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Reportage

Nazi-Demo: Chemnitz: Abendspaziergang in Bürgerkriegsatmosphäre

Radikal ist hier normal. Nazis, Hooligans, Pegida-Aktivisten übernehmen bei der Trauerkundgebung in Chemnitz für Stunden die Kontrolle über ein Areal in der Innenstadt. Vom staatlichen Gewaltmonopol bleibt an diesem Abend nicht viel übrig.

Demonstrationen: stern-Reporter in Chemnitz: Einschätzung von vor Ort über eine Stadt im Chaos

"Der Einsatz verlief nicht störungsfrei", wird ein Polizeisprecher hinterher sagen – das ist eine mehr als freundliche Umschreibung für das, was gestern Abend in geschah.

Tausende Rechte übernahmen für Stunden die Kontrolle über das Areal der Innenstadt. Nazis, Hooligans, -Aktivisten, Schlägertypen aller Couleur, viele mit dunkler Sonnenbrille und Basecap teilvermummt, zogen durch die Straßen.

Es waren ihre Straßen. Es war besser, sich unauffällig zu verhalten. Es war besser, nicht die falsche Hautfarbe zu haben.

Es war mitten in .

Es ist gegen 20 Uhr, als die Lage auf der vom rechten Bündnis "Pro Chemnitz" angemeldeten "Trauerkundgebung" für den am Wochenende durch Messerstiche zu Tode gekommenen Daniel H. (35) erstmals eskaliert. Steine und Flaschen fliegen plötzlich durch die Luft, Bengalos werden abgefackelt. Ein Mann mit blutüberströmtem Gesicht sucht Zuflucht bei der Polizei. Tausende Aktivisten der rechten Szene sind aufmarschiert, nur durch eine breite Straße und ein Dutzend Polizeifahrzeuge von linken Gegendemonstranten getrennt. Ein rechtes Überfallkommando attackiert urplötzlich Schaulustige und Reporter, die auf einer Böschung oberhalb des Demo-Ortes das Geschehen beobachten wollen.

Polizei: "Wir brauchen Handlungsabstand!"

Die bringt zwei Wasserwerfer in Stellung, fordert per Megaphon auf, derartige "Handlungen "unverzüglich zu unterlassen", rückt mit Mannschaftsketten vor. Ein Polizeiführer bittet Fotografen und Kamerateams, den Rückzug anzutreten: "Wir brauchen Handlungsabstand! Bitte, halten sie Handlungsabstand ein!"

Nach Tod eines 35-Jährigen: Verletzte bei neuen Ausschreitungen in Chemnitz

Sechs Verletzte sind zu beklagen. Aus Polizeikreisen ist danach zu hören, man habe die Lage wohl unterschätzt. Mit so vielen Teilnehmern aus dem rechten Spektrum, das in Sachsen machtvoll ist, tief gestaffelt und vielfältig, habe man nicht gerechnet.

Das ist erstaunlich, denn längst ist klar, dass der Todesfall von Chemnitz wie ein Brandbeschleuniger wirkt in der rechten Szene. Nationalistische Kameradschaften, Hooligans, versprengte NPDler – alle sind wie elektrisiert. Dringend verdächtig, die Bluttat begangen zu haben, sind zwei junge Migranten, ein Syrer und ein Iraker. Flüchtlinge erstechen einen braven, anständigen deutschen Staatsbürger: Das passt, das fällt voll ins rechte Wahrnehmungs-Raster. Das ist das, was die hundertfachen sexuellen Silvester-Übergriffe auf der Kölner Domplatte waren: Bestätigungs- und Mobilisierungserlebnis für ein Milieu, dem die ganze Richtung nicht passt, für das "Merkel-muss-weg"-Deutschland.

Dass das Mordopfer dunkelhäutig war, nach ersten Erkenntnissen wohl kubanischer Abstammung, und damit in der Pogrom-Atmosphäre von gestern Abend selber um sein Leben hätte fürchten müssen? Interessiert hier keinen. Im Gegenteil: Es dient als Beleg dafür, dass man ja "eigentlich" gar nichts habe gegen Menschen mit ausländischen Wurzeln.

So entsetzt reagieren die Menschen auf die Proteste in Chemnitz.

"Daniel war ein großartiger Mensch, aber jetzt ist er ein Held!", ruft der Redner von Pro Chemnitz ins Mikro. Hinter ihm blickt in bronzener Reglosigkeit der massige Schädel des Karl-Marx-Monuments auf die düstere Szenerie. Der Inhaber des "Dürüm Döner" hat seinen Imbiss lieber geschlossen. Eine junge, mutige dunkelhäutige Frau liefert sich nahe der Demo ein Wortgefecht: "Ich bin Deutsche wie Du, Du Arschloch! Und jetzt: Abmarsch!"

"Heute werden wir uns noch auf Worte beschränken"

"Eine Kundgebung von dieser Größe hat es in der Stadt nicht gegeben seit 89", jubelt währenddessen der "Pro Chemnitz"- Redner. Und macht sich lustig darüber, dass am Sonntag bei der Hatz auf Ausländer in der Chemnitzer Innenstadt "ein paar Asyltouristen die Beine in die Hand nehmen mussten". Er droht, dass man einen Hund auch nicht ewig treten könne. Irgendwann werde "der Moment kommen", wo der Hund zurückbeißt. Es gehe um Worte und Taten. Heute werde man sich "zunächst noch auf Worte beschränken".

"Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat", steht auf den schwarzen T-Shirts eines Trauermarschierers, "Sachsen Division" auf dem eines anderen. Die Marschsäule bewegt sich jetzt durch die Innenstadt, die Polizei wird immer nervöser. "Geh zurück! Geh jetzt zurück auf Deine Scheiß-Demo!", brüllt ein Polizist einen rechten Aktivisten an, der mit dunkler Sonnenbrille vor dem Demozug herumtänzelt, sich ständig provozierend ans Gemächt fasst und den klaren Frontverlauf stört.

 Aber von klaren Fronten kann in Chemnitz ohnehin nicht mehr die Rede sein. Vorne marschiert der harte Kern, hinter einem Transparent mit der Aufschrift "Kein Zutritt für Terror!" Dahinter aber: Männer mittleren Alters, erstaunlich viele Frauen. Manche Paare haben ihre Kinder mitgebracht. Einige schwenken schwarz-gelbe Fahnen, auf denen steht: "Refugees NOT welcome".

Die bürgerliche Mitte und die radikale Rechte: vermischt, vereint, wie selbstverständlich gemeinsam unterwegs – auf einem Abendspaziergang in Bürgerkriegsatmosphäre. Dann Sprechchöre. Erst der sattsam bekannte Klassiker: "Merkel muss weg!". Dann: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!" Und weiter: "Frei, sozial und national!" Und schließlich: "Nationaler Sozialismus: Jetzt! Nationaler Sozialismus: Jetzt! Nationaler Sozialismus: Jetzt, jetzt, jetzt!"

Aber das alles scheint hier niemanden zu stören. Das empfindet hier niemand als radikal. Denn radikal ist hier normal.

Vom staatlichen Gewaltmonopol ist auf den Straßen von Chemnitz nicht viel übrig geblieben

Vom staatlichen "Gewaltmonopol" ist auf den Straßen von Chemnitz an diesem Abend nicht mehr viel übrig geblieben. Journalisten werden bedroht, angerempelt, Kamerateams müssen sich von bulligen Beschützern eskortieren lassen. Simple Handy-Aufnahmen werden zum Risiko: "Handy weg, sonst fliegt's!", brüllt einer der "Ordner" des Demo-Zuges.

Vor dem Haus an der Brückenstraße 8, an der Stelle, wo der Mord geschah: ein Meer aus Blumen, dazwischen unzählige Kerzen. Auf dem Pflaster sind noch immer die Blutspuren des Opfers zu sehen. Angehörige und Freunde von Daniel H. kauern auf dem Gehweg, blicken in die Kerzen, nehmen sich in den Arm. Der rechte Trauermarsch zieht am Tatort vorbei, Teilnehmer legen Blumen nieder, knien für eine Schweigeminute. Ein Foto von Daniel H. ist im Blumenmeer aufgestellt, es zeigt einen heiter lächelnden, dunkelhäutigen, jungen Mann – der jetzt als Märtyrer herhalten muss für Menschen, die ansonsten sehr wenig Sympathie aufbringen für junge dunkelhäutige Männer.

Aus dem Nichts tauchen hunderte Hooligans auf

Die Demo hat sich jetzt aufgelöst, rechte Kleingruppen ziehen durch die Stadt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchen hunderte Hooligans auf, weil sie n der Nähe linke Gegendemonstranten wittern, sie stürmen direkt an der Trauerstelle vorbei, "wir gehen jetzt vor, geschlossen!", brüllt einer.

Passanten und Schaulustige rennen weg, bringen sich in Sicherheit. Aber die Freunde von Daniel H. bleiben in dem Chaos einfach sitzen und schauen weiter in die Kerzen. Eine junge, schwarz gekleidete Frau, kauert neben ihrem Rucksack, Umstehende sagen, sie sei die Freundin des Opfers gewesen. Ihr Gesicht ist in Tränen aufgelöst: "Ihr habt doch den Menschen gar nicht gekannt!", ruft sie in die Nacht. "Merkt Ihr denn nicht, was hier schiefläuft? Könnt ihr nicht normal trauern, wie andere Menschen auch?"

Aber die vermummten rechten Sturmtruppen hören sie nicht, sie sind längst weiter gezogen. Ein paar hundert Meter weiter hat der "Dürüm Imbiss" wieder aufgemacht. Dort holen sie sich jetzt erst mal einen Döner.

Rechte und linke Demos: Chemnitz: Ein Stadt zwischen Trauer und Hetze