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Ausschreitungen in Chemnitz: Freund von Daniel H.: "Er hätte es zum Kotzen gefunden, was beide Seiten jetzt abziehen"

Eine Woche liegt die tödliche Attacke auf Daniel H. zurück. Sein Tod führte zu Ausschreitungen in Chemnitz. Rechte und Linke instrumentalisierten den Vorfall für sich. Nun äußerte sich ein Freund des Opfers zu den Geschehnissen der letzten Tage.

Chemnitz - Daniel H. - Thommy Positiv - Instrumentalisierung

"Thommy Positiv", Freund des in Chemnitz getöteten Daniel H., trauert am Tatort

Der Tatort in der Brückenstraße in Chemnitz ist mit Blumen übersät, Kerzen brennen. In der Mitte steht ein Kreuz, auf dem ein blaues Basecap hängt. "Kuba" steht darauf. Ein Mann kommt, weint, setzt sich hin. In der Hand hält er ein Foto von H.. Vor ziemlich genau einer Woche war der 35-Jährige am Rande eines Stadtfestes durch Messerstiche so schwer verletzt worden, dass er wenig später in einer Klinik verstarb. Zwei Tatverdächtige, ein Iraker und ein Syrer, sitzen seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Daniel H. hinterlässt eine Frau und ein Kind.

"Daniel war ein sehr guter Freund von mir", erzählt der junge Mann, der nun am Tatort trauert. Thommy Positiv nennt sich der 31-Jährige. Seinen wirklichen Namen will er nicht verraten. "Aber ich weiß, was Daniel für ein Mensch war. Daniel hätte es zum Kotzen gefunden, was beide Seiten jetzt miteinander abziehen", sagt er mit bebender Stimme. Mit "beiden Seiten" meint der 31-Jährige Rechte und Linke, die den  von Daniel H. nun instrumentalisieren.

Daniel H.s Tod - von Rechten wie Linken vereinnahmt

Tatsächlich hatte sich die Nachricht vom Tod Daniel H.s in Chemnitz wie ein Lauffeuer verbreitet. Auch Falschmeldungen machten schnell die Runde. Daniel H. habe eine deutsche Frau vor sexueller Belästigung durch Migranten beschützt. Ein mutiger Deutscher, der sich lüsternden Ausländern in den Weg stellte und dafür sterben musste – so die Version, mit der die rechte Szene Daniel H. schnell zu ihrem "Helden" stilisierte. Womöglich durch solche Fake-News angestachelt, kam es zu unschönen Szenen, ein Mob jagte ausländisch aussehende Menschen durch die Straßen, attackierte sie teils offenbar auch körperlich.

Erst in den Tagen darauf werden persönliche Details zu Daniel H. bekannt, auch, weil Familie und Freunde das -Profil H.s in den Gedenkzustand versetzen und öffentlich machen. Es ist der Moment, von dem an auch Linke das Opfer für sich vereinnahmen. Sie finden heraus, dass H. dunkelhäutiger Deutsch-Kubaner war, dass er verschiedene linke Punk-Bands geliked hatte, genau wie die Facebook-Seiten von Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht oder der Linkspartei. Auch ein "Fuck Nazis"-Logo und Sprüche wie "Terrorismus hat keine Religion" finden sie auf H.s Account. Für sie nur einige von vielen Anzeichen, dass der 35-Jährige selbst Opfer von Rassisten gewesen sein muss. Dass er auf ihrer Seite steht und die Vereinnahmung durch Rechte ganz sicher nicht in seinem Interesse liege. 

Ein Freund von Daniel H. schreibt auf Facebook: "Ich bitte euch ums eins, lasst eure Trauer nicht in Wut und Hass umwandeln. Die Rechten, die das als Plattform nutzten, mit denen mussten wir uns früher prügeln, weil sie uns nicht als genug deutsch angesehen haben. Jeder, der Daniel gekannt hat, weiß, dass dies unmöglich sein Wille gewesen wäre. Lasst Euch nicht benutzen, sondern trauert. Es geht nicht um Politik, sondern darum, dass ein guter Freund nicht mehr da ist."

"Sie vergessen das, worum es geht und was passiert ist"

"Klar instrumentalisieren beide Seiten den Tod von Daniel", sagt "Thommy Positiv". "Ich finde es scheiße, denn sie vergessen das, worum es geht und was passiert ist." Daniel H. hätte einen breit gefächerten Freundes- und Bekanntenkreis gehabt. "Daniel hatte Freunde bei der Antifa und er hatte Freunde auf der rechten Seite. Daniel kannte Menschen aus der neutralen Szene, aus der Rockerszene. Er hat überall Menschen gekannt, aber er war immer loyal und treu zu sich selbst", sagt sein Freund. "Egal, was man für eine Einstellungen hatte, egal, was man für eine Hautfarbe hatte, der Daniel hat den Menschen gegenübergestanden und den Menschen eine Chance gegeben und sie respektiert, so wie sie sind."

Daran sollten sich die Menschen ein Beispiel nehmen: Es gehe jetzt darum, "sich zu respektieren und sich an die Hand zu nehmen, anstatt sich rumzukloppen oder sich gegenseitig Hassparolen in die Fresse zu hauen“, sagt er. Sein Appell: "Menschen wie Du und ich müssen auf die Straße gehen. Komplett unparteiisch. Einfach tun, einfach machen, einfach protestieren, aber gewaltfrei."