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Neue Allensbach-Studie Das denken die Deutschen über käuflichen Sex und ein Verbot von Prostitution

Studie zur Prostitution: Die breite Mehrheit der Deutschen hat ein realistisches Bild von der kriminalitätsträchtigen Praxis
Studie zur Prostitution: Die breite Mehrheit der Deutschen hat ein realistisches Bild von der kriminalitätsträchtigen Praxis
© Andreas Arnold / DPA
Was denken und wissen die Deutschen über Prostitution? Dieser Frage geht eine neue Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag der Alice Schwarzer Stiftung nach. Die Ergebnisse liegen dem stern vor.

Deutschland galt als Paradies für Freier und Zuhälter mit seinem legalisierten, lukrativen Rotlichtgewerbe, als so was wie das Thailand Europas. Dann kam Corona. Der Lockdown leerte ab Mitte März die Sex-Clubs und Straßenstriche. Zuhälter sahen den Geldfluss versiegen, Tausende Frauen verschwanden wie vom Erdboden – "Helfer" zogen sie kontingentweise ab in die osteuropäische Heimat. Für all jene, die das Geld für den Trip zurück nach Ungarn, Rumänien, Moldawien nicht rechtzeitig hatten, bevor die Grenzen schlossen, verschärfte sich die Lage dramatisch. Ohne Kranken- und Sozialversicherung tauchten sie ab, obdachlos, hungrig. Manche sah man Schlange stehen für eine warme Suppe von der Diakonie. Das illegale Rest-Geschäft wurde übers Internet gesteuert und verlagerte sich in anonyme Wohnblocks, wo teils deutsche Strohmänner illegal Termin-Apartments angemietet hatten.

Seit den sinkenden Infektionszahlen im Hochsommer ist etwa die Hälfte der ausgereisten Prostituierten zurück im deutschen Milieu. Mittlerweile geben immer mehr Verwaltungsgerichte und Landesregierungen dem Drängen von Bordellbetreibern und Lobby-Verbänden nach. Lautstark demonstrieren Prostituierte mitten in der zweiten Corona-Welle fürs sofortige Wiedereröffnen von Bordellen. Propagiert wird "Sexarbeit" mit "Mund-Nasen-Bedeckung, mit Abstand von mindestens einer Unterarmlänge" zwischen den Köpfen der Beteiligten.

Auf der anderen Seite sehen immer mehr Politiker die Zeit für einen neuen Blick auf die Prostitutionsgesetze in Deutschland gekommen. Darunter sind Vertreter von Linkspartei und Grünen, den traditionellen Pro-Prostitions-Parteien, die über Jahre die realen Verhältnisse im Gewerbe bestritten. Bundestagsabgeordnete wie Karl Lauterbach (SPD) oder Hermann Gröhe (CDU) forderten im Juli als Unterzeichner eines Offenen Briefes von 15 Parlamentariern eine breite gesellschaftliche Debatte und den "Shut Down für die Bordelle" – auch für die Zeit nach der Pandemie.

Titel der Studie: "Prostitution und Prostitutionsverbot"

Jetzt befruchtet eine Studie mit dem Titel "Prostitution und Prostitutionsverbot" die aufkeimende Debatte. Wie denken die Deutschen über Prostitution? Was wissen sie über diesen Graubereich, der so schlecht erforscht ist wie kaum ein anderer im gesellschaftlichen Alltag der Deutschen? In einem Land, wo die Zahl der Prostituierten seit Jahren auf irgendwo zwischen 200.000 und 400.000 geschätzt wird.

Die ganze Studie und die Umfrageergebnisse zum Thema Prostitution finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Emma", die am 29.10. erscheint.
Die ganze Studie und die Umfrageergebnisse zum Thema Prostitution finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Emma", die am 29.10. erscheint.

Die Alice Schwarzer Stiftung hat eine repräsentative Befragung beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse von ausführlichen Interviews mit 1043 Bundesbürgern liegen dem stern vor. Die Frauenzeitschrift "Emma" wird sie in dieser Woche detailliert vorstellen.

Die breite Mehrheit hat ein realistisches Bild von der kriminalitätsträchtigen Praxis der Prostitution in ihrem Land. Gewalt, Ausbeutung, das enorm hohe Risiko für die Prostituierten – 70 Prozent der Deutschen sehen diese Faktoren als zutreffende Beschreibung für die Prostitution hierzulande an. 76 Prozent sind davon überzeugt, dass sie sich im Wesentlichen im illegalen Bereich abspielt. 70 Prozent der Befragten teilen die Auffassung, dass viele Prostituierte zu ihrer Tätigkeit gezwungen und häufig misshandelt und ausgebeutet werden. Nur jeder Siebte glaubt, dass sie gut verdienen. 59 Prozent gehen davon aus, dass Prostituierte oft durch ihre Freier erniedrigt werden.

Der Gesetzgeber aber behandelt Prostitution wie ein gewöhnliches Dienstleistungsgewerbe. Nur jeder Fünfte Deutsche meint, dass die jahrelangen Bestrebungen um einen besseren Schutz der Prostituierten vor Gewalt und Ausbeutung tatsächlich geholfen haben. Um die Frauen aus der Illegalität zu holen und klare Rahmenbedingungen zu setzen, trat am 1.Juli 2017 das sogenannte "Prostituiertenschutzgesetz" in Kraft. Es schreibt vor, dass Prostitution nur von Erwachsenen und freiwillig ausgeübt werden darf. Es gilt Kondompflicht, jede Prostituierte muss bei der Stadt, in der sie arbeitet, ihre Tätigkeit anmelden.

Die allermeisten Prosituierten sind nicht angemeldet

Kontrolliert wird in Prostitutionsstätten äußerst selten, und wenn, dann meist ohne Folgen. Kritiker beklagen ein skandalöses Versagen staatlicher Gewalt. Die allermeisten Prosituierten sind nicht angemeldet, nicht angestellt, nicht selbständig, nicht sozialversichert, nicht krankenversichert und ohne private Unterkunft. Im Corona-Lockdown hatten nur die 40.000 Registrierten überhaupt die Chance, staatliche Hilfen zu beantragen. Coronahilfen kassierten eher Bordellbetreiber, ihr Sicherheitspersonal schickten sie in Kurzarbeit.

Laut der Allensbach-Befragung halten gerade mal 15 Prozent der Befragten die geltenden Gesetze zur Prostitution für ausreichend. 57 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen fordern härtere Strafen, insbesondere bei Menschenhandel und Zwangsprostitution. Im Grunde aber stehen viele Deutsche dem Prinzip der Prostitution tolerant gegenüber. Für 47 Prozent ist Prostitution ein Beruf wie jeder andere, solange sie aus freien Stücken ausgeübt wird, die Mehrheit hält sie für gesellschaftlich akzeptiert.

Dass es Prostitution schon immer gab und immer geben wird, meinen 79 Prozent der Deutschen. Gleichwohl glauben nur 18 Prozent, dass Frauen, die freiwillig ihren Körper verkaufen, dies auch im eigenen Freundeskreis kommunizieren. Als noch größeres Tabu gilt der Besuch von Prostituierten: Nur 4 Prozent meinen, Freier würden dies auch erzählen. Dabei hält eine Mehrheit der Deutschen Kontakte von Männern zu Prostituierten für verbreitet oder weit verbreitet.

Mehrheit der Deutschen gegen ein Prostitutionsverbot

Trotz allem ist die Mehrheit der Deutschen gegen ein Prostitutionsverbot. Nur 18 Prozent der Befragten – jede vierte Frau und jeder achte Mann – sprechen sich dafür aus. 52 Prozent sind dagegen, 30 Prozent unentschieden. Über gesetzliche Regelungen in anderen EU-Ländern herrscht verbreitete Unkenntnis, knapp zwei Drittel wissen nichts darüber. In Frankreich ist Prostitution verboten, entlang der deutsch-französischen Grenze gibt es zahlreiche Puffs und Sex-Clubs. In Schweden, Norwegen, Nordirland und Irland werden Freier mit Bußgeld oder Haft bestraft. In Dänemark, Italien, Polen und Tschechien ist Prostitution auf dem Straßenstrich legal, Bordelle sind verboten.

Kürzlich riefen die Außenminister von Schweden und Frankreich alle EU-Staaten auf, den Sexkauf zu verbieten, um den Menschenhandel einzudämmen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen (68 Prozent) meinen, dass es auch bei einem Verbot so viel Prostitution gäbe wie zuvor, jeder Vierte glaubt, ein Verbot würde die Missstände gar vergrößern. Frauen geben sich offener für ein Verbot. 37 Prozent von ihnen meinen, dass es nicht normal sein darf, Sex mit einer Frau zu kaufen. Doch nur 29 Prozent der Frauen halten eine Geldbuße für Freier wie in Schweden für gerechtfertigt. 42 Prozent der Frauen (und 60 Prozent der Männer) sind gegen solche Geldbußen.

Die meisten Deutschen meinen, Kontakte zu Prostituierten seien Privatsache, der Staat solle sich da raushalten. Nach Einschätzung von Alice Schwarzer sind mehr als 90 Prozent der Frauen, die sich in Deutschland prostituieren, Armuts- und Zwangsprostituierte. Es könne nicht sein, dass dieses Elend einfach wieder hochgefahren werde. "Wir brauchen eine Diskussion, die wieder zur gesellschaftlich-moralischen Ächtung der Prostitution führt – und zu Ausstiegshilfen für Frauen. Für mich ist das Ziel: Verbot des Systems Prostitution und Solidarität mit den Opfern, den Prostituierten."


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