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Jahresrückblick 2007: Furioses Finale im Intrigantenstadl

Für die CSU selbst war 2007 lange ein Jahr des Schreckens, für den Rest der Welt war es das unterhaltsamste CSU-Jahr seit Langem: Stoibers Sturz, Paulis Latexhandschuhe, Seehofers Vaterfreuden. stern.de-Autor Hans Peter Schütz hat die einzelnen Handlungsstränge im diesjährigen Intrigantenstadl nachgezeichnet.

Könnte es sein, dass Edmund, der Macho, nur einen klitzekleinen Fehler gemacht hat und deshalb zur Strafe nicht mehr mit Angela auf dem Sofa im Wolfrathausener Eigenheim sitzen darf, um die Tagesschau zu sehen? Dass er jetzt jeden Morgen in Bademantel und Pantoffeln selbst die Zeitung aus dem Briefkasten holen und sie seiner Muschi ans Bett bringen muss? Es könnte.

Hätte Edmund Stoiber nur nicht zum Jahresende 2006 im CSU-Vorstand die rothaarige Landrätin mit dem Satz abgebürstet "So wichtig sind Sie nicht!" Immerhin hatte er die Fürther Parteifreundin bezüglich ihres Alkoholkonsums und ihrer sonstigen Vergnügungen bespitzeln lassen. Aber vermutlich hat Stoiber gedacht, nach 25 Jahren Mitgliedschaft in der bayerischen Staatsregierung könne ihm diese Gabriele Pauli nicht mehr gefährlich werden. Ihm, dem ewigen Edmund der bayerischen Politik? Nein. Niemals. Nur eine Landrätin! Na gut, Ehrensenatorin der Karnevalsgesellschaft Blau-Rot Unterasbach war sie auch noch. Dass die attraktive Dame seit fast drei Jahrzehnten in der CSU war, seit 17 Jahren im Parteivorstand und ihren Doktortitel mit einer Arbeit über die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Partei erworben hatte, all das haben ihm seine Kammerdiener in der Staatskanzlei nicht zugeflüstert. Die glaubten, die Dame könne man mit den in der CSU üblichen Methoden hinterrücks fertig machen. Indem man ihre Amtsbezeichnung beispielsweise fortwährend mit zwei "t" ausspricht.

Ihm zogen die Preußen die Ledenhosen aus

Das war schon der zweite Fehler des Edmund Stoiber, der so gerne bis 2013 den Freistaat regiert hätte. Ein erster war ihm schon viel früher unterlaufen, als er nämlich vor Angela Merkel nach München zurück geflüchtet war, weil er sich ein Superministerium in Berlin nicht zutraute. Danach war er ein Gezeichneter. Einer dem die Preußen die Lederhose ausgezogen und den Laptop weggenommen hatten. Fortan schworen ihm alle, die bis dahin demütig zu Kreuze gekrochen waren, ewige Treue, leiteten den Schwur allerdings hinterrücks unverzüglich mit gekreuzten Fingern zum Teufel höllenwärts ab. Der Günther Beckstein, ebenso der Erwin Huber, der Landtagspräsident Alois Glück, der CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann, der Ex-Minister Alfred Sauter, der Waigel Theo natürlich, den Stoiber mal auf die ganz linke Tour entmachtet hatte. Kurzum alle, die mit Stoiber noch eine Rechnung offen hatten.

Und der allerschlimmste Fehler war, dass er Mitte Januar im Wildbad Kreuth, wo die CSU schon immer ihre schlimmsten Kapriolen geschlagen hat, den Huber und den Beckstein gegeneinander von der Leine gelassen hat. Sie sollten doch mal versuchen, riet Stoiber den beiden listig, ob sie an seiner Stelle die neue Doppelspitze in Partei und Regierung bilden könnten. Das Kalkül war, dass die beiden unverzüglich miteinander über Kreuz kommen würden und die CSU unverzüglich wieder nach Stoiber rufen würde. Dumm nur, dass sich der Erwin und der Günther binnen Minuten einig waren: Wir machen's. Motto: "Wenn oana weg muaß, dann muaß a geh, so is!"

Frau Paulis Latexhandschuhe waren eine Nummer zuviel

Was dann noch so im CSU-Intrigantenstadl geschah, hätte man jedem Drehbuchschreiber um die Ohren gehauen, wenn er sich derartiges Rempeln, Raufen, Rammeln phantasievoll ausgedacht hätte. Die schöne Gabriele zieht sich Latex-Handschuhe an und lässt sich lasziv auf Hochglanz ablichten. Das war eine Nummer zu viel. Aus war es mit der Hoffnung, vielleicht sogar die Rolle der CSU-Vorsitzenden erobern zu können. Ihr Vorschlag, künftig Ehen von vornherein auf sieben Jahre zu begrenzen, war denn den CSU-Mannen doch zu progressiv, wenngleich einige der Herren insgeheim den Gedanken keineswegs ganz abartig fanden.

Gut besetzt auch die Rolle des sympathischen Hallodris mit Horst Seehofer, der sich schon immer für den potentesten Anwärter aufs Amt des CSU-Vorsitzenden gehalten hat. Hätte er sich nur nicht erwischen lassen mit seinem Gschpusi in Berlin, das nicht ohne Folgen blieb. Wer weiß, ob Seehofer den Chefposten nicht erobert hätte, wenn er sich nur ein bisschen schneller zwischen Ehefrau in Bayern und Geliebter in Berlin entschieden hätte. So schlapp darf sich ein gestandenes bayerisches Mannbild nicht geben, ein christsoziales schon gleich gar nicht. Der Spott, Seehofer treibe die Islamisierung der CSU voran, indem er es mal mit zwei Frauen versuche, war dann doch arg karrierehemmend. Da nutzte es wenig, dass Stoiber fleißig unterwegs war, den Seehofer gegen den Huber und den Beckstein ins Intrigenspiel zu bringen, weil er darin die Chance sah, dass dann das CSU-Volk noch einmal sehnsüchtig nach ihm und geordneten Verhältnissen rufen würde.

Alles hat nichts geholfen. Dem Edmund ergings wie dem Problembären Bruno. Sie haben ihn schlussendlich doch erlegt, diese Büchsenspanner, die wohl nicht wussten, was sie tun. Dass er seinen Sturz begriffen hat, die eigenen Fehler eingesehen, man kann es nicht erkennen. Daher möchten wir fast glauben, was Stoiber zuweilen selbst erzählt: Dass er nämlich über seinen guten Freund Putin, den russischen Geheimdienst beauftragt hat, herauszufinden, weshalb er eigentlich zurücktreten musste.