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Zwangsprostitution Sklaverei mitten im Ruhrgebiet – die Geschichte des Menschenhändlers Kelly und seiner Mädchen

Links: Faith; Rechts: Ein Saunaclub
Faith wurde aus Nigeria ins Ruhrgebiet geschleust. 25.000 Euro sollte der Teenager hier in sogenannten Saunaclubs abarbeiten
© Julia Unkel
Prostitution ist ein sauberes Geschäft? Eine normale Dienstleistung? Tatsächlich sind 90 Prozent der Prostituierten in Deutschland Ausländerinnen, meist aus ärmlichsten Verhältnissen, abhängig von skrupellosen Menschenhändlern – wie Kelly aus Wanne-Eickel.
Von Uli Rauss

Montags fuhr Kelly die Bordelle ab mit seinem silbergrauen Daimler, Kennzeichen WAN-KO 80, immer wieder montags. Bevor der Boss ankam, schickte er den Frauen eine Nachricht aufs Handy. Sie zogen sich was über, staksten raus aus ihrem Club und stiegen zu ihm ins Auto. Es ging ums Abkassieren. 1500 Euro Wocheneinnahme waren „good news“, 700 bis 1000 okay, alles drunter, na ja, Redebedarf. Für Unterleibsschmerzen hatte Kelly Ibuprofen dabei und Gleitmittel.

Seine Montagstouren zogen sich. Kaum ein Sexclub beschäftigte zwei Afrikanerinnen gleichzeitig, Schwarze wurden als Exotinnen vermarktet. Kelly fuhr zur Luderlounge nach Dortmund, zur Villa Vertigo in Grefrath. Der Saunaclub Diamond war in Moers, das FKK-Lekkerding an der A3 in Emmerich, nahe der holländischen Grenze. Der Club Cleopatra lag bei ihm um die Ecke, hinter den Rangiergleisen und Zechenbrachen. Wanne-Eickel war früher mal Deutschlands größter Stückgutbahnhof.

Faith steigt in einen Mercedes
Observationsfoto der wöchentlichen Geldübergabe: Kelly wartet im Mercedes, Faith liefert ihre Bordell-Einnahmen ab

Kellys Wohnung war im Ortsteil Wanne-Süd. Im sechsten Stock eines 70er-Jahre-Blocks, Kastanienallee 19. Drei Zimmer, Küche, Wannenbad, Balkon, 75 Quadratmeter, Standard im ganzen Block und laut Vermieter Vonovia „ideal geeignet für die Familie mit Kind“. Die Wohnung war der Knoten eines Netzwerks mit Partnern und Mittelsmännern in Nigeria, Libyen, Padua und Rom. Kellys ­Familie in Wanne-Süd, das waren ein Dutzend Personen, alle aus Benin City im Süden Nigerias. Er selbst teilte sich mit seiner Partnerin ein Bett. Sie war die Madame, in diesen Kreisen ist das keine Anrede, sondern eine Position. Er war der Boss, sie war die Herrin. Sein Bruder Jeff schlief auf dem Wohnzimmersofa. Zur Familie zählte Kelly auch die Mädchen und Frauen, die mit ihrem Köfferchen ins hintere Schlafzimmer zogen, wenn sie nicht im Bordell arbeiten konnten. Und die Neuen, wenn er sie nach ihrer albtraumhaften Tour durch Sahara und Mittelmeer in Italien abgeholt hatte. Gefälschte Papiere, Flixbus Bozen–München, dann weiter im ICE Richtung Duisburg. In Wanne-Süd päppelte die Madame sie dann auf und erklärte ihnen die Zukunft. Wenn das Kondom platzt, ­sofort anrufen. Nicht anal. Nach Oralverkehr Munddusche.

Einige waren nicht mal halb so alt wie Kelly und die Madame. Joy (Die Namen der betroffenen Frauen wurden von der Redaktion geändert.) war 16, als sie im Cleopatra deutsche Freier bediente. Auch Faith war 16 Jahre, Smallie 17. Sie waren abhängig von „Bruder Kelly“, wie sie ihn nannten. „Bro K.“, er hatte sie nach Europa gebracht. Und jetzt zahlten sie den Preis.

Kelly Omokaro und "Madame" Olmoye Okougbo
Kelly Omokaro mit seiner Partnerin. Die beiden führten das Geschäft mit aller Härte. Wurde eine der Frauen schwanger, musste sie abtreiben
© Polizei

Moderne Sklaverei mitten im Ruhrgebiet

Es geht hier um Abgründe. Menschenhandel, Zwangsprostitution. Moderne Sklaverei mitten im Ruhrgebiet. Es geht um Organisierte Kriminalität, kurz OK, um spezialisierte Banden, die im Zielland Deutschland von einem Mythos profitieren: dem ­Märchen von der sauberen, regulierten Prostitution. Millionen Deutsche kaufen legal Sex bei Prostituierten, acht Prozent der männlichen Bevölkerung laut einer Studie von 2017 – ein Milliardenmarkt. Der Gesetzgeber behandelt das Geschäft als normales Dienstleistungsgewerbe und „Sexarbeit“ als freiwilligen Entschluss erwachsener Frauen. In Zeiten der Corona-Pandemie trommeln Bordellbetreiber, Lobbyisten und Vorzeige-Huren auf Straßendemos und vor Verwaltungsgerichten mit Erfolg dafür, das Betriebsverbot von Prostitutionstätten als „unverhältnismäßig“ aufzuheben.

Kriminalisten kennen die Realität im Rotlichtgewerbe: 90 Prozent der geschätzt 200.000 Prostituierten sind Ausländerinnen. Das Gros kommt aus ärmsten Verhältnissen in Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Nigeria. Keine verschlägt es einfach so in deutsche Puffs, sie alle hatten „Helfer“. Das Mädchen aus dem Roma-Ghetto in Plovdiv, die Minderjährige ohne Papiere aus Benin City, sie alle sind eingezwängt in Zuhälterstrukturen. Als Corona aufkam, zogen Balkansyndikate und albanische Clans das Gros der Frauen aus Deutschland ab, nun liefern sie wieder Nachschub fürs Dienstleistungsgewerbe. Geheimkulte aus Nigeria sind verstrickt, Italiens Strafjustiz stuft sie längst ein als Mafiaorganisationen.

Uli Derks
Uli Derks leitete die Ermittlungen der Dienststelle für Organisierte Krimina­li­tät in Bochum
© Julia Unkel

Dank der Ermittlungsgruppe „Caesar“ der Kriminalpolizei Bochum ist der Fall um Kelly Omokaro mustergültig dokumentiert. 28.000 Seiten Protokolle überwachter Telefonate und monatelange Ermittlungen waren Grundlage für einen Mammutprozess im Landgericht Bochum. Sieben junge Nigerianerinnen wagten den Auftritt als Zeugin, stundenlang, tagelang vor einer Wand aus sechs Angeklagten. Kelly Omokaro hatte angesichts der Beweislage sein Schweigegelübde gebrochen und gestanden. Ein höchst seltener Verstoß gegen den Ehrenkodex der Branche.

Insider schätzen die Zahl der Zwangsprostituierten aus Nigeria in Deutschland und Holland auf etwa 20.000. „Die Opfer werden von Landsleuten ausgebeutet, mit absolut kalter Menschenverachtung“, sagt Uli Derks von der OK-Dienststelle der Kripo Bochum. „Die Männer, die als Kunden in diese Bordelle gehen, interessiert das wohl nicht, und alle anderen bekommen es nicht mit.“ Ohne öffentlichen Druck setzt die Politik andere Schwerpunkte für die Polizeiarbeit: Wohnungseinbrüche, Terrorismus, arabische Clans.

Die Frauen hatten geschworen zu schweigen

Für die Kripo begann der Fall mit Joy. Die 16-Jährige hatte ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Mann in einem deutschen Bordell gemacht. Sie konnte kein Wechselgeld berechnen. Sie war Analphabetin. Im Great Palace an der A42 in Castrop-Rauxel war sie nicht in der Lage, die Uhrzeit aufzuschreiben, wenn sie mit einem Freier aufs Zimmer ging. Nach drei ­Tagen warf man sie raus. Wenig später kam Joy ins Cleopatra in Wanne-Eickel. Dort fiel sie zwei Beamten der Bochumer „Sitte“ auf, Kriminalkommissariat 12, „Rotlichtsachverhalte“, wie sie hier ­sagen. Bei einer Ausweiskontrolle verschwand sie in ein Taxi, laut Wirtschafterin zu einem Hausbesuch. Stunden später konnte Joy nur die Kopie eines französischen Ausweises vorlegen. Das ­Alter passte nicht zum Erscheinungsbild, sie sprach kein Französisch. Im Polizeigewahrsam wirkte sie auf die Beamten völlig verstört. Aber auch hilfesuchend, „wie ein Kind, das einen Tischtennisball im Hals hat und ihn nicht rauskriegt“. Sie hatte ein Handy mit 18 gespeicherten Nummern dabei. Die Beamten brachten sie in einem Frauenhaus unter.

Gefälschte Ausweise
Die Ermittler fanden gefälschte Ausweise für Prostituierte und Mittäter
© Julia Unkel

Bei der dritten Vernehmung erwähnte sie den Namen Kelly. Der habe sie aus Italien abgeholt. Bei einer Fahrt im Polizeiauto erkannte sie das Ortsschild Wanne-Eickel, den Netto-Supermarkt, den braunen Wohnturm Kastanienallee 19. Die Sitte hatte eine Telefonüberwachung initiiert, die OK-Dienststelle wertete ­Tausende Gespräche aus, geführt in Pidgin-Englisch oder in der Bini-Sprache, beides verbreitet in Nigeria. Allein die Kosten für vier Dolmetscher kletterten bald auf 350.000 Euro.

Kriminalhauptkommissar Michael Bahrs, seit 18 Jahren OK-­Spezialist, arbeitete Wochen daran, das Vertrauen potenzieller ­Zeuginnen zu gewinnen. „Man darf sich also nicht vorstellen, jetzt kommt die Polizei, jetzt erzähl mal.“ Die Frauen hatten geschworen zu schweigen. Ihre Familien in Nigeria wurden bedroht. Joy saß depressiv im Frauenhaus, als Bahrs mit einer Kollegin zu ihr fuhr. „Wir kündigten unser Aufsuchen an. Sie wusste, gleich kommt die Polizei. Sie schloss sich in ihr Zimmer ein. Sie fing an zu schreien, zu weinen, zu singen. Ein flehendes Singen. Ich guckte durchs Schlüsselloch. Sie stand am Fenster. Ich fürchtete, sie springt da gleich raus, und forderte Unterstützung an. Sie schloss dann aber auf, warf sich aufs Bett und weinte.“ Es blieb schwierig. „Manchmal haben wir zehn Minuten einfach nur bei ihr gesessen. Es ­dauerte, bis man überhaupt Blickkontakt hatte. Dann rannte sie plötzlich raus. Die Betreuerin sagte, ja, die findet sich schon ­wieder. Oder wir hatten gesagt, um überhaupt eine Gesprächsebene zu finden: Zeig uns doch mal dein Zimmer. Sie wollte uns dann unbedingt ihre Zeichentrickfilme zeigen, die sie sich ständig anguckt. Wie ein kleines Kind. Ganz seltsam war das.“

Geld war seine wirksamste Waffe

Mit der Zeit kannte die Kripo Kellys Profil, vor allem durch die Telefonate. Ein Berufskrimineller. Ein Profi, der diszipliniert arbeitete, jeden Morgen pünktlich ab acht Uhr bis spät in die Nacht. Er kümmerte sich um Abläufe bei Schleusungen in ­Libyen und Italien, um Geldtransfers nach Afrika, um das Unterbringen der Frauen in Bordellen. Nebenbei beschaffte er im Dark­net Kreditkartendaten, bestellte online Kinderwagen, Schuhe, Goldschmuck, ein ­iPhone für 661,33 Euro. Er koordinierte das Abfangen der Paketboten vor Lieferadressen in Nordrhein-Westfalen. Und er fuhr die Bordellroute ab, Montag war Zahltag.

Er schlug seine Opfer nicht. Er zeigte seine Macht anders. Einmal ließ er Faith nach einem Streit mit einer anderen Frau 20 Minuten auf dem Boden knien. „Bruder Kelly, bei ihm geht’s nicht ums Schlagen“, sagte sie später aus. „Aber er nimmt dir das Geld weg, alles.“ Geld war seine wirksamste Waffe. Alle Frauen hatten Schulden bei ihm. Sie hatten sich auf sein Geschäft eingelassen: Ich bringe dich nach Europa. Du schuldest mir Geld.

In der Branche der Menschenhändler war Kelly Discounter. ­Andere verlangten von ihren Opfern 60.000 Euro „Befreiungsgeld“. Ihm und seinen Partnern erschienen 25.000 Euro Schuldknechtschaft als tragbar. Abzüglich der realen Kosten für den Landweg von Nigeria bis nach NRW blieben pro Frau 20.000, die Hälfte ­beanspruchte Kelly für sich. Nach dem Abbezahlen ließ man die Frauen auf eigene Rechnung arbeiten und versuchte, sie als ­Zuhälterin und Investorin einzubinden.

Nigerianerinnen, auf Computern der Polizeiwache Bochum
Schaubilder dokumentieren internationale Verästelungen der Schleusermafia
© Julia Unkel

Aber bis es so weit war, machte er Druck. Am Telefon motivierte er die Frauen, die Schulden abzuarbeiten, damit sie ihren ­Familien endlich Geld überweisen könnten. Er feilschte und rechnete abgezahlte Summen mit seinen angeblichen Kosten klein. Er drohte unterschwellig. Er isolierte die Frauen und spielte den Fürsorglichen, den Lotsen im fremden Land. Die kleine Smallie liebte ihn wie einen Vater. So lange, bis er sie in seinem Schlafzimmer zum Sex nötigte. Kelly kannte alle Schliche im Schleusergeschäft, er war damit groß geworden. Als Prostituierte in ­Holland hatte seine Schwester sein Betriebswirtschaftsstudium ermöglicht. Er ging dann nach Libyen, schwor einem Schleusersyndikat die Treue. Die Organisation schickte ihn als „Mädchenbetreuer“ nach Italien. Die Ehe mit einer älteren Deutschen ­verankerte ihn in Deutschland. Seine Zielgruppe in Nigeria ­waren Mädchen aus prekären Verhältnissen. Hübsch, naiv, leicht zu lenken. Ein Netz von Anwerbern belieferte seinen Partner vor Ort. Das war Peter S., der schickte per Whatsapp Fotos williger Kandidatinnen nach Wanne-Süd. Stimmten Kelly und die ­Madame zu, mussten die Mädchen vor der Abreise zu einem Priester des Dschudschu-Kults.

„Er sagte, das Herz des Huhns solle ich schlucken und nicht kauen“

Was sie dort erlebte, beschrieb die Zwangsprostituierte Smallie später vor Gericht: „Peter sagte, ich müsste Sachen bringen von meinem Körper, Fingernägel, Haare vom Kopf und Schamhaare und meine Unterhose. Da war ein kleines Zimmer, viele Uten­silien. Der Mann hat einen Vogel getötet und gab mir das Herz. Er sagte, das Herz des Huhns solle ich schlucken und nicht kauen. Die Kolanüsse sollte ich kauen und runterspülen mit Alkohol. Und ich hab das gemacht. Ich sollte schwören, dass ich in Europa die Person, die mich herbrachte, nicht verraten würde. Ich sollte nachsprechen, dass mich der Dschudschu töten würde, wenn ich die ­Person nicht bezahle. Und wenn ich weglaufen würde, dass dieses Hühnerherz bei mir Herzprobleme machen würde. Und nachdem ich das alles gemacht hatte, sagte er, okay, ich hätte nun diesen Eid geleistet. Ich hatte totale Angst.“

Als Smallie ankam mit zwei weiteren Mädchen in der Wohnung in Wanne-Süd, lernten sie Kellys Partnerin kennen. Sie war 34 und eine Respektsperson. Elegant, das Haar kunstvoll drapiert. Sie hatte die Wohnungsaufsicht. Sie war zwar die Madame, doch niemand durfte sie so nennen. Die Mädchen sagten zu ihr „Mama“ oder „Auntie“, Tantchen. Man kochte, spielte Brettspiele, feierte Geburtstage. Aber bald wussten alle, wie sie explodieren konnte und mit Handy und Whiskyglas nach ihnen warf. Exzesse, die Kelly nie kommentierte. Vor Tantchen hatten alle Angst.

Die Madame wachte übers Einhalten der Regeln. Nicht rauchen, Putz- und Aufräumdienste, 150 Euro Monatsmiete für jede. Striktes Kontaktverbot außerhalb der Wohnung, kein Austausch von Rufnummern, Handykontrolle. Allein waren die jungen Frauen nicht handlungsfähig. Sie verstanden die Sprache nicht, hatten kein Geld, keine Papiere, Angst vor Polizei und Ausweisung. Manche empfanden eine moralische Pflicht zum Gehorsam. Bruder Kelly hatte versprochen, sie nach Europa zu bringen, und, egal wie, sie waren in Europa. Eingeschüchtert vom Dschudschu-Schwur und den Geistern im Kopf blieb ihnen nichts, als sich zu prostituieren.

Eine Ermittlerin bei der Arbeit
Wichtigstes Beweismittel: Telefonüberwachung
© Julia Unkel

Die Madame suchte im Online-Sexshop Salexo Reizwäsche aus, die sie ihnen zum überhöhten Preis in Rechnung stellte. Sie übte mit ihnen, auf High Heels mit 17-Zentimeter-Absatz zu laufen. Sie war vom Fach, das merkten alle. Nie sprach die Madame über ihre eigene Lebensgeschichte. Mit 19 im Flieger nach Madrid ­geschleust, verkauft bei einer Auktion für 14.000 Dollar an eine Madame, Straßenstrich in der Küstenstadt Benidorm, Fluchtversuche, Folternarben, Scheinehe mit einem spanischen Kunden. Dann Wohnmobilprostituierte in Braunschweig, Hochzeit mit einem deutschen Schlosser, dem sie Tausende aus dem Kreuz leierte. Trauzeuge war Kelly.

„Lord of the German Zone“

Beide hatten mit deutschen Eheleuten gelebt, sich aber nie ­sozial integriert. Sie kauften in Afroshops ein, besuchten afrikanische Bars, trafen sich in abgeschotteten Zirkeln. „Selected Bro­therhood“ nannte sich die Gruppe von Kelly, Ermittler vermuten dahinter eine mafiöse Struktur. Sein Bruder Jeff war Mitglied bei „Black Axe“, einer gefürchteten, weltweit aktiven Kultgemeinschaft. Er gab sich am Telefon als deren Deutschland-Statthalter aus, als „Lord of the German Zone“. Vor beiden Gruppierungen warnen Bundeskriminalamt und Bundesnachrichtendienst.

Kelly fälschte Ausweise und Meldebescheinigungen für die ­Anmeldung der Frauen in Bordellen. Französische, belgische, ­niederländische Identitätskarten mit falschen Namen und den echten Fotos. Für die Unterlagen berechnete er den Frauen 500 Euro „Nutzungsgebühr“. Sie mussten Aliasnamen und Geburtsdaten auswendig lernen, Vorstellungsgespräche wurden zu ­Hause geprobt. Die Bordelle betrat er selbst nie. Im Auto verfolgte er übers Handy der Frauen den Wortwechsel am Empfang.

Die Bordelle agierten als Zimmervermietung. Die Frauen unterschrieben den Betreibern, dass sie „auf selbstständiger Basis und freiwillig auf eigene Rechnung arbeiten“. Eintrittsgelder, Zimmermieten, Tagessteuern kassierten die Clubs, zumeist betrieben von Deutschen oder Türken. Um 1000 Euro an Kelly abzuliefern, brauchten die Mädchen etwa das Doppelte an Einnahmen. Arbeit bis nachts, eine Handvoll Freier, schlafen, duschen, essen und weiter. Das war aus ihrem Traum von Europa geworden.

Das ehemalige Cleopatra in Herne
Ein roter Vorleger führt in das Bordell, das einmal Cleopatra hieß. Den neuen Namen musste der stern aus juristischen Gründen unkenntlich machen
© Julia Unkel

Die Sexclubs, die Kelly mit der Madame über Google auswählte, waren klassische Mittelklasse-Bordelle. Davon gab es genug. Eher für den selbstständigen Ingenieur, den Referatsleiter vom Amt, der nicht gesehen werden möchte, so beschreiben es die Ermittler. Meist im Gewerbegebiet, schmuckloser Zweckbau, Zaun davor, diskrete Parkmöglichkeit für den Sechszylinder mit Kindersitz. Nicht so schmierig wie Laufhäuser oder Billigpuffs, nicht so offen wie der Straßenstrich, nicht so kostspielig wie Etablissements für Manager und Messegruppen. Aber für eine Klientel, die sich was leisten kann: 40 bis 60 Euro Eintritt, was trinken zum Fußball auf Sky, ein Snack im Frotteebademantel, ins Zimmer als Halbstunden-Kunde – schnell sind da 200 Euro weg.

Erzwungene Abtreibungen

Nach einigen Wochen bekam die Kripo mit, wie am Telefon über Abtreibungen geredet wurde. Der Schwangerschaftsabbruch von Smallie erfolgte wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag, ohne Arzt im anonymen Treppenhaus in Wanne-Süd. Ein geplatztes Kondom beim Sex mit einem Kunden in Moers. Kelly und die Madame hatten zur Abtreibung gedrängt. Das Medikament dafür hatte er auf dem Schwarzmarkt in Italien besorgen lassen. Es war Cytotec, ein Präparat, das unter anderem zum Einleiten von Wehen und Geburten genommen wird. Irgendwann wurde fast jede schwanger, er kaufte von Fall zu Fall. „Die Kapseln waren teuer, 350 Euro das Stück“, sagte Kelly später aus. Das Geld stellte er den Frauen in Rechnung. Bei Smallie waren es 1050 Euro.

Sie waren zu viert in der Wohnung, als er ihr das Cytotec und zwei aufgewärmte Flaschen Dunkelbier gab. Smallie ging dann vor die Wohnungstür. Sie gab später vor Gericht zu Protokoll: „Er gab mir Medikamente, die ich schlucken sollte. Er sagte, ich sollte nix essen, entspann dich. Nachdem man die Medikamente genommen hat, muss man trinken, so ein Gemisch mit viel Alkohol. Es dauert den ganzen Tag. Als dann Schmerzen losgingen, musste ich die Treppe im Flur hoch- und runterlaufen. Wenn man sich in eine Stresssituation begibt, kommt das Kind raus. Und Blut kam ja auch raus, als ich die Treppe hoch- und runterlief. Die Medikamente wirkten schon.“

Nach gezielten Polizeikontrollen in den Bordellen kamen mehrere von Kellys Frauen in die Obhut von Hilfsorganisationen. Aber Kelly gab nicht auf. Er versuchte, über ihre Familien herauszu­finden, wo sie waren. Sie kamen in Schutzwohnungen, einige machten Therapien und Deutschkurse. Smallie stellte einen Asylantrag. Als sie den Bescheid bekam, Abschiebung nach Italien, rief sie Kelly an. Er überredete sie zum Treffen in Duisburg und versprach, einen Anwalt zu besorgen – aber nur, wenn sie das Honorar selbst verdienen würde. Tage später schaffte Smallie wieder an.

Der Saunaclub Salome
Auch im Saunaclub Salome in Herne arbeitete eine Zwangsprostituierte
© Julia Unkel

Kelly wurde in Bozen verhaftet. Er war im Begriff, drei weitere Nigerianerinnen nach Deutschland zu schleusen. Nach einem Schnellverfahren wegen Urkundenfälschung flogen Polizeibeamte aus Bochum mit ihm nach Deutschland. In seiner Wohnung ­hatte die Kripo die Madame festgenommen, auch Komplizen, Prostituierte. Bei seinem Freund in Duisburg verhaftete sie ein Zuhälterpaar und sieben Nigerianerinnen, zwei von ihnen hatten sich stundenlang im Bettkasten versteckt. Ihre Madame behauptete später, alle seien Cousinen und nur zum Haaremachen gekommen. Im Stadtteil Meiderich fanden Ermittler bei einer weiteren Madame einen Koffer mit 112.000 Euro Bargeld in CD-Hüllen, dazu eine Schuldenkladde mit 14 weiblichen Vornamen. In einem Frankfurter Hochhaus wurde eine Frau verhaftet, die für Kelly ­illegale Geldtransfers abgewickelt hatte.

„Sie erwarten mich, mit wenig Begeisterung“

Das Landgericht Bochum verurteilte den Menschenhändler, ­Zuhälter und Schleuser Kelly Omokaro im Herbst 2019 zu acht ­Jahren und drei Monaten Haft, unter anderem wegen schwerer Zwangsprostitution. Er nahm die Schuld auf sich, so kam seine Partnerin mit vier Jahren davon. Um die Opfer kümmern sich heute Fachberatungsstellen. Dass sie als Zeuginnen ausgesagt haben, spielt für ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland keine Rolle mehr. Die Anwälte gehen dennoch davon aus, dass sie am Ende in Deutschland bleiben können. Kelly arbeitet für einen Betrieb in der Justizvollzugsanstalt Bochum. Nach der Hälfte der Strafe muss er damit rechnen, abgeschoben zu werden. Die Ex-Partner in der „Gemeinde“, wie er das mafiöse Netzwerk nennt, seien über sein Aussageverhalten verärgert, lässt er den stern über seinen Anwalt wissen. „Sie erwarten mich, mit wenig Begeisterung.“

Kelly Omokaro
Kelly Omokaro (l.) mit Dolmetscher im Landgericht Bochum. Die Richterin verurteilte den Nigerianer zu mehr als acht Jahren Haft
© Marcus Simaitis

In seinem Büro im Bochumer Polizeipräsidium erklärt Uli Derks die Diagramme zum Fall, Charts mit Handynummern, Verbindungsleuten, Opfern und Mittätern in vier Ländern. Die Gerichtsurteile findet der 60-jährige Chef-Ermittler „völlig okay“. Dass weitere Verdächtige in Deutschland und Hintermänner der nigerianischen Mafia unbehelligt blieben, müsse man in Kauf nehmen. Seit Corona gehen die Täter noch konspirativer vor, Prostitution fällt in Wohnblocks ohne Sozialkontrolle kaum auf. „In allen deutschen Ballungsgebieten und Großstädten gibt es solche Strukturen wie die des Herrn Kelly Omokaro“, sagt Derks. „Das Geschäft mit diesen jungen Mädchen, die hier praktisch ihr Leben abgeben, das geht weiter.“

Erschienen in stern 43/2020

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