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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Tote Flüchtlinge - eine Schande für Deutschland

Tausende ertrinken zwischen Afrika und Europa. Und unsere Politiker? Sie reagieren mit beamtenhafter Routine. Von der Kanzlerin bis zum Innenminister findet niemand auch nur die richtigen Worte.

Eine Empörung von Tilman Gerwien

Rettungsversuch eines gekenterten Flüchtlingsbootes Mitte April

Rettungsversuch eines gekenterten Flüchtlingsbootes Mitte April

Die Fischer, die mit ihren Booten an die Unglücksstelle geeilt sind, fanden keine Überlebenden mehr. Nur Kinderschuhe, Kleider, Rucksäcke trieben noch im Mittelmeer. Die Toten wurden in eine Leichenhalle auf Malta gebracht. Der Chef der Leichenhalle bat die Einwohner um Blumenspenden: "Wir konnten ihnen kein besseres Leben bieten. Lasst uns ihnen also eine würdige Beisetzung bereiten. Sie sind Menschen. Sie verdienen das." So steht es heute in der "Bild"-Zeitung. Man muss schwer schlucken, wenn man das liest.

"Sie sind Menschen. Sie verdienen das." Warum eigentlich findet der Chef einer Leichenhalle auf Malta bessere Worte für das, was sich im Mittelmeer derzeit abspielt, als unsere Politiker? Vor der griechischen Ferieninsel Rhodos ist ein weiteres Boot mit Flüchtlingen verunglückt. Unter den Toten war auch ein Kind. Es war erst vier Jahre alt. Auf einem Foto kann man sehen, wie die Retter den kleinen, leblosen Körper an Land bringen. Seine rot-weiße Wollmütze, die es gegen die Kälte schützen sollte, trägt das Kind noch auf dem Kopf. Aus seinen Kleidern tropft das Meerwasser.

Da treibt ein totes Kind im Meer

Wir haben eine Kanzlerin, die als die mächtigste Frau des Kontinents gilt. Wir haben einen Innenminister, der für die Flüchtlingspolitik zuständig ist - aber sie finden nicht die richtigen Worte für das, was vor unser aller Augen passiert: eine Katastrophe von biblischem Ausmaß. Und eine Schande für Europa.

Die Kanzlerin hat viel zu tun mit den Schuldenmachern aus Griechenland. Thomas de Maizière, der Innenminister, sagte vor ein paar Tagen, noch vor der jüngsten Katastrophe, aber als schon Hunderte, Tausende elend ersoffen waren, man könne nicht jeden aufnehmen, der über das Mittelmeer nach Europa komme. "Das wäre Beihilfe für das Schlepper-Unwesen."

Thomas de Maizière ist Mitglied einer Partei, die das "C" im Namen führt. Er ist gläubiger evangelischer Christ. Er ist zudem ein hochgebildeter Mann. Er weiß, dass dieses Meer die Wiege der abendländischen Zivilisation ist, auf die wir so stolz sind, Jahrtausende alter Kulturraum. Und in diesem Meer lassen jetzt kleine Kinder ihr noch ungelebtes Leben. De Maizière aber redet von "Beihilfe für das Schlepper-Unwesen". Er redet wie ein Staatsanwalt, wie ein reiner Polizeiminister. Aber er ist doch auch Flüchtlingsminister, Einwanderungsminister, im weitesten Sinne: Gesellschaftsminister.

Er hätte auch sagen können: Das darf nicht wahr sein, das hat Gott nicht gewollt. Dass wir so mit seinem wunderbaren Geschenk des Lebens umgehen. Dass kleine Kinder tot im Meer treiben, wie Abfall.

Alle sind gerade schwer beschäftigt

Und Ursula von der Leyen, unsere Verteidigungsministerin? Sonst doch immer zuständig, wenn es um das ganz große Gefühl in der Politik geht? Sie ist Herrin über einen Einsatzverband der Marine, der demnächst im Rahmen der Nato-Operation "Active Endeavour" im Mittelmeer Terroristen jagen soll: zwei Fregatten, auf denen auch Hubschrauber landen können, dazu der Einsatzversorger "Berlin", eine Art schwimmendes Notkrankenhaus. Ideal geeignet für eine zumindest vorläufige Seenotrettungsaktion im Mittelmeer. Aber Ursula von der Leyen ist ja gerade schwer beschäftigt mit ihrem Gewehr G36, das bei Erwärmung nicht geradeaus schießt.

Überhaupt sind alle gerade schwer beschäftigt in einem der reichsten Länder der Welt. Keiner findet die richtigen Worte, keiner erklärt das Drama, das wir jeden Abend in der "Tagesschau" vorgeführt bekommen, zur "Chefsache". Keiner fordert eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages.

Die Toten im Mittelmeer sind eine Schande für Deutschland.