HOME

Armut und Ausgrenzung: Straßenkinder in Berlin: Wenn dich keiner vermisst

In Berlin Marzahn leben 39 Prozent der Kinder in Familien, die Hartz IV beziehen - und viele einfach auf der Straße. Der Verein "Straßenkinder e. V." will nun ein Haus für Jugendliche bauen, die bislang nirgendwo zu Hause waren.

Ein Junge verdient sein Taschengeld durch das Sammeln von Pfandflaschen

Ein Junge verdient sein Taschengeld durch das Sammeln von Pfandflaschen: Auffangen vor dem Absturz, darum geht es im Kinderhaus Bolle des Vereins "Straßenkinder e.V."

Picture Alliance

Das Kinder- und Jugendhaus Bolle liegt an einem der östlichen Zipfel Berlins, am Rande einer Hochhaussiedlung. Links vom Haus gibt es "viel Wurst für wenig Kohle", rechts davon Billigklamotten vom Discounter. Für die siebenjährige Maria sind das unerreichbare Paradiese. Als sie am Mittagstisch des Kinderhauses alles in sich hineingeschlungen hat, was auf ihrem Teller lag, sagt sie: "Ich habe so ein komisches Gefühl im Bauch, ist das normal?" Eigentlich schon. Wenn es zu Hause regelmäßig etwas zu essen gibt.

Aber was heißt schon normal? 2,55 Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut betroffen. Hier, in Marzahn, leben 39 Prozent in Familien, die Hartz IV beziehen, bei den unter Sechsjährigen sind es sogar 41 Prozent. Über 50 Prozent der Eltern im Viertel gehören zur unteren Bildungsschicht. Ein Schulbrot im Ranzen, eine Trainingshose für den Sportunterricht, eine warme Mahlzeit und jemanden, der zuhört und Rat weiß – darauf warten Kinder hier oft vergebens.

Manche Straßenkinder werden noch nicht mal vermisst

Als Eckhard Baumann 2009 die Abbruchimmobilie an der Hohensaatener Straße entdeckte und mit Spendengeldern erwarb, war ihm schon klar, welche Nöte die Kinder zu ihm treiben würden. Seit 1996 hatte der gelernte Klimakonstrukteur vor allem Straßenkinder betreut, zunächst ehrenamtlich, von 2000 an dann als Vorsitzender des Vereins "Straßenkinder e. V."

Mit einem gespendeten Citroën Berlingo fuhr er kreuz und quer durch die Stadt, zur Jannowitzbrücke, zum Breitscheidplatz, zum Alexanderplatz und zu Bauwagen auf verschiedenen Brachen. Er kannte die Stellen, an denen die Kinder übernachteten, verteilte heißen Tee, Suppe und Kekse. Und versuchte, Vertrauen zu ihnen aufzubauen.

"Viele der Straßenkinder kommen aus den Problemkiezen. Manche werden noch nicht einmal als vermisst gemeldet, wenn sie zu Hause nicht mehr auftauchen", erzählt Baumann. "Da besteht ein großer Bedarf, auch präventiv etwas zu bewirken."

Wer seine Schulaufgaben macht, wird belohnt

Auffangen vor dem Absturz, darum geht es im Kinderhaus. Baumann und sein Kollege, der Sozialpädagoge Markus Kütter, fassten schnell Fuß im Viertel, die Baracke wurde bald zu klein. 2017 eröffneten sie direkt nebenan einen aus Spendengeldern finanzierten Neubau, und seitdem erweitern sie ihr Angebot an die Kinder des Viertels: Essen, spielen und lernen sind die Grundlagen ihrer Arbeit, Kinderschutz und der Aufbau verlässlicher Beziehungen stehen im Vordergrund. Für regelmäßige Besuche in der Hausaufgabenbetreuung etwa erhalten die Kinder Punkte, die sie in der hauseigenen Kleiderkammer gegen eine neue Winterjacke, eine Sporthose oder ein paar Schuhe tauschen können.

Fanny H. 

An einem Nachmittag Ende Januar ist es merkwürdig still im Haus Bolle. Baumann öffnet die Tür zum Toberaum. Mehr als 120 Köpfe drehen sich um – und dann zurück Richtung Leinwand: In zwei Workshops haben die Großen im Haus Filme über ihr Leben gedreht, heute ist Premiere. Und alle sind gekommen.

"Das ist so ein Moment, da die Kleineren zu den Großen aufschauen, sie bewundern. Und die merken: Hey, ich kann was. Da eröffnen sich plötzlich ganz neue Perspektiven", sagt Baumann.

6500 Straßenkinder leben in Deutschland

Rund 150 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 18 Jahren besuchen jede Woche die Angebote, 137 fuhren 2018 mit den Bolle-Pädagogen etwa zum Zelten oder zum Klettern ins Erzgebirge. "Die Kids, die wir betreuen, sind nicht weniger begabt als die aus besseren Wohnquartieren", sagt Baumann. "Aber ihr Startblock im Leben steht 30 Meter weiter hinten. Die müssen erst mal aus der Kurve."

Kriegen sie diese Kurve nicht, landen sie auf der Straße. Baumann kennt Hunderte solcher Biografien: Kinder und Jugendliche, die aufgegeben wurden – und sich irgendwann selbst aufgaben. Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts leben etwa 6500 Straßenkinder in Deutschland, circa 65 Prozent davon sind Mädchen.

Projekt Straßenkinderhaus "Butze", Strassenkinder e.V.

Das Kinderhaus Bolle setzt auf Prävention durch Betreuung und Förderung, damit aus vernachlässigten Kindern nicht jugendliche Ausreißer werden

stern

Neben den klassischen Ausreißern sind es vor allem sogenannte Careleaver, also Kinder und Jugendliche, die eine Betreuungseinrichtung verlassen haben – und seit etwa sechs oder sieben Jahren immer mehr obdachlose Minderjährige aus Osteuropa.

Eigentlich müsste die Polizei alle unter 18 Jahren einsammeln und zumindest kurzfristig irgendwo unterbringen. "Die haben aber viel zu wenig Personal, die nehmen nur mit, was ihnen vors Auto fällt", erzählt Markus Kütter.

Sogar William und Kate haben Bolle besucht

Zwei Anlaufstellen für obdachlose Kinder und Jugendliche betreibt der Verein mit seinen mittlerweile 29 Mitarbeitern in Berlin, nun soll ein eigenes Haus entstehen, das alle Aktivitäten bündelt: Wärmestube mit Dusch- und Waschmöglichkeiten, Projektküche, Notschlafstellen, betreutes und sogenanntes Übergangswohnen, Sozial- und Rechtsberatung.

Ein Grundstück für das "Butze" getaufte Projekt haben sie schon in Aussicht, Grundrisse sind fertig, auch eine Skizze der möglichen Fassade. Nur das Geld fehlt noch. Da die Vereinsarbeit zu fast 100 Prozent aus Spenden finanziert wird, machen sich Baumann und seine Mitstreiter wieder einmal auf die Socken, um Unterstützer zu gewinnen.

Das ist ihnen in all den Jahren gut gelungen. Sogar Prinz William und Herzogin Catherine machten einen Abstecher zu Bolle, als sie 2017 Berlin besuchten. Und gerade kündigte Familienministerin Franziska Giffey an, die pädagogische Arbeit der "Butze" in den ersten drei Jahren mit insgesamt 450.000 Euro zu bezuschussen.

Abgesehen vom chronischen Geldmangel ist die Arbeit mit den Straßenkindern auch mühsam und oft frustrierend. "Die Menschen, die wir betreuen, sind sehr verletzte Persönlichkeiten", erklärt Baumann. "Sich allein mit jemandem vom Amt hinzusetzen und sich durchzubeißen, dazu fehlt ihnen die Kraft und das Vertrauen in die Institutionen."

Markus Kütter ergänzt: "Keiner will Verantwortung übernehmen. Auf Verwaltungsebene laufen wir uns manchmal tot. Entweder wird der Bedarf weggeredet, oder man stellt so lange Fragen, bis unsere Leute zermürbt sind und aufgeben."

Warum Baumann vor vielen Jahren seinen festen Job aufgab, um sich gefährdeten Jugendlichen und Ausreißern zu widmen, darauf hat er eine ganz einfache Antwort: "Ich wollte aussteigen, wissen Sie, man lebt ja nur einmal", sagt er. "Ich bin ein Quereinsteiger, aber mein Herz brennt dafür."

Spenden der stern-Leser für das Projekt leitet die Stiftung stern weiter: Stiftung stern – Hilfe für Menschen e. V. IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 BIC DEUTDEHH - Stichwort "Straßenkinder"; www.stiftungstern.de