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Klimafreundlich Reisen Mit dem Rad durchs „Alte Land“ – auf ein Gespräch mit Klimaktivistin Leonie Bremer

­Leonie ­Bremer und ­Redakteur Gunnar Herbst auf dem Fahrrad
Mit Muskelkraft: ­Leonie ­Bremer und ­Redakteur Gunnar Herbst radeln durch Jork
© Max Arens / stern
Auf einer Radtour ins Alte Land erklärt Leonie Bremer, Aktivistin bei Fridays for Future, wie klimafreundliches Reisen gehen könnte – fast ohne Verzicht.
Von Gunnar Herbst

Fossile Brennstoffe, überall fossile Brennstoffe. Leonie Bremer, 23, steht an Deck der Elbfähre 62 und schaut auf den Hamburger Hafen. Barkassen, Schlepper und Tanker schippern auf dem Fluss, riesige Kräne entladen die Containerschiffe am Südufer, nahe der Erdölraffinerien, im Dock von Blohm & Voss liegt das Kreuzfahrtschiff „Hanseatic Nature“. Weiter flussabwärts schimmert die Köhlbrandbrücke durch den ­diesigen Morgen, auf ihr ein Konvoi aus Autos und Lastwagen. Es riecht nach Meer und Diesel.

Leonie Bremer, Aktivistin bei Fridays for Future, ist früh morgens mit dem ICE von Berlin nach Hamburg gekommen. Am Hauptbahnhof hat sie bei Stadtrad, einem Bike-Sharing-Anbieter, ein Rad gemietet, um mit dem stern eine Rundreise zu machen: von den Landungsbrücken über die Elbe nach Finkenwerder, dann mit dem Rad durchs Alte Land nach Stade, von dort mit der S-Bahn zurück zum Hamburger Hauptbahnhof. Die Tagestour soll so klimafreundlich wie möglich werden. Sie wird viele Probleme vor Augen führen, die durch Reisen entstehen.

Leonie Bremer
Klimaaktivistin Leonie Bremer
© Max Arens / stern

Bremer kennt die Zahlen, sie weiß, wie sehr die Emissionen von Autos, Flugzeugen und Schiffen das Klima belasten. Trotzdem genießt sie die Fährfahrt: den Wind in den Haaren und die Sonne, die den Hafen in warmes Licht taucht. Das Schaukeln des Schiffs und das Rauschen des Wassers, selbst die Industrieromantik am Ufer. „Ich finde Wasser beruhigend“, sagt Bremer. „Es gibt mir ein Gefühl von Freiheit.“

Es gehört zur Komplexität unserer Welt, dass beides zugleich existiert: Schönheit und Zerstörung, Güte und Gier, Meeresduft und Abgase. Nichts ist eindimensional, schwarz oder weiß, alles hat Zwischentöne, Widersprüche, Vor- und Nachteile. So ist die Realität, man muss lernen, damit zu leben. Oder man fängt an, sie zu verändern.

Kanäle, Fachwerk – und sehr viel Obst

Die Fähre legt in Finkenwerder an. Wir radeln in Richtung Westen. Die Straße führt zum Werksgelände von Airbus, wo die A318 bis 321 endmontiert wird. Als wir das ­Osttor erreichen, landet eine A380 auf dem Werkflughafen. Bremer schaut ihr hin­terher. „Wie fortschrittlich wir doch sein könnten, wenn die Regierung die Entwicklung von Flugzeugen förderte, die mit Wasserstoff fliegen“, sagt sie. „Ich bin total hyped, wenn ich sehe, was schon alles möglich ist. Stattdessen subventioniert der Staat rückwärtsgewandte Technologien.“

Gunnar Herbst und Leonie Bremer an einer Fähranlegestelle
Einmal über die Elbe: Die Fähre der ­Linie 62 legt in Finkenwerder an, nachdem sie von den Landungsbrücken durch den Hamburger Hafen gefahren ist
© Max Arens/stern

Hinter Cranz beginnt das Alte Land, ein beliebtes Ausflugsziel vieler Hamburger. Kanäle und Deiche durchziehen die Gegend, dazu prächtige Fachwerkhäuser und Obstplantagen, so weit das Auge reicht. Niederländische Kolonisten hatten die Elbemarschen im 12. und 13. Jahrhundert urbar gemacht. Sie parzellierten die Ackerflächen und schufen Dörfer entlang der Wege und Deiche.

In den vergangenen 150 Jahren hat sich die Region zu einem der ­größten Obstgebiete Europas entwickelt, vor allem Äpfel werden hier angebaut, dazu Kirschen, Birnen und Pflaumen.

Die Lühe
Blick auf die Lühe
© Max Arens / stern

Ein Radweg führt vor dem Deich die Elbe entlang. Es wird ländlich, ruhig, schön. Überall Radfahrer und keine Autos, doch das ändert sich bei Hahnöfersand. Wir biegen ab nach Jork, dem schmucken Zentrum des Alten Landes. Zeit fürs Mittagessen. Auf der Karte stehen regionale Gerichte wie Scholle Finkenwerder Art und Labskaus, auch Schweineschnitzel. Leonie Bremer ist Veganerin, sie nimmt einen Salat. Mit sieben hat sie aufgehört, Fleisch zu essen, erzählt sie, „weil ich es schrecklich fand, auf Körperteilen rumzubeißen.“

Das Reisen nicht vermiesen

Beim Essen haben wir Zeit für ein längeres Gespräch. Was muss sich ändern, damit Reisen klimafreundlich wird? „Wir glauben, dass die große Veränderung nur durch die Politik kommen kann“, sagt Bremer. „Wenn sie innovative Technologien fördert, würde es auch beim Reisen mehr Optionen geben.“ Zudem müsse sie den Autoverkehr halbieren und auf E-Mobilität umstellen, gespeist durch grünen Strom. Keine Kohlekraft, keine Inlandsflüge, dafür die ­Zugverbindungen und den öffentlichen Nahverkehr verbessern.

„Jeder Einzelne sollte Veränderungen bei der Politik einfordern, damit wir die 1,5-Grad-Grenze der Erderwärmung nicht überschreiten und bis 2035 klimaneutral werden“, sagt Bremer. Die Politik müsse sich nach der Wissenschaft richten; das Pariser Abkommen müsse die Basis sein für alle politischen Entscheidungen. Es ist die Frage nach dem Hebel: Welche Projekte haben die größte Wirkung? Wie kann man möglichst schnell möglichst viel erreichen? Was lohnt sich, was nicht?

„Wir wollen den Menschen nicht das Reisen vermiesen“, sagt Leonie Bremer. „Jeder möchte reisen. Und es hilft, andere Menschen zu verstehen.“ Statt Verzicht zu predigen, möchte sie neue Optionen aufzeigen. Nicht verurteilen, sondern zuhören, verstehen, aufklären. „Ich mag nicht die Vorstellung, dass wir mit dem Finger aufeinander zeigen und die Gesellschaft spalten“, sagt Bremer. „Ich wünsche mir, dass wir zusammen etwas verändern. Wir brauchen eine bessere Gemeinschaft, um die Klimaziele einzuhalten und auszuhalten. Wir sitzen alle im selben Boot.“

Auch im Kleinen könne jeder etwas bewegen: seltener reisen, dafür länger vor Ort bleiben. Mit Zug und Fahrrad ­Strecke machen statt mit Auto und Flugzeug. Wer unbedingt fliegen muss, soll den Schaden kompensieren. Nahziele ansteuern, statt in die Ferne aufzubrechen, Alternativen gebe es genug. Bremer zählt auf: Zum Bouldern nach Wuppertal statt nach Fountainebleau bei Paris. Mit Wohnmobil und Fähre auf die Lofoten, statt mit dem Flugzeug nach Island. Der Weg sei das Ziel. „Durch die längere Reise bekommt man ein besseres Verständnis der Welt.“

Eine grasende Schafherde
Bei Grünendeich weiter westlich grast eine Schafherde
© Max Arens / stern

Leonie Bremer wirkt ernst und erfahren, wenn sie über Klimaschutz redet. Man spürt, wie sehr ihr das Thema am Herzen liegt. Auch privat fährt sie kein Auto, in der Stadt ist sie oft zu Fuß unterwegs oder nimmt das Rad. „Das fällt mir leicht, weil ich die Bewegung brauche und Radfahren liebe“, sagt sie. „Für mich ist es Freiheit, Entspannung, eine Art Meditation, weil man die ganze Zeit das Gleiche macht. Und wer Rad fährt, sieht mehr.“

Im Einsatz für die Natur

Aufgewachsen ist Leonie Bremer in Hilden, zwischen Düsseldorf und Köln. Oft hat sie mit ihren Eltern Urlaub in Skandinavien gemacht. „Da habe ich meine Liebe zur Natur entdeckt“, sagt sie. „Sie hält mein Leben in Balance.“ Wenn es ihr mal schlecht gehe, radle sie zu ihren Eltern und spaziere mit dem Hund im Wald. Nach dem Abitur lebte Bremer ein paar Monate in der Einsamkeit Islands ­sowie auf Vancouver Island. Sie studierte Umweltingenieurswesen an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve, war Akti­vistin für Tierrechte und engagierte sich im Hambacher Forst.

Seit Anfang 2019 ist Bremer bei Fridays for Future. Zurzeit macht sie in Köln ihren Master in „Erneuerbare Energien“. Sie jobbt bei einem Start-up, geht Bouldern, läuft Halbmarathon. Doch für all das bleibt wenig Zeit, meistens arbeitet sie für Fridays for Future in Berlin, von morgens bis abends, auch am Wochenende.

Bremer hat fünf Tattoos: Pinguine und einen Blauwal auf dem Oberarm, die Umrisse von Island und eine Möhre am Knöchel. Eine Erinnerung an die Zeit, als sie sich nur von Rohkost ernährte. Auf den Rücken ist ein Baum tätowiert. „Es ist doch krank, dass wir Bäume fällen, obwohl sie uns Sauerstoff geben und CO2 aufnehmen“, sagt sie.

Das nächste Tattoo sei schon geplant, ihre Eltern wissen noch nichts davon: Ein Mädchen streut Blumensamen auf einen Weg, dahinter geht ein Elefant und bewässert sie mit dem Rüssel. „Meine Eltern werden sich bestimmt freuen!“

Unsere Fahrt geht weiter. An der Straße nach Mittelnkirchen reiht sich ein ­Obsthof an den anderen, auf ihren Ständen verkaufen die Bauern ihre Ernte. Bei Axel Schu­back halten wir an. Der Obstbauer hat rund 50.000 Apfelbäume. Für 55 Euro im Jahr kann man eine Patenschaft für einen Baum übernehmen und dessen ­Äpfel pflücken. 20 Kilogramm sind garantiert, bei schlechter Ernte wird aufgestockt. „Eine coole Idee. Man sieht, wo die eigenen Äpfel wachsen“, sagt Bremer. „Es ist doch verrückt, dass man Lebensmittel um die halbe Welt transportiert.“

Links: Ein Traktor; Rechts: Leonie Bremer mit Gunnar Herbst
Bei Bauer Axel Schuback nahe Jork ­können Besucher eine Patenschaft für einen Apfelbaum übernehmen, Ernte und Treckerfahrt inklusive
© Max Arens/stern

In Mittelnkirchen biegen wir in eine schmale Straße, die kilometerlang durch Baumplantagen führt. Es ist Erntezeit, überall pflücken Helfer Äpfel und legen sie in große Holzkisten, Traktoren ziehen diese auf Anhängern zu den Höfen. In der Ferne schippert ein Containerschiff auf der Elbe. Es sieht aus, als führe es über die Felder. Hinter Grünendeich sehen wir die Elbe wieder. Das Wasser ist unruhig, der Wind türmt kleine Wellen auf. „Wie toll wäre es, wenn man die Energie, die da entsteht, nutzen könnte!“, sagt Bremer.

Wir nehmen den Radweg nach Hollern-Twielenfleth. Schafe grasen auf dem Deich, hin und wieder überholen uns Rentner auf E-Bikes, leicht sieht das aus, trotz des kräftigen Gegenwinds. In der Ferne ist das ehemalige Kernkraftwerk Stade zu sehen, stillgelegt seit 2003. „Atomkraft brauchen wir bald nicht mehr“, sagt Bremer. „Laut dem Bericht des Weltklimarats IPCC können wir unseren Energiebedarf bis 2035 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken.“

Leonie Bremer und Gunnar Herbst auf dem Rad
Radeln mit Aussicht: unterwegs nach Hollern-Twielenfleth
© Max Arens/stern

Nahverkehr ausbauen

Kurz nach sechs steigen wir in Stade in die S-Bahn. Wir haben Glück, zwischen 16 und 18 Uhr darf man keine Fahrräder mitnehmen. „Warum setzt man nicht längere Züge ein oder erhöht die Taktung?“, wundert sich Bremer. „Auch das muss jeder Einzelne einfordern, nur so erreichen wir Veränderung.“ Nach einer Stunde erreichen wir den Hamburger Hauptbahnhof. Für den Hinweg haben wir acht Stunden gebraucht.

Und wo geht es im nächsten Urlaub hin? Im Winter möchte Leonie Bremer in die Schweiz fahren, „weil ich Schnee toll finde und es ihn bei mir zu Hause nicht mehr gibt“. Sie will dann den Zug nehmen, obwohl die Bahn nur zu etwa 60 Prozent mit Ökostrom fährt, der Rest wird vor allem durch fossile Brennstoffe erzeugt. Es gibt noch viel zu tun.

Tipps: Gute Adressen für eine Radtour ins Alte Land

Reisen

Stadtrad: Rund 250 Stationen in ganz Hamburg stellen mehr als 3100 Leihräder und 20 Lastenpedelecs zur Verfügung. Bei jeder Fahrt gibt es 30 Minuten gratis, ein Tag kostet 15 Euro, der Jahresbeitrag 5 Euro. stadtrad.hamburg.de

Elbfähren: Der öffentliche Nahverkehr in Hamburg umfasst auch Fährfahrten. Die Linie 62 verbindet die Landungs- brücken mit Finkenwerder und führt an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei. www.hadag.de

Erleben

Obsthof Axel Schuback: Wer eine Patenschaft für einen Apfelbaum übernimmt, pflückt die Ernte selbst, 20 Kilogramm sind garantiert, sechs Sorten stehen zur Auswahl. Jork, Hinterdeich 172, Tel. 04162/ 91 11 05, www.apfelpatenhof.de

Essen und trinken

Restaurant Windmüller: Serviert werden vor allem regionale Fisch- und Fleischgerichte. Steinkirchen, Kirchweg 3, Tel. 04142/81 98 14, www.windmueller-steinkirchen.de

Café Möwen Nest: Auf dem Deich am Elberadweg liegt dieses einfache, gute Lokal. Frühstück, Mittagessen und leckerer Kuchen. Jork, Yachthafenstraße 6, Tel. 04162/25 46 46, www.cafe-altes-land.de

Übernachten

Pension Hessbögel: Hier, in dem schmucken Altbau an der Flussschleife der Lühe, kann man aus der Tagestour einen Kurzurlaub machen. DZ/F ab 119 Euro, Grünendeich, Lühedeich 1, Tel. 04142/89 88 45, www.pension-hessboegel.de​​​​​​​

Erschienen in stern 40/2020

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