des Unglücks aus Bangladesch von 950 Menschen an Bord des Schiffes, das in der Nacht zum Sonntag rund 110 Kilometer vor der Küste Libyens gekentert war.

Bis zum Abend konnten 28 Überlebende gerettet und 24 Leichen geborgen werden. Offizielle Angaben zur Zahl der Vermissten gab es jedoch nicht. Das zweite schwere Unglück im Mittelmeer innerhalb von nur einer Woche löste heftige Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik aus.

"Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte der aus Bangladesch stammende Überlebende. Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus gebracht worden war.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte unter Berufung auf die Aussage von Überlebenden angegeben, an Bord des 20 Meter langen Fischkutters seien rund 700 Menschen gewesen. Lediglich 28 Flüchtlinge konnten demnach gerettet werden, dennoch suchten Helfer weiter nach Überlebenden. UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami sagte dem TV-Sender RAInews24, sollten sich diese Angaben bestätigen, wäre es das "schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde".

Hilfsmission "Mare Nostrum" eingestellt

Bei der Fahrt über das Mittelmeer kommen immer wieder Flüchtlinge ums Leben. Das bislang schwerste Unglück ereignete sich im September, als vor der Küste von Malta schätzungsweise 500 Flüchtlinge starben. Das jüngste Unglück vor Libyen wirft erneut ein Schlaglicht auf die EU-Flüchtlingspolitik. 2014 war die italienische Hilfsmission "Mare Nostrum" eingestellt worden. Hintergrund war ein Streit in der EU, ob solche Missionen ungewollt noch mehr Flüchtlinge zur Überfahrt ermutigen.

Die sich häufenden Unglücke setzen die EU unter Handlungsdruck. Anlässlich der Beratungen der EU-Außenminister über ihre Flüchtlingspolitik in Luxemburg wurden Forderungen nach einer humaneren und an den Wurzeln ansetzenden Flüchtlingspolitik laut. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief "die internationale Gemeinschaft zu Solidarität und Lastenverteilung angesichts dieser Krise" auf. Das Mittelmeer habe sich zur "weltweit tödlichsten Route" von Flüchtlingen entwickelt, ließ er in New York erklären. Die Regierungen müssten nun nicht nur die Rettungseinsätze auf hoher See verbessern, sondern auch "das Asylrecht für die wachsende Zahl von Menschen sicherstellen". UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres forderte einen "robusten Seerettungseinsatz" und legale Einreisemöglichkeiten in der EU.

"Benötigen legale Einwanderung"

Der Sprecher von Polens Regierungschef Donald Tusk sagte, der EU-Ratspräsident erwäge die Abhaltung eines EU-Krisengipfels und führe dazu derzeit Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs. Zuvor hatte bereits Italiens Regierungschef Matteo Renzi einen solchen Gipfel gefordert. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy warnte, Europa beschädige seine Glaubwürdigkeit, wenn es solche Flüchtlingstragödien nicht verhindere.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) forderte ein grundlegendes Umsteuern bei der europäischen Flüchtlingspolitik. "Wir können nicht an dem Symptom weiter herumdoktern, sondern müssen erkennen, dass wir ein Einwanderungsgebiet sind und eine legale, geordnete Einwanderungspolitik benötigen", sagte Schulz dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Er machte die EU-Mitgliedstaaten verantwortlich, dass sich hier bislang nichts bewegt habe.

Auch in Deutschland forderten zahlreiche Politiker Konsequenzen aus den wiederkehrenden Flüchtlingstragödien vor den Küsten der EU. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: "Europa darf nicht länger die Augen verschließen vor der Gefahr, dass das Mittelmeer zum Massengrab wird." Die EU müsse nun rasch "eine maritime Rettungstruppe aufstellen".

lie/nik/AFP/DPA / DPA