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Rechte Verschwörungsideologie "Es gibt keinen Plan, keinen Q, nichts": Bidens Vereidigung lässt QAnon-Anhänger verwirrt und frustriert zurück

"Trust the Plan": Vielen QAnon-Anhängern fällt es zunehmend schwer, an die rechte Verschwörungsideologie zu glauben
"Trust the Plan": Vielen QAnon-Anhängern fällt es zunehmend schwer, an die rechte Verschwörungsideologie zu glauben
© Robin Rayne / Picture Alliance
Es sollte der Tag der Abrechnung mit den Eliten des angeblichen "Deep States" werden – stattdessen wurde Joe Biden als US-Präsident vereidigt. Für Anhänger der rechten QAnon-Ideologie brach eine Welt zusammen, Frust und Ernüchterung sind groß.

Es ist nicht so, dass die Anhänger der rechtsextremen Verschwörungsideologie QAnon ungeübt darin wären, flexibel auf Ereignisse zu reagieren, die Anführer "Q" anders vorausgesagt hat. Traf eine Prophezeiung in den letzten Jahren mal wieder nicht ein, deutete die Bewegung dies stets fantasievoll um, bis alles wieder Sinn ergab. So saß auch der Glaube tief, dass der 20. Januar 2021 nicht der Tag der Amtseinführung Joe Bidens als neuer US-Präsident werden würde, sondern der Tag des "großen Erwachens". War er nicht und nun ist die Ernüchterung groß.

Von nicht weniger als einer Art apokalyptischen Abrechnung mit den Eliten des angeblichen und so verhassten "tiefen Staates" war im Vorfeld, und auch noch am Tag der Inauguration selbst in Foren, Telegram-Gruppen und anderen Netzwerken die Rede. User fabulierten darüber, wie Donald Trump das Kriegsrecht ausrufen und so im Amt bleiben würde. Wie es in der Folge zu Massenverhaftungen und zur Zerschlagung pädophiler Ringe käme. Ganz Extreme stellten sich auf Hinrichtungen ein.

"Es gibt keinen Plan, keinen Q, nichts"

Stattdessen aber mussten die Anhänger live mit ansehen, wie ein entmachteter Donald Trump friedlich das Weiße Haus verließ und Joe Biden offiziell als US-Präsident vereidigt wurde. Kein Staatsstreich, keine Verhaftungen, nichts. All dies ließ bei manchem Anhänger Zweifel an der Bewegung, an "Qs Plan" aufkommen. Verwirrung, Ernüchterung und auch Wut machten sich breit.

"Ich habe wirklich das Gefühl, dass jetzt nichts mehr passieren wird. Ich bin am Boden zerstört", schrieb ein verunsicherter Anhänger auf Telegram. "Es ist jetzt offensichtlich, dass wir reingelegt wurden. Es gibt keinen Plan, keinen Q, nichts", hieß es an anderer Stelle. Ein User bekundete, er fühle sich "krank, angewidert und enttäuscht". Wieder ein anderer teilte mit, er könne nicht aufhören zu weinen. Und weiter: "Scheiße. Warum?".

Jake A. – "QAnon Schamane"

In der Welt von QAnon herrsche aktuell große Trauer und Verwirrung, bestätigte Mike Rothschild, Forscher im Bereich Desinformation und Buchautor, gegenüber dem US-Magazin "Politico". Viele Anhänger hätten das Gefühl, Q habe sie aufgegeben, so Rothschild. An ein baldiges Ende der Bewegung glaubt der Experte jedoch nicht. Vielmehr werde die Unsicherheit schnell einer Entschlossenheit weichen, "den eingeschlagenen Weg fortzusetzen".

QAnon spinnen ihre Ideologie neu weiter

Tatsächlich bemühten sich besonders loyale Anhänger schnell, die Ereignisse im Sinne der eigenen Ideologie zu interpretieren. Trump sei nur zur eigenen Sicherheit ausgeflogen worden, lenke das Land aber weiterhin als US-Präsident aus dem Schatten heraus, lautete eine abstruse Erklärung. Andere meinen, die Aufzeichnung von Bidens Vereidigung sei ein Fakevideo, weil der Demokrat längst hinter Gittern säße. Ein anderer Anhänger behauptete, Trump und Biden würden schon länger zusammenarbeiten, um den "Deep State" gemeinsam auszuhöhlen. Letzterer werde es auch sein, der das Militär schon bald gegen die vermeintlichen Verräter mobilisiere. Die Realität akzeptieren? Vielen fällt das schwer.

"Trump hat gesagt: Das Beste wird noch kommen. Ich gebe nicht auf", schrieb ein Q-Fan, dem auf Telegram fast 35.000 User folgen – darunter inzwischen wohl auch zahlreiche Trolle, die sich über die getäuschten QAnon-Anhänger lustig machen wollen. Die Entscheidung, ob man weiter an Q und Trump glaube, müsse jeder für sich treffen, so der Kanalbetreiber. Allen, die genug hätten, legte er nahe, ihm nicht mehr zu folgen. 

In Ron Watkins, langjähriger Administrator der auch für die Verbreitung der QAnon-Ideologie wichtigen Plattform 8kun, hat die Bewegung offenbar einen nicht unbedeutenden Unterstützer verloren. "Wir haben alles gegeben", schrieb er nun an seine knapp 120.000 Telegram-Follower gerichtet. "Wir haben einen neuen Präsidenten vereidigt und es liegt in unserer Verantwortung als Bürger, die Verfassung zu respektieren, unabhängig davon, ob wir mit den Einzelheiten einverstanden sind oder nicht." Man müsse jetzt den Kopf hochhalten und so gut es gehe ins normale Leben zurückkehren, so Watkins. 

QAnon-Experte Rothschild bezweifelte, dass sich große Teile der Anhängerschaft dieser Sicht anschließen werden, zumal unklar, ob wirklich ernst gemeint. "Ich denke, diese Menschen haben in ihren Familien und in ihrem Privatleben zu viel aufgegeben und zu viel geopfert", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Reuters. Zu hoffen wäre es – und sei es nur für den Familienfrieden.

Quellen: Reuters / "Politico" / Telegram

mod

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